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Dilly-Dally-Diaries: Abgeliefert in Kaş

Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Dabei ist es erst knapp vier Wochen her, dass ich in Hannover zu schlaftrunkener Zeit in den Flieger nach Bodrum gestiegen bin. Knapp zwei Wochen lag ich in Marmaris, lebte mich auf der Dilly-Dally ein, verpasste ihr ein kleines Lifting. Der alten Lady gönnte ich ein ausladendes Heck, glänzend und kräftig genug, um stolz die Schlauchbootlippen zu schürzen.  

 

Immer noch wartete ich auf den Tag, an dem ich das, was ich hier machte, hinterfragen würde. Aber er kam nicht. Nicht einmal ansatzweise. Zu groß die Vorfreude. Zu nichtig das, was ich hinter mir gelassen hatte. Zu lecker das Essen. Zu nett und zuvorkommend die Menschen, die ich bislang getroffen habe. 

 

In die Türkei? Bist zu verrückt? Als Journalist? Der Dreiklang der Skeptiker hallte anfangs immer noch in meinen Ohren. Auch die Freunde, die mich auf der Dilly-Dally besuchen kamen, hatten ihre Zweifel. Die meisten waren noch nie in der Türkei gewesen. In ihren Augen sah das Land aus wie die dunkelsten Ecken Kreuzbergs, hörte sich nach tiefer gelegtem 3er BMW mit Sportauspuff an und die Frauen, die mit spätestens 14 zwangsverheiratet worden sind, wanderten wie abgehängte Vogelkäfige durch die staubigen Straßen.

 

Dass die Mittelmeerregion mit den gängigen Klischees nichts zu tun hat, war schnell klar. In Marmaris knattern türkische Mädels auf ihren Rollern durch die Straßen, in Hotpants, kürzer als man sie an den wärmsten Tagen in Deutschland sieht, verziert mit Tattoos, schöner als in Friedrichshain. Kippe im Mund, Handy am Ohr. Abends trifft sich die Jugend in Bars, trinkt Bier und Raki und hört Rockmusik. Das ganze nur viel entspannter als in Deutschland, freundlicher und auch respektvoller. Kein Pöbeln, kein Komasaufen. Einfach Lebensfreude. Wer auch nur ein paar Brocken Türkisch spricht, wird empfangen wie ein alter Freund. Und die Politik? Achselzucken! Ist halt so. 

 

Als sich der Plan auszusteigen in meinem Kopf manifestierte, sah ich mich in einem Innenhof eines kleinen Cafés sitzen, auf gemütlichen Polstern, vor kleinen Tischen. Pflanzen rankten die Mauern entlang, ein großer Baum spendete Schatten. Abends füllte sich der Innenhof, die Musik wurde lauter und aus dem Café wurde eine lebendige Bar. Hier würde ich schreiben. Und ich wusste auch schon genau, wo dieses verwunschene Café liegt. Hinter einem kleinen Durchgang am Stadthafen von Kaş, markiert mit einem schlichten Schild: Hideaway Bar & Café. Kaş, das war klar, würde der Ort sein, an dem ich auf dem Schiff überwintern würde. Seit meinem ersten Besuch 1992 ist Kaş für mich der schönste Ort der Türkei, fernab des Massentourismus, dafür beliebt bei Backpackern, Tauchern und Aktivtouristen. Da wollte ich hin. Nur musste ich erst noch dorthin segeln. Am besten mit einer erfahrenen Crew.

 

Spontan sagten Kai-Uwe Eilts und Sven Kraja bei der Strandsegel-WM in Sankt Peter-Ording zu, mich zu begleiten. Zwei gute Freunde, mit denen es nie langweilig wird. Zwei Pragmaten dazu, ausgebildet im Bootsbau bei der Norderneyer Edelwerft Dübbel & Jesse, wo sie sich vor vielen Jahren kennenlernten. Kai-Uwe war Svens Lehrmeister. Heute ist Sven Segelmacher in Schleswig, stattet mit seinen Frogsails die internationale Strandsegelszene und viele Wasseryachten aus. Kai-Uwe hält halb Norderney instand. 

 

Ein bisschen Bammel hatte ich schon. Nicht so viel, wie Sven vor dem Fliegen, aber immerhin ein bisschen. Davor, was die beiden an der alten Lady alles auszusetzen hätten. Davor, was sie finden würden. Wie ein Arzt, der, wenn er sucht, immer etwas findet. Die Segel, na klar, ließen Svens Mundwinkel nach unten sinken. „Da musst Du mal was machen. Die sind durch“, sagte er. Das war sogar mir klar. Maximal ein, zwei Jahre würden sie noch halten, bei leichten Winden, beruhigte er aber. Rastlos rasten die beiden schon am ersten Tag über das Deck, schraubten, lösten, tauschten laufendes Gut aus, so gut es ging. Setzen den Traveller instand, nähten, werkelten an der elektrischen Wasserpumpe und Schaltern mit Wackelkontakt, inspizierten den Motor und starrten ratlos auf den Kartenplotter, der nur ein Bild kannte, das an das Testbild nach Sendeschluss erinnerte, als es nur drei Fernsehprogramme gab. Oder Schneegestöber. 

