Archiv der Kategorie: Brambusch macht blau

Strandsegel-WM, Teil 2: die Vermessung

Strandraub

Sankt Peter-Ording Die Weltmeisterschaft der Strandsegler hat am Sonntag mit einem Raub begonnen. Einem Landraub. Der Wind pfeift am ersten Renntag mit sechs bis sieben Beaufort über die Nordsee. Westwind. Auflandig. Hohe Wellen drücken auf den Strand, hindern die Ebbe auf ihrem Weg zurück ins Meer. Drei Kurse will der Ausrichter, der Yachtclub Sankt Peter-Ording, für die fünf Segelklassen stecken. Aber die Natur legt ein Veto ein. Nur langsam weicht das Wasser. Der Strand, der auftaucht, gleicht einer Mondlandschaft. Krater, Seen und Matsch bleiben zurück. Der fahrbare Bereich ist oft gerade mal so breit, dass eine Yacht mit über 100 Stundenkilometern auf ihm segeln kann. Überholen unmöglich, erst recht Gegenverkehr. Einbahnstraße statt Autobahn.

 

Als die Piloten um 7 Uhr ihre Segelwagen für die ersten Läufe der Weltmeisterschaft präparieren, geht die Sonne milchig rot über dem Nordseebad an der Halbinsel Eiderstedt auf. Unter den Fahnen der 14 teilnehmenden Nationen sammeln sich die Fahrer auf der Sandbank unweit der markanten Pfahlbauten. Sie sind heiß auf die Rennen, trotz kalter Hände und klammer Füße. Die Blicke bang gerichtet auf das Wasser, das das Land nicht hergeben will. 

 

Die Rennleitung kann die Strecke nicht freigeben. „Zu gefährlich“, entscheidet Andrea Koch. Die Klassen 2 und 3, die größten und schnellsten Strandsegler, dürfen lediglich zu einer Proberunde aufbrechen. Aber maximal zehn Wagen auf einmal. Mehr Platz ist nicht. Und selbst bei der Probefahrt erreichen die Boliden mehr als 100 km/h – mit loser Schot. Der griechische Teilnehmer zerlegt seine Yacht an einem Priel. Die Planke bricht, wie ein Geschoss fliegt der abgetrennte Reifen, immer noch befestigt an der Wante, durch seinen Wagen, verfehlt den Piloten nur knapp (siehe Video). Er bleibt unverletzt. Und guter Dinge. Achselzuckend lässt er seine Yacht bergen und tauscht im Fahrerlager die geborstenen Teile aus. 

 

Auch die Klassen Standart und 5 müssen sich in Geduld üben. Ihr Kurs ist ebenfalls nicht für eine Regatta befahrbar. Nur die Miniyachten mit den beiden schnellsten Frauen der letztjährigen Europameisterschaft, Barbara Starke und Gitta Steinhusen, können auf der relativ tidenunabhängigen „Plate“ zwischen den Pfahlbauten ihre ersten vier Rennen starten. Das erfolgsverwöhnte deutsche Miniyacht-Team hat aber Startschwierigkeiten. Nachdem Europameister Sven Kraja in der Konstrukteursklasse 5 bei der diesjährigen WM an den Start geht, galt sein Konkurrent Sven Harder als Mitfavorit auf den WM-Thron. Doch Harder musste sich am Tag vor dem Start einer Schulterverletzung beugen, die er seit Wochen verschleppte – ein Sehnenanriss. Nach den ersten vier Rennen liegt Steinhusen in der Frauen-WM-Wertung vor Starke. Noch vor die beiden hat sich aber die Französin Sandrine Touqué geschoben.

 

Am Nachmittag machten die Miniyachten auf der „Plate“ den Standarts und der Klasse 5 Platz, die jeweils zwei Rennen segelten. Bei den Standarts überraschte im  ersten Lauf Michael Müller mit einem Sieg, im zweiten Lauf wurde er aber wieder in den hinteren Teil des Feldes verwiesen. Stattdessen segelte ein anderer deutscher Pilot auf das Podest in diesem Lauf. Roland Heß belegte Rang drei.

