Kategorie: Brambusch macht blau

Die Zahnfee und ich

Lee hatte bereits von dem Stuhl geschwärmt. Sehr bequem sei der neue Ottomane, voll elektrisch und beliebig verstellbar. Gleich als der Wundersessel im Wert von
30.000 Euro geliefert worden war, hatte Lee darin Platz genommen und an all den Knöpfen gespielt. Bis seine türkische Freundin ihn des Raumes verwies. Sie fürchtete, der ehemalige Rugby-Spieler
aus Wales, der in der Marina auf einem Segelboot lebt, würde das gute Stück kaputt spielen.

 

Als ich Wochen später auf dem Stuhl Platz nehme, stehen mir Schweißperlen auf der Stirn. Eigentlich ist das untertrieben, der Schweiß mäandert wie der Amazonas bei
Hochwasser durch mein Gesicht. Ich bin gefüllt in ein weißes Büßergewand, mein blondes Haar versteckt sich unter einer Haube, an den Schuhen trage ich Plastiküberzieher. Kurz versuche ich noch an
Lees Worte zu denken und herauszufinden, ob der Sessel wirklich so bequem ist. Aber das grelle Licht, das mir ins Gesicht blendet, bündelt meine Gedanken wie ein Laserstrahl auf nur ein Szenario:
Schmerzen. Lees Freundin, auf deren Wunderstuhl ich gerade sitze, ist Zahnärztin. Auch wenn ich bei meinen Türkischkurs das Kapitel „Beim Zahnarzt“ noch nicht durchgenommen habe, kann ich die
wenigen Worte, die die Zahnärztin an ihre Assistentin richtet sehr gut verstehen. Wobei es weniger die Worte sind, vielmehr ist es ihre Mimik. Sie passen zu den Schmerzen, die ich seit langem
aushalte. Mal stark, mal kaum spürbar. Aber immer irgendwie da. Wie die meisten Männer glaube ich an die Selbstheilungskräfte bei Zahnschmerzen. Wie alle Männer muss ich zugeben, dass es sie
nicht gibt. So sehr ich das auch wünsche.

 

Vor zweieinhalb Jahren, es waren meine letzten Wochen in Deutschland, saß ich das letzte Mal auf einem Zahnarztstuhl. Aus der Zahnreinigung wurde erst eine
Parodontose-Behandlung, aus dem prophylaktischen Röntgenbild eine Bestandsaufnahme des Grauens. Mit sehr ernster Miene erklärte mir Frau Doktor, dass ein bereits verkronter Backenzahn im rechten
Oberkiefer gezogen und durch ein Implantat ersetzt werden müsse. Mit ihrem Kuli deutete sie auf das schwarzweiße Abbild eines Gebisses mit einer markanten Zahnlücke. Keine Frage, das war meine
Kauleiste. „Sehen Sie den Schatten hier?“, fragte die Frau in Weiß. Ich nickte, auch wenn ich nichts sah. Ebenso wenig wie ich etwas spürte. Für mich war der Zahn vollkommen okay. Skeptisch wurde
ich, als die Dame mir eine Zahnärztin am anderen Ende Berlins empfahl. „Aber ich könne doch“, fragte ich behutsam nach, „auch zu jedem anderen Spezialisten gehen.“ In Hamburg hätte ich einen sehr
guten Zahnarzt, der mir bereits ein Implantat verpasst hatte. Die Ärztin kräuselte die Stirn. Ja, theoretisch schon. Aber sie könne mir nur raten, ihre wirklich, wirklich gute Kollegin in Berlin
aufzusuchen, mit der sie sehr gut zusammenarbeite. Als Privatpatient ahnte ich bereits, wie die Zusammenarbeit aussehen könnte – nämlich im Aufteilen der üppigen Honorare.

 

Wie gesagt, wider besseren Wissens vertraute ich lieber auf die magischen Selbstheilungskräfte meiner Zähne. Außerdem hatte ich auch gar keine Zeit mehr für eine
langwierige Zahnbehandlung. In wenigen Wochen würde ich Deutschland den Rücken kehren und auf ein Boot in der Türkei ziehen. Und dort, da war ich mir sicher, würde es auch Zahnärzte geben. Oder
zumindest einen Hofschmied auf dem Marktplatz mit einer großen Zange, desinfiziert über der offenen Flamme eines lodernden Feuers. 

 

Natürlich sollte ich Recht behalten. Monate vergingen ohne Zahnschmerzen. Es dauerte ungefähr ein Jahr, dann schlichen sie sich leise an, klopften zaghaft ans
Zahnfleisch – aber gerade so, dass sie zu ertragen waren. Dann waren sie wieder weg. Und kamen Wochen später wieder, blieben länger, ehe sie wieder verschwanden. Es war die Zeit, in der ich immer
noch daran glaubte, dass sie eines Tages gar nicht mehr wiederkommen würden. Aber kaum hatten wir den Hafen verlassen, um ein paar Wochen zu segeln, sagten sie wieder Hallo. Und dann als der
Lockdown im Frühjahr kam, die Arztpraxen geschlossen hatten, blieben sie erstmals länger da. Als die Praxen wieder öffneten, waren sie weg. Und was macht man als vorausschauender Mann in so
seiner Situation? Logisch, abwarten und beobachten! Nichts überstürzen. Schon gar keinen unnötigen Zahnarztbesuch. 

 

Umso entsetzter war ich, als meine Freundin in einem Akt ungeheuren Ungehorsams über meinen schmerzenden Schädel hinweg, einen Termin bei der ortsansässigen
Zahnärztin ausmachte. War das wirklich nötig? Denn natürlich verflüchtigten sich die Schmerzen just an dem dramatischen Tag. Für mich, ganz klar, ein Wink des Schicksals, dass endlich die
Selbstheilungskräfte ihren Dienst angetreten haben. Und so überlegte ich kurz, es den Schmerzen gleich zu tun und mich zu verflüchtigen. Allein mir fehlte der Mut dazu. Die Rache der Freundin
wäre furchtbar gewesen.

 

Also sitze ich eines schönen Tages auf diesem noch schöneren Zahnarztstuhl, draußen scheint die Sonne von einem strahlend blauen Himmel, während der helle
Halogenstrahl meinen Mund bis ins kleinste Detail ausstrahlt. Doch das, was die Zahnärztin sieht, gefällt ihr anscheinend gar nicht. Sie will es nochmals beleuchten. Diesmal mit Röntgenstrahlen.
Schwuppdiwupp habe ich eine kleine Platte an der Backe und schon wenige Sekunden später erstrahlt mein prächtiges Gebiss in schwarzweiß auf dem Monitor oberhalb des Wunderstuhls. Nur mit einem
Unterschied zu dem Bild von vor zwei Jahren. Jetzt erkenne sogar ich die Schleier an der Zahnwurzel, die, wie die Zahnärztin in ruhigen Worten erklärt, auf eine Entzündung hinweisen. Sie runzelt
die Stirn, schaut mitleidig in mein schweißgebadetes Gesicht und sagt mit bedrückter Stimme: „So leid es mir tut, den kann ich nicht mehr retten. Der muss raus.“ 

Es scheint, als sei sie überrascht, als die Überraschung meinerseits ausbleibt. „Das hatte ich befürchtet“, sage ich. „Das hat die Zahnärztin vor zwei Jahren auch
schon gesagt.“ „Vor zwei Jahren“, wiederholt die Frau in Weiß etwas ungläubig. Dahinter setzt sie gefühlt drei, nein, mindestens fünf Fragezeichen. Dann stöhnt sie auf. „Typisch Mann! Warum könnt
ihr nicht einmal auf einen Arzt hören?“ Und dann erklärt sie, dass ich gerade noch rechtzeitig in die Praxis gekommen bin. Wahrscheinlich nur ein paar Wochen später hätte die Entzündung auf die
benachbarten Zähne übergreifen können. „Sollen wir den Zahn gleich ziehen oder einen neuen Termin vereinbaren?“, fragt sie mich. 

 

Der Fluchtreflex ist groß, die Gelegenheit günstig – schließlich schmerzt der Zahn ja an diesem Tag nicht. Aber, ganz Mann, sage ich: „Ziehen wir ihn gleich.“ Die
salzige Schweißperle, die gerade über meine Wange rinnt, konterkariert dabei nur leicht meine wilde Entschlossenheit. Behutsam setzt die Zahnärztin die Spritze, injiziert an mehreren Stellen,
sehr langsam, sehr sorgsam. Wahrscheinlich ist es überflüssig zu sagen, aber ich hasse Spritzen. Das mag daran liegen, dass ich als Jugendlicher einmal in Ohnmacht gefallen bin, als der Arzt in
einer brutalen Aktion mit einer feinen Nadel einmal in meine Fingerkuppe gepikst hatte, um mir einen Tropfen Blut zu stehlen. Das Trauma ist bis heute nicht überwunden. 