 

Noch bevor Kai-Uwe den Schraubenzieher ansetzen konnte, hatte Sven einen Kumpel aus Schleswig an der Strippe, der sich mit Raymarine-Geräten auskennt und liebevolle Hinweise zur Reparatur gab. „Hau dreimal links oben gegen den Monitor.“ Und siehe da, das Schneegestöber löste sich auf. Zumindest für ein paar Sekunden. Aber die Diagnose war klar. Doch die Störquelle konnte nur durch eine Not-OP trockengelegt werden. Also legten die beiden wie ein Herzchirug das Innerste des Gerätes frei, schraubten an den Eingeweiden, legten einen Bypass und schon nach wenigen Minuten blinkte wieder das GPS-Signal in einer glasklaren Umgebung, die Marmaris zeigte.

 

Der erste Tag auf See endete nach einem Badestopp mit Ankerbier an der Pier der Tankstelle in Marmaris, um den Diesel zu versorgen und die Kanister mit Benzin für den neuen Außenborder zu befüllen. Die Tankwärter beömmelten sich über den Namen des Bootes. Dilly-Dally, Dilly-Dally. Bei Gelegenheit sollte ich vielleicht noch einmal googeln, ob der Name eine obszöne türkische Bedeutung hat. Wenige hundert Meter weiter machten wir für die Nacht direkt an der Promenade fest und erkundeten den Ort. Der Rest ist Vegas. 

 

Am nächsten Tag ging es meist unter Motor vor das Delta von Dalyan. Ankern vor Turtle-Beach, Beiboot testen, Bier im Beachclub, Schwimmen, Anker lichten, um ihn in der My Marina wieder fallen zu lassen (Hier das Video.) Eine herrliche Anlage mit tollem Restaurant. Vielleicht etwas teurer, aber jeden Cent wert (und im Vergleich zu deutsche Preisen immer noch spottbillig). Das Restaurant liegt etwa fünf Minuten den Hügel hoch, die Küche ist exzellent, der Fisch fangfrisch, der Service erstklassig. Kleine silberne Spiegel stehen auf den Tischen, darauf geschrieben der Bootsname. Etwas merkwürdig mutete daher der leicht schwankende Russe in nichts als einer neongrünen Badehose an, der gegen zehn Uhr im Restaurant auftauchte und Ewigkeiten auf ein Bild starrte, als verfolge er aufmerksam die neusten Nachrichten im TV. Der Rest seiner Crew grölte sich unten am Steg die Seele aus dem Leib – oder pinkelte an die Palmen. Bis spät in die Nacht. Umso erstaunlicher, dass die Flottille bereits am frühen Morgen die Bucht verließ. Wir machten uns weit später auf den Weg zum Golf von Fethiye. Das Meer war weit. Nur wenige Segler begegneten uns – und eine Meeresschildkröte, die gelangweilt neben uns auftauchte. 

 

Der Unsinn des Lebens: 75

75! Wahrscheinlich sogar mehr. Svens Haut las sich wie das Epos „Krieg und Frieden“ in Brailleschrift. Den Kampf gegen die Mücken hatte er eindeutig verloren. Dass noch einige Kapitel auf seinem Rücken geschrieben waren, konnte er nur erahnen. Nach drei Nächten Martyrium sah Sven keine andere Lösung. Er musste sich einen Mückenschutz bauen. Nur wie? Etwas ungläubig sah er mich, nachdem er anmerkte, wir müssten irgendwohin fahren, wo er ein Mückennetz kaufen könne und meine Antwort war: „Ach so, vorne liegen ganz viele.“ (Kann man ja mal vergessen). Sven konstruierte sich einen wunderschönen Schneewitchensarg, in dem er allerdings so aussah, wie von Biene Majas Erzfeindin Thekla eingesponnen. Auch dass die Mücken in der nächsten Nacht Svens Kniescheibe, die wahrscheinlich am Netz anlag, sieben Mal ansaugten, überraschte dann doch.

