Monatsarchive: November 2015

Markttag

20151109

Entschleunigung in der Endphase

Meine aktiven Neusegler sind zu aktiven Ankerliegern geworden. Zugegebenermaßen – Tarrafal bei Nacht ist nicht unser Ding. Komische Stimmung auf den Straßen. Dafür sind die Tage um so schöner. Meine Crew ist zwischenzeitlich offen geworden für die Kultur und Begegnungen mit den Menschen diese wunderschönen Landes. Und die Farbigen sind offener geworden für die Touristen, wie man auf diesem wunderschönen Bild sieht. Die sympathischen Damen, die uns ein einfaches, gutes und preiswertes Essen bescheren, wollen kein Geld für ihr goldiges Lächeln, sondern nur, dass wir morgen wiederkommen. Danke.

Norbert hat sich entschieden morgen den Flieger zu nehmen um seinen Anschlussflug nach Deutschland zu bekommen. So ermöglicht er uns noch einen Tag länger in Tarrafal zu verweilen und zu genießen. Gerne doch Norbert. Danke schön. So. Und jetzt fallen mir aber die Äuglein zu. Zeit fürs Bettchen.

 


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Sonntagstimmung auf den Kapverden

20151108

Zwischen Himmel und Erde

Schon seit einigen Tagen steigt meine Unmut, gegenüber Rafael. Unserem kapverdianischen Bootsjungen. Er nervt mich mehr, als dass er mich entlastet. Seit ein paar Tagen lasse ich ihn auch eigentlich nur noch Putzen, was das Zeug hält. Gestern hat er sein Wochengehalt bekommen und wie war es anders zu erwarten, kommt er heute am Morgen wieder, keinen Pfennig mehr in der Tasche und voll mit allem was es gibt. Da ist mir dann die Hutschnur geplatzt. „Rafa. Pack Deine Sachen. Ich bringe Dich gleich an Land.“ Rafa versteht die Welt nicht mehr, sieht seine Koje, den immer vollen Kühlschrank schwinden und fängt erst mal an zu heulen. Die Abfindung, das Geld für die Fähre nach Sal, der ordentliche Tip der Crew, trocknet die Tränen aber wieder schnell. Auch dieses Geld in Höhe eines Monatsgehalts eines normal Verdienenden wird Rafa wieder schnell ausgeben und in ein paar Tagen in Alkohol und andere Dingen umsetzen.

20151108a

Auch die Crew atmet erleichtert auf. Irgendwie. Es entsteht eine angenehme Ruhe an Bord. Mark bohrt Löcher in die MARLIN für einen 3/4G Außenantenne an Deck der MARLIN, verlegt das Kabel geschickt bis zum Router. Danke Mark. Am Nachmittag senkt sich der Stand der Sonne endlich und aus der Hitze wird eine angenehme Temperatur. Mark und ich fahren mit dem Dinghy zum Schnorcheln. Die neue Speargun ist auch dabei. Aber Wnuk schießt erst mal nur daneben. Das Mördermodell mit dem Namen MARLIN 120 unter Wasser zu spannen, nur bis zur ersten! Gang gelingt mir so grade eben. Hallo Wnuk. Bisschen Üben!

20151108b

Die schöne Woche findet ihr Ende bei Mark’s ersten selbstgekochten Green Curry mit Yellow Fin Thuna. Auf seinen ganz besonderen Wunsch, weihe ich ihn in die Tiefen der Zubereitung ein und Claudias Gemüseabteilung steuert wieder einmal einen Salat aus dem Nichts hinzu. Morgen: Markt

 


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millemari. auf der HANSEBOOT: Fast ein Jahr. Fast ein Geburtstag. Ein Resümee.

Es ist nun fast ein Jahr, dass es unseren Verlag millemari. gibt. Gegründet wurde er vor acht Monaten, im Dezember 2014. Aber im Kopf geboren wurde er mehr oder weniger ein paar Monate vorher, hier in Hamburg auf der HANSEBOOT im Oktober 2014 in unseren Köpfen.

Bassist und millemari.-Autor Claus Aktoprak stellt zusammen mit Gitarrist Dara Mc Namara sein Buch SCHÄRENSEGELN musikalisch vor.

Ein Jahr später: Wir stehen wieder auf der HANSEBOOT. Diesmal stehen millemari.-Autoren in acht verschiedenen Vorträgen auf der Bühne von Halle B.2, lesen aus ihren Büchern über SEGELN IN DEN SCHÄREN, über GEWITTERSEGELN. Darüber, mit einem Schlauchboot 500 Seemeilen auf ostfriesischen Kanälen zu segeln. Oder in MEIN BOOT IST MEIN ZUHAUSE über das ganzjährige Leben auf einer Yacht, ein Buch, das eine große deutsche Tageszeitung in der kommenden Wochenendausgabe vorstellen wird. Unseren fünften Titel, nach GEWITTERSEGELN, nach EINMAL MÜNCHEN – ANTALYA, BITTE und dem gleichnamigen Film, den ich ebenfalls in einem einstündigen Vortrag zeigte, und nach SCHÄRENSEGELN.
Ein Jahr später: Ein Resümee in 3 Punkten:
1. millemari. lebt.
Ein Jahr später stelle ich fest: Susanne Guidera’s und mein Entschluss, die Welt um einen weiteren Verlag zu beglücken, den die vielleicht gar nicht haben will, war richtig. Zum ersten Mal spüren wir: Der Verlag millemari. lebt. Er zieht Zuhörer an zu den Vorträgen, auf denen wir unsere Bücher vorstellen, im Schnitt waren es 30-45 – das war gerade wochentags sehr viel. Zuhörer, die nach den Vorträgen an den Stand kommen, der eigentlich keiner war. Segler und die Autoren von GEWITTERSEGELN, die sich hier trafen. Susanne inmitten der millemari.-Autoren: Sie ist das Herz von millemari.

Ein Teil der millemari.-GEWITTERSEGELN-Autoren am millemari.-Stand.

2. Lob & Kritik.
Messen sind im Jahreslauf immer Orte, an denen man als Verlag „erntet“. Nämlich Kritik und Lob von denen, für die man ein Buch gemacht hat. Es hat uns gefreut, im Gespräch mit Buchhändlern zu sehen, dass unsere Bücher bereits in den wichtigen Segelbuchhandlungen Hamburgs ausliegen, obwohl wir uns um den Vertrieb genau dorthin noch gar nicht kümmern konnten. Dass Journalisten an den Stand kommen, weil sie neugieirig sind oder gut finden, was wir machen. Zuhörer, die regelmäßig nach den Vorträgen an den Stand kamen und Bücher kauften. Segler, die uns die Hölle heißmachen, weil unser Stand nur aus Konferenztisch plus Büchertisch besteht. Dabei hatten wir erst bei Messebeginn erfahren, dass statt des vereinbarten Verkaufstisches an der Bühne nun ein eigener Stand da war – es war anders abgesprochen mit der Messeleitung.
Es ist schön zu sehen, dass wir Menschen bewegen, dass Menschen Reaktion zeigen und Anteil nehmen, ob kritisch oder lobend, an dem, was wir da an Büchern in die Welt bringen.
Nervosität vor dem Start: Die GEWITTERSEGELN-Autorinnen (von rechts) Annette Kilch und Christine Olstedt-Fuhrmann, die mit ihren Gewittergeschichten im Buch vertreten sind, Sekunden vor unserer halbstündigen Präsentation …
… und dann bei der Präsentation von GEWITTERSEGELN im Interview auf der Bühne.

3.  Die kleinen Milestones.
Die kleinere HANSEBOOT ist für uns nun zum zweiten Mal „Testmesse“ für unsere Ideen gewesen. „Testmesse“ für die eigentliche Großveranstaltung in Düsseldorf, die BOOT, die Ende Januar 2016 stattfinden wird. Den „Test“ hat der junge millemari. Verlag bestanden. Unser Konzept trägt. Die Themen stimmen.
Nun werden Susanne und ich „feilen“. Und daran arbeiten, eine Menge weitere Buchtitel herauszubringen – für 2016 sind immerhin 25 Neuerscheinungen geplant. Das werden wir auch schaffen. Und: Auf der BOOT Ende Januar 2016 dann wieder auf fast zehn Veranstaltungen unsere Bücher vorstellen. Und dann, 2017 auf der HANSEBOOT weiter testen. Der nächste Schritt…
Fazit:
millemari. lebt. 
DANKE an Euch, Besucher, Zuhörer, Autoren, Journalisten, Kritiker.
Mehr von Eurer Sorte! Viel mehr!

Mehr über millemari. auf der HANSEBOOT erfahren Sie auf der FACEBOOK-Seite von millemari. im Liveticker.

… und in den nächsten Tagen: mehr darüber, wie es auf meiner Reise von Korfu nach Sizilien weiterging.

millemari. auf der HANSEBOOT: Fast ein Jahr. Fast ein Geburtstag. Ein Resümee.

Es ist nun fast ein Jahr, dass es unseren Verlag millemari. gibt. Gegründet wurde er vor acht Monaten, im Dezember 2014. Aber im Kopf geboren wurde er mehr oder weniger ein paar Monate vorher, hier in Hamburg auf der HANSEBOOT im Oktober 2014 in unseren Köpfen.

Bassist und millemari.-Autor Claus Aktoprak stellt zusammen mit Gitarrist Dara Mc Namara sein Buch SCHÄRENSEGELN musikalisch vor.

Ein Jahr später: Wir stehen wieder auf der HANSEBOOT. Diesmal stehen millemari.-Autoren in acht verschiedenen Vorträgen auf der Bühne von Halle B.2, lesen aus ihren Büchern über SEGELN IN DEN SCHÄREN, über GEWITTERSEGELN. Darüber, mit einem Schlauchboot 500 Seemeilen auf ostfriesischen Kanälen zu segeln. Oder in MEIN BOOT IST MEIN ZUHAUSE über das ganzjährige Leben auf einer Yacht, ein Buch, das eine große deutsche Tageszeitung in der kommenden Wochenendausgabe vorstellen wird. Unseren fünften Titel, nach GEWITTERSEGELN, nach EINMAL MÜNCHEN – ANTALYA, BITTE und dem gleichnamigen Film, den ich ebenfalls in einem einstündigen Vortrag zeigte, und nach SCHÄRENSEGELN.
Ein Jahr später: Ein Resümee in 3 Punkten:
1. millemari. lebt.
Ein Jahr später stelle ich fest: Susanne Guidera’s und mein Entschluss, die Welt um einen weiteren Verlag zu beglücken, den die vielleicht gar nicht haben will, war richtig. Zum ersten Mal spüren wir: Der Verlag millemari. lebt. Er zieht Zuhörer an zu den Vorträgen, auf denen wir unsere Bücher vorstellen, im Schnitt waren es 30-45 – das war gerade wochentags sehr viel. Zuhörer, die nach den Vorträgen an den Stand kommen, der eigentlich keiner war. Segler und die Autoren von GEWITTERSEGELN, die sich hier trafen. Susanne inmitten der millemari.-Autoren: Sie ist das Herz von millemari.

Ein Teil der millemari.-GEWITTERSEGELN-Autoren am millemari.-Stand.

2. Lob & Kritik.
Messen sind im Jahreslauf immer Orte, an denen man als Verlag „erntet“. Nämlich Kritik und Lob von denen, für die man ein Buch gemacht hat. Es hat uns gefreut, im Gespräch mit Buchhändlern zu sehen, dass unsere Bücher bereits in den wichtigen Segelbuchhandlungen Hamburgs ausliegen, obwohl wir uns um den Vertrieb genau dorthin noch gar nicht kümmern konnten. Dass Journalisten an den Stand kommen, weil sie neugieirig sind oder gut finden, was wir machen. Zuhörer, die regelmäßig nach den Vorträgen an den Stand kamen und Bücher kauften. Segler, die uns die Hölle heißmachen, weil unser Stand nur aus Konferenztisch plus Büchertisch besteht. Dabei hatten wir erst bei Messebeginn erfahren, dass statt des vereinbarten Verkaufstisches an der Bühne nun ein eigener Stand da war – es war anders abgesprochen mit der Messeleitung.
Es ist schön zu sehen, dass wir Menschen bewegen, dass Menschen Reaktion zeigen und Anteil nehmen, ob kritisch oder lobend, an dem, was wir da an Büchern in die Welt bringen.
Nervosität vor dem Start: Die GEWITTERSEGELN-Autorinnen (von rechts) Annette Kilch und Christine Olstedt-Fuhrmann, die mit ihren Gewittergeschichten im Buch vertreten sind, Sekunden vor unserer halbstündigen Präsentation …
… und dann bei der Präsentation von GEWITTERSEGELN im Interview auf der Bühne.

3.  Die kleinen Milestones.
Die kleinere HANSEBOOT ist für uns nun zum zweiten Mal „Testmesse“ für unsere Ideen gewesen. „Testmesse“ für die eigentliche Großveranstaltung in Düsseldorf, die BOOT, die Ende Januar 2016 stattfinden wird. Den „Test“ hat der junge millemari. Verlag bestanden. Unser Konzept trägt. Die Themen stimmen.
Nun werden Susanne und ich „feilen“. Und daran arbeiten, eine Menge weitere Buchtitel herauszubringen – für 2016 sind immerhin 25 Neuerscheinungen geplant. Das werden wir auch schaffen. Und: Auf der BOOT Ende Januar 2016 dann wieder auf fast zehn Veranstaltungen unsere Bücher vorstellen. Und dann, 2017 auf der HANSEBOOT weiter testen. Der nächste Schritt…
Fazit:
millemari. lebt. 
DANKE an Euch, Besucher, Zuhörer, Autoren, Journalisten, Kritiker.
Mehr von Eurer Sorte! Viel mehr!

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… und in den nächsten Tagen: mehr darüber, wie es auf meiner Reise von Korfu nach Sizilien weiterging.

Skippers Frei-tag

20151106

Immer ganz vorne dabei, wenn es um die Problembewältigung geht

Bis zu 80 Meter Ankerkette, 13mm mit 70kg Rocna mit der Hand aus dem Wasser ziehen, mag man einmal zum Spaß versuchen, aber nicht dauerhaft der neuen Crew anlasten, die grade in den Startlöchern in Deutschland steht um mit mir über den Atlantik zu segeln. Das Gestern, beim Ankommen in Tarafall / Santiago, die Ankerwinsch dann nur noch ein sanftes „Klack“ des Steuerrelais von sich gegeben hat, hat mich dann doch etwas unruhig schlafen lassen. Am Morgen frühstücken wir dann alle zusammen. „Ihr fahrt heute nach Praia. Müsst ihr unbedingt sehen! Ist ja nun die Hauptstadt von den Kapverden. Nein ich komme nicht mit, ich muss mich um die Ankerwinsch kümmern!“ Enttäuschte oder glückliche Gesichter, ich kann es nicht genau einordnen. „Rafa bringt euch gleich an Land mit dem Dinghy.“ Kaum sind die Mitsegler glücklich entsorgt, schließe ich den Motor der Winsch noch mal direkt an die Batterie an, in der Hoffnung, dass er sich wiederbelebt. Tut er aber nicht. Also ausbauen. Ich brauche gar nicht anfangen zu schwitzen, ich stehe schon wieder im eigenen Saft. Kaum habe ich das gute Teil in den Händen sehe ich die gelöste, punktgeschweißte Kupferleitung der Wicklung. „Oha!“ Ein bisschen Gewühle und ich finde eine passende Ringöse mit Pressterminal. Mit Montage, Verpressen, Verlöten und Aufräumen vergehen aber dann doch vier Stunden. Time is Money, stimmt bei unserem heutigen Freitagsproblem jedoch nicht. Hätte ich das Problem nicht mit Bordmittel reparieren können, hätte ich den teuren Ersatzmotor, hätte den aus England bestellen müssen, hätte diesen der neuen Crew unterjubeln müssen zum Mitbringen etc… Hätte, hätte Fahrradkette. Is alles gut gegangen. Wir ziehen unseren Anker aus Kabelsalad in dem Bojenfeld raus, in dem wir mitten in der Nacht notgeankert haben. Das Bojefeld kennzeichnet das Unterwasserkabelfeld der Telefon- und Internetleitungen nach Brasilien. Hmm. Ankern strengstens verboten. Nein, wir ziehen ausnahmsweise keine Datenkabel mit hoch. Die Kapverden haben immer noch Internet und Telefon. Wir ankern neu und der wieder entspannte Skipper genießt die Aussicht auf einen der wohl schönsten Ankerplätze der kapverdischen Inseln. Die Bucht von Tarafall mit ihren schönen Kokosnusspalmen, dem weißen Sandstrand und dem klaren Wasser.

Fu wohnt hier. Fu hat uns zum Essen gelozt, in den Hinterhof des Restauranti di Francois. Unter sternklarem Himmel gibt es hier Pizza mit viel Käse. Gar nicht mein Geschmack, aber es gibt auch toten Fisch mit Beilage. Das war jetzt ein bisschen ironisch, aber die kapverdischen Auffassungen von guter Küche sind meist, doch sehr durchgebraten, folglich trocken, ganz so, wie ich es denn eben nicht gerne habe. Fu habe ich seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen. Wir sind eher bekannt, als befreundet und kennen uns aus der Zeit als diese Internetseite noch von anyMotion aus Düsseldorf betreut und programmiert wurde. Also, auf jeden Fall von ganz früher. Lang ist es her und so. Fu lebt seit neun Jahren hier in Tarafal und so dreht sich im Gespräch viel um die Kapverden, über das Damals und das Heute, was der gesamten weltpolitischen Entwicklung entspricht und der steigenden Touristenzahlen auf den Kapverden, sobald die Tui eine neue Insel anfliegt. Wir sind uns einig, trinken einige Einigkeitsbiere bis meine Crew etwas gestresst von ihrem Praia-Ausflug wieder auftaucht. Wilde Geschichten von prall gefüllten Aluguers folgen, sobald die Pizzen vertilgt sind und der Zucker-, Alkohol und Endorphinspiegel wieder auf dem Normallevel ist. Also alles insgesamt ein erfolgreicher Tag. Rafa hat das gesamte Boot geputzt, ich habe lange mit Maya und Lena videogeskypt, wir haben 600 Liter Wasser gemacht und eine Maschine Wäsche gewaschen. Alltag auf der MARLIN. Enjoy Life.

 


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Wir haben es fast geschafft

Liebe Leute, unglaublich aber wahr: Wir haben unseren Termin am Freitag um 11 Uhr im Citysporthafen tatsächlich eingehalten und sind jetzt in Deutschland angekommen! Wooohooo! So richtig realisiert haben wir das auf alle Fälle noch nicht, dass es jetzt erst mal nicht mehr aufs Wasser … Wir haben es fast geschafft weiterlesen

Doch Stress

20151105

Meilen knacken

Wir laufen Süd. „Jede Meile die wir Süd laufen, müssen wir gegen den Wind wieder nach Nord!“, ich runzle die Stirn. Aber Tarafal auf Santiago soll es für meine Crew und für mich eben doch sein. Früh morgens geht es raus aus der Lagune von Boa Vista. Schon am gestrigen Abend haben wir Dinghy und den schweren 30PS Außenborder an Bord gehievt. Claudia geht es wieder besser und dafür hat sie mich angesteckt. Ich verbringe die halbe Nacht auf der Toilette, mit ist kotzeübel und ich bin wirklich nicht grade bester Laune am heutigen Morgen. Den raumschoten Kurs mit der MARLIN zu fahren ist viel schwieriger als am Wind. Dazu kommt ordentlich Wind mit bis zu 20 Knoten und ebenfalls ordentlich Welle. Da kommen die segelbegeisterten Newbies ordentlich ins buchstäbliche Schleudern. Der Bullenstander kann zeigen ob er hält, als die MARLIN einmal ihren Popo vorm Mast dreht. Klassische Patenthalse ohne Schaden. BUMM BÄENG ZOPP ZOIN! „Laut. Was?“ Da stehen sie wie die Pudel, nass begossen im Cockpit und wissen nicht wie ihnen geschehen ist. Ich kann meine Begeisterung im Zaun halten, versuche ansatzweise zu lächeln. Schon ist die MARLIN wieder auf Kurs, meine Steuerleute arg bedacht, dass das nicht noch mal passiert und ich schließe mich wieder auf Toilette ein und warte der Sachen die da abgehen. Der Rest des Tages wird ein wunderschöner Segeltag. Jetzt stehen wir knapp 10 Meilen vor Tarrafal von Santiago. Und das gibt es gleich zu essen. Thunfisch mit Gemüsepfanne.

 


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No Stress

20151103

newbies writing

„Guten Morgen“ ist heute erst ab 9:00. Der gestrige Tag war für uns „newbies“ doch sehr anstrengend. Ich selber (Mark) bin in meinem Leben noch nie so eine lange Strecke gesegelt. Konzentration beim Ruder gehen ist hier über eine längere Zeit gefragt und das macht sich bemerkbar. Wir waren dann auch froh dass die Marlin am Anker in der Lagune von Boa Vista lag und wir, nach dem Micha uns noch schnell was zu essen gemacht hat, müde ins Bett fallen konnten. Der heutige Tag fangt gemütlich an und Micha, Norbert und ich dürfen an Land die Vorräte auffüllen. Auch Sprit fürs Dinghy wird besorgt. An Land angekommen und gestärkt durch einen Espresso stiefeln wir los in „Sal Rei“ und bleiben beim ersten Souvenirshop stehen. Nicht um die angebotenen Waren zu betrachten, sondern unser Auge fällt auf das kleine Mädchen mit den großen Augen und dem verzauberten Lächeln. Dahinter der Shop mit farbenfroher Ware und genauso farbenfrohen Menschen. Die Fröhlichkei t ist ansteckend. Sal Rei ist ein (off-season) verschlafenes Dörfchen am Rande der Lagune. Die Hektik der anderen Inseln ist hier nicht zu spüren. Es kann aber sein, wenn im nächsten Monat die TUI Bomber landen, die Straßen sich füllen mit Touristen, Surfer (mit oder ohne Kite) und andere Wind-Sportler. Für jetzt aber eine Idylle aus alten Häusern von englischen 19. Jahrhundert Siedler und das Motto der jetzige Einwohner: „No stress“, ist.

Zurück an Bord setzt sich die ruhige angenehme und entspannte Atmosphäre fort und wir dürfen wieder einmal die genialen Kochkünste des Skippers genießen.

Morgen werden wir ein wenig von Boa Vista anschauen und mal über die endlos weißen Strände spazieren. A nice day away from the office.

 


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Trans-Ocean e.V. – Martin Birkhoff – Des Rätsels Lösung?

WER IST DER VEREIN?

Herbst#3

Moin Martin,
Wer hätte denn vermuten können, dass ein Langstreckensegler als Wolf im Schafspelz unterwegs? Wenn Segler gemeinhin ein Gespür für Mitmenschen und ihre natürliche Umgebung entwickeln, dann muss auf Deiner Weltumsegelung etwas schief gelaufen sein, obwohl Du mit meiner Heckverzierung doch eigentlich genügend Zeit zum Denken hattest. WEITERLESEN

Tendenzieller Blogout

20151102

Segel, segeln und wieder segeln

Wir haben heute Morgen Sao Nicolao verlassen mit dem Ziel Ost. Boa Vista liegt etwa 80 Meilen vor uns, der Wind schralt ordentlich aus dem nordöstlichen Sektor. Meine Crew ist etwas dezimiert. Claudia ist wegen Magenverstimmung ausgefallen. Ob es auch mit „Seebeinen bekommen“ zu tun hat ist nicht genau festzustellen, ist auch egal, Claudia ist ausgefallen und liegt in der Koje. Wir segeln Höhe, meint gegenan, meint die MARLIN schlägt durch die Wellen, die aus Norden kommen. Eh nicht so der Anfängerkurs. Meine restlichen Crew gibt sich alle Mühe des Kurs zu halten. Das schwächste Glied ist Rafa unser kapverdianischer Bootsboy, der einfach den Kurs nicht halten kann. Nun, dafür kann er andere Sachen gut. Mark und Norbert wechseln sich ab und halten die MARLIN auf Kurs. Üben, üben und wieder üben. Is ja noch kein Meister vom Himmel gefallen. Natürlich könnte ich den Autopiloten einschalten, die Crew aber will lernen. Gut so.

20151102a

Ilha Santa Luzia eroberte die Crew mit Rafa allein. Ich durfte nach den anstrengenden Anfangstagen wichtige e-mails beantworten und mit meiner Familie telefonieren. Von Sao Vicente reicht das 3G Netz bis zum Ankerplatz im Süden der unbewohnten Insel. Schöne neue Welt. Ich weiß nicht, ob ich das nun gut oder blöd finden soll. Natürlich nutze ich das Internet, statt die notwendigen Arbeiten im Motorraum der MARLIN auszuführen. Am Nachmittag schaue ich zum Strand. Mannshohe Wellen brechen sich lauthals am Strand. Ich rechne schon mal damit das meine Mannschaft mit dem Dinghy kentern wird, beim Versuch das Beiboot durch die Wellen zu bekommen. Ich brauche kein Fernglas um zu sehen, dass Rafa das einzig Richtige macht und in einer stillen Phase das rote Dinghy alleine durch die Wellen bringt und die Crew auffordert zum Beiboot zu schwimmen. Für ihre Sachen haben sie eine wasserdichte Tasche dabei. 10 Minuten später ist Rafa mit Claudia an der MARLIN. „Norbert schafft es nicht den Weg zum Dinghy zu schwimmen. Mark sitzt mit ihm am Strand und wartet.“ „Ok. Rafa. Ich komme mit Dir. Nimm den Rettungsring mit.“ Mark und Rafa holen Norbert ans Beiboot, der Rettungsring trägt den kräftigen Mann und ich ziehe ihn ins Beiboot. Es stellt sich heraus, dass Norbert nicht mehr geschwommen ist seit dem er sechzehn war und eigentlich gar nicht schwimmen kann. „Norbert. Kannst Du Dich zwanzig Minuten ohne Schwimmhilfe über Wasser halten?“ Die Antwort macht mich nachdenklich „Nein.“ Ich organisiere ein gemeinschaftliches ums Boot schwimmen am nächsten Morgen. Am Abend trage ich die Frage in den MARLIN Fragebogen ein. Mein Fehler. Eindeutig. Das hätte auch in die Hose gehen können. Gemeinsam mit Norbert entscheide ich, dass er für den Rest des Törns immer angeleint ist, sobald die MARLIN sich bewegt. Kühlschrank und Vorratsbilge sind leer. „Lasst uns nach Sao Nicolau segeln!“

20151102b

Die letzten vier Tage haben wir dann in Sao Nicolao verbracht. Eine Fahrt über die Berge, in den Norden der Insel, nach Cidade da Ribeira Brava, entspannt alle. Vielleicht sind es vor allen Dingen schon mal die deutschen Temperaturen in den Bergen, die ein bisschen Erholung bringen. Unsere Suche nach Gemüse und einem Supermarkt wird auch in Cidade da Ribeira Brava mehr oder weniger enttäuscht. Wir kaufen was es grade gibt und davon viel. So ist das auf den Kapverden. Dafür bringt uns am Nachmittag ein Einheimischer einen Yellowfin Thunfisch vorbei. Nicht mit einem Boot. Er kommt einfach geschwommen. Kapverden halt. Zum vereinbarten Preis nimmt er ihn dann auch direkt auf der Badeplattform aus.

20151102c

Den gestrigen Tag verbringe ich dann endlich wieder einmal im Motorraum. Mit Blaumann, Stirnband gegen den Schweiß und Knieschutz, wegen meinen Sturz und dem aufgerissenem Knie in Santo Antao. Das Schauglas am Tagestank ist zerbrochen, ein paar Liter Diesel sind in der Bilge gelandet. Der Generator braucht ein Ölwechsel und ich finde endlich das Luftleck im Ansaugschlauch der Hauptmaschine. Fertig bin ich noch nicht, aber am folgenden Tag soll es ja weiter gehen. Das ist der etwas frustrierende Status der Reparaturen. Ich komme diesen so grade hinterher, aber auch nicht mehr.

Das beste vom Tag ist aber etwas ganze anderes: Renes Pfeifen auf 8 Mhz zur verabredeten Zeit. „Eh, dass ist aber jetzt mal richtig cool. Rene, kannst Du mich hören?“ Wir probieren noch ein paar Frequenzen aus. Die 10 Mhz. Die 13er erweist sich als beste. Endlich können wir wieder über Funk miteinander quatschen. Rene sitzt auf der SY MIRA in Saint Maarten. Is ja schon mal ne gute Strecke für zwei Funkanlagen an Bord von Segelbooten! „Bis Morgen mein alter Freund. Fühl Dich gedrückt!“

 


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Unter Segeln von Korfu nach Sizilien: Tag 6: Weit weit draußen, zweiNächte und einen Tag.

Diese Artikelreihe handelt von meiner Reise in der zweiten Oktoberhälfte 2015 von Korfu nach Sizilien. In den vorangegangenen Posts beschrieb ich die Reise von Korfu’s Hauptstadt Kerkyra durch die Nacht nach Santa Maria di Leuca ganz an den äußersten Absatz des italienischen Stiefels. Im letzten Post die Abfahrt von Santa Maria di Leuca nach Catania und wie mitten in der Nacht eine gebrochene Schraube zum Ausfall des Autopiloten führte.
Zu den Besonderheiten des Reisens gehört, mir vor jeder Reise auszumalen, was alles schiefgehen kann. Bevor eine Reise beginnt, setzt in mir leichtes Grummeln ein:
Bin ich wirklich vorbereitet auf alles?
Werde ich achtsam genug sein? 
Bin ich vorbereitet, jede Situation da draußen auf dem Meer zu meistern? 
Oder: wird etwas geschehen, das stärker ist als ich? 
Das Motto meines Blogs „Die Abenteuer beginnen, wenn wir unser Zuhause verlassen“, es beschreibt nicht nur die Freude am Unbekannten, sondern eben auch dies.
Gegen zwei Uhr Nachts war die Halterung des Autopiloten an der Pinne gebrochen. Für einen Moment trieben ohne Ruderwirkung in den Wellen. Null Sicht. Dichte Wolkendecke. Natürlich war das alles wieder passiert, als der Wind am kraftvollsten geweht hatte, als er aufgefrischt und LEVJE auf einer Welle mit fast 10 Knoten durch die Nacht dahingeschossen war. Ein bleistiftdicker Edelstahl-Bolzen war gebrochen, einfach so. Die Kräfte waren zu stark gewesen. Von jetzt an hieß es: Steuern per Hand, durch die Nacht.
Weil Tino’s Wache vorüber war, übernahm ich das Ruder. Ich war müde. Kaum Schlaf vorher. Wir waren kurz nach 18 Uhr aufgebrochen in Santa Maria di Leuca, Wind und Welle kamen seit Stunden genau von achtern und hatten LEVJE durch die Wellen geigen lassen in einer gewaltigen dreidimensionalen Bewegung, in der zumindest bei mir an Schlaf nicht zu denken war. Nur ein leichtes Dösen hatte sich eingestellt während meiner wachfreien Zeit, während Sven und danach sein Sohn Tino LEVJE nach Westen gesegelt hatten. 
Die ersten Minuten am Steuer versuchte ich mich zu orientieren. Wir hatten jetzt den Golf von Tarent halb überquert, waren jetzt etwa in der Mitte der großen Einbuchtung. Der Lichtschein hinter uns von Santa Maria di Leuca und Gallipoli war verschwunden, das Licht des Leuchtturms, der 25 Seemeilen in die Nacht leuchtet, war nicht mehr zu sehen. Rechts vor mir, im Dunkel, ein schwacher Lichtschein, das mußte Crotone sein. Davor, mitten im Schwarz, ein gleißend heller Scheinwerfer, der mich blendete. Mitten auf dem Meer ein riesiger Scheinwerfer, ein irritierendes Etwas, bis mir Tino erklärt hatte, dass ihn ein Schleppverband überholt hatte, drei weiße Lichter übereinander, und quälend langsam an uns vorbeigezogen war, Kurs Crotone. Auf dem letzten Schiff, um es kenntlich zu machen und gegen alle Regeln: Ein strahlend heller Scheinwerfer, nach hinten. Nach Nordwesten zu blicken, war also keine gute Idee. Und doch war der Scheinwerfer eine große Hilfe, um mich einzusteuern. Wenn ich so steuerte, dass ich ihn genau hinter den Steuerbord-Wanten behielt: Dann steuerte ich genau Kurs auf Catania, unserem Ziel auf Sizilien. Also los. Schöne Idee. Aber zunächst machten mir die großen Wellen einen Strich durch die Rechnung. Sie kamen schräg von hinten. Trafen zuerst LEVJE’s Heck und drückten es, wenn ich nicht gleich Ruder legte, zur Seite, der Bug drehte sich damit höher in den Wind, wir beschleunigten plötzlich auf Halbwind-Kurs noch einmal, legten uns zur Seite, ich zog mit aller Kraft an der Pinne, um das Boot wieder auf Kurs zu bringen, abfallen zu lassen, die Pinne ächzte, gleichzeitig zog die nächste Welle unter uns hindurch, LEVJE geigte, von liiiiiinks nach reeeeeeeeechts und wieder nach liiiiiiiiiiinks und wieder nach reeeeeeechts. Und immer so weiter. Das große Geigen und Schaukeln in der achterlichen Welle, es hielt weiter an, hörte für einen Moment nur auf, wenn mir LEVJE unfreiwillig wieder anluvte, gegen alle Absicht, und ich sie mit Mühe wieder auf den alten Kurs brachte. 
Nach eineinhalb Stunden, gegen drei Uhr Morgens, war ich müde. Richtig richtig müde. Meine Wache: Noch eineinhalb Stunden. Ich begann mit den alten Tricks gegen die Müdigkeit. Wasser trinken. Nicht einfach, mit nur nur einer Hand die Flasche zu öffnen, zu trinken, wieder zuzudrehen; die andere Hand mußte ja an der Pinne bleiben. Auf die Zunge beißen, abwechselnd, immer wieder. Aufstehen, auf dem schwankenden Deck im Stehen steuern. Ein Lied pfeiffen. Müdigkeit, von zuwenig Schlaf, von zuviel Schwanken, vom Unterwegssein in einer Umgebung, die nur aus Bewegung bestand. Wellen, die hinter mir im Dunkel heranrauschten, so dass ich hinaufsehen musste, kurz bevor sie LEVJEs Heck erreichten. Zur Sicherheit hatte ich das Steckschot am Niedergang eingesteckt, es war beeindruckend, wie Wellen links und rechts von LEVJE brachen. Die Müdigkeit, das eine. Die Schönheit der Elemente, das andere. Wenn ich in die Nacht hörte, durch die wir dahin rauschten, glaubte ich, im gewaltigen Rauschen die regelmäßigen Atemzüge eines Lebewesens zu hören, das rhythmische Atmen eines Delphins, der neben uns herschwamm. Oder eines Wals. Aber es war nur das Atmen des Meeres, das ich vernahm, im Rauschen der Wellen, im Wehen des Windes das Geräusch eines großartigen Lebewesens, das da ein und ausatmete: das Meer.
Halb fünf. Noch eine halbe Stunde Wache. Wieder eine Böe, eine Welle, die LEVJE’s Heck ausbrechen ließ, wieder meine Mühe, mit aller Kraft die Pinne wieder heranzuziehen, LEVJE wieder auf Kurs zu bringen. Hinter mir, langsam aus dem Dunkel aufsteigend, der hellste Stern, die Venus, die mich immer foppt, weil ich sie für das Topplicht eines Seglers halte, der hinter mir heransegelt. Ein Zeichen, dass die Dunkelheit bald ein Ende hat und der Morgen naht. Unten höre ich Geklapper. Sven schält sich aus seiner Koje. Ich sehe, wie er sich im Dämmer des Notlichts unter Deck langsam anzieht. Wasserdichte Hose. Segeljacke. Schwimmweste. Lifebelt. Alles nicht einfach, in LEVJE’s gewaltigem Schwanken, im Geigen und sich Schrauben durch die Wellen. Ein ums andere Mal muss Sven sich festkrallen unter Deck, irgendwo, wo er gerade Halt findet, um nicht umgeworfen zu werden. Eine Welt, die eine andere ist. Dann steht er an Deck, ich erzähle ihm, was passiert ist, er besieht sich den Schaden und übernimmt dann das Ruder. Und ich: falle vor Müdigkeit fast LEVJE’s Niedergang hinunter, schäle mich mühselig im schwankenden Dunkel aus meinen Klamotten, den Stiefeln, der salzigen Schwerwetterhose, Jacke, Pullover, Unterwäsche, Hemd. Ich taumle im Schwanken noch ins Bad, eine plötzliche Bewegung LEVJEs drückt mich mit dem Kopf voraus an die Bordwand, mühsam schaffe ich es, mir die Hände zu waschen, das Salz abzuwaschen von den Händen, aus dem Bart. Ahhhh, kaltes Süßwasser statt lauwarmes Salzwasser, das übers Cockpit spritzt, wenn die Wellen an LEVJE’s Heck kraftvoll brechen, kaltes Süsswasser, ein Gedicht. Dann kämpfe ich mich nach Vorne in LEVJE’s Bug, dorthin, wo Sven schlief, ich schlafe jetzt in seiner Koje, denn Tino schläft in meiner, drei Männer und nur zwei Kojen, da ist das einfach so, wir wechseln durch. Kaum dass ich liege und den Kopf an der Bordwand habe, dort wo das Wasser außen an LEVJE entlangströmt, bin ich diesmal auch schon weg. Ich brauche keinen Moment, um einzuschlafen, Schlaf, der wie watteweiches Blei auf mich fällt. Und weg.

Am Morgen. Ich schlafe nicht länger als eineinhalb, zwei Stunden, obwohl meine wachfreie Zeit eigentlich sechs Stunden ist. Ein eigener Rhytmus stellt sich ein, zwei Stunden reichen, damit ich mich fit fühle. Das Dunkel hat dem Grau Platz gemacht, graue Wolken, die über den Himmel ziehen, Wellen, die von hinten heranrollen, vom Golf von Tarent. LEVJE, die von den Wellenhängen hinuntersurft, eine weiße Gischtspur hinterlassend, kurz beschleunigend auf acht, neun, fast zehn Knoten, ein kleines Schiff, dessen rechnerisch maximale Rumpfgeschwindigkeit gerade mal bei 7,2 Knoten liegt. Wir sind schnell unterwegs, sehr schnell. Wenn es so weitergeht, schaffen wir ein Etmal von fast 140 Seemeilen. Ein Etmal: Die Distanz, die ein Schiff in 24 Stunden zurücklegt. Und 140 Seemeilen in 24 Stunden, über 250 Kilometer auf einem Schiff von 9,40 Meter Länge: Das kann sich sehen lassen.
Einen Videoclip unserer Reise finden Sie bei Youtube: Hier klicken.
Die Zahlen: sie sind das eine. Das Andere ist die Schönheit dieser Welt im Grau des Morgens. Das Land ist weit weit weg, irgendwo rechts ein schmaler Strich zwischen Meer und Himmel. Ein Strich wie der zwischen zwei Lippen. Statt Land: Berge und Täler aus Wasser, die LEVJE umgeben. Fliegende Fische, die hundert Meter weit die wanderenden Täler entlangschwirren auf schnell schlagenden Brustflossen, aufgeschreckt von LEVJEs Rumpf, unendlich geschickte Segler die Täler entlang. Schaumkronen von brechenden Wellen links, rechts, hinter uns, und kurz bevor sie brechen, leuchtet ihre Spitze flaschengrün im Licht der wolkenverhangenen Sonne hinter uns, sie sehen aus wie durchscheinendes Glas, wenn wir hinaufschauen, leuchtendes Glas unter brechenden weißen Kämmen, vergänglich, schnell. Wind, der LEVJE’s Genua füllt, das Segel, einen Moment zum Zerreissen gespannt, den nächsten schlapp sich krümmend, windend, wickelnd, wenn der Wind genau von hinten kommt. Sven, Maschinenbauer, Erfinder, der am Ruder steht, ist genauso fasziniert von dieser Welt wie ich. Er nähert sich ihr aber anders, erzählt im Grau, im Schwanken des Schiffes von Sir Isaac Newton und dessen Versuch, alles, alles, was er sah, in Mathematik zu übersetzen, das Fallen eines Blattes an einem Herbstbaum, vielleicht auch das Brechen eines Wellenkammes Kilometer weit draußen auf dem Meer, während der Wind weht. Zahlen. Und dazwischen LEVJE, mein Schiff, das sich durch diese Welt bewegt, die in Bruchteilen von Sekunden eine andere Form annimmt und doch die gleiche bleibt und in jeder Sekunde Aufmerksamkeit erfordert.

Und während Sven uns weiter durch die Wellen nach Westen bringt, schnappe ich mir im Grau meine Kamera, turne zum Bug und nehme begeistert auf, was ich da sehe, versuche auf meiner innere Festplatte abzuspeichern, was ich da draußen sehe, die aberwitzige Schönheit dieser Welt, damit ich ich diese Schönheit immer, immer wieder abrufen kann in Zukunft, in irgendwelchen Situationen, wo ich mich erinnern möchte, mir dies in Erinnerung rufen möchte, wie faszinierend diese Welt hier draußen ist.
Mehr als eine Stunde versuche ich, die Landschaften da draußen zu fotografieren, zu filmen festzuhalten irgendwie. Dann bin ich dran mit meiner Wache, löse Sven ab, wir lassen Tino weiter schlafen. Sven geht nach unten ins Geklapper, ins Schwanken, fällt in seine Koje, hundemüde, und weg. Und ich: bin allein mit dieser Welt, am Ruder, Schönheit und Gefährlichkeit, Lebensfeindlichkeit und Fülle, Kargheit und Reichtum, die mich umgeben.

Es ist Abend geworden. Sven und ich haben uns immer wieder abgelöst, Tino schläft immer noch, fast 16 Stunden liegt er jetzt erschöpft. Und schläft. Sven und ich haben Nachmittags, kurz bevor das Grau in Dämmer übergeht, LEVJE mitten in den Wellen beigedreht, haben im Schwanken die defekte Pinne repariert: Die Reparatur gründlich vorgedacht. Akkubohrer, Werkzeuge, Harz, Härter, Bolzen, Schraubenzieher bereitgelegt. LEVJE kommt mir in diesem Moment vor wie ein U-Boot, ich finde alles auf ihr, denn nichts, nichts wird weggeworfen, keine Schraube, kein alter Bolzen, den kleinsten Rest EPDM habe ich aufgehoben, wer weiß, wofür ich noch mal brauchen kann. Denn in Momenten wie diesen bin ich um alles froh, was irgendwie zur Reparatur beitragen könnte. Als wir alles bereitgelegt haben: Die Genua backgestellt, durch den Wind gesegelt, die Pinne festgebunden. Wellen, die seitwärts auf LEVJE treffen, Regen der einsetzt, draußen, kilometerweit vom Land entfernt, gerade als wir anfangen wollen mit der Reparatur. In Windeseile bohrt Sven zwei neue Löcher in die Pinne  und setzt dicke Stahlbolzen ein, es hat keine Viertelstunde gedauert, Sven ist Meister in diesen Dingen, mit ihm habe ich schon ganz andere Abenteuer erlebt. Dann: funktioniert der Autopilot wieder, die Bolzen halten den Autopiloten, wir können ihm jetzt wieder für die Nacht die Arbeit des Steuerns überlassen.
Gerade rechtzeitig. Denn als die Dämmerung kommt, wird die Welt zu einem lichtlosen Grau, noch stärkerer Regen setzt ein, und weil er von hinten kommt, weht er herein ins Schiff bis zum Kartentisch. Sven, der gerade Wache hat, krümmt sich unter die Sprayhood, nach einer Weile gibt er auf, entnervt von Starkwind und Regen, der ihm ins Gesicht peitscht, Sven, der immer die Nerven behält, ist jetzt entnervt, geht schweigend durchs schwankende Boot zu seiner Koje, läßt sich fallen. Ich schaue durch  LEVJE’s Seitenfenster: Lichtloses Grau in Grau. Regen, der gegen die Scheiben prasselt. Ich bin jetztzwar  warm und trocken, und der Autopilot steuert LEVJE zuverlässig in die heranbrechende Nacht. Aber Zustand ist das keiner: Niemand an Deck, keiner auf Wache, der Wind der auffrischt und LEVJE mehr und mehr durchs Grau schlingern, taumeln, schwanken läßt. Nein, ich muss da hoch, auch wenn es mich Überwindung kostet, ich muss da raus und Wache gehen, während die beiden tief schlafen. Mit etwas mulmigem Gefühl ziehe ich meine Schwerwetter-Sachen an, gehe nach draußen, nach oben. In einem früheren Beitrag schrieb ich über die Angst, schrieb darüber, dass es ein zuverlässiges Rezept gibt dagegen: Einfach Nachsehen gehen, dem ins Auge sehen, was einem Angst macht. Aber manchmal ist das schon ganz schön schwer, es kostet Überwindung. Als ich an Deck bin, schaue ich mich um. Das Grau ist nun ein Dunkelgrau, der prasselnde Regen ist in feinen Niesel übergegangen. irgendwo rechts die Küste, es weht zwischen 30 und über 35 Knoten, die Wellen rollen aus der Tiefe des Golfs von Tarent entsprechend an. „Nachsehen gehen!“ Ich nehme das Ruder in die Hand, hänge den Autopiloten aus, versuche von Hand zu steuern, einen Anhaltspunkt zu finden, nach dem ich LEVJE weiter und besser als der Autopilot auf ihrem Kurs halten kann. Nach einer Viertelstunde habe ich den Bogen raus, habe mir auf LEVJEs kleinem Kompass eine Ecke gemerkt. Werde keck, habe mir in meiner Umgebung ein Instrument geschaffen, nach dem ich in der orientierungslosen Wellenlandschaft im Dämmer meinen Kurs steuern und halten kann.
Cap Spartivento. Der Golfo di Squillace liegt nun hinter uns. 
„Il Golfo di Squillace 
al marinaio non da pace.“
Frei übersetzt: „Der Golf von Squillace, er läßt dem Seemann keine Ruh'“. 
Aber anders als vor zehn Jahren, als ich diese Ecke zum ersten Mal nachts passierte, lassen Wind und Strom nun nach. Die Wellen kommen gleichförmiger, die Küste sorgt dafür, dass sie parallel kommen, nicht mehr das wirbelnde Durcheinander aus dem Golf von Tarent. LEVJE liegt ruhiger am Ruder, ich lasse Sie nun wieder unter Autopilot laufen, und wir: wir nähern uns nun langsam der Straße von Messina. Ruhiger wird es, noch ruhiger, und als die Nacht kommt, klart der Himmel vollständig auf. Ich segle nun unter einem sanften Vierer und sternklarem Himmel vor mich hin. Vor mir am Horizont überzieht sich der Horizont erst mit schwachem Lichtschein, dann sind einzelne Lichter zu erkennen: Sizilien. 
„Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühen?
… Kennst Du es wohl?
Dahin, dahin,
will ich mit Dir, oh mein Geliebter, ziehen.“
Goethe’s Mignon singt dieses Lied. Und während mir die alten Zeilen aus WILHELM MEISTER irgendwie einfallen, schaue ich hinauf in die sternklare Nacht, wo Sternschnuppe auf Sternschnuppe fällt, zehn, zwanzig, dreißig zähle ich in dieser Nacht, ich weiß gar nicht mehr, was ich mir wünschen könnte. Fast ist es jetzt im späten Oktober wie in den „Notte di San Lorenzo“ mitten im August, in den Nächten der „stelle cadenti“, der fallenden Sterne. So klar ist die Nacht nach dem 36 Stunden dauernden Schlechtwetter, dass es kein Ende nimmt mit den Sternschnuppen über mir. Und weil das alles so schön ist, weil ich wach bin, lasse ich die anderen beiden schlafen. Je mehr Ruhe sie jetzt finden, desto länger werde später ich ruhen, schlafen können. Also halte ich durch, versuche vor mir in den Lichtern an der Küste voraus den Ätna zu erkennen, und seine Dampffahne, in über 3.000 Meter Höhe. Aber er bleibt dunkel, verbirgt sich vor mir, selbst in den Blitzen nördlich von ihm. 
Von halb sechs bis gegen halb eins gehe ich Wache, dann wecke ich Sven. Das italienische Festland liegt weit hinter uns, Sizilien vor uns, wir haben es fast geschafft. Und während sich Sven auf Fähren und Frachter einstellt, die quer zu uns durch die Straße von Messina ziehen, während nordwestlich von uns über Milazzo Blitze den Himmel erhellen und ein Gewitter nach Osten zieht in die Richtung, aus der wir kommen, gehe ich schlafen. Todmüde. Zufrieden. Und mit jenem dümmlichen Grinsen im Gesicht, das der hat, dem an unwirtlichem Ort unverhofft unbändiges Glücksgefühl zuteil wurde.
Im nächsten Post: Ankunft in Catania. Und: Wie ist das eigentlich, in Sizilien und seinen Häfen?



Soeben erschienen vom Autor von Mare Piu: 
Ein Film darüber: Was Segeln ist.

                         Als Download und auf DVD: € 19,99
Was passiert, wenn das Leben die gewohnten Bahnen verlässt? 
Was geschieht, wenn man sich einfach aufmacht und fünf Monate Segeln geht? 
Darf man das? Und wie ändert sich das Leben?
Der Film einer ungewöhnlichen Reise, der Mut macht, seinen Traum zu leben.



Der Film entstand nach diesem Buch: 
Geschichten über die Entschleunigung, übers langsam Reisen 
und die Kunst, wieder sehen zu lernen
Einmal München – Antalya, bitte. 
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Unter Segeln von Korfu nach Sizilien: Tag 6: Weit weit draußen, zweiNächte und einen Tag.

Diese Artikelreihe handelt von meiner Reise in der zweiten Oktoberhälfte 2015 von Korfu nach Sizilien. In den vorangegangenen Posts beschrieb ich die Reise von Korfu’s Hauptstadt Kerkyra durch die Nacht nach Santa Maria di Leuca ganz an den äußersten Absatz des italienischen Stiefels. Im letzten Post die Abfahrt von Santa Maria di Leuca nach Catania und wie mitten in der Nacht eine gebrochene Schraube zum Ausfall des Autopiloten führte.
Zu den Besonderheiten des Reisens gehört, mir vor jeder Reise auszumalen, was alles schiefgehen kann. Bevor eine Reise beginnt, setzt in mir leichtes Grummeln ein:
Bin ich wirklich vorbereitet auf alles?
Werde ich achtsam genug sein? 
Bin ich vorbereitet, jede Situation da draußen auf dem Meer zu meistern? 
Oder: wird etwas geschehen, das stärker ist als ich? 
Das Motto meines Blogs „Die Abenteuer beginnen, wenn wir unser Zuhause verlassen“, es beschreibt nicht nur die Freude am Unbekannten, sondern eben auch dies.
Gegen zwei Uhr Nachts war die Halterung des Autopiloten an der Pinne gebrochen. Für einen Moment trieben ohne Ruderwirkung in den Wellen. Null Sicht. Dichte Wolkendecke. Natürlich war das alles wieder passiert, als der Wind am kraftvollsten geweht hatte, als er aufgefrischt und LEVJE auf einer Welle mit fast 10 Knoten durch die Nacht dahingeschossen war. Ein bleistiftdicker Edelstahl-Bolzen war gebrochen, einfach so. Die Kräfte waren zu stark gewesen. Von jetzt an hieß es: Steuern per Hand, durch die Nacht.
Weil Tino’s Wache vorüber war, übernahm ich das Ruder. Ich war müde. Kaum Schlaf vorher. Wir waren kurz nach 18 Uhr aufgebrochen in Santa Maria di Leuca, Wind und Welle kamen seit Stunden genau von achtern und hatten LEVJE durch die Wellen geigen lassen in einer gewaltigen dreidimensionalen Bewegung, in der zumindest bei mir an Schlaf nicht zu denken war. Nur ein leichtes Dösen hatte sich eingestellt während meiner wachfreien Zeit, während Sven und danach sein Sohn Tino LEVJE nach Westen gesegelt hatten. 
Die ersten Minuten am Steuer versuchte ich mich zu orientieren. Wir hatten jetzt den Golf von Tarent halb überquert, waren jetzt etwa in der Mitte des . Der Lichtschein hinter uns von Santa Maria di Leuca und Gallipoli war verschwunden, das Licht des Leuchtturms, der 25 Seemeilen in die Nacht leuchtet, war nicht mehr zu sehen. Rechts vor mir, im Dunkel, ein schwacher Lichtschein, das mußte Crotone sein. Davor, mitten im Schwarz, ein gleißend heller Scheinwerfer, der mich blendete. Mitten auf dem Meer ein riesiger Scheinwerfer, ein irritierendes Etwas, bis mir Tino erklärt hatte, dass ihn ein Schleppverband überholt hatte, drei weiße Lichter übereinander, und quälend langsam an uns vorbeigezogen war, Kurs Crotone. Auf dem letzten Schiff, um es kenntlich zu machen und gegen alle Regeln: Ein strahlend heller Scheinwerfer, nach hinten. Nach Nordwesten zu blicken, war also keine gute Idee. Und doch war der Scheinwerfer eine große Hilfe, um mich einzusteuern. Wenn ich so steuerte, dass ich ihn genau hinter den Steuerbord-Wanten behielt: Dann steuerte ich genau Kurs auf Catania, unserem Ziel auf Sizilien. Also los. Schöne Idee. Aber zunächst machten mir die großen Wellen einen Strich durch die Rechnung. Sie kamen schräg von hinten. Trafen zuerst LEVJE’s Heck und drückten es, wenn ich nicht gleich Ruder legte, zur Seite, der Bug drehte sich damit höher in den Wind, wir beschleunigten plötzlich auf Halbwind-Kurs noch einmal, legten uns zur Seite, ich zog mit aller Kraft an der Pinne, um das Boot wieder auf Kurs zu bringen, abfallen zu lassen, die Pinne ächzte, gleichzeitig zog die nächste Welle unter uns hindurch, LEVJE geigte, von liiiiiinks nach reeeeeeeeechts und wieder nach liiiiiiiiiiinks und wieder nach reeeeeeechts. Und immer so weiter. Das große Geigen und Schaukeln in der achterlichen Welle, es hielt weiter an, hörte für einen Moment nur auf, wenn mir LEVJE unfreiwillig wieder anluvte, gegen alle Absicht, und ich sie mit Mühe wieder auf den alten Kurs brachte. 
Nach eineinhalb Stunden, gegen drei Uhr Morgens, war ich müde. Richtig richtig müde. Meine Wache: Noch eineinhalb Stunden. Ich begann mit den alten Tricks gegen die Müdigkeit. Wasser trinken. Nicht einfach, mit nur nur einer Hand die Flasche zu öffnen, zu trinken, wieder zuzudrehen; die andere Hand mußte ja an der Pinne bleiben. Auf die Zunge beißen, abwechselnd, immer wieder. Aufstehen, auf dem schwankenden Deck im Stehen steuern. Ein Lied pfeiffen. Müdigkeit, von zuwenig Schlaf, von zuviel Schwanken, vom Unterwegssein in einer Umgebung, die nur aus Bewegung bestand. Wellen, die hinter mir im Dunkel heranrauschten, so dass ich hinaufsehen musste, kurz bevor sie LEVJEs Heck erreichten. Zur Sicherheit hatte ich das Steckschot am Niedergang eingesteckt, es war beeindruckend, wie Wellen links und rechts von LEVJE brachen. Die Müdigkeit, das eine. Die Schönheit der Elemente, das andere. Wenn ich in die Nacht hörte, durch die wir dahin rauschten, glaubte ich, im gewaltigen Rauschen die regelmäßigen Atemzüge eines Lebewesens zu hören, das rhythmische Atmen eines Delphins, der neben uns herschwamm. Oder eines Wals. Aber es war nur das Atmen des Meeres, das ich vernahm, im Rauschen der Wellen, im Wehen des Windes das Geräusch eines großartigen Lebewesens, das da ein und ausatmete: das Meer.
Halb fünf. Noch eine halbe Stunde Wache. Wieder eine Böe, eine Welle, die LEVJE’s Heck ausbrechen ließ, wieder meine Mühe, mit aller Kraft die Pinne wieder heranzuziehen, LEVJE wieder auf Kurs zu bringen. Hinter mir, langsam aus dem Dunkel aufsteigend, der hellste Stern, die Venus, die mich immer foppt, weil ich sie für das Topplicht eines Seglers halte, der hinter mir heransegelt. Ein Zeichen, dass die Dunkelheit bald ein Ende hat und der Morgen naht. Unten höre ich Geklapper. Sven schält sich aus seiner Koje. Ich sehe, wie er sich im Dämmer des Notlichts unter Deck langsam anzieht. Wasserdichte Hose. Segeljacke. Schwimmweste. Lifebelt. Alles nicht einfach, in LEVJE’s gewaltigem Schwanken, im Geigen und sich Schrauben durch die Wellen. Ein ums andere Mal muss Sven sich festkrallen unter Deck, irgendwo, wo er gerade Halt findet, um nicht umgeworfen zu werden. Eine Welt, die eine andere ist. Dann steht er an Deck, ich erzähle ihm, was passiert ist, er besieht sich den Schaden und übernimmt dann das Ruder. Und ich: falle vor Müdigkeit fast LEVJE’s Niedergang hinunter, schäle mich mühselig im schwankenden Dunkel aus meinen Klamotten, den Stiefeln, der salzigen Schwerwetterhose, Jacke, Pullover, Unterwäsche, Hemd. Ich taumle im Schwanken noch ins Bad, eine plötzliche Bewegung LEVJEs drückt mich mit dem Kopf voraus an die Bordwand, mühsam schaffe ich es, mir die Hände zu waschen, das Salz abzuwaschen von den Händen, aus dem Bart. Ahhhh, kaltes Süßwasser statt lauwarmes Salzwasser, das übers Cockpit spritzt, wenn die Wellen an LEVJE’s Heck kraftvoll brechen, kaltes Süsswasser, ein Gedicht. Dann kämpfe ich mich nach Vorne in LEVJE’s Bug, dorthin, wo Sven schlief, ich schlafe jetzt in seiner Koje, denn Tino schläft in meiner, drei Männer und nur zwei Kojen, da ist das einfach so, wir wechseln durch. Kaum dass ich liege und den Kopf an der Bordwand habe, dort wo das Wasser außen an LEVJE entlangströmt, bin ich diesmal auch schon weg. Ich brauche keinen Moment, um einzuschlafen, Schlaf, der wie watteweiches Blei auf mich fällt. Und weg.

Am Morgen. Ich schlafe nicht länger als eineinhalb, zwei Stunden, obwohl meine wachfreie Zeit eigentlich sechs Stunden ist. Ein eigener Rhytmus stellt sich ein, zwei Stunden reichen, damit ich mich fit fühle. Das Dunkel hat dem Grau Platz gemacht, graue Wolken, die über den Himmel ziehen, Wellen, die von hinten heranrollen, vom Golf von Tarent. LEVJE, die von den Wellenhängen hinuntersurft, eine weiße Gischtspur hinterlassend, kurz beschleunigend auf acht, neun, fast zehn Knoten, ein kleines Schiff, dessen rechnerisch maximale Rumpfgeschwindigkeit gerade mal bei 7,2 Knoten liegt. Wir sind schnell unterwegs, sehr schnell. Wenn es so weitergeht, schaffen wir ein Etmal von fast 140 Seemeilen. Ein Etmal: Die Distanz, die ein Schiff in 24 Stunden zurücklegt. Und 140 Seemeilen in 24 Stunden, über 250 Kilometer auf einem Schiff von 9,40 Meter Länge: Das kann sich sehen lassen.
Einen Videoclip unserer Reise finden Sie bei Youtube: Hier klicken.
Die Zahlen: sie sind das eine. Das Andere ist die Schönheit dieser Welt im Grau des Morgens. Das Land ist weit weit weg, irgendwo rechts ein schmaler Strich zwischen Meer und Himmel. Ein Strich wie der zwischen zwei Lippen. Statt Land: Berge und Täler aus Wasser, die LEVJE umgeben. Fliegende Fische, die hundert Meter weit die wanderenden Täler entlangschwirren auf schnell schlagenden Brustflossen, aufgeschreckt von LEVJEs Rumpf, unendlich geschickte Segler die Täler entlang. Schaumkronen von brechenden Wellen links, rechts, hinter uns, und kurz bevor sie brechen, leuchtet ihre Spitze flaschengrün im Licht der wolkenverhangenen Sonne hinter uns, sie sehen aus wie durchscheinendes Glas, wenn wir hinaufschauen, leuchtendes Glas unter brechenden weißen Kämmen, vergänglich, schnell. Wind, der LEVJE’s Genua füllt, das Segel, einen Moment zum Zerreissen gespannt, den nächsten schlapp sich krümmend, windend, wickelnd, wenn der Wind genau von hinten kommt. Sven, Maschinenbauer, Erfinder, der am Ruder steht, ist genauso fasziniert von dieser Welt wie ich. Er nähert sich ihr aber anders, erzählt im Grau, im Schwanken des Schiffes von Sir Isaac Newton und dessen Versuch, alles, alles, was er sah, in Mathematik zu übersetzen, das Fallen eines Blattes an einem Herbstbaum, vielleicht auch das Brechen eines Wellenkammes Kilometer weit draußen auf dem Meer, während der Wind weht. Zahlen. Und dazwischen LEVJE, mein Schiff, das sich durch diese Welt bewegt, die in Bruchteilen von Sekunden eine andere Form annimmt und doch die gleiche bleibt und in jeder Sekunde Aufmerksamkeit erfordert.

Und während Sven uns weiter durch die Wellen nach Westen bringt, schnappe ich mir im Grau meine Kamera, turne zum Bug und nehme begeistert auf, was ich da sehe, versuche auf meiner innere Festplatte abzuspeichern, was ich da draußen sehe, die aberwitzige Schönheit dieser Welt, damit ich ich diese Schönheit immer, immer wieder abrufen kann in Zukunft, in irgendwelchen Situationen, wo ich mich erinnern möchte, mir dies in Erinnerung rufen möchte, wie faszinierend diese Welt hier draußen ist.
Mehr als eine Stunde versuche ich, die Landschaften da draußen zu fotografieren, zu filmen festzuhalten irgendwie. Dann bin ich dran mit meiner Wache, löse Sven ab, wir lassen Tino weiter schlafen. Sven geht nach unten ins Geklapper, ins Schwanken, fällt in seine Koje, hundemüde, und weg. Und ich: bin allein mit dieser Welt, am Ruder, Schönheit und Gefährlichkeit, Lebensfeindlichkeit und Fülle, Kargheit und Reichtum, die mich umgeben.

Es ist Abend geworden. Sven und ich haben uns immer wieder abgelöst, Tino schläft immer noch, fast 16 Stunden liegt er jetzt erschöpft. Und schläft. Sven und ich haben Nachmittags, kurz bevor das Grau in Dämmer übergeht, LEVJE mitten in den Wellen beigedreht, haben im Schwanken die defekte Pinne repariert: Die Reparatur gründlich vorgedacht. Akkubohrer, Werkzeuge, Harz, Härter, Bolzen, Schraubenzieher bereitgelegt. LEVJE kommt mir in diesem Moment vor wie ein U-Boot, ich finde alles auf ihr, denn nichts, nichts wird weggeworfen, keine Schraube, kein alter Bolzen, den kleinsten Rest EPDM habe ich aufgehoben, wer weiß, wofür ich noch mal brauchen kann. Denn in Momenten wie diesen bin ich um alles froh, was irgendwie zur Reparatur beitragen könnte. Als wir alles bereitgelegt haben: Die Genua backgestellt, durch den Wind gesegelt, die Pinne festgebunden. Wellen, die seitwärts auf LEVJE treffen, Regen der einsetzt, draußen, kilometerweit vom Land entfernt, gerade als wir anfangen wollen mit der Reparatur. In Windeseile bohrt Sven zwei neue Löcher in die Pinne  und setzt dicke Stahlbolzen ein, es hat keine Viertelstunde gedauert, Sven ist Meister in diesen Dingen, mit ihm habe ich schon ganz andere Abenteuer erlebt. Dann: funktioniert der Autopilot wieder, die Bolzen halten den Autopiloten, wir können ihm jetzt wieder für die Nacht die Arbeit des Steuerns überlassen.
Gerade rechtzeitig. Denn als die Dämmerung kommt, wird die Welt zu einem lichtlosen Grau, noch stärkerer Regen setzt ein, und weil er von hinten kommt, weht er herein ins Schiff bis zum Kartentisch. Sven, der gerade Wache hat, krümmt sich unter die Sprayhood, nach einer Weile gibt er auf, entnervt von Starkwind und Regen, der ihm ins Gesicht peitscht, Sven, der immer die Nerven behält, ist jetzt entnervt, geht schweigend durchs schwankende Boot zu seiner Koje, läßt sich fallen. Ich schaue durch  LEVJE’s Seitenfenster: Lichtloses Grau in Grau. Regen, der gegen die Scheiben prasselt. Ich bin jetztzwar  warm und trocken, und der Autopilot steuert LEVJE zuverlässig in die heranbrechende Nacht. Aber Zustand ist das keiner: Niemand an Deck, keiner auf Wache, der Wind der auffrischt und LEVJE mehr und mehr durchs Grau schlingern, taumeln, schwanken läßt. Nein, ich muss da hoch, auch wenn es mich Überwindung kostet, ich muss da raus und Wache gehen, während die beiden tief schlafen. Mit etwas mulmigem Gefühl ziehe ich meine Schwerwetter-Sachen an, gehe nach draußen, nach oben. In einem früheren Beitrag schrieb ich über die Angst, schrieb darüber, dass es ein zuverlässiges Rezept gibt dagegen: Einfach Nachsehen gehen, dem ins Auge sehen, was einem Angst macht. Aber manchmal ist das schon ganz schön schwer, es kostet Überwindung. Als ich an Deck bin, schaue ich mich um. Das Grau ist nun ein Dunkelgrau, der prasselnde Regen ist in feinen Niesel übergegangen. irgendwo rechts die Küste, es weht zwischen 30 und über 35 Knoten, die Wellen rollen aus der Tiefe des Golfs von Tarent entsprechend an. „Nachsehen gehen!“ Ich nehme das Ruder in die Hand, hänge den Autopiloten aus, versuche von Hand zu steuern, einen Anhaltspunkt zu finden, nach dem ich LEVJE weiter und besser als der Autopilot auf ihrem Kurs halten kann. Nach einer Viertelstunde habe ich den Bogen raus, habe mir auf LEVJEs kleinem Kompass eine Ecke gemerkt. Werde keck, habe mir in meiner Umgebung ein Instrument geschaffen, nach dem ich in der orientierungslosen Wellenlandschaft im Dämmer meinen Kurs steuern und halten kann.
Cap Spartivento. Der Golfo di Squillace liegt nun hinter uns. 
„Il Golfo di Squillace 
al marinaio non da pace.“
Frei übersetzt: „Der Golf von Squillace, er läßt dem Seemann keine Ruh'“. 
Aber anders als vor zehn Jahren, als ich diese Ecke zum ersten Mal nachts passierte, lassen Wind und Strom nun nach. Die Wellen kommen gleichförmiger, die Küste sorgt dafür, dass sie parallel kommen, nicht mehr das wirbelnde Durcheinander aus dem Golf von Tarent. LEVJE liegt ruhiger am Ruder, ich lasse Sie nun wieder unter Autopilot laufen, und wir: wir nähern uns nun langsam der Straße von Messina. Ruhiger wird es, noch ruhiger, und als die Nacht kommt, klart der Himmel vollständig auf. Ich segle nun unter einem sanften Vierer und sternklarem Himmel vor mich hin. Vor mir am Horizont überzieht sich der Horizont erst mit schwachem Lichtschein, dann sind einzelne Lichter zu erkennen: Sizilien. 
„Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühen?
… Kennst Du es wohl?
Dahin, dahin,
will ich mit Dir, oh mein Geliebter, ziehen.“
Goethe’s Mignon singt dieses Lied. Und während mir die alten Zeilen aus WILHELM MEISTER irgendwie einfallen, schaue ich hinauf in die sternklare Nacht, wo Sternschnuppe auf Sternschnuppe fällt, zehn, zwanzig, dreißig zähle ich in dieser Nacht, ich weiß gar nicht mehr, was ich mir wünschen könnte. Fast ist es jetzt im späten Oktober wie in den „Notte di San Lorenzo“ mitten im August, in den Nächten der „stelle cadenti“, der fallenden Sterne. So klar ist die Nacht nach dem 36 Stunden dauernden Schlechtwetter, dass es kein Ende nimmt mit den Sternschnuppen über mir. Und weil das alles so schön ist, weil ich wach bin, lasse ich die anderen beiden schlafen. Je mehr Ruhe sie jetzt finden, desto länger werde später ich ruhen, schlafen können. Also halte ich durch, versuche vor mir in den Lichtern an der Küste voraus den Ätna zu erkennen, und seine Dampffahne, in über 3.000 Meter Höhe. Aber er bleibt dunkel, verbirgt sich vor mir, selbst in den Blitzen nördlich von ihm. 
Von halb sechs bis gegen halb eins gehe ich Wache, dann wecke ich Sven. Das italienische Festland liegt weit hinter uns, Sizilien vor uns, wir haben es fast geschafft. Und während sich Sven auf Fähren und Frachter einstellt, die quer zu uns durch die Straße von Messina ziehen, während nordwestlich von uns über Milazzo Blitze den Himmel erhellen und ein Gewitter nach Osten zieht in die Richtung, aus der wir kommen, gehe ich schlafen. Todmüde. Zufrieden. Und mit jenem dümmlichen Grinsen im Gesicht, das der hat, dem an unwirtlichem Ort unverhofft unbändiges Glücksgefühl zuteil wurde.
Im nächsten Post: Ankunft in Catania. Und: Wie ist das eigentlich, in Sizilien und seinen Häfen?



Soeben erschienen vom Autor von Mare Piu: 
Ein Film darüber: Was Segeln ist.

                         Als Download und auf DVD: € 19,99
Was passiert, wenn das Leben die gewohnten Bahnen verlässt? 
Was geschieht, wenn man sich einfach aufmacht und fünf Monate Segeln geht? 
Darf man das? Und wie ändert sich das Leben?
Der Film einer ungewöhnlichen Reise, der Mut macht, seinen Traum zu leben.



Der Film entstand nach diesem Buch: 
Geschichten über die Entschleunigung, übers langsam Reisen 
und die Kunst, wieder sehen zu lernen
Einmal München – Antalya, bitte. 
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