 

Nun denn: Diesmal merke ich kaum die Nadel und auch das Ziehen des Zahns ist fast angenehm. Es dauert ein paar Minuten, weil sich die langen Wurzeln gegen die
Extraktion zur Wehr setzen, aber die ganze Behandlung – ich kann es nicht anders sagen – ist erstaunlich unaufgeregt. Die Zahnärztin versorgt das klaffende Loch, gibt ihre Handynummer, sollte es
zu irgendwelchen Komplikationen oder Schmerzen kommen, soll ich mich sofort anmelden. Falls herkömmliche Schmerztabletten nicht ausreichen sollten, will sie mir ein Rezept geben. Doch es kommt
anders. Selbst als die Spritze nachlässt, sind die Schmerzen gut auszuhalten – auch ohne jedes Medikament. Die Wunde heilt prächtig, das einzig Peinigende ist der Verzicht auf Zigaretten für die
ersten sechs Stunden.

In zehn Tagen soll ich zur Nachkontrolle kommen. Wieder ist das Wartezimmer aufgrund einer ausgezeichneten Terminvergabe leer, wieder hülle ich mich in die
Schutzkleidung, die die Corona-Pandemie verordnet. Kurz lasse ich den Blick aus dem Fenster über den Stadthafen wandern, dann nehme ich auf dem Wunderstuhl Platz, der grelle Halogenstrahl findet
den Weg in meinen Mund. „Irgendwelche Probleme?“, fragt die Ärztin. Mit offenem Mund gurgele ich ein „ähäh“ und schüttele dabei leicht meinen Kopf. „Sieht gut aus“, sagt die Ärztin wie zur
Bestätigung.

 

Bei dem ersten Termin hatte ich mich nach einem Implantat erkundigt. Ich weiß, dass einige Segler aus Norwegen und England, deren Boote ebenfalls in der Marina
liegen, ihre Urlaube oft mit einem Besuch bei der Zahnärztin verknüpfen, um ihr Gebiss auf Vordermann bringen zu lassen – Implantate eingeschlossen. Immer waren sie mehr als zufrieden. Ich bin
verwundert, als meine Frage nach dem Implantat, eher auf Ablehnung trifft. „Wirklich?“, fragt die Zahnärztin. Schließlich sei die Zahnlücke doch nicht zu sehen, außerdem sei das Einsetzen so weit
hinten im oberen Rachenraum nicht optimal. Und: „Das kostet doch Geld!“ Eigentlich sei ein Implantat überflüssig. Ich bin baff. Als Privatpatient in Deutschland war ich es gewohnt, dass mir jede
erdenkliche Leistung aufgeschwatzt wird. Und so entscheide mich bei dem Kontrolltermin gegen ein Implantat. Die Zahnärztin scheint zufrieden, dass ich auf ihren Rat höre.

Als ich mich im Wartezimmer der Schutzkleidung entledige, drehe ich mich beschwingt vor dem Spiegel. „Steht mir gut, oder?“, frage ich die Sprechstundenhilfe. Sie
lacht. Und nickt. Gerne könne ich den weißen Einweg-Overall mitnehmen. Ich winke ab. So gut steht er mir auch wieder nicht. Doch dann entscheide ich mich um. Im Winter muss ich das
Unterwasserschiff neu streichen. Da könnte ich den Schutz gut gebrauchen. Also packe ich ihn ein. Im Bootszubehörladen in Deutschland kostet er immerhin 6,99 Euro. 

 

Dann kommt der unangenehme Teil – das Bezahlen. Aber was soll’s. Ich bin ja versichert. Zweimal saß ich auf dem Stuhl, ein Röntgenbild wurde gemacht, ein Zahn
gezogen. Die Zahnärztin rechnet. „200“, sagt sie dann. Ich frage, ob ich auch in Lira bezahlen kann. Sie schaut mich irritiert an: „Ja, ja, 200 Türkische Lira.“ Jetzt bin ich verdutzt. 200 TL
entsprechen rund 20 Euro. Ich will intervenieren, das sei zu günstig. Sie lächelt: „Das passt, ist ein Freundschaftspreis!“ Kurz überlege ich, noch weitere Zähne ziehen zu lassen. Das Angebot
sollte ich ausnutzen. Der Reflex ist ähnlich wie an der Supermarktkasse. Auch da greife ich gerne zu Angeboten, auch wenn ich sie eigentlich nicht brauche. Aber ich lasse es dann doch.

 

Am gleichen Tag muss ich einen Handwerker in Berlin bezahlen, der in meiner vermieteten Wohnung das WC austauschen soll. Der berechnet 60 Euro. Nur für die Anfahrt –
dabei beträgt die nur 400 Meter. Dazu kommen dann natürlich noch mal 90 Euro pro angefangener Stunde. Er brauchte etwas mehr als eine….

Ein Hund macht auch blau

Die erste Rezension ist da! Das Float-Magazin ist auf den Hund gekommen und hat das neueste Buch „Cingene – vom Straßenstreuner zum Bordhund“
besprochen. 

 

Und so beginnt der Text: „Jens Brambusch ist auf den Hund gekommen. Seit Anfang des Jahres hat er eine kleine Nomadin an Bord, der das Seeleben offenbar gut gefällt.
Die buntgescheckte Hündin ist eine ehemalige Rumtreiberin. Bevor sie ihre Pfoten auf die Segelyacht „Dilly-Dally“ setzte, war sie eine echte Landratte. Inzwischen hat Çingene (was übersetzt
Zigeunerin heißt) weit über 1.000 Seemeilen auf ihrem haarigen Salzbuckel.“

 

Hier geht es zum ganzen Text.

 

Und hier zu weiteren Infos über das Buch inklusive Bestellung..

Cingene – der Comic

Der Comic zu „Çingene – vom
Straßenstreuner zum Bordhund“. Das Buch beschreibt das Leben von Çingene, einem türkischen Straßenhund, auf dem Weg zum Bordhund. Natürlich kommt auch Çingene in dem Buch zu Wort. Jedes Kapitel
beginnt mit einem kleinen Comic aus der Sicht des Hundes. Und das ist die Geschichte: Schon nach wenigen Wochen als Bordhund hat Çingene bereits weit über 1000 Seemeilen auf ihrem Salzbuckel. Der
kleine Trotzkopf schlägt sich wacker als Leichtmatrose. Na gut, die meiste Zeit pennt die türkische Promenadenmischung an Deck und träumt von ihrem Lieblingshobby: Fressen. Am liebsten aus
Mülltonnen. Und das hat mit ihrer Vergangenheit zu tun. Çingene war einmal ein Straßenhund, eine Rumtreiberin. Daher kommt auch ihr Name. Politisch korrekt übersetzt müsste sie heute „nach
ungarischer Art“ heißen. Aber damals, vor elf Jahren, war ‚Zigeuner‘ noch kein Schmähwort. Das Buch erzählt die wahre Geschichte der kleinen Rumtreiberin, die zum Bordhund wurde, aus zwei
Perspektiven. Einerseits als Comic aus der Sicht von Çingene und einmal aus der neutralen Erzählerperspektive. Sie beginnt in ihrer schweren Jugend und endet – natürlich – mit ihrer glanzvollen
Karriere auf See. Çingene liebt das Meer, obwohl sie Wasser hasst. Aber dann kommt Oğluş an Bord, ein grummeliger Siamkater, mit dem Çingene eine Hassliebe verbindet. Wer macht sich besser an
Bord? Hund oder Katze? Das Buch gibt es bei Amazon oder unter der Webseite www.mit-kummer-ohne-sorgen.org. Ein Euro pro verkauftem Buch geht an die „Tierfreunde von Kas“, die sich im Straßenhunde
kümmern.


Çingene – Vom Straßenstreuner zum Bordhund

Wer den Blog ein wenig verfolgt, kennt sie natürlich längst: Çingene, die immer  lächelnde Hundedame. Aber Çingene

stand nicht immer auf der Sonnenseite des Lebens. Sie war einmal ein Straßenhund. Das Buch „Çingene

Vom Straßenstreuner zum Bordhund“ erzählt die ganze Geschichte. Natürlich kommt auch Çingene zu Wort. Jedes Kapitel beginnt mit einem kleinen Comic, erzählt aus
ihrer Sicht.

 

ÜBRIGENS: Auf Çingenes Wunsch geht
ein Euro pro verkauftem Buch an die „Tierfreunde in Kas“, eine Organisation, die sich um Straßenhunde und -katzen kümmern. 

 

Mehr zum Buch gibt es im Bereich „Bücher“ oder Ihr könnt auch diese Abkürzung nehmen. Hier KLICKEN

Nightmare on Wilson Street

Wer immer glaubte, beim Segeln hätte sich das Schicksal gegen ihn
verschworen, der kennt die Geschichte von Jennifer und Corrie noch nicht. Die beiden Australier mussten ihr Boot, mit dem sie vom Mittelmeer nach Australien segeln wollten, aufgeben. Ein Tanker
rettete sie aus dem Medicane. Aber damit ist die Geschichte noch lange nicht erzählt, die so beginnt:

 

Jennifer und Corrie Schutte stinken nach Diesel, als sie ihre „Wilson Street“ das letzte Mal sehen. Mit jedem Meter, den die Yacht aus dem Windschatten des Tankers auf die offene See treibt, wird
sie zum Spielball des Orkans. Die Gischt peitscht horizontal über das Meer, raubt die Sicht. Kurz darauf ist das Boot mit dem ungewöhnlichen Namen verschwunden, verschluckt von einer grauen
Kulisse aus rauer See, 90 Seemeilen nordöstlich von Malta.