 

Für Kai-Uwe und mich war Svens Anziehungskraft auf die surrenden Viecher aber ein Geschenk. Wir blieben fast verschont. Von den Mücken – nicht aber von dem Gewitter, das sich auf dem Weg nach Kalkan über dem Meer aufbaute und sich über uns entlud (hier das Video). Mit Blitzen wie sie sonst nur Stroboskope in Vorstadtdiscos verfeuern. Und Sturm bis zu neun Windstärken. Natürlich direkt gegenan. Während Svens Blicke immer mehr die düstere Farbe des Horizonts annahmen, feierte Kai-Uwe jede Welle, jeden Blitz. „Ist das geil! Das ist ja so geil!“ Und in der Tat. Ebenso unbeeindruckt wie Kai-Uwe zeigte sich auch die Dilly-Dally, die mit ihren stattlichen 17 Tonnen Eigengewicht gemütlich durch das Unwetter schipperte wie ein Dampfer über den Wannsee bei Flaute.

 

In Kalkan belohnten wir uns mit einem  gediegenen Dinner über den Dächern der Stadt – Blick auf den Hafen inbegriffen. Und auf die Blitze, die immer noch über den Bergen niedergingen. Beim dritten Absacker in einer Hafenbar kam es dann zur Vereinigung. Aus zwei Gewittern wurde plötzlich ein großes. Sturmböen peitschten durch die engen Gassen, Wasser wie aus Eimern kübelte auf uns nieder.  Auf der Dilly-Dally löste sich die Bimini zur Hälfte, wütete  im Cockpit. Dann war das Gewitter, so schnell wie es gekommen war, auch weitergezogen. Zurück blieb ein reingewaschenes Schiff. Und eine neue Aufgabe für Kai-Uwe und Sven. Bimini reparieren!

 

Am nächsten Tag weckte uns die Sonne. Und das Pfeifen in den Wanten. Windfinder hatte fünf bis sechs Windstärken angesagt. Aus Westen. Achterlicher Wind bis zu unserem Ziel in Kekova, einer versunkener Stadt, 30 Meilen entfernt. Aber aus sechs wurden wieder bis neun Windstärken (hier das Video). Kai-Uwe fand die Tour noch „geiler“ als am Vortag, Sven hatte immer ein wachsames Auge auf die alten Segel. Die Genua hatten wir bis auf unter zehn Quadratmeter gerefft, das Groß eingerollt gelassen. Trotzdem pflügte die Dilly-Dally mit bis zu über acht Knoten durch das kristallklare Wasser, vorbei an der griechischen Insel Kastellorizio, raus aufs offene Meer, rein die Bucht von Kekova. Trotz Sturm gab es nicht einen Moment des Zweifelns. Die Moody machte Mut. 

 

Wer schaukelt so spät durch Nacht und Wind?

Hinter der Bucht von Kekova erstreckt sich eine zweite Bucht. Absolut geschützt, bester Ankergrund auf sechs Metern Tiefe. An der Kette tanzte die Dilly-Dally in den heftigen Böen eine Pirouette nach der anderen im aufgehenden Vollmond. „Sollte der Wind nicht längst nachgelassen haben?“, fragte Sven. Ja, sollte er. Tat er aber nicht. Unvorhergesehen hatte sich ein Tiefdruckgebiet gebildet. Das Barometer fiel urplötzlich wie ein Bungeejumper von einer Brücke. Der Seewetterbericht sprach jetzt von Böen mit elf Windstärken – über 100 km/h wurden gemeldet. Die beiden Matrosen machten das Boot sturmsicher. Bauten Bimini und alles, was Angriffsfläche bot, ab. Ich kochte. Nicht vor Wut, sondern Pasta. Sven hatte Hunger. Als die ersten Böen mit weit über 40 Knoten auf die Dilly-Dally wie ein Vorschlaghammer hämmerten, hatte Sven den Appetit aber verloren. Der halbe Teller blieb unangetastet. Kai-Uwe nahm noch zwei Nachschläge, schnappte sich sein Buch und las. War gerade so spannend. Auch Sven versuchte zu lesen, versuchte zu dösen, versuchte, sich Mut zuzureden. Aus Deutschland erreichten uns über Whatsapp Satellitenbilder und aufmunternde Sprüche: „Müsste bald durch sein!“ Aber immer, wenn wir glaubten, der Wind ließ nach, holte er nur Luft. Kai-Uwe las das nächste Kapitel. War eben spannend. Sorgen wischte er weg. „Wieso, wenn der Anker jetzt vier Stunden gehalten hat, warum sollte er dann nicht noch weitere vier Stunden halten?“ Nächste Seite. Und in der Tat: Der Anker hat nicht einen Meter nachgegeben, sich komplett eingegraben – wie wir am nächsten Morgen der dicken Schlammschicht entnahmen, die bis zur Kette klebte. Erst gegen halb zwei Nachts fand auch Sven in den Schlaf. Am nächsten Tag war die See wie glattgebügelt.

