Archiv der Kategorie: Brambusch macht blau

Open water (Video)

Erst entwickelte die Wasserpumpe ein lautstarkes Eigen- und Nachtleben. Dann röchelte sie nur noch und spie unkontrolliert in die Becken. Ein Rettungsversuch scheiterte. Der Ersthelfer war machtlos. Ersatz musste her. Eine kleine Anleitung zum Pumpentausch. Wenn das Ding nur nicht so blöd im Maschinenraum verbaut wäre. Der epische Kampf Mann gegen Maschine – oder so ähnlich 

Ein fast normaler Tag (Video)

Eine der häufigsten Fragen, die ich höre: „Ist Dir denn nicht langweilig?“ Die Kurzversion der Antwort hat vier Buchstaben: NEIN! Die etwas längere Version dauert vier Minuten (siehe Video). Mal hilft man Freunden, denen ein Sturm in der Nacht zugesetzt hat, mal trifft man sich einfach zum Frühstück oder Abendessen. Einkaufen gehört dazu und ein bisschen mit dem Roller düsen. Ganz ausgelassen habe ich die Stunden vor dem Laptop (sind auch eher langweilig). Und wenn man wirklich mal denkt, es sei nichts zu tun, dann findet sich mit Sicherheit etwas an Bord, das zu reparieren ist. Wie eine defekte Wasserpumpe, die immer mal wieder muckt. Also, ab in den Maschinenraum – und schrauben. Eine gute Idee? Hm, ein studierter Arabist und Islamwissenschaftler, der als Autor arbeitet. Kann das gutgehen?

Better find Saul

Lange nichts mehr geschrieben? Oh, doch! Sogar ziemlich viel. Der vierte Teil der kleinen „Anleitung zum Glücklichsein“, die auf floatmagazin.de erscheint, ist abgeliefert. Dazu kamen noch ein paar Texte für andere Webseiten. Und dann hat mich die letzten Tage eine ganze besondere Geschichte gefesselt. Die von vier Seglern, die auf den Kap Verden im Knast sitzen, verurteilt zu zehn Jahren. Der Vorwurf: Drogenschmuggel im großen Stil. Das Gericht hat in erster Instanz die vier Segler, drei Brasilianer und einen Franzosen, schuldig gesprochen. Ich habe die Urteilsbegründung ausgegraben und die Ermittlungsberichte der brasilianischen Polizei. Zusammen knapp 300 Seiten feinster Krimi-Stoff. Das Ergebnis der Rekonstruktion könnt Ihr hier lesen: Better find Saul

 

Ein Sonnenuntergang im Advent (Video)

Kurz bevor ich die Drohne in den wolkenlosen Himmel über Kaş schickte, las ich etwas von „Schmuddelwetter“ in Deutschland. Nun ja, jedenfalls eine schöne Adventszeit aus der Türkei. Hier ist gerade der Sommer zurück gekommen.

Anleitung zum Glücklichsein, Teil 3

Heute ist der dritte Teil meiner kleinen, ganz privaten „Anleitung zum Glücklichsein“ im Floatmagazin erschienen. Einen kleinen Seitenhieb auf die „Kenn ich, weiß ich, war ich schon-Typen“ unter den Seglern konnte ich mir nicht verkneifen….

 

Hier geht es zum Text.

Morgenrituale (Video)

Frisch gepresster Orangensaft und Kaffee – ein guter Start in den Tag. Dann Frühstück mit den Nachbarn. Und schon ist der halbe Tag vorbei. Könnte schlimmer sein…..

Vorstadtdisco

Die Bimini halb abgebaut und zu einem Schutz für den Niedergang umfunktioniert
Die Bimini halb abgebaut und zu einem Schutz für den Niedergang umfunktioniert

Es ist wie eine kleine Zeitreise. Zum Anfang der 90er Jahre, das Abi in Sicht, der Blick vernebelt. Der DJ dieselt die Tanzfläche ein. London im Herbst ist nichts dagegen. Dazu trippelt der Beat wie tausend kleine Füße, liefert den Grundton des Abends, dramatisch unterbrochen von einem lauten WUMMS. Immer wieder diese dumpfen Bässe. Dazu feuert das Stroboskop Blitze in die Nacht. Stundenlang. Eine Nacht in der Vorstadthölle, vor den Toren Celles. „Inkognito“ hieß die Disco damals. Und so heißt sie auch heute noch. Am nächsten Morgen dröhnt der Kopf, überall im Zimmer liegen verstreut verschwitzte Klamotten. So war das damals. Und so ähnlich ist auch heute. Same same, but different.

