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Stormy day on Dilly-Dally

The Dilly-Dally-Diaries, Part 2. Leaving Marmaris

Tschüs Marmaris

Nach knapp zwei Wochen in der Marmaris Yacht Marina heißt es morgen: good bye! Die Marina ist klasse, um am Boot zu arbeiten. Allerdings dann doch etwas weit entfernt (8 Kilometer), um mal eben etwas in Marmaris zu besorgen. Auch wenn direkt der Dolmus an der Marina hält. Die Zeit hier habe ich dennoch genossen. Ein paar Impressionen unten in der DIA-SHOW

Abgerechnet wird zum Schluss

Seit einer Woche wohne ich auf der Dilly-Dally, lebe mich ein, döse mittags in der warmen Sonne im Cockpit, esse abends im Beachclub der Marina, stärke mich für die Nacht mit ein bis zwei Bier, um mich dann im allnächtlichen Fightclub zu messen. Blut spritzt, Blessuren bleiben nicht aus, Beulen wachsen in Sekunden, um ebenso schnell wieder zu verschwinden. Nur die angelaufene und angeknackste Zehe, die glaubte stärker zu sein als der Türrahmen, schimmert auch am dritten Tag in einem dunklen Blaurot, wie ein guter Tropfen Bordeaux. Riecht nur nicht so gut. 

 

Der Fightclub ist ein ungerechter Kampf. Ich gegen Dutzende fliegende Maschinen, deren Motoren hell Surren und die Ohren umkreisen. Die Moskitos haben etwas von Hydra. Erledigt man eine, kommen zwei neue. Und so klatsche ich mich durch die Nächte, in der Hand das Verbrechen. Die neueste Ausgabe von „Stern-Crime“ entspricht ihrem Titel. Sie ist mittlerweile blutgetränkt. Das Magazin liest sich nicht nur gewohnt gut, es ist auch eine fantastische Waffe im Kampf um die verdiente Nachtruhe, die ich brauche, weil schon früh morgens die Arbeiten an der Dilly-Dally beginnen. 

 

Mittlerweile ist die Moody 425 nach meinen Vorstellungen gepimpt, ausgestattet für das autarke Leben an Bord. Ein neues Beiboot baumelt vergnügt wie eine Hollywoodschaukel am Heck, das neue Dach der Davits spendet nicht nur Schatten, sondern liefert auch den Saft, damit das Bier im Kühlschrank schön kalt bleibt. 3 x 120 Watt hat Brian, ein irischstämmiger Brite mit deutscher Frau, der seit Jahren in der Türkei lebt, installiert. Selten habe ich so eine so akkurate Arbeit gesehen. Die Kabel (für Strom und Antennen der Navigationsinstrumente) verlaufen in den Rohren der Davits, es gibt eine Seilwinde für das Hieven des Außenborders, Halterungen für Bootshaken oder Angeln und Platz für Rettungsringe und Tampen. 

 

Mit Peter, dem Yacht-Broker von Sunbird Yachting, hatte ich einen Glücksgriff gemacht. Während ich noch mal für zwei Wochen in Sankt Peter-Ording weilte, wickelte er den Kauf ab, überführte mit dem Vorbesitzer das Schiff vom Ankerplatz vor Marmaris in die Marina, regelte alle behördlichen Schritte, half, empfahl und beriet, wo er nur konnte. Er vermittelte Unterstützung für das leidige Transitlog, dessen Beantragung schnell in einem Behördenmarathon enden kann. So kostete es mich nur wenige Minuten und 135 Euro, nur wenig mehr, als hätte ich es selbst organisiert. Außerdem kümmerte sich Peter um den Bezug des Polsters in der Navigationsecke, das bereits ziemlich ausgefranst war. Ein neuer Bezug musste her. Sein Mitarbeiter düste mit dem Roller los, das Polster unter dem Arm. Einen Tag später war es fertig, top genäht und verarbeitet: der Preis 100 Türkische Lira, etwa 13 Euro. 

 

„ALTE LADY“

 

Nachdem ich Peter beim Kauf fragte, ob er mir helfen könne, einen Handwerker zu finden, der mir Davits samt Solaranlage montieren könne, rief er Brian an. Brian, sagte Peter, leiste hervorragende Arbeit, arbeite mit den besten türkischen Handwerkern vor Ort zusammen. Auch wenn er vielleicht etwas teurer sei, sei die Kommunikation mit ihm einfacher – und sein Kostenvoranschlag hätte Bestand. Nicht selten soll es vorgekommen sein, dass in Auftrag gegebene Arbeiten am Ende deutlich teurer würden als abgesprochen. Oder aber das Boot nach Fertigstellung nicht in den Originalzustand zurückgebracht würde. Bei Brian sei das anders. Sagte Peter. 