 

Wir motorten nach Kaş und machten im Stadthafen fest. Endlich angekommen (hier das Video). Der Ort sah noch genauso aus wie beim letzten Besuch vor drei Jahren. Kai-Uwe und Sven waren begeistert. Von den Bars, den Beachclubs, den Tauchern, von denen an diesem Wochenende 1000 im Ort sein sollten, von der entspannte Stimmung im Ort. Zum Sonnenuntergang kletterten wir auf das Amphitheater, stießen auf eine tolle und abenteuerliche Reise an. „Abgeliefert“, sagte Sven. Am nächsten morgen mussten die beiden um sieben Uhr das Taxi zum Flughafen nehmen. Als wir durch die engen Gassen der Alstadt schlenderten, vorbei an dem großen Sarkophag, telefonierte Kai-Uwe noch mit Norderney. „Nächstes Jahr fahren wir in die Türkei. Nach Kaş. Mit dem Bus…….. ja, klar, 3300 Kilometer. Du, das sind nur 36 Stunden Fahrt.“ Sven will schon eher wiederkommen. Vielleicht Weihnachten.

 

Vielen Dank an die beiden! War eine klasse Woche! Und mit niemand anderem hätte ich die Erlebnisse dieser Tage erfahren wollen. Wahrscheinlich kann ich noch die nächsten Jahre sagen: Ach, das ist doch gar nichts. Damals, mit Sven und Kai-Uwe…. Ein gutes Gefühl!

 

 

 

Blutiger Drohnenangriff

Lektion 1: Starte niemals eine Drohne vom Bug des Bootes aus, wenn das Schiff noch Fahrt hat. Sehr schnell klebt die Drohne am Fuss und die Rotoren kratzen an der Ferse. Aber nachdem zwei Blätter ersetzt wurden, klappte es dann doch ganz gut. Die Landschaft ist einfach zu schön…

Lazy days

Fünf Stunden nachdem Kai-Uwe und Sven die Dilly-Dally verlassen haben, kam schon der erste Spontanbesuch: Mareen und Ilija. Bei bestem Badewetter haben wir herrliche Tage in Kaş. Heute sind wir nach Kekova gesegelt (oder meistens Motor), denn nach dem Sturm ist der Wind eingeschlafen. Die Bucht, in der wir neulich noch in der Nacht Böen von bis zu elf Beaufort gehabt haben, ist wie glatt gebügelt. Nach einem kleinen BBQ auf der Dilly-Dally geht es dann auch gleich in die Koje.

Angekommen in Kas

Nach einer Woche bricht für Kai-Uwe und Sven der letzte Tag auf der Dilly-Dally an. Nach einer stürmischen Nacht ist die See wieder ruhig. Von Kekova geht es knapp 15 Meilen nach Kas, wo ich überwintern möchte. Der Ort hat sich kaum verändert. Herrlich!

From Kalkan to Kekova – sun and storm

Knapp 30 Seemeilen sind es von Kalkan nach Kekova. Mit achterlichem Wind und gereffter Genua schob sich die Dilly-Dally mit bis zu acht Knoten durch die See. Sicher und ruhig. Laut Windfinder sollte der Wind zur Nacht abnehmen. Tat er auch. Für eine halbe Stunde. Dann setzte er erneut ein. Aus exakt der entgegengesetzten Windrichtung. Ein riesiges Tiefdruckgebiet hatte sich aufgebaut. Und der türkische Wetterdienst meldete 9 bis 10 Windstärken – in Böen elf. Arrrghhhhhhhh….

Unser Anker grub sich aber zum Glück so weit ein, dass sich die alte Lady nicht einen Meter von der Stelle bewegte. Nicht alle hatten so viel Glück….

Stormy day on Dilly-Dally

The Dilly-Dally-Diaries, Part 2. Leaving Marmaris

Tschüs Marmaris

Nach knapp zwei Wochen in der Marmaris Yacht Marina heißt es morgen: good bye! Die Marina ist klasse, um am Boot zu arbeiten. Allerdings dann doch etwas weit entfernt (8 Kilometer), um mal eben etwas in Marmaris zu besorgen. Auch wenn direkt der Dolmus an der Marina hält. Die Zeit hier habe ich dennoch genossen. Ein paar Impressionen unten in der DIA-SHOW

Abgerechnet wird zum Schluss

Seit einer Woche wohne ich auf der Dilly-Dally, lebe mich ein, döse mittags in der warmen Sonne im Cockpit, esse abends im Beachclub der Marina, stärke mich für die Nacht mit ein bis zwei Bier, um mich dann im allnächtlichen Fightclub zu messen. Blut spritzt, Blessuren bleiben nicht aus, Beulen wachsen in Sekunden, um ebenso schnell wieder zu verschwinden. Nur die angelaufene und angeknackste Zehe, die glaubte stärker zu sein als der Türrahmen, schimmert auch am dritten Tag in einem dunklen Blaurot, wie ein guter Tropfen Bordeaux. Riecht nur nicht so gut. 