 

Die Nacht war kurz. Der Beat hat mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Die Blitze, das Wummern wie Kanonenschläge, der heulende Wind, so weinerlich wie Morrissey. Das Konzert wollte kein Ende nehmen. Das erste nasse T-Shirts der Nacht hängt im Badezimmer, das zweite liegt in der Küche. Die Jacke tropft im Durchgang zur Achterkabine mit den zwei Stockbetten. Im Bug sieht die Matratze aus als hätte dort jemand gelegen, der sich im Schlaf eingenässt hat. Ein wunderschöner großer Wasserfleck färbt die Unterlage tiefblau. Plopp. Der nächste dicke Tropfen seiht sich von der Lüftung auf die Matratze ab. Draußen wird das Wummern wieder lauter. Das Trippeln auf dem Deck wird zum Stechschritt. Noch eine Gewitterfront?

 

Am Abend ging es los. Regen. Langweilig wie in Hamburg nieselte er die Marina in Kaş ein. Unter Deck suchte ich Fotos für den nächsten Artikel im Float-Magazin zusammen, schnitt sie auf richtige Maß, lud sie hoch und versendete den Link. Nach einer Kanne Tee war mir noch nicht nach Schlafen. Aber ich kuschelte mich schon mal in die Koje, den Laptop auf der Bettdecke: Netflix. Herrlich.

 

Um kurz nach elf Uhr trommeln dicke Tropfen wie nervöse Finger auf der Luke. Ein schöner Sound. Ich mag ihn. Der Wind schickt die ersten Böen, die wie Buhrufe im Hafen hallen, Fallen klatschen in den Masten Applaus. Die Dilly-Dally ruckt unangenehm in den Festmachern. Oben, auf dem Achterdeck, scheppert irgendwas. Wahrscheinlich der Schrubber, den ich an die Davits gelehnt hatte. Dann beginnt draußen die Lichtershow, Blitze zucken vom Himmel, für kurze Zeit ist die Kabine taghell. Ich zähle. Eins, zwei, drei, vier. WUMMS. Das Gewitter ist also ungefähr vier Kilometer entfernt. Auch in den vergangenen Tagen gab es immer mal wieder kleine Unwetter. Aber entweder blieben sie über der See oder hingen in den Bergen. Die nächste Bö zerrt am Boot. Oben an Deck wird es lauter. Ich quäle mich aus dem Bett, werfe einen Blick vom Niedergang aus ins nasse Cockpit. Der Wind spuckt mir Regen ins Gesicht. Eine Bö wütet an der Bimini, hat sie schon halb aus der hinteren Verankerung gerissen.

 

Ich stürme an Deck, versuche die Halterung mit Seilen zu sichern. Scheint zu halten. Klitschnass gehe ich zurück unter Deck, werfe das T-Shirt ins Badezimmer. Das Wummern des Donners wird leiser. So bedrohlich die Naturgewalten auch scheinen mögen, sie haben auch etwas Faszinierendes. Ein paar Minuten schaue ich dem Schauspiel am Himmel noch hinterher. Dann krieche ich wieder unter die Bettdecke. Auch nicht schlecht.

 

Gerade habe ich den ersten Teil der Serie Fugitiva beendet, als wie aus dem Nichts ein Blitz im Hafen einschlägt. Kurz ist es gleißend hell. Das Licht verschwindet ohrenbetäubend mit einem dumpfen Kanonenschlag. Wind reißt am Schiff. Sekunden später stehe ich im nächsten Shirt an Deck, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, dass die Bimini wie ein fliegender Teppich abheben will. Ich muss sie abbauen. Links und rechts zucken immer wieder Blitze vom Himmel, der Donner lässt nicht lange auf sich warten. Das Gewitter muss also noch über mir sein. Bei jedem Blitz zucke ich zusammen, Wasser rinnt mir durchs Gesicht, das Shirt klebt durchsichtig wie bei einem Wet-T-Shirt-Contest an meinen Körper. Gut, dass ich vorhin noch Sport gemacht habe. Nach fünf Minuten ist die Bimini gesichert. Hoffe ich zumindest. Die nassen Klamotten lasse ich irgendwo im Schiff fallen, lege mir aber noch trockene aufs Bett. Wahrscheinlich werde ich sie noch brauchen. Auf dem Navigationstisch platziere ich die Stirnlampe, Messer und Werkzeug. Man weiß ja nie. 