 

Brian von Tec Yachts Turkey und ich wurden uns schnell einig. Er kam zu Peter ins Büro und das erste, was der quirlige Brite machte, war, meine Vorstellungen nach unten zu korrigieren. Nicht nötig, nicht möglich, zu teuer. Sobald die Dilly-Dally im Hafen lag, vermaß Brian mit dem Schweißer das Boot, um die Bohrlöcher des Heckkorbs zu verwenden, kalkulierte und rechnete, erkundigte sich nach dem Gewicht des Beiboots und des Außenborders, während ich noch in Deutschland weilte. Er erstellte mehrere Kostenvoranschläge mit verschiedenen Optionen. Über Whatsapp versorgte er mich ständig mit dem Fortschritt der Arbeiten. 

 

Einen Tag benötigten Brian und seine türkischen Kollegen dann für die Montage der Davits und der Panele, dazu mussten wir die Yacht an einen äußeren Steg bringen, an dem geschweißt werden durfte (hier das Video). Brian nutzte gleich die Möglichkeit, mich mit den Marotten der „alten Lady“, wie er die Moody liebevoll nannte, bekannt zu machen. Denn gerade rückwärts in engen Häfen reagiert die Dame etwas zickig. Oder besser gesagt: erst einmal gar nicht. Brian hat selbst einmal für Moody gearbeitet, kennt die Schiffe in- und auswendig. Immer neue Runden ließ er mich im Hafen drehen, damit schon bald aus mir und ihr ein Traumpaar wird. 

 

DAS SCHWERGEWICHT

 

Nachdem die Davits montiert waren, begann aber erst die richtige Arbeit. Aus zwei wurden drei Tage (hier das Video). Auch weil wir nochmals den Steg wechseln mussten, Fahrstunde erneut inbegriffen. Um die Kabel der Solaranlage zu verlegen, mussten die Verkleidungen in der Achterkabine abgenommen, neue Kanäle gebohrt werden. Auch wenn ich bislang glaubte, die von der Werft in Plymouth angegebenen 17 Tonnen Gewicht würden der „alten Lady“ nicht gerecht, so belehrte mich Brian eines besseren. Selbst die Böden der Schränke bestehen aus einer ein bis zwei Zentimeter dicken Schicht Fiberglas, plus Holzverkleidung. 

 

Immer wieder bot ich meine Hilfe bei den schweißtreibenden Arbeiten an, aus versicherungstechnischen Gründen lehnte Brian dankend ab. Ich vermute mal, das war eine billige Ausrede. Er wollte einfach sein Werk nicht von Amateuren zerstören lassen. Die Akribie und Gelassenheit beeindruckten mich. Selbst die Halterungen der Kabel hinter der Verkleidung unter Deck befreite Brian erst vom Kleber („der hält nicht lange“), um sie dann fachmännisch mit Spezialkleber anzubringen, die Schrauben verbarg er hinter Holzpropfen, obwohl sie vorher auch nicht abgedeckt waren, er fertigte Sichtblenden aus Teak an – so dass die Achterkajüte jetzt hübscher ist als vorher. 

 

Die Verzögerung von einem Tag brachte Brian nicht aus der Ruhe. Immer wieder schwang er sich auf sein Rad, düste zum Bootsausrüster, um neue, noch bessere Teile heranzukarren. Ihm reichte nicht die Installation der Davits, er wollte das Beiboot hängen sehen – und die Vorrichtung zum Fieren anpassen (war gar nicht im Preis inbegriffen). Auch als das neue Beiboot geliefert wurde und sich herausstellte, dass das Dinghy gar nicht über die übliche Aufhängung verfügt, kräuselte Brain nur einmal kurz die Stirn. „Don’t worry. We’ll find a way.“ Am nächsten Morgen kam er lächelnd zur Dilly-Dally, bohrte und schraubte am Beiboot, bis er zufrieden war. Zwischenzeitlich inspizierte er den defekten Kühlschrank, der wie eine Diva zickte und nur hin und wieder mal arbeiten wollte. Kurzerhand organisierte einen Fachmann, der den kaputten Regler flugs austauschte. 