 

Jennifer und Corrie – sie 61 Jahre alt, er 68 – stehen auf der Brücke der „Team Osprey“, dem Tanker unter maltesischer Flagge, der sie aus Seenot gerettet hat. Klitschnass von den Wellen, die
über die Sun Odyssey 40.3 rollten wie Planierwalzen über Straßenschotter, entkräftet und erschöpft. Es ist der 16. September, der Tag, an dem die Australier ihr Boot verloren, aber ein neues
Leben geschenkt bekommen haben. Und alles, woran Jennifer in diesem Moment denkt, ist der Dieselgeruch, der hartnäckig an ihren durchnässten Klamotten klebt.

Hier geht es zum ersten Teil der unglaublichen Geschichte

 

 

Berlin, Du bist so armselig!

Und nun noch einmal kurz zu meinem Lieblingsthema dieser Woche. Es geht um den Mietendeckel in Berlin, der seit vergangenem Montag
gilt. 

 

In den Augen vieler Berliner ist jeder, der eine Wohnung sein Eigentum nennt, ein Bonze. Ein Immobilienhai und ein Blutsauger. Das kann man so
sehen, ist aber falsch. Denn ein großer Teil der Berliner Mietwohnungen gehören nicht den verhassten Konzerne, die mit Wohnungen spekulieren, sondern Privatpersonen, die vielleicht (wie ich) sie
als Altersvorsorge gekauft haben, bezahlt nicht etwa aus der Portokasse, sondern mit dem Darlehen einer Bank. Die Wohnungen gehören Menschen, die sich vielleicht den dritten
Hipster-kaltgepressten-Kaffee am Tag oder das zweite Bier am Abend gespart haben, um das Geld in die Wohnung zu stecken, auf dass sie im Alter sorgenfreier Leben können – und gleichzeitig anderen
ein Dach über dem Kopf geben. Win-Win-Situationen heißen solche Arrangements. Denn unter einem Berg Pfandflaschen von den Bieren des Vorabends wohnt es sich nun mal schlecht. 

 

Ich kenne die Situation auf dem Berliner Immobilienmarkt relativ gut, aus Eigeninteresse, aber noch mehr, weil ich mehrere Jahre darüber als
Journalist für ein Wirtschaftsmagazin berichtet habe. Ich kenne auch die galoppierenden Mieten, die sich binnen weniger Jahre verdoppelt haben. Die Entwicklung war nicht gut, keine Frage, auch
wenn ich als Vermieter natürlich davon hätte profitieren können. Habe ich aber nicht. Wie viele andere private Vermieter auch. 

 

Als ich meine Wohnung im Jahr 2017 vermietet habe, waren bei uns im Haus und in der Straße 13,50 Euro pro Quadratmeter üblich. Die Wohnung liegt in
Friedrichshain, einem sogenanntem Szenekiez. Altbau mit Macken, dafür mit Charme, knapp 80 Quadratmeter. Dielenboden, Einbauküche und im Wohnzimmer habe ich einen Kamin für kalte Winterabende
einbauen lassen. Ach ja, und einen sonnigen Balkon zum ruhigen Innenhof hat sie auch. Als ich noch in der Wohnung wohnte, habe ich mich sehr wohl gefühlt. 

 

Eines Tages fragte mich ein junger Kollege, ob meine Wohnung zu mieten sei. Er wolle mit seiner Freundin zusammenziehen, aber in Berlin sei es
unmöglich eine bezahlbare Wohnung zu finden. Und tatsächlich, ich hatte die Wohnung gerade befristet und möbliert vermietet, demnächst würde der Mieter ausziehen. Es gebe nur ein Problem, sagte
der junge Kollege. Sie könnten nicht mehr als 1000 Euro zahlen, inklusive aller Nebenkosten.

 

Weil ich ihn sehr mag und schätze, kalkulierte ich. Für mich war es wichtiger, nette und unkomplizierte Mieter zu haben, als womöglich auf
Mietnomaden oder Messis hereinzufallen. Und so zog ich von 1000 Euro alle möglichen Nebenkosten ab und kam auf einen Betrag, der ziemlich genau meine laufenden Kosten für Zinsen, Tilgung und das
Wohngeld deckt. Dummerweise vergaß ich Posten wie Grundsteuer, Schornsteinfeger oder etwaige Reparaturen. Geschenkt, ich hatte eine gute Festanstellung als Reporter.

 

Von den Mieteinnahmen fließt aber nichts in mein Portemonnaie, dafür zur Bank. Natürlich zahlen die Mieter damit meinen Kredit ab. Aber langsam,
ganz langsam. Die Summen sind deutlich geringer, als die meisten Claqueure dieses unglaublich dummen Mietendeckels wahrscheinlich glauben. Warum der Mietendeckel gerade für die Mieter auf lange
Sicht unglaublich dumm ist, darauf gehe ich später gerne ein.

 

Vielleicht können konkrete Zahlen helfen: Für die Wohnung bekomme ich 750 Euro Miete – kalt. An die Bank überweise ich jeden Monat 656 Euro für die
Darlehen, die Tilgung liegt bei rund zwei Prozent. Das heißt, rund die Hälfte des Betrags sind Zinsen. Und damit weg. Weitere 191 Euro zahle ich jeden Monat Wohngeld, also Nebenkosten, von denen
ein Teil, beispielsweise Wasser oder Müllabfuhr, auf die Mieter umgelegt werden kann, aber eben nicht alles. Konkret: 70 Euro bleiben am Vermieter hängen. Da sind wir schon bei knapp 730 Euro,
also fast dem Betrag, den die Mieter an mich zahlen.

 

Hinzu kommen die oben erwähnten Posten, die ich bei der Kalkulation beiseite gelassen hatte, plus gegebenenfalls Sonderzahlungen für die
Instandhaltung des Gebäudes. Das kann schon mal bei einem Altbau in den vierstelligen Bereich gehen, wie kürzlich die Dämmung der Fassade. Andere Kosten fallen zudem in der Wohnung an. Wie
Gasttherme reinigen: 200 Euro weg. Neues WC samt Einbau: Zack, wieder 450 Euro weg. Um auf den Punkt zu kommen: Die Wohnung macht aus mir keinen Bonzen, sie kostet mich sogar Geld. Aber, und auch
das ist klar, sie wird später einmal Teil meiner Altersvorsorge sein. Zumindest war das einmal der Plan. Ob er noch umsetzbar ist, steht seit Montag in den Sternen. Danke M…üller! (Kaum einer
kennt ihn, aber so heißt der Regierende Bürgermeister von Berlin wirklich, übrigens SPD)

 

Es ist vollkommen klar, dass ich beim Mietendeckel parteiisch bin, ein Eigeninteresse habe. Aber als Journalist habe ich auch gelernt, jede
Entwicklung, jedes Phänomen von möglichst allen Seiten zu betrachten. Die simpelste Fragen, die man immer stellen muss, lautet: Cui bono? Wem nutzt es?

 

Das Gesetz klingt erst einmal super! Der Senat bestimmt, dass die Mieten gedeckelt werden. Nutznießer: Jeder Mieter! Und das sind in Berlin viele.
Sehr viele sogar. Wie gesagt, als ehemaliger Journalist habe ich manchmal immer noch den Impuls, Emotionen durch Fakten zu belegen, von daher hier noch einmal ein paar Zahlen. Deutschland liegt
bei der Wohneigentumsquote laut Destatis in Europa hinten. Nicht irgendwo hinten, sondern ganz hinten. Spitzenreiter ist übrigens, fand ich selber überraschend, Rumänien mit 95,8 Prozent, dann
kommen alle anderen Länder, und endlich, auf Platz 30 dann abgeschlagen Deutschland mit 51,1 Prozent.

 

Nächste Statistik, wiederum Destatis: Mal schauen, wie sich die Quote unter den deutschen Bundesländern verteilt? Spitzenreiter ist das Saarland mit
64,7 Prozent, es folgen Rheinland-Pfalz (58 %) und Niedersachsen (54,2 %). Selbst das Berlin umschließende Brandenburg hat 47,8 Prozent. Und die sexy Bundeshauptstadt: Ach ja, da unten, das
Schlusslicht mit 17,4 Prozent. Warum der Berliner sich scheut, in seine Zukunft zu investieren, möchte ich nicht wagen zu beurteilen. Aber darauf erstmal ein Sterni!