 

Zurück im Bett rufe ich die Satellitenbilder von der türkischen Küste auf. Ein riesiger Wirbel dreht sich über dem Mittelmeer, zieht auf Kaş zu. Na toll. Aus dem dunklen Blau der Regenwolken bilden sich blitzschnell rote Gewitterzonen. Eine sitzt gerade genau über mir. In einer halben Stunde sollte sie aber weg sein. Doch über Zypern braut sich die nächste riesige Front auf, Marschrichtung Kaş. Dazwischen Regen. Und Sturm. An Schlaf ist also nicht wirklich zu denken. Immer wieder treffen Böen die Dilly-Dally wie Tiefschläge eines Boxers. Noch einmal drehe ich eine Runde im Regen an Deck, um zu sehen, ob alles gesichert ist. Mittlerweile ist es halb zwei. Der Regen hat etwas nachgelassen, hinten, am Horizont Richtung Fethiye, leuchtet es immer noch auf. Der Donner ist kaum noch zu hören. Auf den Satellitenbilder ist zu sehen, dass sich das Gewitter über Zypern etwas beruhigt hat. Gegen halb sechs dürften die Ausläufer aber Kaş erreichen. Dafür entstehen immer wieder neue. 

 

Die Nacht ist unruhig. Starkregen, Gewitter, Sturmböen. Pünktlich um halb sechs ist das große Gewitter da. Allerdings weniger heftig als erwartet. Ich versuche noch mal zu schlafen. Um acht stehe ich auf. Gegen neun wollten ein paar Freunde zum Frühstück kommen. Pfannkuchen soll es geben. Aber es schüttet so, dass sich keiner aus seinem Schiff wagen möchte. Einer nach dem anderen sagt per Whatsapp ab. Verständlich. Immer wieder grollt Donner, zucken Blitze. Draußen röhren die Motoren an den Booten der Marineros, die die Stege abfahren, um zu schauen, ob noch alle Moorings halten. Das Beiboot gleicht einem Pool, wie eine Plastikente schwimmt in dem zentimetertief stehendem Wasser der Benzinkanister. 

 

 

Ich koche mir einen Kaffee, der Kopf fühlt sich wie verkatert an. Wahrscheinlich der Schlafmangel. Es ist wie damals, nach einer dieser Nächte in der Vorstadtdisco von Celle. Der nächste Morgen ist meist leer. Und dennoch hat er eine ganz eigene reizvolle Stimmung, die eine Lizenz zum Nichtstun beinhaltet. Ich glaube, ich werde gleich mal die Serie von gestern abend weiter schauen. Ein guter Plan für einen verregneten Tag. Aber erstmal mache ich mir einen Pfannkuchen. Draußen hat gerade irgendwer wieder das Licht ausgeknipst. Mitten am Tag. Dafür ist der Stroboskopblitz wieder an. Immer diese Wiederholungen. Nervig. Gut, dass es Netflix gibt.

Mooring mit den Marineros in Kaş

Ohne die Marineros in der Kaş-Marina gäbe es sicherlich viel Bruch. Mit ihren Beibooten helfen sie beim An- und Ablegen. Funken, Anfordern und schon sind sie da. Während sich einer der Hafenjungs um die Mooring kümmert, übernimmt der andere die Heckleinen. Dabei wird das Schlauchboot auch gerne mal als Bugstrahlruder eingesetzt. Bevormundung? Nö, sie wollen einfach sichergehen, dass die Schiffe im Hafen heil bleiben und nicht von Freizeitkapitänen über den Haufen gefahren werden.

Anleitung zum Glücklichsein, Teil 2

Heute ist der zweite Teil meiner kleinen Anleitung zum Glücklichsein im Float-Magazin erschienen. Diesmal dreht sich alles um den Bootskauf. Verpackt in kleinen Anekdoten. Im besten Falle ist vielleicht der eine oder andere Tipp sogar hilfreich. Wenn nicht, dann eben nicht….