 

„MIT ALLES“ 

 

Einen Tag länger als erwartet, auch wegen einiger Extrawünsche meinerseits, ich bestellte mir die Dilly-Dally wie einen Döner in Berlin, werkelte Brian von früh bis spät an der Dilly-Dally. Am Abend des vorletzten Tag kamen wir auf die Rechnung zu sprechen. Eine Anzahlung hatte ich bereits geleistet. Jetzt ging es um die Restsumme. „Ich werde die Rechnungen noch mal überarbeiten müssen“, sagte Brian trocken. Aufgrund der Wechselkursschwankungen habe es zwischen dem Angebot und der Bestellung Abweichungen gegeben. Zudem hatte ich im Vergleich zum Kostenvoranschlag noch einige Extras bestellt – wie den Regler der Solaranlage, der über eine App Leistungsdaten und Verbrauch der Batterien angibt. Eine nette Spielerei. Aber auch durchaus sinnvoll, wenn im türkischen Winter die Sonne einmal nicht so kräftig scheint. Auch ein lustiges Diodenlichtspiel am Regler verrät, ob die Anlage gerade den benötigten Strombedarf nutzt oder zudem die Batterie lädt. Oder eben auch Saft aus den Akkus zieht. Weil das Geblinke bei Nacht aber auch ein ziemliches Generve sein kann, klebte ich die Dioden ab. Brian sah das, entfernte das Klebeband und fertigte für die Dioden eine lichtundurchlässige Abdeckung an, die zum Ablesen der Anzeigen angehoben werden kann. „Sieht doch besser aus“, sagte er. Und er hatte natürlich Recht. 

 

Zudem hatte Brian für die Aufhängung des Beiboots und für die Seilwinde des Außenborders vier Doppelblöcke und zwei einfache Blöcke gekauft – und einen speziellen Tragegurt, der um den Außenborder gelegt werden kann, um ihn zu kranen, ohne dass Gefahr besteht, den Motor zu versenken. Immerhin wiegt das Biest so viel wie zwei Kästen Bier.

 

Im Kopf kalkulierte ich bereits, wie viel teurer die Rechnung wohl werden würde. Der Kostenvoranschlag für die Davits und Solaranlage samt Montage belief sich auf knapp 5300 Euro, ein Betrag, der mir angesichts des Materials, der Maßanfertigung und der exzellenten Ausführung als sehr günstig erschien. Was würde wohl jetzt noch hinzukommen? Schließlich hatten die Arbeiten auch einen Tag länger gedauert, unter anderem, weil das Boot mehrmals verholt werden musste. 

 

DIE ABRECHNUNG

 

Am nächsten Morgen sollte ich es wissen: Brian hatte noch einmal gerechnet. Inklusive der Extras belief sich die Differenz auf rund 100 Euro. Keine Mehrkosten. Sondern Kostenersparnis! Wie bitte? „Jep“, sagte Brian, „der Wechselkurs war günstiger. Daran kann ich mich ja nicht bereichern.“ 

 

So etwas habe ich noch nie erlebt! Ich bin Baff.

 

 

Die Dilly-Dally ist gepimpt

Schnipp-Schnapp Haare ab

 

Wenn man mit 46 Jahren (offiziell) wieder zu Hause einzieht, ist das wie eine Reise in die Vergangenheit. Auch wenn das ehemalige Kinderzimmer längst anderweitig verwendet wird, ist man schlagartig wieder der Teeanger, der vor einem Vierteljahrhundert ausgezogen ist. Und so war es nur eine Frage von Stunden (ich hatte ehrlich gesagt mit Minuten gerechnet) bis das Thema nicht mehr umschifft werden konnte. Beim Abendessen war es soweit. „Wann warst Du denn das letzte Mal beim Frisör?“ Nicht dass meinen Vater eine Antwort auf seine Frage interessiert hätte, vielmehr wollte er seinen Protest gegen die lange Mähne kundtun, wobei eine „lange Mähne“ bereits für ihn dann beginnt, wenn die Ohren nicht akkurat frei gelegt sind. Er selbst pflegt Zeit seines Lebens den gleichen kurz geschnittenen Scheitel über gestutztem Schnäuzer. Zumindest gibt es außer wenigen Kinderbildern keinen auf Zelluloid festgehaltenen Moment, in dem mein Vater eine andere Frisur zugelassen hätte, als den militärisch korrekten Haarschnitt.

In der Tat war es einige Wochen her, dass ich zum letzten Mal beim Friseur war. Ich glaube, es war im Juli, vielleicht aber auch schon im Juni. Einerseits aus zeitlichem Mangel. Andererseits, weil ich keinen Sinn darin sah, wie aus dem Ei gepellt durch die Straßen Berlins zu stolzieren (gefühlt 90 Prozent der Berliner machen das übrigens nicht). Einer der Vorteile, wenn man seinen Job gekündigt hat. Auch in Sankt Peter-Ording sah ich keinen Anlass, an meiner Strandmatte auf dem Kopf etwas zu ändern, die jeder zweite Surfer dort mit Stolz trägt. Erschreckend musste ich aber feststellen, dass etwas längere Haare unter einer Schirmmütze extrem ungünstig abstehen können und Erinnerungen an Crusty, den Clown wecken. Trotzdem liebäugelte ich damit, die Matte noch etwas wachsen zu lassen, als Ausdruck des selbst gewählten Vagabundenlebens.  

Als ich nach meiner Rückkehr in die Türkei durch das gut bewachte Tor zur Marina in Marmaris fahren wollte, stoppte mich die Security. Während ich die Formalitäten mit dem netten Wachmann mit Ruhrpott-Slang klärte, in dem ich ihm erklärte, dass mein Boot hier im Hafen läge, das ich gerade gekauft habe, bemerkte ich plötzlich, dass direkt neben der Einfahrt eine kleine Blockhütte steht, über deren Tür in großen Buchstaben „Hairdresser“ prangt. Ein Wink des Schicksals oder purer Zufall? Für einen kurzen Moment hörte ich wieder meinen Vater mit seinen mahnenden Worte über meine Mähne, die wie ein Tinnitus in meinen Gehörgängen hallten. 

Nachdem ich die erste Nacht wie ein Stein geschlafen hatte, kratzte ich mich durch die zweite, erschlug zum Zeitvertreib und aus Rache ein paar Mücken. Als ich gegen sieben Uhr genervt und gerädert den Kampf gegen die Blutsauger aufgab, um mir meinen Instantkaffee zu brühen und den Tag zu begrüßen, blickte mich aus dem Spiegel im Badezimmer ein gerupfter Wischmob an. Sah irgendwie scheiße aus. Langsam nervten mich die Haare. Vor allem bei schweißtreibenden Arbeiten am Boot, pieksen die verschwitzten Strähnen in den Augen. Und so kam es, wie kommen musste. Mittags klopfte ich an die Tür des Barbiers, der gelangweilt in seiner Holzhütte saß und abwechselnd auf sein Handy und den Fernseher starrte. „Shave or haircut“, fragte er zur Begrüßung. Auch wenn mir von früheren Aufenthalten in der Türkei noch bewusst ist, dass der Besuch bei einem Barbier durchaus seinen Reiz hat, beschränkte ich mich auf den Haarschnitt. Eins nach dem anderen.

Auf meine Antwort „haircut“ kam ein tiefer Seufzer. Der Barbier deutete mit einem Wink auf den Platz vor dem Spiegel, kramte nach einer Sprühflasche, mit der Spießer in Deutschland ihren Ficus Benjamini bestäuben, und besprühte meine Haare so lange, bis sie tropfnass wie zu lange gekochte Spaghetti am Gesicht klebten. Zu meiner Erleichterung kramte der Frisör nach einer Schere und nicht nach einem Rasierapparat, um mir den Schädel zu scheren. Denn zuvor hatte er mehr befehligt als gefragt, wie ich denn die gerne die Haare geschnitten hätte. Mit nur einem Wort: „Short.“ Dahinter setze er gefühlt drei Ausrufezeichen, fett gedruckt, und ein winziges Fragezeichen. 

Ich nickte. Mit Kamm und Schere klapperte er wie Edward mit den Scherenhänden dicht an meinen Ohren vorbei – ohne dabei aber auf meinen Kopf zu schauen. Vielmehr blickte er in den Spiegel, der vor mir an der Wand hing, und beobachtete darin den Fernseher, wo gerade eine adrette blondierte Moderatorin eine ältere Dame in bäuerlicher Tracht und Kopftuch Punkte und Striche auf die Füße und Hände malte und diese dann massierte. Ich vermute, es ging um das Thema Fußreflexmassage, an dem mein Friseur reges Interesse zu haben schien. Ich fragte mich, welchen Punkt am Körper man wohl stimulieren müsse, um die Blutung an einem abgeschnittenen Ohr stoppen zu können. Plötzlich fragte ich mich, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen der Frisörbude und der daneben liegenden Holzhütte gibt. Denn über der Nachbartür steht in der gleichen Typo „Medical Clinic“. 

Nach einer Viertelstunden Scherengerassel war der Kampf wider Erwarten unblutig beendet. Und ich beeindruckt. Nicht nur waren die Ohren heil geblieben. In den Ohren steckte jetzt sogar jeweils ein Zeigefinger des Frisörs, der Wattebäusche in den Gehörgängen rotieren ließ wie es sonst nur Waschmaschinen mit Frotteehandtüchern im Schleudergang tun. Ob damit keine abgeschnittene Härchen herauspoliert werden sollten oder aber es ein Tipp der Reflexzonentante aus dem Fernsehen war, kann ich nicht sagen. Es war jedenfalls nicht unangenehm. Zumindest im Vergleich zu dem, was dann kommen sollte. Plötzlich fasste der Frisör meinen Kopf zwischen seine beiden Pranken und bog ihn schwungvoll nach rechts und links und wieder nach rechts und wieder nach links. Jovial setzte es dann noch einen schallenden Klaps auf die Schulter. Was ich erst als väterliche Geste deutete, war aber nichts anderes als der Versuch mit zu bedeuten, dass ich mich vornüber lehnen soll, den Kopf tief gebückt ins Waschbecken, damit er mir die Haare waschen konnten. Nach einer behänden Kopfmassage fühlte ich mich wie neu geboren. Daran konnte auch das Fönen nichts ändern. Während der heiße Wind die Haare trocken pustete, schlug der Frisör mit der flachen Hand immer wieder sanft über meine Kopfhaut. Eine Bürste hätte es meines Erachtens auch getan. Aber gut, andere Länder…

Das Ergebnis war jedenfalls ansehnlich. Und ich fühle mich wieder wie ein Mensch. Wer sagt denn, dass Aussteiger lange Haare haben müssen? Manchmal kann sollte man eben doch auf seinen Eltern hören. Auch mit 46 Jahren. Aber wirklich nur manchmal.

 

 

Davits für Dilly-Dally

Die Dilly-Dally-Diaries

 

Den Soundtrack zum neuen Lebensabschnitt liefert das Ploppen der Flip-Flops an den nackten Füßen. Es ist ein gleichmäßiger Takt, ruhig, ohne Hast und Hetze, angepasst an die Umgebung, an das Plätschern der Wellen am Ufer, an das Schlagen der Falle an den Masten im Hafen. Das Quietschen der Fender zwischen den Booten klingt wie eine Bratsche, die hin und wieder für dramatische Soli sorgt. Das Heulen der Böen, die abends von den Bergen brechen, wenn die Sonne, glutrot und aufgedunsen wie heißer Quarzsand von einem Glasbläser, sich im Meer versenkt, erinnert an einen Chor. Es hört sich gut an. Und es fühlt sich noch viel besser an. 

Zwölf Stunden habe ich gepennt. So lange wie seit Jahren nicht mehr. Und das erste, woran ich denke, ist das gleiche, woran ich dachte, als ich einschlief. Eine schöne heiße Tasse Instantkaffee. Eineinhalb Löffel, heißes Wasser und ein Schuss Milch. Für mich schmeckt der einfachste aller Kaffees nach Segeln. So wie Delial nach Sommerurlaub riecht. Aber niemals wäre ich auf die Idee gekommen, in meiner Berliner Altbauwohnung mir morgens einen Instantkaffee zu kochen. Da musste es ein Milchkaffee sein. Aufgeschäumte Milch auf einem Espresso mit der perfekten Crema, natürlich aus einer italienischen Siebträgermaschine. Der Ablauf war automatisiert. Aufstehen, auf dem Weg ins Badezimmer die Maschine aufheizen, dann Kaffee, Kippen, Klo. Der Genuss blieb auf der kurzen Strecke. Routine statt Ritual. 

Auf einem Boot ist das anders. Routine gibt es nicht, kann es gar nicht geben. Denn kaum etwas ist planbar. Der Luxus, den viele mit einem Leben an Bord verbinden, ist sicher nicht Komfort. Denn an Bord, auch wenn mein neues Zuhause mit knapp 43 Fuß komfortabel ist, ist alles eng – und umständlich. Der wahre Luxus liegt aber genau darin: der Entschleunigung. Und dem Selbstverständnis, dass nicht alles selbstverständlich ist.

Das Gas kommt aus einer Katusche, die auch mal leer ist. Das Wasser aus einem Tank, der befüllt werden muss. Verschwendung wird bestraft – durch Extraarbeit. Den Strom liefert die Sonne, und wenn die nicht scheint, bleibt der Kühlschrank warm. Also achtet man automatisch auf den Stromverbrauch. Der Antrieb ist der Wind, der weht wie er will. Mal stark, mal gar nicht. Und wenn doch, dann aus der falschen Richtung. Die Natur bestimmt die Route. Das ist der Reiz. Oder vielmehr der Anreiz. Man fühlt sich plötzlich klein, und dieses Gefühl ist ganz groß. Kleine Dinge werden zum großen Genuss, weil sie nicht mehr selbstverständlich sind. Wie der Instantkaffee. 