 

Der Fightclub ist ein ungerechter Kampf. Ich gegen Dutzende fliegende Maschinen, deren Motoren hell Surren und die Ohren umkreisen. Die Moskitos haben etwas von Hydra. Erledigt man eine, kommen zwei neue. Und so klatsche ich mich durch die Nächte, in der Hand das Verbrechen. Die neueste Ausgabe von „Stern-Crime“ entspricht ihrem Titel. Sie ist mittlerweile blutgetränkt. Das Magazin liest sich nicht nur gewohnt gut, es ist auch eine fantastische Waffe im Kampf um die verdiente Nachtruhe, die ich brauche, weil schon früh morgens die Arbeiten an der Dilly-Dally beginnen. 

 

Mittlerweile ist die Moody 425 nach meinen Vorstellungen gepimpt, ausgestattet für das autarke Leben an Bord. Ein neues Beiboot baumelt vergnügt wie eine Hollywoodschaukel am Heck, das neue Dach der Davits spendet nicht nur Schatten, sondern liefert auch den Saft, damit das Bier im Kühlschrank schön kalt bleibt. 3 x 120 Watt hat Brian, ein irischstämmiger Brite mit deutscher Frau, der seit Jahren in der Türkei lebt, installiert. Selten habe ich so eine so akkurate Arbeit gesehen. Die Kabel (für Strom und Antennen der Navigationsinstrumente) verlaufen in den Rohren der Davits, es gibt eine Seilwinde für das Hieven des Außenborders, Halterungen für Bootshaken oder Angeln und Platz für Rettungsringe und Tampen. 

 

Mit Peter, dem Yacht-Broker von Sunbird Yachting, hatte ich einen Glücksgriff gemacht. Während ich noch mal für zwei Wochen in Sankt Peter-Ording weilte, wickelte er den Kauf ab, überführte mit dem Vorbesitzer das Schiff vom Ankerplatz vor Marmaris in die Marina, regelte alle behördlichen Schritte, half, empfahl und beriet, wo er nur konnte. Er vermittelte Unterstützung für das leidige Transitlog, dessen Beantragung schnell in einem Behördenmarathon enden kann. So kostete es mich nur wenige Minuten und 135 Euro, nur wenig mehr, als hätte ich es selbst organisiert. Außerdem kümmerte sich Peter um den Bezug des Polsters in der Navigationsecke, das bereits ziemlich ausgefranst war. Ein neuer Bezug musste her. Sein Mitarbeiter düste mit dem Roller los, das Polster unter dem Arm. Einen Tag später war es fertig, top genäht und verarbeitet: der Preis 100 Türkische Lira, etwa 13 Euro. 

 

„ALTE LADY“

 

Nachdem ich Peter beim Kauf fragte, ob er mir helfen könne, einen Handwerker zu finden, der mir Davits samt Solaranlage montieren könne, rief er Brian an. Brian, sagte Peter, leiste hervorragende Arbeit, arbeite mit den besten türkischen Handwerkern vor Ort zusammen. Auch wenn er vielleicht etwas teurer sei, sei die Kommunikation mit ihm einfacher – und sein Kostenvoranschlag hätte Bestand. Nicht selten soll es vorgekommen sein, dass in Auftrag gegebene Arbeiten am Ende deutlich teurer würden als abgesprochen. Oder aber das Boot nach Fertigstellung nicht in den Originalzustand zurückgebracht würde. Bei Brian sei das anders. Sagte Peter. 

 

Brian von Tec Yachts Turkey und ich wurden uns schnell einig. Er kam zu Peter ins Büro und das erste, was der quirlige Brite machte, war, meine Vorstellungen nach unten zu korrigieren. Nicht nötig, nicht möglich, zu teuer. Sobald die Dilly-Dally im Hafen lag, vermaß Brian mit dem Schweißer das Boot, um die Bohrlöcher des Heckkorbs zu verwenden, kalkulierte und rechnete, erkundigte sich nach dem Gewicht des Beiboots und des Außenborders, während ich noch in Deutschland weilte. Er erstellte mehrere Kostenvoranschläge mit verschiedenen Optionen. Über Whatsapp versorgte er mich ständig mit dem Fortschritt der Arbeiten. 