 

Hier geht es zum Text!

 

Und den ersten Teil, findet Ihr hier!

 

Wenn der Abfluss mal verstopft ist, ….

Wenn der Abfluss mal verstopft ist, ja was ist denn schon dabei, dann geht der Taucher ran, dann geht der Taucher ran…. Problem? Einfach fragen? Irgendein Nachbar hat schon eine Taucherausrüstung – und der nächste Nachbar filmt.

Wolken? Wer wird denn gleich in die Luft gehen?

Ein trüber Tag Ende November. Die einen hängen einfach ab (komischerweise im Mast), andere dösen vor sich hin (mein Besuch). Zeit, doch einmal mit der Drohne zu üben. Ein paar Schnapsschüsse aus der Marina in Kaş. Zusammen mit türkischen Bootsnachbarn. 

Die Lizenz zum Türken

Das "Weiße Haus" irgendwo am Wegesrand. Und der Hausherr spaziert im Garten
Das „Weiße Haus“ irgendwo am Wegesrand. Und der Hausherr spaziert im Garten

Es wäre falsch zu sagen, dass sie nicht da wäre, diese leichte Skepsis. Was wäre wenn…?

 

Der Fiat erklimmt die nächsten Serpentinen. Noch scheint die Sonne. Aber in den Bergen vor uns hängen tiefe schwarze Wolken, nass wie ein vollgesogener Schwamm, die nur darauf warten die Straßen in kleine Bäche zu verwandeln. Im Schritttempo quält sich ein LKW unter Last von Felsbrocken auf der Ladefläche den Berg empor, die Reifen platt, der Qualm aus dem Auspuff so dunkel wie der Himmel, der sich hinter der nächsten Biegung entlädt.

 

Unten im Tal liegt Demre, eine kleine Stadt an der Küste, in die sich aber kaum ein Tourist verirrt. Der Strand ist grau und grob wie die Architektur, die an Ostblock erinnert, die Stadt besteht aus bröckelnden Plattenbauten, so scheint es. Direkt hinter der Küstenstraße beginnen schon die einfachen Gewächshäuser. Oben, von den Serpentinen aus, sahen sie aus wie in Frischehaltefolie eingewickelte Tomaten.

 

Demre endet an einem kleinen Süßwassersee, dessen Ufer von pittoresken Fischrestaurants gesäumt wird. Von dort aus schlängelt sich die Küstenstraße D-400 um jede noch so kleine Bucht. Kurve folgt auf Kurve, Anhöhe auf Anhöhe. Das Wasser in den Buchten schimmert türkis. Angler werfen ihre Ruten aus. Die Wolken bleiben im Tal von Demre gefangen. Jetzt scheint wieder die Sonne. Bis Kemer sind es noch etwa zwei Stunden Autofahrt. Zwei Stunden, in denen meine Gedanken nur um die eine Frage kreisen.

 

Was wäre wenn…? Der Rucksack mir zu Füßen ist voller Unterlagen. Natürlich ist da der Antrag für die Residentship in der Türkei, die Aufenthaltsgenehmigung, die es mir ermöglichen soll, zunächst ein Jahr lang in der Türkei zu leben. Deshalb sitze ich im Auto, bin auf dem Weg nach Kemer. Das Migrationsbüro in Kaş wurde dummerweise vor wenigen Monaten geschlossen. Das nächste ist eben in Kemer. 147 Kilometer entfernt. Das Navi sagt: 2:19 Stunden. Es werden fast Zweidreiviertel Stunden. 

 

Im gleichen Ordner wie das Antragsformular liegt der Nachweis einer türkischen Krankenversicherung, die ich trotz der deutschen Police abschließen musste, der Vertrag mit der Marina in Kaş, die meine neue Adresse ist, Kopien vom Ausweis, mit dem ich eingereist hin, vier biometrische Passbilder, die ich am Vortag habe machen lassen und natürlich der Beleg dafür, dass ich die Gebühren für die Aufenthaltsgenehmigung bereits bezahlt habe.

