Archiv der Kategorie: Brambusch macht blau

Die Lizenz zum Türken

Das "Weiße Haus" irgendwo am Wegesrand. Und der Hausherr spaziert im Garten
Das „Weiße Haus“ irgendwo am Wegesrand. Und der Hausherr spaziert im Garten

Es wäre falsch zu sagen, dass sie nicht da wäre, diese leichte Skepsis. Was wäre wenn…?

 

Der Fiat erklimmt die nächsten Serpentinen. Noch scheint die Sonne. Aber in den Bergen vor uns hängen tiefe schwarze Wolken, nass wie ein vollgesogener Schwamm, die nur darauf warten die Straßen in kleine Bäche zu verwandeln. Im Schritttempo quält sich ein LKW unter Last von Felsbrocken auf der Ladefläche den Berg empor, die Reifen platt, der Qualm aus dem Auspuff so dunkel wie der Himmel, der sich hinter der nächsten Biegung entlädt.

 

Unten im Tal liegt Demre, eine kleine Stadt an der Küste, in die sich aber kaum ein Tourist verirrt. Der Strand ist grau und grob wie die Architektur, die an Ostblock erinnert, die Stadt besteht aus bröckelnden Plattenbauten, so scheint es. Direkt hinter der Küstenstraße beginnen schon die einfachen Gewächshäuser. Oben, von den Serpentinen aus, sahen sie aus wie in Frischehaltefolie eingewickelte Tomaten.

 

Demre endet an einem kleinen Süßwassersee, dessen Ufer von pittoresken Fischrestaurants gesäumt wird. Von dort aus schlängelt sich die Küstenstraße D-400 um jede noch so kleine Bucht. Kurve folgt auf Kurve, Anhöhe auf Anhöhe. Das Wasser in den Buchten schimmert türkis. Angler werfen ihre Ruten aus. Die Wolken bleiben im Tal von Demre gefangen. Jetzt scheint wieder die Sonne. Bis Kemer sind es noch etwa zwei Stunden Autofahrt. Zwei Stunden, in denen meine Gedanken nur um die eine Frage kreisen.

 

Was wäre wenn…? Der Rucksack mir zu Füßen ist voller Unterlagen. Natürlich ist da der Antrag für die Residentship in der Türkei, die Aufenthaltsgenehmigung, die es mir ermöglichen soll, zunächst ein Jahr lang in der Türkei zu leben. Deshalb sitze ich im Auto, bin auf dem Weg nach Kemer. Das Migrationsbüro in Kaş wurde dummerweise vor wenigen Monaten geschlossen. Das nächste ist eben in Kemer. 147 Kilometer entfernt. Das Navi sagt: 2:19 Stunden. Es werden fast Zweidreiviertel Stunden. 

 

Im gleichen Ordner wie das Antragsformular liegt der Nachweis einer türkischen Krankenversicherung, die ich trotz der deutschen Police abschließen musste, der Vertrag mit der Marina in Kaş, die meine neue Adresse ist, Kopien vom Ausweis, mit dem ich eingereist hin, vier biometrische Passbilder, die ich am Vortag habe machen lassen und natürlich der Beleg dafür, dass ich die Gebühren für die Aufenthaltsgenehmigung bereits bezahlt habe.

 

„Hast Du Deine türkische Steuernummer dabei“, fragte Mark, der Südafrikaner, noch kurz bevor ich nach Kemer aufbrach. „Meine Steuernummer?“ Nein, die hatte ich nicht. „Ist kein Problem, die zu bekommen“, sagte Mark wie gewohnt gelassen. „Du brauchst nur ein türkisches Bankkonto. Das bekommst Du, wenn Du… Bank… Antrag…Amt… nette Frau….Kreditkarte….Bank….Amt…. Bank…. alles kein Problem“. Ich hörte nur noch mit einem halben Ohr zu. In meinem Kopf ratterte es, im Geiste ging ich noch einmal die Anforderungsliste der Behörde durch. Von einer Steuernummer, da war ich mir sicher, hatte ich nichts gelesen. Also musste es auch ohne Steuernummer gehen. Hoffte ich. Um am Ende nicht irgend einen Beleg zu vergessen, packte ich vorsichtshalber den halben Navigationstisch in meinen Rucksack.

 

In einem anderen Ordner habe ich nun sämtliche Bootsdokumente. Das Transitlog, den Kaufvertrag, für alle Fälle den internationalen Bootsschein und die Bootsversicherung. In einen dritten Ordner habe ich alles geworfen, was irgendwie amtlich aussah. Sogar meinen Impfpass. Nicht, dass die Tour nach Kemer an irgendeinem fehlenden Dokument scheitert. Zudem habe ich mein transportables Wifi eingepackt und das Laptop, um mich auf Wunsch des Beamten in den Account meiner Bank einwählen zu können, um zu belegen, dass ich im kommenden Jahr nicht zum Sozialfall werde. All das könnte in dem „Interview“, dass ich um 16.30 Uhr mit der Migrationsbehörde vereinbart habe, verlangt werden. Und dann war da noch die Frage nach meinem Beruf. Ich wählte: Autor. 

 

„Interview“, so wird der Termin in Kemer genannt, klingt irgendwie beängstigend. Ich habe Szenen im Kopf wie Manfred Krug damals „Auf Achse“ war, irgendwo in einer staubigen, abgelegenen Gegend in einem Büro festgehalten wurde von schwitzenden grimmigen Männern in olivgrünen Uniformen. An der Decke drehte sich eiernd ein Ventilator. Wupp, Wupp, Wupp. Und natürlich hatte ich die Stimmen im Kopf, als ich erstmals im Bekanntenkreis von meinen Plänen erzählte, aus meinem geregelten Leben auszusteigen, um auf einem Boot in der Türkei zu leben. „In der Türkei? Bist Du wahnsinnig??? Als Journalist!“

 

Ich war mir sicher, dass entgegen der landläufigen Meinung in Deutschland eine Einreise als Tourist völlig unbedenklich ist. Etliche Male war ich bereits in der Türkei, hatte zu Studienzeiten in Palästina gelebt. Vor Ort sah das Bild jedes Mal vollkommen anders aus als die Szenarien in den Köpfen an deutschen Schreibtischen.

 

Aber die aktuelle Paranoia hinterließ bei mir winzig kleine Spuren. Was wäre wenn…? Auch als Stephan Boden, ein Segeljournalist, mich beim Bootskauf begleitete, bekam er gut gemeinte Tipps aus seinem Bekanntenkreis. „Mutig in die Türkei zu reisen. Ich hoffe, Du hast Deinen Journalistenausweis nicht dabei….“, schrieb einer auf Facebook. Andere fanden es moralisch verwerflich in diesen Staat zu reisen, wieder andere machten sich einfach Sorgen. 