 

In der Klasse 5 strebt der Schleswiger Sven Kraja einen Medaillenplatz an, auch wenn die Franzosen die Konstrukteurswertung seit Jahren dominieren – und auch mit umstrittenen Neuerungen an ihren Segeln aufwarten. Nichtsdestotrotz segelte Kraja im ersten Lauf dem Feld davon, führt mit mehreren hundert Metern Vorsprung. Doch in der letzten Runde pirscht sich ein Konkurrent an den Segelmacher von der Schlei heran, und überholt ihn kurz vor dem Ziel. Kraja wird zweiter. Im zweiten Lauf reicht ihm ein fünfter Platz, um in den zweiten Regattatag als Dritter im Gesamtklassement zu starten.

 

Doch auch an Tag zwei setzt das Wetter den Strandseglern zu. Die „Plate“ säuft ab, starker Niederschlag verwandelt die Fläche in einen ruhenden See, dessen matschige Uferbereiche die Räder der Yachten wie Pattex verkleistern. Zweimal starten die Miniyachten zu einem Rennen, beide Male werden die Läufe aber abgebrochen. Tiefschwarze Wolken ziehen auf – und Flautenlöcher vor sich her.  Bitter für Gitta Steinhusen. Sie liegt als schnellste Frau auf Platz drei, als die Rennleitung die gelbe Flagge setzt: Rennabbruch.

 

Für die Klassen 2, 5 und Standart besteht der zweite Renntag aus Warten. Und Warten. Und Warten. Die Piste ist  wie am Vortag so schlecht, dass kein Rennen gestartet werden kann. Nur in der Klasse 3, der schnellsten Klasse, gibt es ein Rennen. In der sogenannten Formel-1 der Strandsegler erreichen die Wagen bis zu 130 km/h. Der deutsche Rekordmeister Hans-Werner Eickstädt, der in Sankt Peter-Ording aufgewachsen ist, will dieses Jahr ganz oben auf dem Treppchen landen. Mehrmals war er bereits Europameister, zweimal Vize-Weltmeister. Bei der Heim-WM will er seine Trophäensammlung diesmal komplettieren. 

 

 

Nach einem mittelmäßigen Start kommt Eickstädt immer besser ins Rennen, liest den Strand wie ein altbekanntes Buch, findet die besten Übergänge zwischen den Sandbänken. Am Ende kommt er auf Platz drei ins Ziel. Die Mission „Gold“ ist in greifbarer Nähe. Allerdings könnte das Wetter den 155 Piloten aus 14 Nationen einen Strich durch die Rechnung machen. Für Dienstag und Mittwoch ist Sturm und Regen angesagt. Die Hoffnung, dass die Sandbank sich bessert, schwindet. Bleiben nur noch die beiden letzten Regattatage am Donnerstag und Freitag. Erst am Freitagabend wird sich zeigen, ob das deutsche Team seinen Heimvorteil wird nutzen können. 

 

Der Text ist zuerst auf Floatmagazin erschienen.

Bei der Weltmeisterschaft 2018 bin ich als Pilot nicht am Start. Als Verantwortlicher für die Pressearbeit des YCSPO war dieses Mal keine Zeit zum Segeln. Reporter von ARD, ZDF, NDR, RTL, NTV, SAT-1 und dem Dänischen Fernsehen berichten über die Weltmeisterschaft.

 