 

Cui bono? Wenn man mit einem Gesetz plötzlich 83 Prozent der Bevölkerung befriedigt, ist das ein Coup sondergleichen. Chapeau! Und wie kann man das
Volk besser ködern, als mit Kohle? Geschenke verteilen macht eben Spaß, besonders wenn andere sie bezahlen. Da macht es auch nichts, wenn der Senat ansonsten nicht sonderlich erfolgreich ist. Und
huch, nächstes Jahr ist zufälligerweise Wahl…

 

Apropos „nicht sonderlich erfolgreich“: Wieso sind eigentlich in Berlin die Mieten so wahnsinnig gestiegen? Das ist sehr einfach zu beantworten.
Mieten richten sich nach Angebot und Nachfrage, das einfachste aller marktwirtschaftlichen Prinzipien. Gibt es ganz viel Angebot und nur wenig Nachfrage, stehen dummerweise die Wohnungen leer. Um
überhaupt einen Mieter zu finden, senke ich also den Preis. Das gleiche passiert natürlich andersherum auch. Gibt es kaum Angebot, aber ganz viel Nachfrage, steigen die Preise. Relativ logisch.
Regulativ könnte da natürlich die Politik eingreifen, die ja über den kommunalen Wohnungsbau eine Vielzahl an Behausungen für ihre Bürger stellt. 

 

Ah, Moment. Da lag ich falsch. Berlin ist da ja einen etwas anderen Weg gegangen und hat vor einigen Jahren das Tafelsilber verscherbelt. Von den
fast 500.000 landeseigenen Wohnungen wurde ungefähr die Hälfte verhökert. Aber die rot-rote Regierung hat dabei doch sicherlich die armen Mieter bevorzugt? Ach nee, das ganze ging im Paket an
Finanzinvestoren. Naja, dann geht das wahrscheinlich nicht anders. Oder etwa doch? 

 

Beispiel Wien: 62 Prozent der Bewohner der österreichischen Hauptstadt wohnen in einer kommunal geförderten Wohnung mit gedeckelten Mieten. Die
Gemeindebauten gibt es in allen 23 Bezirken, also auch in Toplagen, gleich neben dem Stephansdom. Der Preis ist überall der gleiche. 5,80 Euro pro Quadratmeter, dazu kommen lediglich die
Betriebskosten und zehn Prozent Steuern. Aber es gibt keine weiteren Aufschläge, keine Maklerprovision, keine Gebühren. Na, geht doch. Die anderen – privaten – Mietwohnungen unterliegen keinem
Deckel.

 

Allerdings will ich nicht verschweigen, dass auch in Berlin seit 2010 der Bestand an kommunalen Wohnungen wieder steigt. Allerdings in einem Maße,
der dem enormen Zuzug nicht gerecht wurde. Auch wenn der Berlin-Boom langsam abebbt, zogen zwischenzeitlich um die 50.000 Menschen in die Hauptstadt – und das pro Jahr. Das sind in etwa so viele
wie in Tübingen, Marburg oder Unna jeweils leben. War das abzusehen? Ja! Hat Berlin reagiert? Nein! Wahrscheinlich schlummerte die Stadt gerade ihren Schönheitsschlaf, um sexy auszusehen.

 

Und noch einmal ein paar Zahlen: Bundesweit gehören Mietwohnungen zu mehr als zwei Dritteln Privatpersonen, in Berlin sind es nur 40 Prozent. Wie
schon gesagt, auch der kommunale Anteil ist gering. Der Senat hat also sehenden Auges den Konzernen Tür und Tor geöffnet oder, wie oben bereits erwähnt, die Wohnungen mundgerecht auf einem
Silbertablett serviert. Gerade als ehemaliger Wirtschaftsjournalist bin ich kein Freund der Konzerne. Mehr als einmal habe ich mich mit den profitgierigen Praktiken beschäftigt. Auch, was den
Immobilienmarkt in Berlin anbelangt.

 

Viele der raren Bauflächen blieben bewusst eine Brache, weil sie als Spekulationsobjekt mehr Profit brachten, als bewohnt. So vervierfachten sich
beispielsweise die Bodenpreise im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg um das Vierfache – in nur einem Jahr. Oder der Steuertrick „Share Deals“. Dabei werden nicht einzelne Wohnungen, sondern Anteile
an Firmen verkauft. Diese haben oft Hunderte von Immobilien, aber keinen einzigen Mitarbeiter. Der Vorteil dieser Geschäfte: Grunderwerbsteuer – in Berlin sind das sechs Prozent – wird nur
minimal fällig, weil ja auf dem Papier eine Firma und keine Immobilie verkauft wird. Könnte man gegen vorgehen. Will man sogar auch. Das steht zumindest im Koalitionsvertrag. Hat man es bereits
getan? Öh, nö!

 

Kurzes Zwischenfazit: Die Misere auf dem Immo-Markt ist offensichtlich hausgemacht, angerichtet von genau den Politikern oder zumindest Parteien,
die jetzt den Mietendeckel als den großen Wurf bezeichnen. 

 

Trotzdem ernten die Politiker Applaus. Denn endlich trifft es mal die Richtigen, die da oben, die Bonzen! Ja, das Gesetz trifft auch die meist
ausländischen Immobilienkonzerne, die sich Haus um Haus in Berlin unter den Augen des Senats unter den Nagel gerissen haben und mit den Mietern Monopoly spielen. Aber hätte man das nicht auch
anders regeln können? Natürlich! Andere Länder machen es vor: Sie verbieten ausländischen Investoren den Einstieg in den heimischen Immobilienmarkt. Beispiel Neuseeland – dort dürfen nur noch
Einheimische Immobilien kaufen. Klingt jetzt erst mal nicht so kompliziert. Man müsste halt Eier haben! 

 

Aber zurück zur Frage: Wem nutzt der Mietendeckel? Die Mieter sind es mit ziemlicher Sicherheit nicht. Jedenfalls nicht langfristig. Wohl aber der
rot-rot-grünen Regierung (die ich sogar selbst mitgewählt habe). Sie verteilt mal eben Geschenke an das Volk – auf Kosten anderer.

 

Aber den Mietern kann das ja egal sein, wer für ihre Zeche zahlt. Sie haben schließlich jetzt mehr Kohle in der Tasche. Jein! Auch wenn der
Mietendeckel seit Montag gilt, sollten die Mieter die gesparte Kohle nicht verjubeln. Denn noch steht eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes aus, die Mitte des kommenden Jahres gefällt
werden soll. Kippt das oberste deutsche Gericht den Berliner Alleingang, müssen die Mieter die gesparte Miete zurückzahlen. Können sie das nicht, droht eine Zwangsräumung. Darauf weist auch der
Senat hin. Ist ein bisschen so wie Weihnachten Geschenke unter den Baum legen, ausgepackt werden dürfen sie aber nicht. Aber hey, die Geste zählt. 

 

Nach meiner Erfahrung mit Berlin wage ich aber zu bezweifeln, dass sich jeder daran hält, die Plätzchen anzuschauen, aber nicht daran
zu naschen. Im Radio lauschte ich bereits einem Bericht, in dem einige Mieter freudig erregt erzählten, wie sie die gesparte Miete nun verpulvern wollen.
Tatsächlich sagte einer, er wolle die Kohle an Silvester in die Luft jagen. Damit bin ich eigentlich wieder beim dritten kaltgepressten Kaffe oder dem nächsten Bier und dem Grund, warum die
Eigentumsquote so niedrig ist. Dit is Berlin, wa? Keene Kohle für Miete, aber mal eben nen Hunni in die Luft jagen.

 

Zurück zu der These, dass der Mietendeckel den Mietern später noch auf die Füße fallen wird. Warum das so sein sollte? Die einfachste Erklärung
wäre, dass noch nichts, was der Senat in letzter Zeit angepackt hat, jemals Erfolg hatte. Es wäre jetzt sehr platt, die drei großen Buchstaben vor den Toren Berlins als Beleg anzuführen. Also
lasse ich es. Und versuche es lieber sachlich. Private Vermieter werden plötzlich vor sehr großen Problemen stehen. Die durchschnittliche Rendite einer vermieteten Wohnung lag bis Montag bei zwei
Prozent. Das ist etwas mehr als nichts. Seit Montag ist die Zahl tiefrot. Konkret zu meinem Fall: Ich habe vor zweieinhalb Jahren Deutschland den Rücken gekehrt, den Job gekündigt und lebe auf
einem Segelboot in der Türkei. Klingt wieder nach Bonze, ist es aber nicht.

 

Die erste Zeit kann ich gut von meinen Reserven leben, aber sie schmelzen mit jedem Monat. Aus dem Hügel ist ein Häufchen geworden. Ich bin kein
Privatier, ich muss nach wie vor für meinen Unterhalt arbeiten. Ich hatte einen Plan, und der schien sogar aufzugeben. Als Freiberufler schreibe ich Texte. Mal journalistisch, mal Bücher. Ich
habe mir mein neues Leben selbst ausgesucht und den Entschluss keinen Tag bereut. Alles ist fein. Warum ich mir das leisten kann, liegt vor allem daran, dass ich versuche, kaum etwas auszugeben.
400 Euro im Monat für Lebenshaltungskosten – mehr ist nicht drin. In einem Land wie der Türkei lebt man damit auch sehr gut. Kein Grund zur Klage. Aber der Spielraum ist klein. Ich habe mit
diesen Summen kalkuliert, mein persönliches Konzept daran orientiert. Die Werte, die ich hatte, waren Fixwerte, dachte ich zumindest, basierend auf langfristigen Verträgen – mit der Bank und mit
meinen Mietern. 