 

„Hast Du Deine türkische Steuernummer dabei“, fragte Mark, der Südafrikaner, noch kurz bevor ich nach Kemer aufbrach. „Meine Steuernummer?“ Nein, die hatte ich nicht. „Ist kein Problem, die zu bekommen“, sagte Mark wie gewohnt gelassen. „Du brauchst nur ein türkisches Bankkonto. Das bekommst Du, wenn Du… Bank… Antrag…Amt… nette Frau….Kreditkarte….Bank….Amt…. Bank…. alles kein Problem“. Ich hörte nur noch mit einem halben Ohr zu. In meinem Kopf ratterte es, im Geiste ging ich noch einmal die Anforderungsliste der Behörde durch. Von einer Steuernummer, da war ich mir sicher, hatte ich nichts gelesen. Also musste es auch ohne Steuernummer gehen. Hoffte ich. Um am Ende nicht irgend einen Beleg zu vergessen, packte ich vorsichtshalber den halben Navigationstisch in meinen Rucksack.

 

In einem anderen Ordner habe ich nun sämtliche Bootsdokumente. Das Transitlog, den Kaufvertrag, für alle Fälle den internationalen Bootsschein und die Bootsversicherung. In einen dritten Ordner habe ich alles geworfen, was irgendwie amtlich aussah. Sogar meinen Impfpass. Nicht, dass die Tour nach Kemer an irgendeinem fehlenden Dokument scheitert. Zudem habe ich mein transportables Wifi eingepackt und das Laptop, um mich auf Wunsch des Beamten in den Account meiner Bank einwählen zu können, um zu belegen, dass ich im kommenden Jahr nicht zum Sozialfall werde. All das könnte in dem „Interview“, dass ich um 16.30 Uhr mit der Migrationsbehörde vereinbart habe, verlangt werden. Und dann war da noch die Frage nach meinem Beruf. Ich wählte: Autor. 

 

„Interview“, so wird der Termin in Kemer genannt, klingt irgendwie beängstigend. Ich habe Szenen im Kopf wie Manfred Krug damals „Auf Achse“ war, irgendwo in einer staubigen, abgelegenen Gegend in einem Büro festgehalten wurde von schwitzenden grimmigen Männern in olivgrünen Uniformen. An der Decke drehte sich eiernd ein Ventilator. Wupp, Wupp, Wupp. Und natürlich hatte ich die Stimmen im Kopf, als ich erstmals im Bekanntenkreis von meinen Plänen erzählte, aus meinem geregelten Leben auszusteigen, um auf einem Boot in der Türkei zu leben. „In der Türkei? Bist Du wahnsinnig??? Als Journalist!“

 

Ich war mir sicher, dass entgegen der landläufigen Meinung in Deutschland eine Einreise als Tourist völlig unbedenklich ist. Etliche Male war ich bereits in der Türkei, hatte zu Studienzeiten in Palästina gelebt. Vor Ort sah das Bild jedes Mal vollkommen anders aus als die Szenarien in den Köpfen an deutschen Schreibtischen.

 

Aber die aktuelle Paranoia hinterließ bei mir winzig kleine Spuren. Was wäre wenn…? Auch als Stephan Boden, ein Segeljournalist, mich beim Bootskauf begleitete, bekam er gut gemeinte Tipps aus seinem Bekanntenkreis. „Mutig in die Türkei zu reisen. Ich hoffe, Du hast Deinen Journalistenausweis nicht dabei….“, schrieb einer auf Facebook. Andere fanden es moralisch verwerflich in diesen Staat zu reisen, wieder andere machten sich einfach Sorgen. 

 

Doch auch dieses mal war das Bild vor Ort ein völlig anderes als aus der Ferne, wo ein kleines Mosaiksteinchen zu einem gewaltigen Bild aufgezoomt wird und alle anderen Facetten überschattet. Das, was auf diesem einen kleinen Steinchen abgebildet ist, muss nicht falsch sein, aber es ist eben bei weitem nicht das ganze Bild. 

 

„Aber was wäre wenn….?“. Noch eine knappe Stunde bis Kemer. Es regnet wieder. Ein Lkw ist von der Straße gerutscht. Ich habe keine Sorge vor irgendwelchen Problemen mit den Behörden. Aber gerade weil bislang alles so unglaublich glatt gelaufen ist, frage ich mich, wann denn der erste Dämpfer kommen mag. Wenn die Aufenthaltsgenehmigung nicht erteilt wird, gibt es dann einen Plan B? Bis Anfang Januar dürfte ich noch mit meinem Touristenvisum in der Türkei bleiben, dann dürfte ich aber erst wieder nach drei Monaten erneut einreisen – wieder für drei Monate. Und in der Zwischenzeit?

 

Mittlerweile habe ich viele Segler kennengelernt, Ausländer, die in der Türkei leben – und natürlich sehr viele Türken. Jeder sagte mir, dass es überhaupt kein Problem sei, die Residentship zu erhalten, wenn denn alle Unterlagen vorlägen. Ich werfe noch mal einen Blick in den Rucksack. Alles da. Außer die Steuernummer. 

 

Zwei Stunden vor dem Termin kommen wir in Kemer an. Eine Touristenhochburg, die mal fest in deutscher Massentourismushand war. Mittlerweile dürften die Russen die Stadt erobert haben. Zumindest zeugen die Speisenkarten und Schriftzüge an Geschäften in Kyrillisch davon. Die Stadt ist wie ausgestorben. Die Saison ist vorbei. Wie ein großer Klotz liegt das Administrationsgebäude unweit des Hafens. Um sicher zu gehen, vor dem richtigen Gebäude zu stehen, frage ich bei der Security nach. „Ikamet?“ Der nette Wachmann schüttelt den Kopf, begleitet mich aus dem Gebäude, weist mir den Weg um das Gebäude herum. Lars, der derzeit zu Besuch ist, sucht eine Toilette. Ich gehe durch die Tür. Eigentlich hatten wir aus Spaß ausgemacht, noch ein Foto zu machen, bevor ich zum „Interview“ gehe. 

 

In dem Büro sitzen vier Beamte. Ich frage, ob ich richtig sei. Ein Beamter nickt. Ob ich einen Termin habe? „Ja“, sage ich, „aber erst in zwei Stunden.“ „No problem“, sagt der Mann und winkt mich zu seinem Schreibtisch. Ich packe meine Unterlagen aus, er tippt meinen Namen in den Computer, blickt stumm auf den Bildschirm. Ob ich alle Unterlagen dabei hätte. Ich breite den Inhalt meines Rucksacks auf dem Schreibtisch aus. „Auch eine Kopie des Transitlogs?“ „Kopie nicht, aber das Original“, erkläre ich. Er brauche eine Kopie, sagt der Mann – für die Akte. Er zeigt zeigt auf einen roten Pappordner. Könne ich aber nachher machen und vorbeibringen. Ich atme auf. Der Mann geht die Unterlagen durch, spricht mit seinen Kollegen, lacht. Alles sehr entspannt. Dann nimmt er das Transitlog und legt es auf den Kopierer, der auf seinem Tisch steht. Er muss dazu nicht einmal aufstehen. Sorgfältig tippt er auf seiner Tastatur, druckt, locht und heftet ab. Nur einmal blickt er auf: „You have studied?“, fragt er. Ich bejahe. Er nickt anerkennend. „And your profession is …. writer?“ Kurz schlucke ich. Er streckt mir den Daumen entgegen. „Good!“ Noch einmal druckt er etwas aus. Ich erkenne mein biometrisches Passbild darauf und den Schriftzug „Turkiye Cumhuriyeti“, darunter „Residence Permit“. Stempel wandern über das Dokument. „That’s it“, sagt der Mann. „Welcome!“ Nach zehn Minuten ist das „Interview“ vorbei. Ich brauche keinen Plan B. Das nächste Jahr in der Türkei ist gesichert. Schnell und unkompliziert. 

Am nächsten Morgen sitze ich im Cockpit der Dilly-Dally und berichte von meinen Erfahrungen einem jungen Paar, er stammt aus Alaska, sie aus Australien. Vor vier Jahren sind sie in Florida mit einer Dufour 37 aufgebrochen, erst durch die Karibik gesegelt, dann haben sie nach Europa übergesetzt. Jetzt wollen auch sie in Kaş überwintern. Am Montag müssen sie nach Kemer. Wir tauschen Erfahrungen aus. Auch sie hatten sich gefragt: „Was wäre wenn…?“. Die Sorge kann ich ihnen nehmen. Der Ami ist beruhigt. Hauptsache Trump lässt bis Montag seine Finger von Twitter.