Strandsegel-WM, Teil 1: die Vorbereitung

Von Marmaris nach Sankt Peter

Der Bootskauf ist eingetütet, die ersten Seesäcke schlummern auf der „Dilly-Dally“. In guter Hoffnung, in dieser Woche eine Yacht zu finden, haben wir bereits das maximale Gepäck im Flieger ausgenutzt. Mit dabei ist bereits die Angel, die meine Kollegen mir zum Abschied geschenkt hatten (der Grill kommt erst nächstes Mal mit). Den Namen“Dilly-Dally“ hat der Vorbesitzer aus Südafrika der Moody gegeben. Er bedeutet so viel wie „herumtrödeln“ oder „bummeln“. Passt. Heute haben wir mit Hugh noch mal am Strand von Marmaris Tee getrunken. Die „Dilly-Dally“ dümpelte fröhlich in einiger Entfernung vor Anker. Hugh ist ein smarter Typ. Ein Jahr ist der 62-Jährige zusammen mit seiner Frau in der Türkei gesegelt, hat hier überwintert. Eigentlich sollte die Reise über Griechenland weitergehen und dann immer weiter entlang der Küste gen Westen.. Als Südafrikaner hat er aber Probleme ein Visum für die EU zu bekommen, das länger gültig ist als drei Monate. Zudem hatte seine Frau Sehnsucht nach der Familie, die zum Teil mittlerweile in Hongkong wohnt. Vor zwei Wochen ist sie dorthin aufgebrochen. Jetzt will Hugh hinterher fliegen. Einerseits ist er melancholisch, dass sein Traum, noch einige Jahre auf dem Mittelmeer zu segeln, nun vorbei ist. Andererseits  vermisst er seine Frau. Mit einem Bootsmechaniker haben wir heute morgen bereits ein paar Arbeiten besprochen. Während ich morgen zurück nach Deutschland zur Strandsegel-Weltmeisterschaft fliege, bekommt die „Dilly-Dally“ ein kleines Kunstwerk aus Edelstahl maßangefertigt: Davits, um das Beiboot bequem am Heck baumeln zu lassen. Das bisherige ist mit etwas zu klein. Ein neues mit festem Alu-Rumpf muss her. Zudem soll das Gestell als Gerüst für eine Solaranlage dienen, damit die „Dilly-Dally“ möglichst autark ist. Ich plane mit einer Anlage um die 200 Watt, die ausreichen müsste, um Nav-Instrumente, Kühlschrank, Freezer und die Laptops zu laden. In Deutschland geht es dann zur Strandsegel-Weltmeisterschaft. Teilnehmen werde ich dieses Jahr nicht, da die Organisation der Heim-WM zu viel Zeit in Anspruch nimmt. Vielmehr werde ich mich um die Pressearbeit kümmern. Wer wissen will, was Strandsegeln eigentlich ist, bekommt einen ersten Überblick auf der Seite des Yachtclubs Sankt Peter-Ording (YCSPO). Oder er liest den Bericht über Deutschlands schnellste Strandseglerinnen.

Die Bootssuche, Teil 4 (Video)

 