 

Und dann kommt der Berliner Senat, der so ziemlich nichts in den vergangenen Jahren auf die Kette gekriegt hat, der für die Misere auf dem Wohnmarkt
verantwortlich zeichnet, und greift mir in die Taschen, um mein Geld als Geschenk an Wähler zu verteilen. Muss ich das gut finden? Sicherlich nicht. Ganz abgesehen von der persönlichen
Betroffenheit, ich finde das Zeichen, was von dem Mietendeckel ausgeht, absolut schädlich und schändlich für den Wirtschaftsstandort Berlin. Würde ich vor der Wahl stehen, irgendwo zu
investieren, würde ich sicherlich nicht Berlin wählen. Wer weiß, welches Geschenk unfähige Politiker als nächstes verteilen wollen? 

 

Selbst mein Mieter war peinlich berührt, als er mich auf den Mietendeckel ansprach.  Als Vermieter hatte ich schlicht vergessen, ihn zu
informieren, wie es meine Pflicht gewesen wäre. Aber ganz ehrlich, in der Türkei hatte ich den Mietendeckel einfach nicht auf dem Schirm. Der erste Schritt, der Stopp der Mietenanhöhung, war
völlig korrekt. Dass es aber zu einer Art Enteignung light kommt, hatte ich nicht erwartet. Mein Mieter sagt selbst, dass er die gegenwärtige Miete für vollkommen gerechtfertigt findet. Aber ich
habe natürlich vollstes Verständnis dafür, dass er im Falle, dass das Verfassungsgericht dem Gesetz zustimmt, die ihm zustehende Mietminderung bekommt. Auch rückwirkend. 

 

In dem Mietendeckel-Rechner, den der Senat stolz auf seiner Webseite präsentiert und als verbindlich bezeichnet, habe ich geschaut, um wieviel ich
die Miete senken müsste. Es wären mehr als 200 Euro im Monat – also die Hälfte meiner persönlichen Lebenshaltungskosten. Der willkürlich festgesetzte Deckel  resultiert auf der Lage der
Wohnung plus sehr wenige Zusatzangaben wie beispielsweise Einbauküche. Irgendein Verwaltungsbeamter legt also fest, wie viel Geld er mir aus der Tasche klauen darf. Egal, was die Wohnung bietet,
egal in welchem Zustand sie ist. Wohnung ist Wohnung. Jawoll, Herr Genosse!

 

Nach dem Rechner des Senats liegt die Mietobergrenze meiner Wohnung demnach bei  538,99 Euro, auf den Quadratmeter umgerechnet also bei rund
sieben Euro. Berlin, Du bist so wunderbar!

 

Sieben Euro? Ehrlich? Damit spielt die ach so tolle Hauptstadt, die es doch mit jeder anderen Stadt in der Welt aufnehmen kann, in einer Liga
mit Buxtehude, Wanne-Eickel und Oberuckersee (wobei selbst in Buxtehude die Durchschnittsmieten höher sind).

 

Auch wenn die Mietsteigerung in Berlin in den letzten Jahren so stark gestiegen ist, wie kaum in einer anderen Stadt, ist die Realmiete im Vergleich zu anderen
Städten immer noch – ja – günstig. So ziemlich jede Großstadt in Deutschland ist teurer. Im Vergleich mit den internationalen Städten, in deren Reihe sich Berlin so gerne sieht, erst
recht. 

 

Wie der Tagesspiegel berichtet, zahlen Mieter sogar in Deutschlands teuersten Städten im Vergleich zu ihren Leidensgenossen in anderen europäischen
Ballungsräumen noch vergleichsweise wenig. In den Beispielen sind die Bestandsmieten eingerechnet, nicht nur die Preise neu vermieteter Wohnungen. Paris liegt danach mit knapp 28 Euro pro
Quadratmeter im europäischen Vergleich nach wie vor an der Spitze, gefolgt von Oslo (25,30 Euro) und Trondheim (21,30 Euro) in Norwegen. Auch in Osteuropa ist Wohnen mancherorts teurer als in
Deutschlands Metropolen, etwa in Warschau, Prag und Budapest.

 

Aber warum in die Ferne streifen. Nach dem neuen Mietendeckel ist die Miete in dem Berliner Szenekiez Friedrichshain günstiger als in allen
deutschen Städten, in denen ich bereits gewohnt habe. In Hamburg liegt die Durchschnittsmiete bei 13,72 Euro, in Düsseldorf bei 13,36 Euro, auch in Würzburg zahlen Mieter im Schnitt 12,10 Euro
und selbst in Celle, der niedersächsischen Provinzperle, in der ich aufgewachsen bin, werden acht Euro fällig. 

 

Nun gut. Fest steht, wird der Mietendeckel vom Verfassungsgericht abgesegnet, geht mein Finanzierungskonzept nicht auf. Mit den rund 300 Euro, die
ich dann monatlich in die Bude stecken müsste, könnte ich in der Türkei fast einen Monat leben. Die Frage ist: Was tun? Und damit komme ich auf den Bumerang zu sprechen, der den Mietmarkt von den
Beinen holen wird. Die großen Konzerne haben es bereits angekündigt. Sie werden in ihre Wohnungen nicht mehr investieren, das heißt, die Bausubstanz wird leiden, Wohnen wird hässlicher. Auch
haben die Konzerne einen Baustopp angekündigt. Wohnen rechnet sich schlicht nicht mehr. Die dringend benötigten Wohnungen werden nicht mehr entstehen, dafür aber sicherlich ein florierender
Schwarzmarkt (den es auch jetzt schon bei den Massenbesichtigungen der wenigen verfügbaren Wohnung gibt). Derjenige, der am meisten cash bietet, wird dann den Zuschlag bekommen.

 

Die großen Immobilienkonzerne werden, da bin ich mir sicher, bereits mit ihren Heerscharen an Anwälten, an Konzepten arbeiten, um die Gesetzgebung
zu umgehen. Auf der Strecke bleiben die Privatvermieter. Deren Altersvorsorge. Und vor allem die Mieter.

 

Denn was macht man als Vermieter, wenn man als mit der Miete die Kosten nicht decken kann? Richtig! Man zieht zum Beispiel selbst dort
ein. Denn es wird bundesweit kaum einen Ort geben, wo die Miete günstiger ist. Der Durchschnitt liegt nämlich bei rund 9,8 Euro pro Quadratmeter. Eigenbedarf nennt sich das. In drei Monaten müssen die Mieter draußen sein. Viel Glück bei der Wohnungssuche. Die ersten
Eigenbedarfskündigungen haben Mieter bereits erreicht. 

 

Einige der Vermieter werden wirklich nach Berlin wechseln, andere werden die Wohnung leer stehen lassen, um sie dann später
unvermietet verkaufen zu können. Denn mal ehrlich, eine Wohnung mit Mietern in Berlin ist wie ein Klotz am Bein. Der Verkauf einer leerstehenden Immobilie bringt immerhin
noch  ordentlich Asche. Natürlich wird der Mietmarkt dadurch noch kleiner – und die Probleme werden immer größer. Viele der Wohnungen, die in Berlin verkauft werden, landen
übrigens bei wohlhabenden Ausländern – bei Russen, Schweizern oder Briten, die aus Angst vor dem Brexit ihr Kapital lieber in Deutschland investieren, und für die Berlin immer noch ein
Schnäppchen ist. Als Zweit- oder Ferienwohnung. Denn eine Bleibe in Berlin, die ist wirklich sexy. 

 

Ich warte erst mal ab. Langfristig auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, kurzfristig darauf, dass der Senat und die von ihm beauftragte
Investitionsbank Berlin ihr Serverproblem in den Griff bekommt. Ich will einen Antrag auf Härtefallregelung stellen. Dann wäre ich von dem Mietendeckel nicht betroffen. Cool, denke ich noch. Dann
zahlt Berlin die Differenz für meinen Mieter. Hahaha, nein natürlich nicht. Der hat dann halt eben Pech. So weit geht die Bürgernähe des Senats dann doch nicht. Beim eigenen Portemonnaie ist
Schluss mit lustig. 

 

Aber immerhin gibt es die Härtefallregelung, die dann eintritt, wenn die Wohnung keinen Profit abwirft. Vielleicht klappt es ja. Aber leider komme
ich bei der Anmeldung nur bis zu dem Verweis, dass „aufgrund der sehr hohen Nachfrage die Anmeldung momentan nicht möglich“ ist. „Nutzen Sie bitte die Tagesrandzeiten zur Antragstellung, da die
Server dann weniger stark belastet sind“, teilt die Bank mit.

Berlin, Du bist so armselig! Nicht einmal einen Server bekommst Du zum Laufen…

Ich bin dann mal Kotzen, Teil 1 (Berlin, Du bist so wundersam)

Letzte Woche wurde ich bei der Aufzeichnung eines Podcasts wieder mal gefragt, ob ich irgendetwas vermisse, seit ich von Berlin auf ein Boot in der Türkei gezogen
bin. Ich musste nicht lange überlegen. Die Antwort ist seit über zwei Jahren immer die gleiche: Nein, nichts! Und das ist wirklich so. Den Kontakt zur Heimat halte ich über Videochats und
Messengerdienste, es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht mit jemandem aus Deutschland spreche. Wie heute Morgen zum Beispiel. Mit der netten Dame vom Grundbuchamt Tempelhof-Kreuzberg. Das
Gespräch war mir jeden der vielen Euros wert, die der Anruf auf ein Festnetztelefon in einer deutschen Behörde aus der Türkei nun mal so kostet.