Mittlerweile habe ich mein durchgetaktetes Leben vor sechs Wochen verlassen. Jahrelang hatte ich den Takt geliebt. Erst trieb er mich an, dann dann vor sich her. Und als ich nicht mehr mithalten konnte, strauchelte ich. Und irgendwann fiel ich auf die Schnauze. Nur weil ich (im übertragenden Sinne) einen 100-Meter-Lauf in Bestzeit laufen konnte, glaubten andere (und auch ich), dass 200 Meter doch auch im gleichen Tempo zu schaffen sein müssten. Irgendwann wurde daraus ein Marathon, den ich spurten wollte. Hinzu kamen immer neue und immer mehr Aufgaben. Nein-Sagen empfand ich als Schwäche. Hinzu kam sicherlich auch ein übersteigertes Ich. Wenn ich etwas selber machte, dachte ich, wird es wenigstens vernünftig gemacht. Hochmut kommt eben vor dem Fall.

Um wieder geerdet zu werden, beschloss ich aufs Wasser zu gehen.

Als ich Ende August die Tür zu meiner Wohnung in Berlin zuzog, war das mehr als ein normaler Auszug. Allein schon deshalb, weil ich die Wohnung mit allem Inventar verkauft hatte. Selbst die Bilder und sogar Fotos vom Strandsegeln, gedruckt auf Alu-Dipond, wollte der Käufer behalten. Alles, was ich von den vergangenen 46 Jahren mitnahm, passte in einen Golf. Ein paar Klamotten zum Anziehen, Laptop und Kamera und ein kleiner Gummikopf, der je nachdem wie man ihn knetet, Grimassen zieht. 

Ich hatte vermutet, dass mich die Wehmut packen würde, als ich die Wohnung wie zu einem Wochenendtrip verließ. Aber da war: nichts! Außer Erleichterung. Ich hatte erwartet, dass irgendwann der Punkt kommt, an dem ich zweifele, ob die Entscheidung einen festen Job zu kündigen, die richtige war. Er kam nicht. Als ich dann kurze Zeit später zusammen mit einem Freund in die Türkei reiste, um ein Boot zu kaufen, und ich die Dilly-Dally fand, war ich emotionslos glücklich. 

Wahrscheinlich, weil ich keine Minute an meiner Entscheidung zweifelte, und mir klar war, dass sich eins zum anderen fügen wird. Die Begeisterung kam erst kurze Zeit später. Zurück in Deutschland.

Zwei Wochen verbrachte ich bei der Strandsegel-Weltmeisterschaft in Sankt Peter-Ording, wohnte mit wirklich tollen Freunden zusammen. Zum ersten Mal nahm ich an den Wettkämpfen selbst nicht teil, sondern widmete mich ganz der Pressearbeit. Es war noch ein Mal wie ein Ausflug in das alte Ich. Schon früh morgens klingelte das Telefon und verstummte erst am späten Abend. Von früh bis spät stand ich unter Strom. So ziemlich jeder Fernsehsender berichtete über die WM. Es war der Lohn einer jahrelanger Aufbauarbeit. 

Keine 48 Stunden nachdem ich Sankt Peter-Ording verlief, stieg ich in den Flieger. Um 1.15 Uhr am Dienstagmorgen stand ich am Flughafen Hannover. Der Check-in war eine Katastrophe, die Passkontrolle überlastet. Zwei Stunden dauerte das Prozedere. Es störte mich nicht. Ich war froh dieser hektischen Welt zu entfliehen.

Als ich am nächsten Morgen in Bodrum landete, hatte ich – mit Unterbrechungen – vielleicht eine halbe Stunde geschlafen. Von Müdigkeit aber keine Spur. Eineinhalb Stunden dauerte die Fahrt mit dem Mietwagen nach Marmaris. Jeden Kilometer quer durch die Berge und in Serpentinen entlang des Meeres konnte ich genießen. 

Die Dilly-Dally hatte ich über die Agentur Sunbird gekauft. Das Büro war auch am Dienstagmorgen meine erste Anlaufadresse, alle Unterlagen waren dort. Der Kauf war problemlos verlaufen. Peter, der Yacht-Broker, ein hochgewachsener Mann, geboren in Sambia, ausgestattet mit feinem britischem Humor und der Gelassenheit eines Südländers, erwies sich als absoluter Glücksgriff.

Während ich in Sankt Peter-Ording weilte, überführte er die Moody 425, die vor Anker lag, in die Marmaris Yacht Marina am anderen Ende der Bucht, kümmerte sich um einen (preislich günstigen) Liegeplatz, vermittelte einen Mechaniker, der Davits anfertigen lässt und die Solaranlage montiert. Ich hatte Peter gefragt, ob ich ihn beauftragen könne, die Arbeiten zu organisieren. Er lehnte ab. Aber er könne mir helfen, in dem er mir drei verschiedene Anbieter vorstellte, die er für die besten halte.

So kam ich an Brian, einen Briten, der wie Peter schon seit Jahren in Marmaris lebt. Er machte mir einen verbindlichen Kostenvoranschlag mit mehreren Optionen, hielt mich bei jedem Schritt mit Bildern und Konstruktionszeichnungen auf dem Laufenden und riet mir sogar von meinen Plänen, eine überdimensionierte Solaranlage anzuschaffen, ab. Brian rechnete mir haarklein für jedes Gerät den Verbrauch vor – nur um zu dem Schluss zu kommen, dass eine kleinere Anlage mit 3 x 120 Watt schon mehr als genug für mich sei. Mit dem Office der Marina klärte er zudem bereits ab, wo und wann die notwendigen Schweißarbeiten ausgeführt werden können. 

Nach meiner Ankunft in Marmaris regelte Peter sofort den behördlichen Papierkram mit Transitlog, schickte seinen Mitarbeiter mit dem Polster aus der Navigationsecke los, das einen neuen Überzug braucht, empfahl Wäschereien außerhalb der Marinas, die deutlich günstiger sind, beriet mich, wie ich ich am billigsten Wifi aufs Boot bekomme. Zusammen recherchierten wir im Internet nach Routern und Preisen, ehe er mir den Weg zum Turkcell-Geschäft wies. Das alles, ohne dass ein einziger Cent an Peter fließt. Man kann sagen, es hätte schlechter laufen können.

Natürlich gibt es viel zu tun an den ersten Tagen. Erst einmal schauen, was eigentlich alles, wo auf dem Boot verstaut ist. Denn der Vorbesitzer, Hugh aus Südafrika, der nach Hongkong zieht, hat das Boot so verlassen, wie ich meine Wohnung: mit zwei Koffern. Umräumen, aufräumen, wegschmeißen. Gut ein Container ist schon gefüllt worden. Ansonsten erst mal ankommen. Der Beach Club im Hafen bietet da eine hervorragende Anlaufadresse. Und Wlan – solange der Anschluss auf der Dilly-Dally noch nicht freigeschaltet ist. Ich hoffe, dass Turkcell da schneller ist als die Telekom. Aber ich bin guter Dinge. Den auch die Abfertigung am Flughafen haben die Türken besser drauf als die Deutschen.

 

„Und, wie war die erste Nacht auf dem Schiff.“ Diese oder so ähnliche Nachrichten erreichten mich gestern etliche. Ich las sie, nachdem ich den Instant-Kaffee getrunken hatte. Falls ich nicht alle beantwortet habe: „Wie ein Stein!“ 

Strandsegel-WM, das Finale

Strandsegel-WM, race day 5

Strandsegel-WM, race day 4

Strandsegel-WM, Ende gut, Frauen gut

Bei der Weltmeisterschaft der Strandsegler in Sankt Peter-Ording haben die Frauen den Medaillenspiegel des deutschen Teams gerettet. Silber holten Anke Münch in der Einheitsklasse Standart und Gitta Steinhusen bei den Miniyachten. Barbara Starke komplettierte das starke Abschneiden der deutschen Seglerinnen mit einer Bronzemedaille – ebenfalls in der kleinsten Klasse. Bei den Männern segelte als einziger Deutscher der Juister Jens Markowitz auf das Podest. In der größten Klasse, der Klasse 2, wurde er Vize-Weltmeister. 

 

Die Weltmeisterschaft stand unter keinem guten Stern. Selten wurden bei internationalen Titelkämpfen so wenige Rennen in der Wettkampfwoche gesegelt. Erst am vorletzten Tag konnten die 155 Piloten aus 14 Nationen die Norm von mindestens drei Rennen in allen fünf Klassen erfüllen. Zuerst peitschte ein Sturm mit bis zu zehn Windstärken auf die Nordseeküste. Das nur langsam abfließende Wasser hinterließ eine stark ramponierte Piste, extrem schmal und mit gefährlichen Löchern, so dass die Rennleitung aus Sicherheitsgründen keine Rennen starten ließ. Dann setzte Starkregen die tidenunabhängige „Plate“ unter Wasser. 

 

Erst am Finaltag herrschten perfekte Bedingungen. Sonne satt und vier Windstärken. Das Feld der Miniyachten konnte am Vormittag weitere drei Rennen segeln. Das Erfolgsduo Gitta Steinhusen und Barbara Starke nutzte die Chance, um sich mit jedem Rennen in der Frauenwertung auf dem Podium festzubeißen. Silber und Bronze waren der Lohn. Bester deutscher Segler wurde Martin Köhle.  

 

Die größeren Yachten, die einen breiteren Strand benötigen, sollten am Mittag folgen. Ziel war es, dass alle Klassen noch mindestens ein, wenn möglich zwei Rennen, segeln. Besonders für die deutschen Piloten war jedes weiteres Rennen wichtig. Der Schleswiger Sven Kraja lag am Morgen des Finaltags in der Konstrukteursklasse aussichtsreich auf Rang vier, ebenso wie Hans-Werner Eickstädt in der Klasse 3, der schnellsten Segelklasse. Punktgleich mit dem drittplatzierten Franzosen, aber schlechter im direkten Vergleich, wollte Eickstädt auf dem Strand, auf dem er als Kind das Strandsegeln lernte, noch in die Medaillenränge fahren.

 

Nachdem die Miniyachten den Strand verlassen hatten, dauerte es aber knapp zwei Stunden, bis die große Yachten an der Startlinie standen. Zu lange, um die perfekten Bedingungen auszunutzen. Wegen der vielen Besucher am Strand hatte die Organisation die Priorität auf äußerste Sicherheit gelegt, um die Armada der Segler, die bis zu 120 Stundenkilometer erreichen können, im Schritttempo durch das Nadelöhr an der Badestelle in Sankt Peter-Ording zu geleiten. 

 

Als erste der vier Klassen startete die Klasse 5. Sven Kraja setzte sich schnell an die Spitze des Feldes und sicherte sich seinen ersten Tagessieg bei der WM. Nur noch zwei Punkte trennten ihn von Silber. Doch dann nahm der Wind immer weiter ab. Als nächstes sollte die Klasse 2 starten, die erst am Vortag ihr erstes Rennen gesegelt war. Jens Markowitz, der Juister Starkwind-Spezialist, lag sensationell auf Platz zwei. Mit den abflauenden Winden sah er auch seine Chancen auf die Silbermedaillen schwinden. Schwachwind liegt ihm nicht. Doch Markowitz sollte Glück haben. Der Wind sank unter die erforderlichen vier Meter pro Sekunde, die bei einer Weltmeisterschaft konstant wehen müssen. Rennabbruch! 

 

Für Eickstädt ein Desaster. Damit gab es auch kein Rennen in den anderen Klassen mehr. Von Startplatz drei aus hätte er perfekt das Feld anführen und in die Medaillenränge fahren können. Auch für Sven Kraja bedeutete das Ende der Rennen erst Pech, dann Blech. Eickstädt und Kraja mussten sich mit dem vierten Platz begnügen. Enttäuschend verlief die WM für den Olympia-Veteranen und Weltmeister im Tornado Roland Gäbler. In der Klasse 3 hatte er sich eine Platzierung unter den Top-Ten als Minimalziel gesetzt. Mit der Mannschaft, die von den drei schnellsten Seglern einer Klasse einer gebildet wird, hoffte er auf Silber, schielte sogar auf Gold. Am Ende kam Gäbler, geplagt von starken Rückenschmerzen, nur auf Platz 20 und als sechsschnellster Deutscher in de Feld nicht einmal annähernd in die Teamwertung. 

 

Auch die Standarts warteten vergeblich auf einen weiteren Start. Für Anke Münch bedeutete das Silber. Bester Deutscher wurde Roland Heß, der zusammen mit Manfred Nielsen und Waldemar Konopka in der Mannschaftswertung die Silbermedaille holte, ebenso Jens Markowitz mit Kurt Wachkamp und Marco De Pizzol in der Klasse 2. Auch Gitta Steinhusen konnte sich über eine weitere Silbermedaille in der Teamwertung freuen. Mit Martin Köhle und Matthias Böcker kam sie hinter dem Team aus Frankreich auf Platz zwei. Versöhnlich endete die WM auch für Sven Kraja, der mit Heiko Hartmann und Thomas Bents, hinter Frankreich im Team Vize-Weltmeister wurde. Nur in der schnellsten Klasse musste sich die deutsche Mannschaft mit Hans-Werner Eickstädt, Arnd Mahrt und Robert Jacobsen mit der Bronzemedaille begnügen.

 

 

Fazit der WM: In der Mannschaft ist das deutsche Team auf der Sandbank eine Bank.