Die Jagd nach der Hunter

  Natürlich gibt es einen Favoriten. Als Stephan Boden und ich am 8. September in Hamburg in der Flieger nach Dalaman steigen, steckt im Handgepäck eine Mappe mit den Checklisten für den Bootskauf – und mit den Dossiers der Auserwählten. Knapp zehn Boote haben wir in die engere Auswahl genommen. Hauptsächlich Decksalonyachten, ab elf Metern Länge und um die 75.000 Euro. Das Boot muss groß genug sein, um darauf bequem wohnen zu können, gleichzeitig muss es aber auch mit kleiner Crew oder Einhand zu segeln sein. Es sollte kein Schiff vom Fließband sein, keine ausgediente Charterhure mit acht Betten und drei Toiletten, sondern ein Schiff mit Charme, sicher und solide. Ein Eignerboot. Seit Monaten hatten wir die Webseiten nach Booten abgesucht, Testberichte gelesen, Foren durchstöbert, verglichen und gerechnet. Jeder Morgen begann mit einem Check, ob die aktuelle Nummer eins noch zu haben war. Ein plötzlich toter Link konnte den Tag versauen. Dafür kamen ständig neue hinzu: „Hast Du die schon gesehen….geil!“ „Geil“ fand ich irgendwie auch die Hunter 450 Passage. Ein Monstrum mit 2,17 Meter Stehhöhe, Klimaanlage, Waschmaschine und Badewanne. Ein Apartment auf dem Wasser. Die Ausstattungsliste las sich wie ein 600-Seiten-Wälzer. Kurz vor der Abreise rutschte sie auf Platz 1 der Favoritenliste. Ein Termin mit dem Yachtbroker war für Montag ausgemacht. Nach einem Tag Entspannung in Dalyan brachen wir auf, das Abenteuer in Marmaris in Angriff zu nehmen. Noch in Dalyan sagte Stephan: „Ich glaube, die ist murks.“ Komischerweise dachte ich das auch. Aber wir hatten ja noch einige andere Yachten in Aussicht, wie eine Moody 38, die gerade erst online gegangen war, da waren wir bereits in Dalyan. Die Agentur des Yachtbrokers liegt in der mondänen Netsel Marina, in der Starbucks sogar im Außenbereich gegen die Hitze mit Klimaanlagen ankämpft. Der namhafte Yachtbroker residiert auf zwei Stockwerken, feinst möbliert, Büros wie aus einem Hochglanzmagazin. Die meisten Yachten, die hier gedealt werden, liegen bei weit über einer Million. Motorpötte mit ausladendem Heck, um Gäste an den Piers von Marmaris, Bodrum oder Cannes einzuladen. Alle Mitarbeiter tragen gebrandete Polohemden. Beim obligatorischen Tee räumt der Broker gleich ein, dass die Hunter ein bisschen Pflege nötig hätte. Der Besitzer, ein Russe, hätte das ein bisschen schleifen lassen. Er hat vereinbart, dass wir um 10.30 Uhr an Bord können. Derzeit lebe ein „Mieter“ auf dem Schiff. Auch ein Russe. Acht Kilometer sind es zu der Marina am Ende der Bucht von Marmaris. Als wir dort ankommen, klopft der Broker vorsichtig am Boot. Als die Achterluke sich öffnet, streckt sich ein verschlafener Kopf durch den Spalt. Unten den Augen zeichnen sich die landestypischen Halbmonde ab – allerdings sind die schwarz, nicht weiß. Im Cockpit steht noch der Grund dafür in leeren Flaschen. Auf dem Achterschiff liegt ein Schlauchboot, dem längst die Luft ausgegangen ist. Genauso schlaff und matt sieht der „Mieter“ aus, der seit Mai auf dem Boot wohnt. Eigentlich wollte er es mal kaufen. Aber nein, die Hunter will er dann nocht. Der türkische Broker und er sprechen russisch. Als der „Mieter“ sich in die Gespräche auf englisch einmischt, ist der Broker etwas irritiert. Und vielmehr noch, als Stephan seine Checkliste hervorholt und das Deck samt Rigg prüft, während ich mit ihm unter Deck gehe. Oben raunt ihm der „Mieter“ zu: „Wenn Ihr mehr über das Boot wissen wollt, kommt später noch mal vorbei.“ „Unter Deck hätte eine RTL-2-Filmcrew ihre wahre Freude. „Messis auf dem Meer“ könnte die Folge heißen. Die Steuerbordverkleidung erzählt von Wasserschlachten. Ein offensichtlicher Wassereinbruch – vor drei Jahren! – wurde noch nicht repariert. „Kann man mit Leder verkleiden“, schlägt der Broker vor. „Oder Ausbessern: 300 Euro.“ Warum der Besitzer das nicht längst gemacht hat? Achselzucken. „Russen eben“, sagt der Broker und lächelt verschmitzt. Das Boot in dem Zustand ist ihm offensichtlich peinlich. Zu Recht. „5000 Euro und das Boot sieht wieder aus wie neu“, verspricht er aber. Der Eigner habe viel Spielraum beim Preis. Das Groß sieht aus wie ein seit Jahren nicht gewechseltes Bettlaken, die Genua ist beim Segelmacher. Flicken drauf. Die Fallen und Schoten, ja, die müssten wohl auch erneuert werden. Aber immerhin, die Maschine läuft. Nach dem blauen Dampf am Auspuff fragen wir erst gar nicht. Die Instrumente im Cockpit sind von der Sonne erblindet. Und, ach ja, und es muss einen Kabelbruch gegeben haben. Ein Teil der Instrumente hat keinen Saft. Aber das sei ja schnell zu reparieren. Nach einer halben Stunde ist der Favorit gestorben. Als ich per Mail absage, kommt als Antwort vom Makler: „Kann ich verstehen.“  

Die Bootssuche, Teil 3 (Video)

Die Bootssuche, Teil 2 (Video)

Die Bootssuche, Teil 1 (Video)

Der Einstieg in den Ausstieg

Wer den Ausstieg wagt, muss Zeit haben. Ich kann jedem nur davon abraten, überstürzt die Zelte abzubrechen. Wer aus einer Laune heraus handelt, wird es später schwer haben. Und jeder Schritt in dieser kritischen Phase ist nicht mehr rückgängig zu machen. Wenn die Kündigung raus ist, ist sie raus. Wenn die Wohnung verkauft ist, ist man obdachlos. Ich habe überlegt, was ich mit meinen Möbeln mache? Verkaufen? Einlagern? Das eine ist aufwändig, das andere teuer. Mit viel Glück habe ich einen Käufer für die Wohnung gefunden, der alle Möbel und das allermeiste Inventar übernommen hat. Von Messer und Gabel, über Kochtöpfe bis zur Käsereibe. Die Bilder wollte er haben, Fernseher und Staubsauger. Perfekt! Alles, was vom alten Leben blieb, passte in einen Golf. Gut, der war auch ziemlich voll.  Ich habe viel gerechnet, Listen mit Pros und Contras angelegt, mir Gedanken über die Rente gemacht, über Freunde, die ich künftig weniger sehen werde. Ich habe überlegt, wo und wie ich leben will, wie viel Geld ich wohl brauchen werde, um eben leben und nicht nur überleben zu können.  „Der größte finanzielle Posten sind die Fixkosten wie Krankenversicherung und private Rentenvorsorge. Wichtig ist auch, dass die Krankenversicherung Leistungen im nichteuropäischen Ausland übernimmt. Diverse andere Versicherungen habe ich gekündigt. Unglaublich, was für einen Blödsinn man teilweise im Laufe der Jahre abgeschlossen hat. Auch habe ich das Bankkonto gewechselt, um in der Türkei kostenfrei Geld abheben zu können. Die Gebühren, die bei den meisten Geldinstituten fällig werden, liegen bei bis zu zehn Prozent. Ein viel zu großer Posten unnützer Verschwendung. Über meine genauen werde ich  später ausführlich berichten, auch darüber, welche behördlichen Akte wie erweiterte Visa notwendig sind. Da ich zuerst alleine auf dem Boot leben werde und auch nicht den Lonesome-Sailor mimen will, möchte ich mir einen festen Liegeplatz in der Türkei zulegen. Das kostet zwar, bietet aber auch Sicherheit. Und eine neue Heimat. Mein absoluter Lieblingsort ist Kas an der lykischen Küste, den ich vor mehr als 25 Jahren erstmals besuchte. Seitdem war ich bestimmt schon ein Dutzend Mal dort. Ob er ein guter Ort zum Überwintern ist, wird sich zeigen. Natürlich plane ich auch größere Touren, dementsprechend dimensioniert muss das Boot sein. Gefällt mir das dauerhafte Leben an Bord, ist auch ein Übersetzen über den großen Teich in ein oder zwei Jahren reizvoll.  Das Boot muss nicht der schnellste Segler sein, dafür sollte es robust gebaut sein. Keine Fließbandware der Serienhersteller, schon gar kein ausgenudeltes Charterschiff. Wer auf einem Schiff leben will, braucht keine acht Kojen und schon gar keine drei Badezimmer. Stattdessen sollte die Pantry komfortabel, das Schiff weitestgehend autark sein mit Wasseraufbereitung und Solar- und/oder Windanlage. Um auch in subtropischen Nächten in den Schlaf zu finden, ist auch eine Klimaanlage nicht unbedingt verkehrt. Und für den Winter natürlich eine Heizung. Wobei die Winter an der türkischen Südküste nicht unbedingt kälter sein müssen, als ein Sommer in Dänemark, wie sie früher einmal waren.  Ein neues Schiff in der Größenordnung von 40 bis 45 Fuß ist schlichtweg finanziell nicht drin. Es muss also ein gebrauchtes sein. Da jeder Cent, der auf dem Konto bleibt, die Dauer des Abenteuers vergrößert, habe ich mir ein Limit von 100.000 Euro gesetzt. Die Auswahl an entsprechenden Schiffen in der Türkei ist groß. Und Griechenland ist zur Not ja auch nicht weit weg. Ich bin auf der Suche nach einer Center-Cockpit-Yacht. Einer Moody, einer Hunter oder einer Amel. Oder ähnlichem.  Im Idealfall ist das Boot bereits EU-versteuert. Die Berichterstattung in Segelmagazinen dazu ist eine Katastrophe. Die Aussagen dazu könnten unterschiedlicher nicht sein. Ich habe deshalb direkt mit dem Zoll gesprochen. Doch dazu später mehr. Nur soviel: Ja, ein nicht EU-versteuertes Schiff ist ein Problem, wenn man in die EU segeln will. Aber die Probleme sind bei weitem nicht so groß (und teuer) wie manche behaupten. Zehn Yachten habe ich bereits gelistet, die ich mir in der Türkei anschauen will. Ein klarer Favorit ist auch dabei. Sollte die Realität nicht allzu weit von den Bildern im Netz abweichen, wäre das Schiff meine erste Wahl. Ich werde berichten. 

Vom Zusammenbruch zum Aufbruch

Ich habe aus Afghanistan über die Isaf-Mission berichtet, knapp zwei Jahre in Palästina gelebt, war mit einem alten klapprigen Wohnmobil in den Nahen Osten gefahren. Im Gazastreifen habe ich den Hamas-Gründer Scheich Ahmed Yassin interviewt, als er ganz oben auf der Most-Wanted-Liste der Israelis stand und wenig später von einer Rakete pulverisiert wurde. In New York habe ich ehemalige Banker von Lehman Brothers aufgespürt, um mit ihnen über die Jahrhundertpleite zu sprechen, einem Schweizer Whistleblower, der sich auf Mauritius versteckte, eine Steuer-CD aus den Rippen geleiert. Und plötzlich bin ich nicht in der Lage, zum Supermarkt zu gehen. Der Körper – und vor allem der Kopf – streikte.  Das ist schwer zu verstehen, hat man es nicht selber erlebt. Aber es ging einfach nicht. Zu den Panikattacken hatte sich eine ausgeprägte Agoraphobie gesellt, die aus meiner Wohnung ein Gefängnis machte. Es gab Tage, an denen ich drei oder vier Anläufe brauchte, um überhaupt aus dem vierten Stock in den Hof zu kommen. Sperren überall. Wenn ich es überhaupt schaffte zum Auto zu kommen, um zum gerade mal 400 Meter entfernten Supermarkt zu fahren (gehen oder Radfahren wäre unmöglich gewesen), dann war das schon ein Erfolg. Aber es hieß noch lange nicht, dass ich es auch in den Supermarkt hinein geschafft hätte. Oft reichte der Anblick der Tür zum Auslösen einer Panikattacke. Rückwärtsgang. Zurück zur Wohnung. Und hoffen, dabei nicht zu kollabieren. Weihnachten saß ich alleine zu Hause, weil ich es nicht aus der Tür schaffte. Das gleiche an Silvester. Es war klar, so kann es nicht weitergehen. Nur einer Freundin ist es zu verdanken, dass ich es überhaupt hin und wieder aus dem Haus schaffte. „Ich komme Dich nicht mehr besuchen“, sagte sie. „Treffen finden nur noch irgendwo draußen statt.“ Und in der Tat, es klappte. Zwar mit viel Überwindung und Mühe. Und auch nicht immer. Aber meistens. Ich merkte, dass ich gegen die Ängste ankämpfen kann. Wenn ich denn will. Wenn da etwas ist, was ich wirklich gerne machen möchte. In dieser Zeit entdeckte ich die Webseite von der „SV Delos“. Zwei Brüdern, die mit ihren Freundinnen und Freunden seit neun Jahren um die Welt segeln. Ich war fasziniert von den Filmen, die sie ins Netz stellten. Einen nach dem anderen schaute ich mir an. 180 Filme. Ich war so begeistert von den Jungs und Mädels, dass ich über die sie einen Artikel für das Wirtschaftsmagazin Capital geschrieben habe. Den die Crew lebt nicht nur ihren Traum, sie lebt auch von ihrem Traum. Wie, das war selbst für ein Wirtschaftsmagazin interessant.  Von Klein auf habe ich alle meine Urlaube auf Schiffen verbracht. Meine Eltern hatten ein Segelboot. Erst eine Neptun 22, später eine Arkona 32. Aber weil das Segeln mit Eltern für einen Teenager dann doch etwas anstrengend sein kann, machte ich mit 16 Jahren die notwendigen Segelscheine, um selbst mit Freunden auf der Ostsee segeln zu gehen. Meine Eltern vertrauten mir ihr Boot an. Und bereuten es immer wieder aufs Neue. Mal war ich beim Anlegen in einem Sturm gegen den Steg gebrettert (Vor- und Rückwärtsgang liegen aber auch dicht beisammen), mal war die Sprayhood eingerissen, mal der Motor defekt, mal eine Luke zerbrochen. Und einmal sogar der Salontisch, als eine Welle meinen Mitsegler aus dem Gleichgewicht hob und auf den Tisch krachen ließ. Kann ja alles mal passieren.  Selbst als ich in Würzburg studierte, ging es nicht ohne Schiff. Ich kaufte mir erst einen Korsar, dann einen 505er, dann einen 15er Jollenkreuzer. Als ich nach Hamburg zog, segelte ich auf der Alster. Und entdeckte das Strandsegeln für mich. Mittlerweile habe ich meine dritte Strandsegel-Yacht und an mehreren Europa- und Weltmeisterschaften teilgenommen, wobei das Ziel jeweils die Qualifikation war. Bei den Titelkämpfen selbst habe ich meist das Feld erbarmungslos vor mir hergetrieben. Mehr als ein vorderer Platz im letzten Drittel war meist nie drin. Und auch auf meiner letzten Station in Berlin dauerte es nicht lange, bis ich mir einen 20er Jollenkreuzer an den Müggelsee legte. Zudem charterte ich mit Freunden 13 Jahre lang eine Yacht im Mittelmeer. Balearen, Kroatien, Griechenland – meist aber in der Türkei. Dort fanden wir es immer am schönsten.  Als ich nun da lag, auf dem Sofa, gefangen in mir selbst, und die Videos der „Delos“ anschaute, wuchs die Sehnsucht in mir. Aus dem Gedanken auszusteigen, alles über Bord zu werfen, um an anderer Stelle Anker zu werfen, wurde ein Plan. Und der Plan machte mir Mut – die Lethargie wich Leben. Tage- und nächtelang kalkulierte ich. Kann ich mir einen Ausstieg leisten? Und womit verdiene ich meine Brötchen? Da ich nicht viel mehr kann, als zu schreiben, man das aber von jedem Ort der Welt aus machen kann, fiel der Schlussstrich nicht schwer. Zudem konnte ich meine Wohnung verkaufen, die sich seit meinem Umzug vor vier Jahren bereits im Preis verdoppelt hatte. Je konkreter meine Pläne wurden, um so besser fühlte ich mich. Als ich Anfang März wieder in den Job zurückkehrte, hatte ich im Kopf längst gekündigt. Kurze Zeit später machte ich es offiziell. Es war wie eine Befreiung. 

Tschüs Journalismus

Um ein neues Leben zu beginnen, muss man sich zunächst vom alten trennen. Das ist gar nicht so einfach, gerade wenn das alte Leben eigentlich ziemlich gut war. Eigentlich. Viele Jahre  hatte ich einen absoluten Traumjob. Um mich der abgedroschenen Plattitüde zu bedienen: es war mehr als ein Beruf, es war meine Berufung. So fühlte es sich zumindest an. Als Journalist ist jeder Tag anders. Neue Themen, neue Menschen, neue Herausforderungen. Dazu weitgehende Freiheit in der Arbeitsaufteilung. Warum kündigt man einen solchen Job? Das Interessante war, es gab kaum jemanden, der mir von meinem Plan abriet. Vielmehr schienen die meisten begeistert. Vielleicht, weil sie sich in Zukunft kostenlosen Urlaub versprechen. Wahrscheinlicher aber, weil sie meine Zweifel teilen, wie es mit unserem Job, dem Journalismus,  weitergeht. Die wenigsten in meinem Alter werden als Journalist in Rente gehen. Davon bin ich überzeugt. Vielleicht nennen sie sich noch Journalist, aber der Journalismus, wie ich ihn noch und lieben kennengelernt haben, ist ein Auslaufmodell. Denn guter Journalismus ist teuer. Die Farbe, in denen wir unsere Artikel schreiben, ist oft rot. Weil immer weniger Menschen bereit sind, für guten Journalismus zu zahlen. Viel billiger ist es, stattdessen über „die Medien“ herzuziehen. Nach knapp 25 Jahren im Business kann ich sagen, dass es „die Medien“ nicht gibt. Es gibt keine Gleichschaltung, schon gar nicht ruft das Bundeskanzleramt jeden Tag bei uns an und sagt, was wir schreiben sollen. Auch habe ich nie einen Chefredakteur oder Verlag erlebt, der eine bestimmte Meinung vorgibt oder einfordert. Das mag es geben, ich habe es aber nie erlebt. Ein gut recherchierter Text ist ein gut recherchierter Text. Und er wird erscheinen. Aber ein gut recherchierter Text ist vor allem eines: teuer! An einem Artikel arbeiten zum Teil mehrere Redakteure tage- oder wochenlang, Fotografen wollen bezahlt werden, die Layouter, die Text und Bilder zu einem Gesamtkunstwerk komponieren. Gerade bei langen Magazintexten ist ein guter Textchef wichtig, denn ich kenne nicht einen Journalisten, der gleich die erste Version seines Werkes druckreif abgibt. Und ohne ein sorgfältiges Lektorat würde mancher Text schlimmer aussehen als ein Diktat in der vierten Klasse. Gerade kritische Texte müssen vor Erscheinen noch einmal gegengecheckt werden, von der Dokumentation oder den Juristen des Verlags. Denn leider werden Journalisten und Verlage immer häufiger verklagt – meist aus Gründen der Abschreckung. All das kostet viel Zeit und noch mehr Geld. Geld, das aber immer seltener noch vorhanden ist. Weil es immer weniger Leser gibt. Und wenn es weniger Leser gibt, gibt es auch weniger Anzeigen. Willkommen in der Teufelsspirale. Es wäre falsch zusagen, dass aus dem Traum ein Alptraum geworden ist. Nach wie vor ist es ein Privileg als Reporter für ein Monatsmagazin zu arbeiten. Und doch hat sich etwas geändert. Im Journalismus generell, im Speziellen bei mir. Ich habe die Begeisterung verloren. Der Journalismus erinnert mich an die Titanic. Ein stolzes Schiff, aber dummerweise ist es bereits mit dem Eisberg kollidiert. Ob der Kapitän die Schuld dafür trägt, wage ich nicht zu beurteilen. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass die ganze See voller Eisberge ist, die nicht mehr umfahren werden können. Auch ist keine Rettung in Sicht. Das Boot, so viel steht fest, sinkt. Das einzige, was wir noch tun können, ist, den Untergang hinaus zu zögern, in dem wir mit aller Kraft das einbrechende Wasser aus dem Rumpf pumpen und pumpen und pumpen.  Vor Erschöpfung kippen einige aus den Latschen. In einigen Redaktionen sieht es ähnlich aus. Das letzte wird noch aus der Mannschaft herausgeholt, nachdem bereits alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft sind. Kleineres Team, kleineres Budget und immer mehr Aufgaben. Wer heute nur fünf Prozent an Auflage und Anzeigen gegenüber Vorjahr verliert, ist ein Gewinner. Aber das kann kein Geschäftsmodell sein. Natürlich wird der Journalismus nicht aussterben. Das darf er auch nicht. Er ist wichtiger denn je. In einer immer komplexeren Welt verlieren immer mehr Menschen die Orientierung. Der Journalismus ist dafür da, aufzuklären, zu hinterfragen und an die Hand zu nehmen. Doch dazu muss sie auch gereicht werden. Ich hoffe nicht, das folgendes Erlebnis stellvertretend ist für die Einstellung junger Menschen gegenüber den Medien. Aber ich fürchte, es ist kein Einzelfall. Bei einem Abendessen mit Strandsegelfreunden, pöbelte ein  26-Jähriger die ganze Palette der Stammtischparolen rauf und runter. Von Fake-News bis Staatsmedien, die wichtige Themen bewusst totschweigen. Ich fragte, woran er denn seine Kritik festmache? Er schaute mich verdutzt an. Das wisse ja wohl jeder! Ich wollte ein Beispiel wissen. Etwas überrascht war ich dann doch, als er „Fracking“ sagte (hätte ich ihm gar nicht zugetraut). Ich persönlich kann das Thema nicht mehr hören, so häufig haben wir darüber berichtet, Kollegen für Reportagen um die halbe Welt gejagt. Das sagte ich ihm und fragte, was er denn für Zeitungen und Zeitschriften lese? Große, leere Augen starrten mich an. Ob er eine Zeitung abonniert habe? Kopfschütteln. Ob er Nachrichtensendungen im Fernsehen schaue? Achselzucken. Wie könne er denn dann sagen, dass Themen totgeschwiegen werden, wenn er sich nicht informiert? Empört gab er zurück, dass er sich natürlich informiere. „Wie denn“, fragte ich. „Na, YouTube und Facebook“, sagte er. Er ist ein Gefangener seiner Filterblase.