 

Okay, wenn ich ehrlich bin, hätte ich natürlich lieber eine Mail geschickt. Geht schneller, kostet nichts, die Antwort ist verbindlicher. Dumm nur, dass es beim
Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg bei der schriftlichen Korrespondenz keine Angaben irgendwelcher Mailadressen gibt. Mein Fehler war, dass ich leider kein Fax schicken konnte (die Nummer ist
wiederum angegeben), denn die Anschaffung eines Faxgerätes habe ich erst für das kommende Jahr geplant. Man weiß ja  nie, ob der neueste technische Scheiß wirklich was taugt, und bis dahin
werden sicherlich die Kinderkrankheiten ausgemerzt sein. 

 

Nichtsdestotrotz: Das Gespräch war jeden Euro (und es waren nicht wenige) wert. Als ich auflegte, schaute ich verträumt aus dem Cockpit und freute mich einen Keks,
dass ich dieses verkackte Berlin und die deutsche Bürokratie hinter mir gelassen habe an einem fernen Ort bin. Ich streichelte mein Smartphone, tippte zaghaft auf die rote Kachel mit dem weißen
Halbmond unter der in kleinen Buchstaben „e-Devlet“ steht. Warum ich das machte? Einfach so, weil ich es kann. Und weil ich immer noch nicht glauben mag, dass es so etwas gibt. Wobei das auch
nicht ganz richtig ist. Vielmehr kann ich nicht glauben, dass es so etwas in Deutschland nicht gibt.

 

Vereinfacht ausgedrückt: Das e-Devlet ist so etwas wie eine Behörde. In der kleinen App wohnen ganz viele Beamte. Und einer hat immer Dienst. Rund um die Uhr.
Verrückt, ich weiß. So ziemlich jeder Behördengang kann über die App erledigt werden. Ein Beispiel: Neulich fiel mir ein, dass ich wahrscheinlich die Steuer für meinen Roller bezahlen müsste. Ein
Klick und – tatsächlich – ich bin sie schuldig. Ein weiterer Klick – bezahlt. Habe ich vielleicht Strafzettel bekommen? Ein Klick – nein! Will jemand seinen Wohnsitz ändern – Klick. Oh, jemand
braucht die Geburtsurkunde – klicken, downloaden, ausdrucken – fertig. Jemand braucht eine verifizierte Unterschrift? Kein Problem, geht elektronisch. Unglaublich, was die kleinen Beamten in der
App alles wegschaffen. Und das ohne Wartezeit.

 

Na, stellen sich schon die Nackenhaare auf? Datenschutz und so? Aber wenn Bill Gates ohnehin die ganze Welt chippen lässt, dann hat er auch längst Deine Daten.
Natürlich bin ich mir vollkommen der Dramatik bewusst, dass Hacker wissen könnten, wenn ich einmal meinen Roller im Parkverbot abstellen würde. Aber bis es soweit ist, genieße ich einfach den
Komfort, den mir die kleinen Beamten in der App geben.

 

Wenn ich es mir recht überlege, sind es wahrscheinlich gar keine Beamten, die im e-Devlet wohnen. Denn dann würde man sie ja nicht erreichen können. So wie
gestern morgen. Da brauchte ich mehrere Versuche, bis endlich jemand in Tempelhof-Kreuzberg den Hörer abnahm, der dann aber erst so tat, als höre er mich nicht und wieder auflegte, und dann
wieder nicht abnahm, als ich es erneut versuchte. Als ich ihn endlich dann doch an der Strippe hatte, leitete er mich in eine völlig falsche Abteilung um. Komisch, dabei hatte ich doch die
Durchwahl gewählt, die auf meinem Schreiben stand?

 

Aber dann musste ich schmunzeln. Manche Witze sind eben auch noch nach Jahren gut. Genau das gleiche hatten wir auch immer gemacht, als ich Ende der 80er Jahre ein
Schülerpraktikum beim Celler Amtsgericht absolvierte. Interessanterweise auch im Grundbuchamt. Damals fand ich das wirklich witzig. Traurigerweise scheinen die Behörden in Deutschland nicht nur
humormäßig in den 80er Jahren hängen geblieben zu sein, sondern auch technisch. 

 

Zurück zu heute: Obwohl ich im Grundbuchamt anrief, stellte mich der gequälte Beamte, dessen Stimme verriet, dass er das Elend der ganzen Welt auf den schmalen
Schultern tragen muss, zum Familiengericht durch. Aber was soll ich sagen, die Dame war wirklich nett. Kurz dachte ich an die „Versteckte Kamera“. Denn mal ehrlich, wer rechnet denn damit? Eine
nette Person in einer Behörde? Das kann doch nur ein Scherz sein!

 

Einige Minuten und viele Euros später hatte ich dann doch schon die Dame an der Strippe, die den Schrieb verfasst hatte, weshalb ich anrief. Und jetzt muss ich ein
bisschen ausholen. Denn natürlich gibt es eine Vorgeschichte, und die beginnt vor etwa einem Jahr. Oder gehen wir gleich noch weiter zurück…

 

Als ich im Sommer 2018 in Deutschland die Segel strich, um sie am Mittelmeer wieder zu setzen, behielt ich einen Koffer in Berlin. Zumindest sprichwörtlich. In
Wahrheit ist es kein Koffer, sondern ein Keller, in dem ein paar Kisten mit alten Dias vor sich hin modern. Der Keller wiederum gehört zu einer Wohnung, die ich an Freunde vermietet habe. Die
Wohnung, so der Plan, soll einmal ein wesentlicher Teil meiner Altersvorsorge sein. Schließlich kündigte ich nicht nur mein altes Leben auf, sondern auch meine gut bezahlte Festanstellung. Ob
dieser Plan jedoch aufgeht, steht seit Montag in den Sternen. Dazu kotze ich mich dann später aus. Falls der Magen das dann noch hergibt. Stichwort: Mietendeckel! Morgen mehr.

 

Zurück zu der Wohnung in Friedrichshain. Meine letzten anderthalb Jahre in Berlin waren die Hölle. Ein schmieriger Lappen hatte das Dachgeschoss gekauft, um schnieke
Wohnungen dort entstehen zu lassen. Der Ausbau war dilettantisch. Viele Monate versank das Haus in Schutt und Staub, Risse groß wie Spalten rannen meine Wände herab, Putzplatten prasselten eines
nachts auf mein Bett und zu allem Überfluss wurde die Baustelle eines Winters so miserabel abgedichtet, dass die Wände aufweichten wie ein nasser Schwamm. Schwarzer Schimmel wucherte an den
Wänden. Geschenkt und Haken dahinter, dachte ich damals. 

 

Aber jetzt, drei Jahre später, muss ich mich wegen des Dachgeschossausbaus immer noch mit Schimmel beschäftigen. Dem Amtsschimmel. Vor etwa einem Jahr flatterte
in mein elektronisches Postfach der Schrieb eines Berliner Notars, angehängt ein Vordruck, überschrieben mit „Genehmigungserklärung“. Der ganze Inhalt des Dokuments, das ich – wie alle Eigentümer
von Wohnungen in den Haus mit 25 Einheiten – unterzeichnen soll, würde in drei Twitter-Mitteilungen passen. Inklusive aller Adressenangaben. Der Kernsatz lautet: „Ich, der unterzeichnende
Miteigentümer, genehmige hiermit die abgegebenen Erklärungen und bestätige ausdrücklich sämtliche erteilten Vollmachten einschließlich der Befreiung von den Beschränkungen des § 181
BGB.“ 

 

Wie mir erklärt wurde, geht es wohl darum, dass die Teilungserklärung dahingehend geändert wird, dass die drei entstandenen Wohnungen offiziell vermietet werden
können. Auch wenn ich den Typen nicht mag, mir soll’s recht sein. Ich bin ja nicht nachtragend. Also unterzeichnete ich die Erklärung elektronisch und sendete sie – mit freundlichen Grüßen –
zurück. 

 

Moment! So schnell geht das natürlich nicht. Die Assistentin des Notars interveniert. Ich müsse die Unterschrift beglaubigen lassen. Am besten in Berlin. Ich
antworte ihr, dass das jetzt echt blöd sei, da ich ja in der Türkei auf einem Segelboot lebe. Vor April sei ich sicherlich nicht in Deutschland. Wenn die Zeit denn drängt, könne der Notar aber
gerne hier vorbeikommen, biete ich an. Die Antwort: April reicht! 