 

Doch auch dieses mal war das Bild vor Ort ein völlig anderes als aus der Ferne, wo ein kleines Mosaiksteinchen zu einem gewaltigen Bild aufgezoomt wird und alle anderen Facetten überschattet. Das, was auf diesem einen kleinen Steinchen abgebildet ist, muss nicht falsch sein, aber es ist eben bei weitem nicht das ganze Bild. 

 

„Aber was wäre wenn….?“. Noch eine knappe Stunde bis Kemer. Es regnet wieder. Ein Lkw ist von der Straße gerutscht. Ich habe keine Sorge vor irgendwelchen Problemen mit den Behörden. Aber gerade weil bislang alles so unglaublich glatt gelaufen ist, frage ich mich, wann denn der erste Dämpfer kommen mag. Wenn die Aufenthaltsgenehmigung nicht erteilt wird, gibt es dann einen Plan B? Bis Anfang Januar dürfte ich noch mit meinem Touristenvisum in der Türkei bleiben, dann dürfte ich aber erst wieder nach drei Monaten erneut einreisen – wieder für drei Monate. Und in der Zwischenzeit?

 

Mittlerweile habe ich viele Segler kennengelernt, Ausländer, die in der Türkei leben – und natürlich sehr viele Türken. Jeder sagte mir, dass es überhaupt kein Problem sei, die Residentship zu erhalten, wenn denn alle Unterlagen vorlägen. Ich werfe noch mal einen Blick in den Rucksack. Alles da. Außer die Steuernummer. 

 

Zwei Stunden vor dem Termin kommen wir in Kemer an. Eine Touristenhochburg, die mal fest in deutscher Massentourismushand war. Mittlerweile dürften die Russen die Stadt erobert haben. Zumindest zeugen die Speisenkarten und Schriftzüge an Geschäften in Kyrillisch davon. Die Stadt ist wie ausgestorben. Die Saison ist vorbei. Wie ein großer Klotz liegt das Administrationsgebäude unweit des Hafens. Um sicher zu gehen, vor dem richtigen Gebäude zu stehen, frage ich bei der Security nach. „Ikamet?“ Der nette Wachmann schüttelt den Kopf, begleitet mich aus dem Gebäude, weist mir den Weg um das Gebäude herum. Lars, der derzeit zu Besuch ist, sucht eine Toilette. Ich gehe durch die Tür. Eigentlich hatten wir aus Spaß ausgemacht, noch ein Foto zu machen, bevor ich zum „Interview“ gehe. 

 

In dem Büro sitzen vier Beamte. Ich frage, ob ich richtig sei. Ein Beamter nickt. Ob ich einen Termin habe? „Ja“, sage ich, „aber erst in zwei Stunden.“ „No problem“, sagt der Mann und winkt mich zu seinem Schreibtisch. Ich packe meine Unterlagen aus, er tippt meinen Namen in den Computer, blickt stumm auf den Bildschirm. Ob ich alle Unterlagen dabei hätte. Ich breite den Inhalt meines Rucksacks auf dem Schreibtisch aus. „Auch eine Kopie des Transitlogs?“ „Kopie nicht, aber das Original“, erkläre ich. Er brauche eine Kopie, sagt der Mann – für die Akte. Er zeigt zeigt auf einen roten Pappordner. Könne ich aber nachher machen und vorbeibringen. Ich atme auf. Der Mann geht die Unterlagen durch, spricht mit seinen Kollegen, lacht. Alles sehr entspannt. Dann nimmt er das Transitlog und legt es auf den Kopierer, der auf seinem Tisch steht. Er muss dazu nicht einmal aufstehen. Sorgfältig tippt er auf seiner Tastatur, druckt, locht und heftet ab. Nur einmal blickt er auf: „You have studied?“, fragt er. Ich bejahe. Er nickt anerkennend. „And your profession is …. writer?“ Kurz schlucke ich. Er streckt mir den Daumen entgegen. „Good!“ Noch einmal druckt er etwas aus. Ich erkenne mein biometrisches Passbild darauf und den Schriftzug „Turkiye Cumhuriyeti“, darunter „Residence Permit“. Stempel wandern über das Dokument. „That’s it“, sagt der Mann. „Welcome!“ Nach zehn Minuten ist das „Interview“ vorbei. Ich brauche keinen Plan B. Das nächste Jahr in der Türkei ist gesichert. Schnell und unkompliziert. 

Am nächsten Morgen sitze ich im Cockpit der Dilly-Dally und berichte von meinen Erfahrungen einem jungen Paar, er stammt aus Alaska, sie aus Australien. Vor vier Jahren sind sie in Florida mit einer Dufour 37 aufgebrochen, erst durch die Karibik gesegelt, dann haben sie nach Europa übergesetzt. Jetzt wollen auch sie in Kaş überwintern. Am Montag müssen sie nach Kemer. Wir tauschen Erfahrungen aus. Auch sie hatten sich gefragt: „Was wäre wenn…?“. Die Sorge kann ich ihnen nehmen. Der Ami ist beruhigt. Hauptsache Trump lässt bis Montag seine Finger von Twitter. 

Nächster Schritt: Türkische „Residentship“

Langsam wird es Herbst. Kalendarisch sowieso, aber auch hier werden die Nächte kühler. Allerdings noch nicht so kühl, dass ich jemals eine lange Hose hätte anziehen müssen. Also Jammern auf sehr hohem Niveau. Aber auch in Kaş wird es langsam leerer, einige Restaurants haben bereits geschlossen, in der Marina wandern immer mehr Yachten an Land. Zeit für mich, endlich einmal den nächsten Schritt in Angriff zu nehmen: die türkische „Residentship“. Mit dem einfachen Touristenvisum darf man nur drei Monate bleiben, das ganze maximal zwei Mal im Jahr. Also nicht mehr als 180 Tage. Zu wenig für mich. 

Das Prozedere ist erstaunlich einfach. Man kann den Antrag online ausfüllen, sogar das Passbild hochladen – und natürlich bezahlen. Trotzdem bin ich dankbar, dass mir Marina-Manager Tuncay geholfen hat, denn es sind nicht wenige Angaben, die man tätigen muss. Zwar hatte mir meine private Krankenversicherung in Deutschland bestätigt, dass sie auch in der Türkei für anfallende Kosten aufkommt (auch bei einem Daueraufenthalt), allerdings reicht das den Behörden vor Ort nicht. Ich brauche eine private türkische Krankenversicherung für Ausländer. Sofort griff Tuncay zum Telefon, rief bei einer Agentur in Kaş an, erklärte den Fall, erkundigte sich nach dem Preis. „Sie wissen Bescheid, Du kannst hinfahren“, sagte er. „Vergiss Deinen Ausweis nicht!“, sagte er noch. „Und der Preis?“, fragte ich etwas ängstlich. Ich sah mein mir gesetztes Budget zusammen mit der Sonne im Meer untergehen. Immerhin ist die deutsche Krankenversicherung im Moment der größte Posten an Ausgaben, den ich mit mir rumschleppe (etwa 500 Euro im Monat). „Ungefähr 360 Türkische Lira“, sagte Tuncay. Das entspricht beim aktuellen Tageskurs 59,22 Euro. Damit kann ich leben. Tuncay lacht. „Im Jahr!“
Das Büro, in das ich wenig später in der Altstadt gehe, liegt in einer kleinen Gasse. Neben der Tür hängt ein blaues Schild mit weißer Aufschrift – und es ist mir wohl bekannt: „Allianz“ steht darauf. Die Mitarbeiterin spricht perfektes Deutsch, hilft beim Ausfüllen des Antrags und belastet sogar ihre Kreditkarte mit der Jahresgebühr, da die Versicherung die Summe vorab haben will, und es von einem türkische Konto wesentlich schneller geht. Ich bin – wieder mal – baff ob der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Leute hier. Natürlich gebe ich ihr das Geld sofort zurück.
Mit der Versicherungspolice in der Hand kehre ich zurück in Tuncays Büro, der sich sofort wieder meinem Antrag widmet. Beim Bezahlen des Langzeit-Visums gibt es zunächst wieder ein Problem mit meiner Kreditkarte, da das System, so schaut es zunächst aus, nur türkische Kreditkarten akzeptiert. „Don’t worry“, sagt Tuncay, und zückt sofort seine Kreditkarte. Aber auch die verschmäht das System, wahrscheinlich, weil sie nicht auf meinen Namen läuft. Ein Pop-up-Fenster verrät, die Überprüfung würde einige Minuten in Anspruch nehmen – mindestens zehn. Ich gehe zurück zur Dilly-Dally, kaum angekommen, steht ein Mitarbeiter der Marina am Heck. Ob ich noch einmal in das Hafenbüro kommen könnte. Tuncay hat mittlerweile einen Weg gefunden, wie doch die deutsche Kreditkarte akzeptiert wird.
Der Antrag auf „Residentship“ ist gestellt, die Gebühr (insgesamt 503 Türkische Lira, entspricht 83 Euro) ist bezahlt. Das einzige Problem: Beim Erstantrag muss man die Dokumente persönlich abholen, sich vorstellen. „Interview“ wird das ganze genannt. Noch bis vor kurzem gab es ein Büro in Kaş, das wurde aber geschlossen, also muss ich in die nächste größere Stadt: Die Touri-Hochburg Kemer, kurz vor Antalya. Gut zwei Autostunden entfernt. Der Termin kann online vereinbart werden. Nächsten Donnerstag, 16.30 Uhr, habe ich hoffentlich meine türkische „Residentship“. Lars, ein guter Freund aus Hamburg, der gerade zu Besuch ist, hat einen Leihwagen. Von daher wird es eine nette Landpartie werden. Inschallah. 
Derweil genieße ich den türkischen Herbst. Ist nicht soooo schlecht. Siehe Video unten.

Dilly-Dally in den Medien

Für das Float-Magazin habe ich eine vierteilige „Anleitung zum Glücklichsein“ geschrieben. Also eigentlich über den Bootskauf. Der erste Teil ist heute erschienen. Freut mich besonders, dass auch Focus-Online den Artikel veröffentlicht. Die Links zu den Artikeln gibt es hier:

 

Float-Magazin

 

Focus-Online

Kochen mit türkischen Freunden

Die türkische Küche ist fantastisch. Zusammen mit türkischen Freunden kochen wir (es war Marks Idee) jetzt einmal die Woche (oder öfter). Der Deal: Servit, ein gelernter Koch, weiht uns in die Geheimnisse der türkischen Küche ein, er lernt dabei ein bisschen Englisch, wir Türkisch. Gegessen wird gemeinsam. Ein wunderbarer Deal made in Turkey. Mit einer kleinen Anleitung zum Nachkochen. Es lohnt sich. Wirklich! Mehr im Video.

Hans im Glück

Seit einer knappen Woche liege ich in der Kaş-Marina, meinem neuen Zuhause. Die Liegeplatzgebühr ist bezahlt bis Mai 2020. Kaş ist damit mein Heimathafen, meine Basis, mein Anlaufpunkt, wenn ich nicht unterwegs bin. Im Preis inbegriffen ist die Nutzung alle anderen Setur-Marinas in der Türkei (und einer auf Lesbos) – von Antalya im Osten bis nach Istanbul im Norden. Der neue Hafen mutet ein bisschen an wie eine Gated-Community in Dubai. Ein Tor mit Sicherheitskontrolle, dahinter grüne Wiesen, hohe Palmen und 450 Liegeplätze. Nicht alle vergeben. Am Ende des Hafens thront ein Luxus-Ressort mit kleinen Pavillons, von denen Badeleitern in das kristallklare Wasser führen, wie man es sonst nur von den Seychellen kennt. Wer nicht ins Meer steigen will, kann sich auch in seinen privaten Whirlpool hocken, der auf jeder Terrasse steht. 

 

Den riesigen Swimmingpool mit Blick auf das schimmernde Meer können alle Hafendauerlieger kostenlos nutzen, ebenso wie einen Tennisplatz oder den Basketballkorb. Momentan beschränke ich mich aber auf ein paar Übungen an meinem TRX-Gerät. Die ersten Bootsnachbarn haben sich auch gerade die Schlingen bestellt. 

 

Im Hafen gibt es ein türkisches Bad mit Massagen, eine tolle Bar mit Livemusik und zwei Restaurants, einen Schiffsausrüster, eine Wäscherei, die einen vollgestopften, müffelnden Seesack, für 35 Lira (etwa einen Heiermann) in eine aprilfrische Wiese verwandelt. Der Supermarkt in der Marina ist gut sortiert und wenn dem Briten nach seinem Frühstücksbacon gelüstet, findet er auch das passende Stück Schwein in der Auslage. Es ist eine kleine heile Welt, in der jeder jeden grüßt, die Sicherheitsleute mit Golfcaddys über das weitläufige Gelände düsen – und auch weniger rüstige Senioren zu ihren Schiffen bringen. Das einzige Manko: Das Internet. Derzeit läuft es nicht, zumindest nicht mit Apple-Geräten. Sicherheitsleck. Man sei da dran, versichert die junge Dame im Marina-Office, in dem die netten Mitarbeiter jedes noch so kleine Problem ernst nehmen und versuchen, es bei einem Tee zu klären. Auch wenn nachts Wehwehchen auftreten, einfach funken: Kanal 73. „Wir schicken dann jemanden.“ Und auch Hypochonder können beruhigt sein: Das brandneue Krankenhaus liegt keinen Kilometer entfernt. 

 

Wenn ich morgens das Rollo von der Luke in meiner Kajüte löse, blicke ich auf einen blauen Himmel. Und auf Berge. Wellen klopfen sanft an den Rumpf, irgendwo kräht ein Hahn, den ersten Ruf des Muezzin vor Sonnenaufgang höre ich schon gar nicht mehr. Und wenn doch: Dann freue ich mich, schließe noch mal die Augen und denke an den ersten Kaffee des Tages an Deck. Noch ist das alles nicht Normalität, ich bin gespannt, ob und wann dieser Tag kommen wird.

 

Die Nächte sind mittlerweile frisch, aber selbst am frühen Morgen lässt es sich Anfang November in kurzer Hose und T-Shirt an Deck aushalten, ehe ab zehn Uhr schon der Platz im Schatten der Favorit ist. Baden, muss ich nicht sagen, kann man immer noch. Das Wasser ist noch herrlich warm. Und das sagt einer, der im Freibad naserümpfend erst einen Zeh langsam ins Wasser steckt, ehe er es wagt, Sekunden später, den ganzen Fuß zu versenken. 

 

Mark, der immer gut gelaunte Südafrikaner, grüßt zwei Boote weiter. Wie jeden Morgen: „What a beautiful morning! How you doing? Isn’t it a fantastic day?“ Sein Bootsnachbar, ein Brite, schnorrt gerade einen Kaffee bei ihm. Ken hat am frühen Morgen seine Katze, Margarita, zum Tierarzt gebracht. Eine Kolik. 

 

„Jens, halb elf Yoga neben dem Hafenbüro. Fantastic!“, ruft Mark. Ich winke ihm erst zu, dann ab: „Nächstes Mal!“ Erst muss ich noch mein Internet-Problem lösen. Nachdem ich viermal das maximale Datenvolumen von 15 Gigabyte gekauft und pulverisiert habe, hat mich Turkcell gesperrt. Komisches Businessmodell. Weiteres Datenvolumen kann ich nicht mehr kaufen. Das versteh wer will. Andernorts würde ich als Super-Kunde hofiert. Dass ich so viel Datenvolumen in so kurzer Zeit verballert habe, liegt auch ein bisschen an meiner Blödheit. Nichtsahnend schloss ich einige Zeit meine Kamera und die Drohne an das Laptop an, zog die Filme auf den Schreibtisch, um dann aus etlichen Minuten Material in höchster Auflösung einige wenige internetkompatible zu schneiden. Dass mein Computer automatisch beginnt, den ganzen Müll in die Cloud zu jagen, musste ich teuer bezahlen. Aber irgendwo da oben, auch das ist ein schönes Gefühl, tummeln sich jetzt ganz viele Videoschnipsel. 

 

Im Turkcell-Geschäft vor Ort lähmen mich meine auf Restaurant-Türkisch reduzierten Sprachkenntnisse von einer Problemanalyse. Englisch ist leider auch keine Option. Im Chat mit Turkcell wird mir erklärt, dass ich nur vier Mal das maximale Datenvolumen binnen von drei Monaten kaufen kann. Will heißen: Internet erst wieder in zwei Monaten. Keine sehr prickelnde Aussicht. 

 

Mein Plan: Ich kaufe eine weitere Prepaidkarte, was allerdings dem Verkäufer nicht so recht einleuchten will. Ich habe doch schließlich eine. Seine junge Kollegin atmet schwer, lässt sich dann aber doch davon überzeugen, mir eine weitere Karte zu verkaufen. Der Akt, eine Prepaidkarte zu bestellen, gleicht in etwa der Zulassung eines Autos in Deutschland. Fünf mal muss ich irgendwas unterschreiben, meinen Ausweis vorlegen, ihn dann neben mein Gesicht für ein Foto halten. Ganz wichtig sind auch Baba und Anne. Vater und Mutter. Zumindest deren Namen. Heinz-Dieter scheint in der Türkei eher ungewöhnlich, zweimal muss ich in Druckbuchstaben den Namen schreiben. Als Dank gibt es einen skeptischen Blick der Verkäuferin. 

 

 

Mit Schrecken erinnere ich mich noch an die leidvolle Erfahrung in Marmaris, als erst nach dem dritten Besuch im Geschäft, mein Internet laufen lernte. Und dort sprachen die Verkäufer sehr gutes Englisch. Als ich endlich meine zweite Karte habe, die ich gleich in das Modem lege, wundere ich mich über die flinken Finger des Verkäufers, der sofort die alte Karte vernichtet. NEINNNN! Er schaut mich verdutzt an. „Cöp!“, sagt er. Müll. Meinen Plan, sollte ich wieder mit einer Karte das Limit binnen drei Monaten ausschöpfen, wieder die andere Karte zu aktivieren, hat er wohl nicht ganz durchstiegen. Oder es gibt ein Gesetz, dass man nur eine Karte besitzen darf. Aber damit nicht genug, die neue Karte lässt sich nicht aufladen. Warum, weiß ich nicht. Wilde Telefonate folgten. Als mir wieder ein Stuhl gereicht und der nächste Tee serviert wird, weiß ich: Der Nachmittag wird lang. Insgeheim rechne ich damit, dass die nervösen Blicke der Verkäufer zur Straße mir verraten, dass sie auf die Polizei warten. Von „System-Probleme“ ist die Rede. Ich bin mir nicht sicher, ob sie Computersystem-Probleme meinen. Lieber frage ich nach meinem Ausweis, der immer noch hinter einem Schreibtisch liegt, und frage, ob es in Ordnung sei, morgen wiederzukommen. „Problem yok“, ruft der Verkäufer. „Kein Problem.“ Ich atme erleichtert auf. „Zahlen für die neue Karte?“ „Yarin! Yarin!“, wiegelt er ab. Morgen, morgen. Enttäuscht düse ich mit dem Roller zurück zum Hafen.  Merkwürdigerweise läuft das Internet dann abends doch plötzlich. Auch ohne gezahlt zu haben. Ich werde morgen aber mal lieber das Geld vorbeibringen. Ich bin sicher, ich war nicht zum letzten Mal in dem Geschäft. 

 

Mark lacht. „That’s Turkiye!“, ruft er in einer Mischung aus Englisch und Türkisch. Seit gestern besucht mein Bootsnachbar einen Türkischkurs in der Stadt. „Join us!“, ruft er. „It’s fun.“ Ich werde es tun. Nächsten Montag geht es los. Wieder Schulbank drücken. Aber als Gast in einem Land, wenn auch Urlaubsland, ist es das Mindeste, was man tun kann. Vielleicht kann ich dann auch meine Wlan-Probleme lösen. Mark bietet mir derweil an, mich in sein Wlan zu hängen („kostet doch eh kaum was“), aber ich lehne dankend ab. Gerne wäre ich autark. Schon am Mittag hatte er selbstlos seinen Roller zur Verfügung gestellt, nachdem er mich verschwitzt auf dem kleinen Bordfahrrad ohne Gangschaltung durch die Gegend strampeln sah. 

 

Als ich Mark den Schlüssel wiedergeben will, sitzt er in der Bar. Kaffee trinken hatte er gesagt. Jetzt süffeln er und Ken, der Brite von nebenan, an großen Halbliterflaschen. Es ist kein Kaffee. Ken zieht einen weiteren Hocker an den Tresen, bestellt sofort ein Bier für mich. 

 

Ein ganz normaler Tag in Kaş. Jeder hilft jedem. Ob es die Jungs aus der Bar sind, die eine Luftpumpe für den ermatteten Reifen meines Fahrrads auftreiben, oder die Segler untereinander. Fängt einer an zu werkeln, stehen die anderen parat. Nicht mit dummen Tipps, sondern mit Eifer. 

 

Kurz bevor ich mein Türkcell-Abenteuer am Nachmittag in Angriff nahm, stand plötzlich ein Türke vor der Dilly-Dally. „Hans?“, fragte er mich. „Jens“, korrigiere ich, typisch deutsch. Er hielt den Kopf schief. „Welcome, Hans!“, lächelte er und reckte den Daumen in die Höhe. Er liege am Steg gegenüber, erklärte er.  Ich lud ihn auf einen Kaffee ein, er lehnte ab. Er habe eine Verabredung. „Heute abend in der Bar?“, fragte er dann. Ich nickte. „Welcome!“, rief er nochmal und ging. Ein Stück weit werden auch seine Biere an dem dicken Kopf heute morgen Schuld haben. 

 

Es ist ungewohnt, so viele nette, respektvolle, hilfsbereite Leute auf einen Haufen zu treffen. Ich erinnere mich an Vereine in Deutschland, wo jeder Neue erstmal argwöhnisch beäugt wird. Dabei hat man doch das gleiche Hobby. Kein Wunder, dass einige Segelvereine gnadenlos überaltert sind und aussterben. Interessant ist auch, dass die Segler, je erfahrener sie sind, auf das ganze Segel-Schnickschnack keinen Wert legen. „Kenn ich, weiß ich, war ich schon“, gibt es nicht. Eher Bekenntnisse wie „eigentlich bin ich ja kein guter Segler“ oder „bei viel Wind geht mir die Muffe“. Sie lachen über ihre Missgeschicke und dann kommt beiläufig raus, dass sie schon zweimal über den Atlantik gesegelt sind oder seit vielen Jahren auf ihren Boot leben. 

 

Die Segler, die hier überwintern, kommen aus der ganzen Welt. An meinem Steg liegen Australier, Briten, Amerikaner, Dänen, natürlich Mark, der Südafrikaner, ein paar Deutsche und viele Türken – meist aus Istanbul. Sie alle eint eines: Die Freude am Segeln. Die Gemeinschaft. Die Einfachheit in all ihrem Luxus. Das Boot ist für sie kein Statussymbol, sondern Liebe und Lebenseinstellung. Sie sind sich nicht zu fein, jeden Morgen zum Duschen mit ihrem Kulturbeutel in der Hand in die sanitären Anlagen zu schlendern. Sie genießen die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf dem Weg zu den sanitären Anlagen, stehen wie Schuljungen auf Klassenfahrt an den Waschbecken nebeneinander, tratschen, lachen und diskutieren über das neueste Restaurant oder den versackten Abend in der Hafenbar, teilen Duschgel und Rasierschaum. 

 

Viele könnten in Villen leben. Wie Mark. Seine Familie ist im Gummibusiness tätig, wie er abends an der Bar sagt. Erst im Nachsatz erklärt er, dass seine Familie Südafrikas führender Autorreifenproduzent ist, Partner von Conti und Michellin. Sein Bruder leite jetzt die Geschäfte. Er sei „nur noch“ Stakeholder. Das Boot, auf dem er lebt, habe sein Vater 1984 gekauft. Ken, der Brite ist eigentlich Ingenieur, er lebt seit vielen Jahren in der Türkei. Er ist verheiratet mit einer türkischen Ärztin in Ankara, die unter anderem die Leibärztin für die deutsche Botschaft ist. Sie haben mehrere Häuser in der Türkei. Gerade kommt er aus Belek von einem Golfturnier. Aber am liebsten wohnt er in Kaş – wahlweise auf seinem Schiff oder in ihrem Haus am Hang. 

 

Natürlich ist der fuc… Brexit auch ein Thema. Sein Urgroßvater, erzählt Ken, war Ire, wie er kürzlich herausgefunden habe. Deshalb hat er jetzt einen irischen Pass beantragt. Er will Mitglied in der EU bleiben. Wir sitzen an der Bar, trinken ein, zwei, drei Bier. Dann hören wir auf zu zählen. Der Brite muss gehen, Margarita vom Tierarzt abholen. Oder seiner Frau erklären, warum Margarita nicht mehr ist (sie ist noch, wie er gerade berichtete). Aber egal wie, morgen um elf („Gin-Time“) wollen wir segeln gehen.

 

Auf dem Tresen bettet sich gerade ein Yorkshire-Terrier-Mischling, sein Ohr liegt im Aschenbecher. Beck’s, der Kneipenhund, ein stattlicher Golden Retriever, tobt mit vier anderen Hunden wild umher. Niemand stört sich daran. Leben und leben lassen. Beck’s ist der Herr im Haus. Ob die anderen Hunde allerdings wissen, dass er gestern mit eingeklemmten Schwanz das Weite suchte, als eine Ente die Bar eroberte und erst zurückkam, als der Barbesitzer die Ente, ein Riesenvieh, schnappte und zum Wasser zurücktrug?

 

Die Bar ist gut besucht, ein paar Segler lungern am Tresen, an den kleinen Tischen sitzen aber vor allem Türken aus dem Ort. Ein paar sehen aus, als hätten sie ihrem Frisör ein Che-Guevara-Portrait als Vorbild gezeigt. Lässige Typen und hübsche Frauen, die so gar nichts mit dem Klischee gemein haben, das viele vor Augen haben, wenn sie „Türkei“ hören. 

 

Und die Segler? Sind sie alles privilegierte Typen? Einige sicherlich. Aber längst nicht alle. Ein gebrauchtes Schiff, groß genug zum Leben, kostet schließlich nicht mehr als ein neuer Passat. Die Lebenshaltungskosten in der Türkei sind verglichen mit Deutschland sehr günstig, auch wenn die Lira zum Euro wieder ein Viertel an Wert gewonnen hat. Immer noch kostet die Schachtel Kippen nicht mehr als 1,50 Euro und ein schönes Abendessen zwischen fünf und zehn Euro – auch in der Marina. Getränke inklusive. 

 

 

Im Stadthafen liegt eine australische Yacht. Es gehört einem Paar, das alle Habseligkeiten in Down-under verkauft hat, um sich ein Boot in Spanien zu kaufen. Ein Lebenstraum. Jetzt liegen sie in Kaş, abgebrannt aber glücklich. Und dann ist da der alte Brite, der mir im Vorbeigehen  auf die Schulter klopft. Er stellt sich nicht vor, sagt nur: „Du hast alles richtig gemacht. Du bist noch jung.“ (Okay, 46 Jahre alt). „Genieß es!“ Viel zu spät habe er sich entschlossen, seinen Traum vom Segeln zu erfüllen. Jetzt sei er alt. Dann humpelt er weiter. Ich drehe mich um. Er dreht sich um, er reckt den Daumen. Dann geht er weiter. Ich gehe weiter. In Momenten wie diesen denke ich, es ist der richtige Weg, 

 

Dilly-Dally-Diaries: Abgeliefert in Kaş

Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Dabei ist es erst knapp vier Wochen her, dass ich in Hannover zu schlaftrunkener Zeit in den Flieger nach Bodrum gestiegen bin. Knapp zwei Wochen lag ich in Marmaris, lebte mich auf der Dilly-Dally ein, verpasste ihr ein kleines Lifting. Der alten Lady gönnte ich ein ausladendes Heck, glänzend und kräftig genug, um stolz die Schlauchbootlippen zu schürzen.  

 

Immer noch wartete ich auf den Tag, an dem ich das, was ich hier machte, hinterfragen würde. Aber er kam nicht. Nicht einmal ansatzweise. Zu groß die Vorfreude. Zu nichtig das, was ich hinter mir gelassen hatte. Zu lecker das Essen. Zu nett und zuvorkommend die Menschen, die ich bislang getroffen habe. 

 

In die Türkei? Bist zu verrückt? Als Journalist? Der Dreiklang der Skeptiker hallte anfangs immer noch in meinen Ohren. Auch die Freunde, die mich auf der Dilly-Dally besuchen kamen, hatten ihre Zweifel. Die meisten waren noch nie in der Türkei gewesen. In ihren Augen sah das Land aus wie die dunkelsten Ecken Kreuzbergs, hörte sich nach tiefer gelegtem 3er BMW mit Sportauspuff an und die Frauen, die mit spätestens 14 zwangsverheiratet worden sind, wanderten wie abgehängte Vogelkäfige durch die staubigen Straßen.

 

Dass die Mittelmeerregion mit den gängigen Klischees nichts zu tun hat, war schnell klar. In Marmaris knattern türkische Mädels auf ihren Rollern durch die Straßen, in Hotpants, kürzer als man sie an den wärmsten Tagen in Deutschland sieht, verziert mit Tattoos, schöner als in Friedrichshain. Kippe im Mund, Handy am Ohr. Abends trifft sich die Jugend in Bars, trinkt Bier und Raki und hört Rockmusik. Das ganze nur viel entspannter als in Deutschland, freundlicher und auch respektvoller. Kein Pöbeln, kein Komasaufen. Einfach Lebensfreude. Wer auch nur ein paar Brocken Türkisch spricht, wird empfangen wie ein alter Freund. Und die Politik? Achselzucken! Ist halt so. 

 

Als sich der Plan auszusteigen in meinem Kopf manifestierte, sah ich mich in einem Innenhof eines kleinen Cafés sitzen, auf gemütlichen Polstern, vor kleinen Tischen. Pflanzen rankten die Mauern entlang, ein großer Baum spendete Schatten. Abends füllte sich der Innenhof, die Musik wurde lauter und aus dem Café wurde eine lebendige Bar. Hier würde ich schreiben. Und ich wusste auch schon genau, wo dieses verwunschene Café liegt. Hinter einem kleinen Durchgang am Stadthafen von Kaş, markiert mit einem schlichten Schild: Hideaway Bar & Café. Kaş, das war klar, würde der Ort sein, an dem ich auf dem Schiff überwintern würde. Seit meinem ersten Besuch 1992 ist Kaş für mich der schönste Ort der Türkei, fernab des Massentourismus, dafür beliebt bei Backpackern, Tauchern und Aktivtouristen. Da wollte ich hin. Nur musste ich erst noch dorthin segeln. Am besten mit einer erfahrenen Crew.

 

Spontan sagten Kai-Uwe Eilts und Sven Kraja bei der Strandsegel-WM in Sankt Peter-Ording zu, mich zu begleiten. Zwei gute Freunde, mit denen es nie langweilig wird. Zwei Pragmaten dazu, ausgebildet im Bootsbau bei der Norderneyer Edelwerft Dübbel & Jesse, wo sie sich vor vielen Jahren kennenlernten. Kai-Uwe war Svens Lehrmeister. Heute ist Sven Segelmacher in Schleswig, stattet mit seinen Frogsails die internationale Strandsegelszene und viele Wasseryachten aus. Kai-Uwe hält halb Norderney instand. 

 

Ein bisschen Bammel hatte ich schon. Nicht so viel, wie Sven vor dem Fliegen, aber immerhin ein bisschen. Davor, was die beiden an der alten Lady alles auszusetzen hätten. Davor, was sie finden würden. Wie ein Arzt, der, wenn er sucht, immer etwas findet. Die Segel, na klar, ließen Svens Mundwinkel nach unten sinken. „Da musst Du mal was machen. Die sind durch“, sagte er. Das war sogar mir klar. Maximal ein, zwei Jahre würden sie noch halten, bei leichten Winden, beruhigte er aber. Rastlos rasten die beiden schon am ersten Tag über das Deck, schraubten, lösten, tauschten laufendes Gut aus, so gut es ging. Setzen den Traveller instand, nähten, werkelten an der elektrischen Wasserpumpe und Schaltern mit Wackelkontakt, inspizierten den Motor und starrten ratlos auf den Kartenplotter, der nur ein Bild kannte, das an das Testbild nach Sendeschluss erinnerte, als es nur drei Fernsehprogramme gab. Oder Schneegestöber. 

 

Noch bevor Kai-Uwe den Schraubenzieher ansetzen konnte, hatte Sven einen Kumpel aus Schleswig an der Strippe, der sich mit Raymarine-Geräten auskennt und liebevolle Hinweise zur Reparatur gab. „Hau dreimal links oben gegen den Monitor.“ Und siehe da, das Schneegestöber löste sich auf. Zumindest für ein paar Sekunden. Aber die Diagnose war klar. Doch die Störquelle konnte nur durch eine Not-OP trockengelegt werden. Also legten die beiden wie ein Herzchirug das Innerste des Gerätes frei, schraubten an den Eingeweiden, legten einen Bypass und schon nach wenigen Minuten blinkte wieder das GPS-Signal in einer glasklaren Umgebung, die Marmaris zeigte.

 

Der erste Tag auf See endete nach einem Badestopp mit Ankerbier an der Pier der Tankstelle in Marmaris, um den Diesel zu versorgen und die Kanister mit Benzin für den neuen Außenborder zu befüllen. Die Tankwärter beömmelten sich über den Namen des Bootes. Dilly-Dally, Dilly-Dally. Bei Gelegenheit sollte ich vielleicht noch einmal googeln, ob der Name eine obszöne türkische Bedeutung hat. Wenige hundert Meter weiter machten wir für die Nacht direkt an der Promenade fest und erkundeten den Ort. Der Rest ist Vegas. 

 

Am nächsten Tag ging es meist unter Motor vor das Delta von Dalyan. Ankern vor Turtle-Beach, Beiboot testen, Bier im Beachclub, Schwimmen, Anker lichten, um ihn in der My Marina wieder fallen zu lassen (Hier das Video.) Eine herrliche Anlage mit tollem Restaurant. Vielleicht etwas teurer, aber jeden Cent wert (und im Vergleich zu deutsche Preisen immer noch spottbillig). Das Restaurant liegt etwa fünf Minuten den Hügel hoch, die Küche ist exzellent, der Fisch fangfrisch, der Service erstklassig. Kleine silberne Spiegel stehen auf den Tischen, darauf geschrieben der Bootsname. Etwas merkwürdig mutete daher der leicht schwankende Russe in nichts als einer neongrünen Badehose an, der gegen zehn Uhr im Restaurant auftauchte und Ewigkeiten auf ein Bild starrte, als verfolge er aufmerksam die neusten Nachrichten im TV. Der Rest seiner Crew grölte sich unten am Steg die Seele aus dem Leib – oder pinkelte an die Palmen. Bis spät in die Nacht. Umso erstaunlicher, dass die Flottille bereits am frühen Morgen die Bucht verließ. Wir machten uns weit später auf den Weg zum Golf von Fethiye. Das Meer war weit. Nur wenige Segler begegneten uns – und eine Meeresschildkröte, die gelangweilt neben uns auftauchte. 

 

Der Unsinn des Lebens: 75

75! Wahrscheinlich sogar mehr. Svens Haut las sich wie das Epos „Krieg und Frieden“ in Brailleschrift. Den Kampf gegen die Mücken hatte er eindeutig verloren. Dass noch einige Kapitel auf seinem Rücken geschrieben waren, konnte er nur erahnen. Nach drei Nächten Martyrium sah Sven keine andere Lösung. Er musste sich einen Mückenschutz bauen. Nur wie? Etwas ungläubig sah er mich, nachdem er anmerkte, wir müssten irgendwohin fahren, wo er ein Mückennetz kaufen könne und meine Antwort war: „Ach so, vorne liegen ganz viele.“ (Kann man ja mal vergessen). Sven konstruierte sich einen wunderschönen Schneewitchensarg, in dem er allerdings so aussah, wie von Biene Majas Erzfeindin Thekla eingesponnen. Auch dass die Mücken in der nächsten Nacht Svens Kniescheibe, die wahrscheinlich am Netz anlag, sieben Mal ansaugten, überraschte dann doch.

 

Für Kai-Uwe und mich war Svens Anziehungskraft auf die surrenden Viecher aber ein Geschenk. Wir blieben fast verschont. Von den Mücken – nicht aber von dem Gewitter, das sich auf dem Weg nach Kalkan über dem Meer aufbaute und sich über uns entlud (hier das Video). Mit Blitzen wie sie sonst nur Stroboskope in Vorstadtdiscos verfeuern. Und Sturm bis zu neun Windstärken. Natürlich direkt gegenan. Während Svens Blicke immer mehr die düstere Farbe des Horizonts annahmen, feierte Kai-Uwe jede Welle, jeden Blitz. „Ist das geil! Das ist ja so geil!“ Und in der Tat. Ebenso unbeeindruckt wie Kai-Uwe zeigte sich auch die Dilly-Dally, die mit ihren stattlichen 17 Tonnen Eigengewicht gemütlich durch das Unwetter schipperte wie ein Dampfer über den Wannsee bei Flaute.

 

In Kalkan belohnten wir uns mit einem  gediegenen Dinner über den Dächern der Stadt – Blick auf den Hafen inbegriffen. Und auf die Blitze, die immer noch über den Bergen niedergingen. Beim dritten Absacker in einer Hafenbar kam es dann zur Vereinigung. Aus zwei Gewittern wurde plötzlich ein großes. Sturmböen peitschten durch die engen Gassen, Wasser wie aus Eimern kübelte auf uns nieder.  Auf der Dilly-Dally löste sich die Bimini zur Hälfte, wütete  im Cockpit. Dann war das Gewitter, so schnell wie es gekommen war, auch weitergezogen. Zurück blieb ein reingewaschenes Schiff. Und eine neue Aufgabe für Kai-Uwe und Sven. Bimini reparieren!

 

Am nächsten Tag weckte uns die Sonne. Und das Pfeifen in den Wanten. Windfinder hatte fünf bis sechs Windstärken angesagt. Aus Westen. Achterlicher Wind bis zu unserem Ziel in Kekova, einer versunkener Stadt, 30 Meilen entfernt. Aber aus sechs wurden wieder bis neun Windstärken (hier das Video). Kai-Uwe fand die Tour noch „geiler“ als am Vortag, Sven hatte immer ein wachsames Auge auf die alten Segel. Die Genua hatten wir bis auf unter zehn Quadratmeter gerefft, das Groß eingerollt gelassen. Trotzdem pflügte die Dilly-Dally mit bis zu über acht Knoten durch das kristallklare Wasser, vorbei an der griechischen Insel Kastellorizio, raus aufs offene Meer, rein die Bucht von Kekova. Trotz Sturm gab es nicht einen Moment des Zweifelns. Die Moody machte Mut. 

 

Wer schaukelt so spät durch Nacht und Wind?

Hinter der Bucht von Kekova erstreckt sich eine zweite Bucht. Absolut geschützt, bester Ankergrund auf sechs Metern Tiefe. An der Kette tanzte die Dilly-Dally in den heftigen Böen eine Pirouette nach der anderen im aufgehenden Vollmond. „Sollte der Wind nicht längst nachgelassen haben?“, fragte Sven. Ja, sollte er. Tat er aber nicht. Unvorhergesehen hatte sich ein Tiefdruckgebiet gebildet. Das Barometer fiel urplötzlich wie ein Bungeejumper von einer Brücke. Der Seewetterbericht sprach jetzt von Böen mit elf Windstärken – über 100 km/h wurden gemeldet. Die beiden Matrosen machten das Boot sturmsicher. Bauten Bimini und alles, was Angriffsfläche bot, ab. Ich kochte. Nicht vor Wut, sondern Pasta. Sven hatte Hunger. Als die ersten Böen mit weit über 40 Knoten auf die Dilly-Dally wie ein Vorschlaghammer hämmerten, hatte Sven den Appetit aber verloren. Der halbe Teller blieb unangetastet. Kai-Uwe nahm noch zwei Nachschläge, schnappte sich sein Buch und las. War gerade so spannend. Auch Sven versuchte zu lesen, versuchte zu dösen, versuchte, sich Mut zuzureden. Aus Deutschland erreichten uns über Whatsapp Satellitenbilder und aufmunternde Sprüche: „Müsste bald durch sein!“ Aber immer, wenn wir glaubten, der Wind ließ nach, holte er nur Luft. Kai-Uwe las das nächste Kapitel. War eben spannend. Sorgen wischte er weg. „Wieso, wenn der Anker jetzt vier Stunden gehalten hat, warum sollte er dann nicht noch weitere vier Stunden halten?“ Nächste Seite. Und in der Tat: Der Anker hat nicht einen Meter nachgegeben, sich komplett eingegraben – wie wir am nächsten Morgen der dicken Schlammschicht entnahmen, die bis zur Kette klebte. Erst gegen halb zwei Nachts fand auch Sven in den Schlaf. Am nächsten Tag war die See wie glattgebügelt.

 

Wir motorten nach Kaş und machten im Stadthafen fest. Endlich angekommen (hier das Video). Der Ort sah noch genauso aus wie beim letzten Besuch vor drei Jahren. Kai-Uwe und Sven waren begeistert. Von den Bars, den Beachclubs, den Tauchern, von denen an diesem Wochenende 1000 im Ort sein sollten, von der entspannte Stimmung im Ort. Zum Sonnenuntergang kletterten wir auf das Amphitheater, stießen auf eine tolle und abenteuerliche Reise an. „Abgeliefert“, sagte Sven. Am nächsten morgen mussten die beiden um sieben Uhr das Taxi zum Flughafen nehmen. Als wir durch die engen Gassen der Alstadt schlenderten, vorbei an dem großen Sarkophag, telefonierte Kai-Uwe noch mit Norderney. „Nächstes Jahr fahren wir in die Türkei. Nach Kaş. Mit dem Bus…….. ja, klar, 3300 Kilometer. Du, das sind nur 36 Stunden Fahrt.“ Sven will schon eher wiederkommen. Vielleicht Weihnachten.

 

Vielen Dank an die beiden! War eine klasse Woche! Und mit niemand anderem hätte ich die Erlebnisse dieser Tage erfahren wollen. Wahrscheinlich kann ich noch die nächsten Jahre sagen: Ach, das ist doch gar nichts. Damals, mit Sven und Kai-Uwe…. Ein gutes Gefühl!

 

 

 

Blutiger Drohnenangriff

Lektion 1: Starte niemals eine Drohne vom Bug des Bootes aus, wenn das Schiff noch Fahrt hat. Sehr schnell klebt die Drohne am Fuss und die Rotoren kratzen an der Ferse. Aber nachdem zwei Blätter ersetzt wurden, klappte es dann doch ganz gut. Die Landschaft ist einfach zu schön…

Lazy days

Fünf Stunden nachdem Kai-Uwe und Sven die Dilly-Dally verlassen haben, kam schon der erste Spontanbesuch: Mareen und Ilija. Bei bestem Badewetter haben wir herrliche Tage in Kaş. Heute sind wir nach Kekova gesegelt (oder meistens Motor), denn nach dem Sturm ist der Wind eingeschlafen. Die Bucht, in der wir neulich noch in der Nacht Böen von bis zu elf Beaufort gehabt haben, ist wie glatt gebügelt. Nach einem kleinen BBQ auf der Dilly-Dally geht es dann auch gleich in die Koje.

Angekommen in Kas

Nach einer Woche bricht für Kai-Uwe und Sven der letzte Tag auf der Dilly-Dally an. Nach einer stürmischen Nacht ist die See wieder ruhig. Von Kekova geht es knapp 15 Meilen nach Kas, wo ich überwintern möchte. Der Ort hat sich kaum verändert. Herrlich!

From Kalkan to Kekova – sun and storm

Knapp 30 Seemeilen sind es von Kalkan nach Kekova. Mit achterlichem Wind und gereffter Genua schob sich die Dilly-Dally mit bis zu acht Knoten durch die See. Sicher und ruhig. Laut Windfinder sollte der Wind zur Nacht abnehmen. Tat er auch. Für eine halbe Stunde. Dann setzte er erneut ein. Aus exakt der entgegengesetzten Windrichtung. Ein riesiges Tiefdruckgebiet hatte sich aufgebaut. Und der türkische Wetterdienst meldete 9 bis 10 Windstärken – in Böen elf. Arrrghhhhhhhh….

Unser Anker grub sich aber zum Glück so weit ein, dass sich die alte Lady nicht einen Meter von der Stelle bewegte. Nicht alle hatten so viel Glück….

Stormy day on Dilly-Dally

The Dilly-Dally-Diaries, Part 2. Leaving Marmaris