 

Einen Tag benötigten Brian und seine türkischen Kollegen dann für die Montage der Davits und der Panele, dazu mussten wir die Yacht an einen äußeren Steg bringen, an dem geschweißt werden durfte (hier das Video). Brian nutzte gleich die Möglichkeit, mich mit den Marotten der „alten Lady“, wie er die Moody liebevoll nannte, bekannt zu machen. Denn gerade rückwärts in engen Häfen reagiert die Dame etwas zickig. Oder besser gesagt: erst einmal gar nicht. Brian hat selbst einmal für Moody gearbeitet, kennt die Schiffe in- und auswendig. Immer neue Runden ließ er mich im Hafen drehen, damit schon bald aus mir und ihr ein Traumpaar wird. 

 

DAS SCHWERGEWICHT

 

Nachdem die Davits montiert waren, begann aber erst die richtige Arbeit. Aus zwei wurden drei Tage (hier das Video). Auch weil wir nochmals den Steg wechseln mussten, Fahrstunde erneut inbegriffen. Um die Kabel der Solaranlage zu verlegen, mussten die Verkleidungen in der Achterkabine abgenommen, neue Kanäle gebohrt werden. Auch wenn ich bislang glaubte, die von der Werft in Plymouth angegebenen 17 Tonnen Gewicht würden der „alten Lady“ nicht gerecht, so belehrte mich Brian eines besseren. Selbst die Böden der Schränke bestehen aus einer ein bis zwei Zentimeter dicken Schicht Fiberglas, plus Holzverkleidung. 

 

Immer wieder bot ich meine Hilfe bei den schweißtreibenden Arbeiten an, aus versicherungstechnischen Gründen lehnte Brian dankend ab. Ich vermute mal, das war eine billige Ausrede. Er wollte einfach sein Werk nicht von Amateuren zerstören lassen. Die Akribie und Gelassenheit beeindruckten mich. Selbst die Halterungen der Kabel hinter der Verkleidung unter Deck befreite Brian erst vom Kleber („der hält nicht lange“), um sie dann fachmännisch mit Spezialkleber anzubringen, die Schrauben verbarg er hinter Holzpropfen, obwohl sie vorher auch nicht abgedeckt waren, er fertigte Sichtblenden aus Teak an – so dass die Achterkajüte jetzt hübscher ist als vorher. 

 

Die Verzögerung von einem Tag brachte Brian nicht aus der Ruhe. Immer wieder schwang er sich auf sein Rad, düste zum Bootsausrüster, um neue, noch bessere Teile heranzukarren. Ihm reichte nicht die Installation der Davits, er wollte das Beiboot hängen sehen – und die Vorrichtung zum Fieren anpassen (war gar nicht im Preis inbegriffen). Auch als das neue Beiboot geliefert wurde und sich herausstellte, dass das Dinghy gar nicht über die übliche Aufhängung verfügt, kräuselte Brain nur einmal kurz die Stirn. „Don’t worry. We’ll find a way.“ Am nächsten Morgen kam er lächelnd zur Dilly-Dally, bohrte und schraubte am Beiboot, bis er zufrieden war. Zwischenzeitlich inspizierte er den defekten Kühlschrank, der wie eine Diva zickte und nur hin und wieder mal arbeiten wollte. Kurzerhand organisierte einen Fachmann, der den kaputten Regler flugs austauschte. 

 

„MIT ALLES“ 

 

Einen Tag länger als erwartet, auch wegen einiger Extrawünsche meinerseits, ich bestellte mir die Dilly-Dally wie einen Döner in Berlin, werkelte Brian von früh bis spät an der Dilly-Dally. Am Abend des vorletzten Tag kamen wir auf die Rechnung zu sprechen. Eine Anzahlung hatte ich bereits geleistet. Jetzt ging es um die Restsumme. „Ich werde die Rechnungen noch mal überarbeiten müssen“, sagte Brian trocken. Aufgrund der Wechselkursschwankungen habe es zwischen dem Angebot und der Bestellung Abweichungen gegeben. Zudem hatte ich im Vergleich zum Kostenvoranschlag noch einige Extras bestellt – wie den Regler der Solaranlage, der über eine App Leistungsdaten und Verbrauch der Batterien angibt. Eine nette Spielerei. Aber auch durchaus sinnvoll, wenn im türkischen Winter die Sonne einmal nicht so kräftig scheint. Auch ein lustiges Diodenlichtspiel am Regler verrät, ob die Anlage gerade den benötigten Strombedarf nutzt oder zudem die Batterie lädt. Oder eben auch Saft aus den Akkus zieht. Weil das Geblinke bei Nacht aber auch ein ziemliches Generve sein kann, klebte ich die Dioden ab. Brian sah das, entfernte das Klebeband und fertigte für die Dioden eine lichtundurchlässige Abdeckung an, die zum Ablesen der Anzeigen angehoben werden kann. „Sieht doch besser aus“, sagte er. Und er hatte natürlich Recht. 

 

Zudem hatte Brian für die Aufhängung des Beiboots und für die Seilwinde des Außenborders vier Doppelblöcke und zwei einfache Blöcke gekauft – und einen speziellen Tragegurt, der um den Außenborder gelegt werden kann, um ihn zu kranen, ohne dass Gefahr besteht, den Motor zu versenken. Immerhin wiegt das Biest so viel wie zwei Kästen Bier.

 

Im Kopf kalkulierte ich bereits, wie viel teurer die Rechnung wohl werden würde. Der Kostenvoranschlag für die Davits und Solaranlage samt Montage belief sich auf knapp 5300 Euro, ein Betrag, der mir angesichts des Materials, der Maßanfertigung und der exzellenten Ausführung als sehr günstig erschien. Was würde wohl jetzt noch hinzukommen? Schließlich hatten die Arbeiten auch einen Tag länger gedauert, unter anderem, weil das Boot mehrmals verholt werden musste. 

 

DIE ABRECHNUNG

 

Am nächsten Morgen sollte ich es wissen: Brian hatte noch einmal gerechnet. Inklusive der Extras belief sich die Differenz auf rund 100 Euro. Keine Mehrkosten. Sondern Kostenersparnis! Wie bitte? „Jep“, sagte Brian, „der Wechselkurs war günstiger. Daran kann ich mich ja nicht bereichern.“ 

 

So etwas habe ich noch nie erlebt! Ich bin Baff.

 

 

Die Dilly-Dally ist gepimpt

Schnipp-Schnapp Haare ab

 

Wenn man mit 46 Jahren (offiziell) wieder zu Hause einzieht, ist das wie eine Reise in die Vergangenheit. Auch wenn das ehemalige Kinderzimmer längst anderweitig verwendet wird, ist man schlagartig wieder der Teeanger, der vor einem Vierteljahrhundert ausgezogen ist. Und so war es nur eine Frage von Stunden (ich hatte ehrlich gesagt mit Minuten gerechnet) bis das Thema nicht mehr umschifft werden konnte. Beim Abendessen war es soweit. „Wann warst Du denn das letzte Mal beim Frisör?“ Nicht dass meinen Vater eine Antwort auf seine Frage interessiert hätte, vielmehr wollte er seinen Protest gegen die lange Mähne kundtun, wobei eine „lange Mähne“ bereits für ihn dann beginnt, wenn die Ohren nicht akkurat frei gelegt sind. Er selbst pflegt Zeit seines Lebens den gleichen kurz geschnittenen Scheitel über gestutztem Schnäuzer. Zumindest gibt es außer wenigen Kinderbildern keinen auf Zelluloid festgehaltenen Moment, in dem mein Vater eine andere Frisur zugelassen hätte, als den militärisch korrekten Haarschnitt.

In der Tat war es einige Wochen her, dass ich zum letzten Mal beim Friseur war. Ich glaube, es war im Juli, vielleicht aber auch schon im Juni. Einerseits aus zeitlichem Mangel. Andererseits, weil ich keinen Sinn darin sah, wie aus dem Ei gepellt durch die Straßen Berlins zu stolzieren (gefühlt 90 Prozent der Berliner machen das übrigens nicht). Einer der Vorteile, wenn man seinen Job gekündigt hat. Auch in Sankt Peter-Ording sah ich keinen Anlass, an meiner Strandmatte auf dem Kopf etwas zu ändern, die jeder zweite Surfer dort mit Stolz trägt. Erschreckend musste ich aber feststellen, dass etwas längere Haare unter einer Schirmmütze extrem ungünstig abstehen können und Erinnerungen an Crusty, den Clown wecken. Trotzdem liebäugelte ich damit, die Matte noch etwas wachsen zu lassen, als Ausdruck des selbst gewählten Vagabundenlebens.  

Als ich nach meiner Rückkehr in die Türkei durch das gut bewachte Tor zur Marina in Marmaris fahren wollte, stoppte mich die Security. Während ich die Formalitäten mit dem netten Wachmann mit Ruhrpott-Slang klärte, in dem ich ihm erklärte, dass mein Boot hier im Hafen läge, das ich gerade gekauft habe, bemerkte ich plötzlich, dass direkt neben der Einfahrt eine kleine Blockhütte steht, über deren Tür in großen Buchstaben „Hairdresser“ prangt. Ein Wink des Schicksals oder purer Zufall? Für einen kurzen Moment hörte ich wieder meinen Vater mit seinen mahnenden Worte über meine Mähne, die wie ein Tinnitus in meinen Gehörgängen hallten. 

Nachdem ich die erste Nacht wie ein Stein geschlafen hatte, kratzte ich mich durch die zweite, erschlug zum Zeitvertreib und aus Rache ein paar Mücken. Als ich gegen sieben Uhr genervt und gerädert den Kampf gegen die Blutsauger aufgab, um mir meinen Instantkaffee zu brühen und den Tag zu begrüßen, blickte mich aus dem Spiegel im Badezimmer ein gerupfter Wischmob an. Sah irgendwie scheiße aus. Langsam nervten mich die Haare. Vor allem bei schweißtreibenden Arbeiten am Boot, pieksen die verschwitzten Strähnen in den Augen. Und so kam es, wie kommen musste. Mittags klopfte ich an die Tür des Barbiers, der gelangweilt in seiner Holzhütte saß und abwechselnd auf sein Handy und den Fernseher starrte. „Shave or haircut“, fragte er zur Begrüßung. Auch wenn mir von früheren Aufenthalten in der Türkei noch bewusst ist, dass der Besuch bei einem Barbier durchaus seinen Reiz hat, beschränkte ich mich auf den Haarschnitt. Eins nach dem anderen.

Auf meine Antwort „haircut“ kam ein tiefer Seufzer. Der Barbier deutete mit einem Wink auf den Platz vor dem Spiegel, kramte nach einer Sprühflasche, mit der Spießer in Deutschland ihren Ficus Benjamini bestäuben, und besprühte meine Haare so lange, bis sie tropfnass wie zu lange gekochte Spaghetti am Gesicht klebten. Zu meiner Erleichterung kramte der Frisör nach einer Schere und nicht nach einem Rasierapparat, um mir den Schädel zu scheren. Denn zuvor hatte er mehr befehligt als gefragt, wie ich denn die gerne die Haare geschnitten hätte. Mit nur einem Wort: „Short.“ Dahinter setze er gefühlt drei Ausrufezeichen, fett gedruckt, und ein winziges Fragezeichen. 

Ich nickte. Mit Kamm und Schere klapperte er wie Edward mit den Scherenhänden dicht an meinen Ohren vorbei – ohne dabei aber auf meinen Kopf zu schauen. Vielmehr blickte er in den Spiegel, der vor mir an der Wand hing, und beobachtete darin den Fernseher, wo gerade eine adrette blondierte Moderatorin eine ältere Dame in bäuerlicher Tracht und Kopftuch Punkte und Striche auf die Füße und Hände malte und diese dann massierte. Ich vermute, es ging um das Thema Fußreflexmassage, an dem mein Friseur reges Interesse zu haben schien. Ich fragte mich, welchen Punkt am Körper man wohl stimulieren müsse, um die Blutung an einem abgeschnittenen Ohr stoppen zu können. Plötzlich fragte ich mich, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen der Frisörbude und der daneben liegenden Holzhütte gibt. Denn über der Nachbartür steht in der gleichen Typo „Medical Clinic“. 

Nach einer Viertelstunden Scherengerassel war der Kampf wider Erwarten unblutig beendet. Und ich beeindruckt. Nicht nur waren die Ohren heil geblieben. In den Ohren steckte jetzt sogar jeweils ein Zeigefinger des Frisörs, der Wattebäusche in den Gehörgängen rotieren ließ wie es sonst nur Waschmaschinen mit Frotteehandtüchern im Schleudergang tun. Ob damit keine abgeschnittene Härchen herauspoliert werden sollten oder aber es ein Tipp der Reflexzonentante aus dem Fernsehen war, kann ich nicht sagen. Es war jedenfalls nicht unangenehm. Zumindest im Vergleich zu dem, was dann kommen sollte. Plötzlich fasste der Frisör meinen Kopf zwischen seine beiden Pranken und bog ihn schwungvoll nach rechts und links und wieder nach rechts und wieder nach links. Jovial setzte es dann noch einen schallenden Klaps auf die Schulter. Was ich erst als väterliche Geste deutete, war aber nichts anderes als der Versuch mit zu bedeuten, dass ich mich vornüber lehnen soll, den Kopf tief gebückt ins Waschbecken, damit er mir die Haare waschen konnten. Nach einer behänden Kopfmassage fühlte ich mich wie neu geboren. Daran konnte auch das Fönen nichts ändern. Während der heiße Wind die Haare trocken pustete, schlug der Frisör mit der flachen Hand immer wieder sanft über meine Kopfhaut. Eine Bürste hätte es meines Erachtens auch getan. Aber gut, andere Länder…

Das Ergebnis war jedenfalls ansehnlich. Und ich fühle mich wieder wie ein Mensch. Wer sagt denn, dass Aussteiger lange Haare haben müssen? Manchmal kann sollte man eben doch auf seinen Eltern hören. Auch mit 46 Jahren. Aber wirklich nur manchmal.

 

 

Davits für Dilly-Dally