 

Als der April endlich kommt, ist Corona längst da. Und bin immer noch hier. In der Türkei. Lockdown! Selbst wenn ich wollte, und das will ich definitiv nicht,
würden keine Flüge gehen. Pling! Eine Nachricht vom Notar. „Die beglaubigte Unterschrift fehlt!“ Ich erkläre die Situation, vielleicht hätten Sie ja von diesem Ding namens Corona gehört? Sie
hätten ja bereits das von mir unterschriebene Dokument, auch würde ich sofort einer digitalen Verifizierung zustimmen. Als ich noch Wirtschaftsreporter war habe ich über die Einführung des
Video-Identverfahrens berichtet. Ein klasse Ding. Man wedelt vor dem Laptop mit dem Ausweis und eine komplizierte Software verifiziert, dass ich es wirklich bin. Das Verfahren ist so gut, dass
heutzutage Millionenkredite mit dieser Methode vergeben werden. Dann sollte doch eine läppische Unterschrift unter einem Vierzeiler in Kalauerlänge auch möglich sein. Die Antwort: Nö!

 

Ich mache gute Miene zum nervigen Spiel und biete an, zu einem türkischen Notar zu gehen. Die Antwort: Nö!

 

„Was dann?“, frage ich, jetzt doch langsam genervt. Die Antwort: Ich müsse zur Deutschen Botschaft, nur die könnten meine Unterschrift beglaubigen. Kurz schaue ich
auf der Seekarte nach, wie viele Seemeilen es wohl bis nach Ankara sind. Ungefähr 400, also knapp 800 Kilometer! Und die Strecke ist gefährlich. Das steht schon in der Bibel. Noah hat doch
tatsächlich seine Arche am Berg Ararat im Osten der Türkei versenkt. Ist eben dumm, dass Ankara mitten im Landesinneren liegt.

 

Das Konsulat in Antalya wäre aber eine Alternative. Aber, ach ja, wegen Corona sind die Vertretungen ohnehin geschlossen. Zudem widerstrebt es mir, für den
Dachfürsten diesen immensen Aufwand zu betreiben. Aber was würde man nicht alles tun, nur um endlich Ruhe zu haben. Selbst Auto mieten, Sprit für 400 Kilometer verballern, Zeit investieren und
Kohle verbrennen für etwas, das in meinen Augen ganz easy online zu erledigen wäre. Aber bei allem Eifer, wegen Corona ist das Konsulat im Frühjahr 2020 nun mal geschlossen. 

 

Anfang Juni segeln wir gerade irgendwo an der türkischen Südküste, als mich wieder eine Mail aus dem Berliner Notariat erreicht. Ich solle nun endlich mal meiner
Pflicht nachkommen. Wohl versehentlich hängt der Mail auch noch eine Nachricht des Dachfürsten an, der vom Notar rechtliche Schritte gegen mich fordert. Er hatte nicht einmal die Eier in der
Hose, sich direkt bei mir zu melden. Als er mir damals einen Teil des Dachgeschosses aufschwatzen wollte, triefte es aus dem schlecht sitzenden Anzug nur so vor Schleim. Als seine Baustelle dann
meine Wohnung verwüstete, wurde der Mann, im Hauptberuf Banker, auch noch unverschämt, so dass ich ihn hochkant aus meiner Wohnung warf. Streng genommen schuldet er mir noch über 900 Euro. Miete,
die ich meinen Mietern erlassen hatte, als sein Schimmel sich in deren Wohnung ausbreitete. Aber ehrlich gesagt wollte ich diesen Typ nie wieder sehen. Das war mir damals 900 Euro wert. Heute
könnte ich damit locker zwei Monate leben. 

 

Aufgrund der Mail des Dachfürsten, die mich eigentlich nie hätte erreichen sollen, war mein Interesse, das Boot in eine Marina zu bringen, die täglich viel Geld
kostet, ein Auto zu mieten und quer durch die Türkei zu einem Konsulat zu fahren, eher gering. Ich kontaktierte das Grundbuchamt und fragte, ob es neben dem Konsulat nicht eine andere Möglichkeit
geben würde. Die überraschende Antwort:Sicher! Auch ein türkischer Notar würde gehen, das Dokument müsste allerdings beglaubigt, übersetzt und mit einer Apostille versehen werden.

 

Das sollte kein Problem sein. Zurück in meinem Heimathafen, nahm ich mir ein paar Geldscheine, beauftragte eine vereidigte Übersetzerin, verbrachte zwei Tage
zwischen Notar und Behörde. Am Ende hatte ich ein wunderschönes Bündel beisammen, dekoriert mit einer bunten Apostille, und schickte es an das Grundbuchamt nach Berlin. Ich fühlte mich
beschwingt, irgendwie leicht. Wahrscheinlich, weil ich um 250 Euro erleichtert worden war. 

 

Keine fünf Monate später (um genau zu sein: vorgestern) erreichte mich dann erneut eine Mail des Notariats. Das Grundbuchamt hätte die Beglaubigung nicht anerkannt.
Ich möchte doch jetzt bitte zur Botschaft. Alles weitere sei dem angehängten Dokument zu entnehmen. 

 

In der beigefügten Ausführung der Rechtspflegerin heißt es zur Begründung der Verweigerung: „Der Beglaubigungsvermerk des Notars wurde zwar von der vereidigten
Übersetzerin übersetzt und unterschrieben. Es fehlt jedoch die notarielle Beglaubigung dieser Unterschrift. Auch die Apostille wurde nicht korrekt (…) ausgefüllt.“

 

Ich bin zwar kein Jurist, aber wie mir vom Notar in der Türkei versichert wurde, ist alles genauso gemacht worden, wie es eben in der Türkei üblich ist. Aber das
scheint der Amtsschimmelreiterin in Berlin nicht genug. Wenn ich das Schreiben richtig verstehe, ist die Beglaubigung des türkischen Notars im Prinzip in Ordnung, allerdings hätte er noch mal
beglaubigen müssen, dass die vereidigte Übersetzerin alles richtig übersetzt hat. Wahrscheinlich unterläuft mir ein Denkfehler: Aber wie kann ein türkischer Notar beglaubigen, dass die vereidigte
Übersetzerin richtig übersetzt hat, wenn er kein Deutsch kann, weshalb ja die vereidigte Übersetzerin dabei war? Egal, das Grundbuchamt kann mir das sicherlich erklären. Ich greife also zum
Hörer. Aber klar, niemand nimmt ab, es ist kurz vor Feierabend in Deutschland.

 

Der Anruf muss bis zum nächsten Tag warten. (Also bis gestern) Die Zeit überbrücke ich derweil mit der Recherche, wann das deutsche Konsulat in Antalya denn
Sprechzeiten hat. Nur für den Fall. Denn ich habe da so ein Bauchgefühl. Und das ist nicht gut. Auf der Webseite der deutschen Vertretung leuchten mir direkt zwei bunte Ausrufezeichen entgegen.
Zwar habe das Konsulat seit Anfang Juni wieder geöffnet, allerdings sei der Publikumsverkehr aufgrund von Corona eingeschränkt. Frei übersetzt: Bitte nur kommen, wenn es wirklich nötig
ist.

 

Ich schöpfe Hoffnung, dass auch das Grundbuchamt aufgrund der Corona-Situation eine Ausnahme macht. Immerhin ist die Welt aus den Fugen geraten, täglich schaudern
neue Schreckensmeldungen durch die Medien, erlassen Regierungen immer neue Maßnahmenpakete, die Milliarden verschlingen. Menschen sterben, andere verlieren ihren Job. Deutschland ist im
Ausnahmezustand. „Bleiben Sie zu Hause!“, bittet die Kanzlerin. „Reisen Sie nicht“, heißt es überall. Da kann es doch nicht sein, dass eine Rechtspflegerin im Grundbuchamt Tempelhof-Kreuzberg
darauf beharrt, dass ein deutscher Staatsbürger viele hundert Kilometer im Ausland zurücklegen muss, um eine Unterschrift unter einem belanglosen Stück Papier bei einem Konsulat zu wiederholen,
die längst in Gegenwart eines türkischen Notars beglaubigt wurde, aber in den Augen der Beamtin eben etwas verrutscht ist. 

 

Kurzes Quiz: Was war wohl die Antwort der Rechtspflegerin?

 

  1. Wir haben uns noch einmal erkundigt und festgestellt, dass Beglaubigungen in der Türkei genau so ausgeführt werden. Natürlich akzeptieren wir das
    Dokument.
  2. Die Beglaubigung durch den türkischen Notar entspricht zwar nicht im Detail unseren Vorschriften, aber in Anbetracht der speziellen Corona-Situation wäre es
    unverantwortlich, sie viele hundert Kilometer bis zum nächsten Konsulat zu schicken. Alles gut!
  3. Leider können wir die vorliegende Beglaubigung nicht akzeptieren. Nutzen Sie doch bitte unseren neuen Service des Video-Identverfahrens, um die Beglaubigung
    elektronisch durchzuführen.
  4. Das ist nicht mein Problem!

 

Ja okay, das war zu einfach. Natürlich ist es die letzte Antwort. Alles andere hätte ja auch verwundert. Ist ja auch so die viel lustigere Anekdote. Wenn ich sie
türkischen Freunden erzähle, lachen die laut auf. Oder schütteln ungläubig den Kopf. Das ach so hochentwickelte Deutschland hat für solche Fälle keine Onlinelösungen? Das will eigentlich keiner
glauben. Und wenn ich dann noch erzähle, dass es in Deutschland viele Orte gibt, an denen es nicht einmal Mobilfunkempfang gibt, halten sie mich endgültig für einen Schwätzer. 

 

Zurück zum Berliner Grundbuchamt. Meine charmante Anbahnung scheitert kläglich. Nach nur einem Satz weiß ich bereits, dass es keinen Kompromiss oder ein Einlenken
geben wird. Die Dame macht gleich klar: Vorschrift ist Vorschrift. Alles Argumentieren wird mit den immer fünf gleichen Worten abgeblockt: Das ist nicht mein Problem!

 

Ich versuche es noch einmal diplomatisch, damit ich die Diplomaten in Antalya nicht mit meinem Problemchen behelligen muss. Ich bin mir ziemlich sicher, die haben in
der gegenwärtigen Situation besseres und wichtigeres zu tun, als eine verrutschte Unterschrift unter einem Vierzeiler wieder gerade zu rücken. Auch wenn sie damit eine Dame in Tempelhof glücklich
machen würden.

 

Ob sie mir per Mail vielleicht eine Begründung schicken könnte, will ich von der Dame wissen, warum die Unterschrift als eine Art Notfall einzustufen sei, damit ich
einen Grund habe, das Konsulat zu belästigen. Da ich ein ehrlicher Mensch bin, würde es mir schwerfallen, die Dringlichkeit zu erklären, da ich sie, dumm wie ich bin, nunmal nicht erkennen kann.
Die Antwort, ich hätte es ahnen können, hat fünf Wörter.

 

Hallo Antalya – ich komme!

Berlin, Du kannst mich mal!

Coming soon!

Schon nach wenigen Wochen als Bordhund hat Çingene bereits weit über 1000 Seemeilen auf ihrem Salzbuckel. Der kleine Trotzkopf schlägt sich wacker als Leichtmatrose.
Na gut, die meiste Zeit pennt die türkische Promenadenmischung an Deck und träumt von ihrem Lieblingshobby: Fressen. Am liebsten aus Mülltonnen. Und das hat mit ihrer Vergangenheit zu tun.
Çingene war einmal ein Straßenhund, eine Rumtreiberin. Daher kommt auch ihr Name. Politisch korrekt übersetzt müsste sie heute „nach ungarischer Art“ heißen. Aber damals, vor elf Jahren, war
‚Zigeuner‘ noch kein Schmähwort. 

Das Buch erzählt die wahre Geschichte der kleinen Rumtreiberin, die zum Bordhund wurde, aus zwei Perspektiven. Einerseits als Comic aus der Sicht von Çingene und
einmal aus der neutralen Erzählerperspektive. Sie beginnt in ihrer schweren Jugend und endet – natürlich – mit ihrer glanzvollen Karriere auf See.

Çingene liebt das Meer, obwohl sie Wasser hasst. Aber dann kommt Oğluş an Bord, ein grummeliger Siamkater, mit dem Çingene eine Hassliebe verbindet. Wer macht sich
besser an Bord? Hund oder Katze?

Schon nach wenigen Wochen als Bordhund hat Çingene bereits weit über 1000 Seemeilen auf ihrem Salzbuckel. Der kleine Trotzkopf schlägt sich wacker als Leichtmatrose.
Na gut, die meiste Zeit pennt die türkische Promenadenmischung an Deck und träumt von ihrem Lieblingshobby: Fressen. Am liebsten aus Mülltonnen. Und das hat mit ihrer Vergangenheit zu tun.
Çingene war einmal ein Straßenhund, eine Rumtreiberin. Daher kommt auch ihr Name. Politisch korrekt übersetzt müsste sie heute „nach ungarischer Art“ heißen. Aber damals, vor elf Jahren, war
‚Zigeuner‘ noch kein Schmähwort. 

Das Buch erzählt die wahre Geschichte der kleinen Rumtreiberin, die zum Bordhund wurde, aus zwei Perspektiven. Einerseits als
Comic aus der Sicht von Çingene und einmal aus der neutralen Erzählerperspektive. Sie beginnt in ihrer schweren Jugend und endet – natürlich – mit ihrer glanzvollen Karriere auf See.

Çingene liebt das Meer, obwohl sie Wasser hasst. Aber dann kommt Oğluş an Bord, ein grummeliger Siamkater, mit dem Çingene eine Hassliebe verbindet. Wer macht sich
besser an Bord? Hund oder Katze?

Der Winter kann kommen!

Der Februar des vergangenen Jahres war ein sehr guter Monat. Zumindest
für den Segelmacher in unserem Hafen an der türkischen Südküste. Ein Sturm der Windstärke 12 hatte die Marina überfallen. Heftige Fallböen mit Spitzen bis über 70 Knoten Geschwindigkeit zerrten
an den Booten. Nicht alle überstanden das unbeschadet. Angeschlagene Segel wurden zerfetzt, Biminis mutierten zu fliegenden Teppichen, Sprayhoods zerlegten sich in Einzelteile. Auch Festmacher
knallten wie Sektkorken unter der Last des Windes.Der Februar des vergangenen Jahres war ein
sehr guter Monat. Zumindest für den Segelmacher in unserem Hafen an der türkischen Südküste. Ein Sturm der Windstärke 12 hatte die Marina überfallen. Heftige Fallböen mit Spitzen bis über 70
Knoten Geschwindigkeit zerrten an den Booten. Nicht alle überstanden das unbeschadet. Angeschlagene Segel wurden zerfetzt, Biminis mutierten zu fliegenden Teppichen, Sprayhoods zerlegten sich in
Einzelteile. Auch Festmacher knallten wie Sektkorken unter der Last des Windes.

Stürme wie dieser sind eher die Ausnahme an der türkischen Südküste,
die 50-Knoten-Marke wird aber des öfteren im Winter geknackt. Wohl dem, der sein Boot auf die Wintersaison vorbereitet hat. Gerade, wenn er oder sie nicht an Bord ist. Stürme wie dieser sind eher die Ausnahme an der türkischen Südküste, die 50-Knoten-Marke wird aber des öfteren im
Winter geknackt. Wohl dem, der sein Boot auf die Wintersaison vorbereitet hat. Gerade, wenn er oder sie nicht an Bord ist. 

 

Für das Magazin float habe ich zehn Tipps
zusammengestellt, was man mindestens tun sollte, bevor man sein Boot Wind und Wetter überlässt.

 

Hier geht es zum Text.

 

Mönchsrobbe frisst Stachelrochen

Die Natur ist eben doch der beste Sender mit den spektakulärsten Tierdokus. Zusammen mit meinem ehemaligen Kollegen, der auf den wunderbaren Namen Jens hört, und
seiner Frau Şeyma sind wir ein paar Tage an der türkischen Küste gesegelt. In Berlin hatten Jens und ich uns zuletzt ein Büro geteilt, mittlerweile leben wir beide in der Türkei. Er in Istanbul,
ich eben auf der Dilly-Dally. Bei einer Recherchereise zu seinem wirklich empfehlenswerten Buch „Schwere See: Eine Reise um
das Schwarze Meer“
, lernte er Şeyma kennen,  eine promovierte Meeresbiologin aus Istanbul. Auf unserem kleinen Törn hofften wir auf ein paar Meeresschildkröten, wurden dann
aber von einer Mönchsrobbe überrascht, die direkt neben unserem Boot auftauchte und einen Stachelrochen jagte – und schließlich auch als Abendessen verputzte. Eine sehr seltene Begegnung im
Mittelmeer, da die mediterranen Mönchsrobben leider vom Aussterben bedroht sind. 

 


Herbsttörn mit Hindernissen

Eigentlich wollten wir zu Arzums und Cingenes Geburtstag in Bozburun sein. Ja, die beiden haben wirklich am gleichen Tag Geburtstag. Aber erst kamen Termine
dazwischen, dann kräftiger Wind genau auf die Nase. Um die verlorene Zeit aufzuholen, starteten wir mit zwei langen Etappen um die 50 Seemeilen – entweder bei Flaute oder den Wind gegenan. Durch
einen Zufall konnten wir dann doch noch spontan Geburtstag in Bozburun feiern – wenn auch nicht Arzums. Über den Golf von Fethiye waren wir erst nach Bozukkale gesegelt, dann nach Bozburun,
Selimiye, Orhaniye und einige Buchten. Zum Zeitvertreib kreierten wir „Billionaire Bingo“ mit Megayachten. Eine Art Quartett in Real Time, denn diese Luxusdinger düsen an der türkischen Küste
reihenweise herum. Meist mit Flagge von den Cayman Islands. Merkwürdig. Selbst auf dem Rückweg machte uns der Wind einen Strich durch die Rechnung. Statt eines schönen Westwindes herrschte Flaute
oder aber Sturm. Doch das war nicht das Schlimmste. Mitten auf dem Meer zwischen der Türkei und Griechenland entdeckten wir ein gekentertes Flüchtlingsboot. Menschenleer. Nur noch ein
Schwimmflügel und ein T-Shirt klebten am Wrack. Nachdem wir die Küstenwache verständigt hatten, setzten wir die Reise fort. Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch.