Monatsarchive: April 2015

Zurück ins wirkliche Leben

20150402

Auf Planken, die die Welt bedeuten

Nach den schrecklichen heißen Tagen in Flensburg kehrt nun das normale Leben wieder ein. Ostern steht vor der Tür und zusammen mit Ana, unserem orginalandalusischem AuPair geht es auf die MARLIN. Ich, eh schon am Rande des Wahnsinns, schleppe weiter tonnenweise Proviant an Bord und verpacke diesen in die Bilge. So voll wie jetzt war die MARLIN noch nie. Jeder Zentimeter ist ausgenutzt um noch irgendwas zu verstauen, was in Norwegen den dreifachen Preis kostet. Vielleicht hab ich morgen oder so, mal Spaß daran die aktuelle Proviantliste ins Netz zu stellen.

Die Mädels machen statt dessen Ernst und sind total im Osterfieber. Kein Ostern ohne Eier… da geht Nathalies Mutterinstinkt voll ab. Wir sind alle an Bord, der Generator läuft, die Heizung läuft. An irgend was erinnert mich das. Die Wnuk Müllers sind wieder an Bord. Fahrtensegeln. Unter Segeln zu Hause.

Da spielt auch ein bisschen Trauer mit. Morgen werden wir Flensburg verlassen. Die Mädels kommen zurück. Ich nicht. Komisches Gefühl. Ich weiß irgendwie gar nichts damit anzufangen. „Jetzt hast Du gar keine Abschiedsparty hier in Flensburg gemacht“, Nathalie schaut mich von der Seite an. „Ach weißt Du Nathalie. Ich mag Flensburg. Heimathafen. Ich habe viele nette Leute hier kennengelernt. Ich habe viele Bekannte hier. Aber einen Freund habe ich nicht gefunden – Aber auch nicht wirklich gesucht. Vielleicht nächstes Mal.“

KEIN GANZ NORMALER TÖRN: Was ist eigentlich Segeln? Oder: "Von derKunst, im Sturm zu erblühen."

Nahe der Rhone-Mündung: Hier in Port Saint Louis, tief im Süden Frankreichs, begann die allererste Fahrt der SEGELREBELLEN, einer Organisation, die von Krebs betroffenen jungen Erwachsenen Segelreisen ermöglicht. Was man dabei alles erlebt, was das überhaupt bringen kann: darüber schreibt Mare Piú in diesem und den vorangegangenen Posts.
Von den ersten Momenten an, in denen ich zum allerersten Mal auf einer Yacht den Hafen verließ, war ich fasziniert davon. Von dem: Was Segeln ist.
Wieder und wieder habe ich – auch auf diesem Blog – versucht, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Schon in jenen ersten Jahren wollte ich einen Film darüber zu machen, weil mir die Worte ausgingen. 
Darüber, dass vermeintlich Wichtiges plötzlich vollkommen unwichtig wird.
Darüber, dass die Dinge, die wir fürchten, plötzlich gar nicht mehr schlimm sind, sondern sogar schön sein können.
Über die Angst, über die Freude, die man in hohen Wellen und starkem Wind empfindet.
Über die Freude, um jedes Kap, dass am Horizont erscheint, herumsegeln zu können.
Über die Furcht, die man im Gewitter erlebt [Und über diese Erlebnisse ist nun tatsächlich in Zusammenarbeit mit über 40 weiteren Seglern tatsächlich ein Buch entstanden, über das ich mich sehr freue!].
Über die Delfine. Ich habe sie gefilmt, wie sie uns in Puerto Rico oder vor Korsika begleiteten. Habe die kurze Hacksee der nördlichen Adria festgehalten. Und die hohen Wellen: die langen, weiten Roller draußen im Atlantik vor den Virgin Islands, wenn der herbstliche Nordsturm, die „Christmas Winds“, abgeflaut waren. Habe versucht, die Farben des Meeres im Foto festzuhalten – und wenn man sich nur auf ein und demselben Fleckchen Meer mit offenen Augen bewegt, sind es schon unzählige mehr als jene legendären „42 Tage Blau“. Auch auf diesem Blog habe ich mehrfach versucht, dieser Frage nachzugehen.
Wann ist man eigentlich bereit, als von Krebs Betroffener, nach der Therapie, für eine Fahrt mit den SEGELREBELLEN? Wann – und warum – sollte man sich dafür entscheiden? Wo doch den meisten nach überstandener Krebstherapie nach ganz, ganz Anderem ist, als ausgerechnet die Unbill einer Seereise auf klamm-kaltem Boot in unwirtlichen Regionen zu ertragen?
Betrachte ich die Crew der Segelrebellen – und da ist Marc, Gründer und Skipper der SEGELREBELLEN mit eingeschlossen – gibt es eine einfache Antwort: Das Ausschlaggebende ist: dass man sich immer schon irgendwo zum Meer, zum Wasser hingezogen gefühlt hat. Dass das Meer einfach mehr ist als eine Ansammlung H2O, versetzt mit mal mehr, mal weniger NaCl. Das Meer als Ort: an dem es einem gut geht. Auch – und DAS ist das Erstaunliche: gerade dann, wenn sich das Meer so gar nicht wie im Vierfarb-Ferienprospekt gibt. Wenn es sich so ganz anders verhält, als wir uns das wünschen: Unfriedlich. Garstig. Menschen-unfreundlich. Wenn wir es in seiner wilden, ursprünglichen Kargheit und Unwirtlichkeit erleben. Wenn wir mittendrin im Getümmel, in der Bedrohung von Windstärke 7, Windstärke 8 plötzlich entdecken: wie schön sie sind, die Wellen. Wie durchscheinendes Glas, ganz oben, wo sie sich brechen, wenn die tiefstehende Sonne durch sie hindurch scheint.
Das Meer als Ort, an dem es mir gut geht: In den Gesprächen mit der Crew, warum sie sich für die ungewöhnliche Reise mit den SEGELREBELLEN entschieden, war immer wieder dies der kleinste gemeinsame Nenner.
Fragen wir die Crew doch mal nach diesem Törn, nach ihren Erfahrungen: Was ist Segeln?
Segeln ist Entschleunigung. Innere Ruhe.
Wogen der Gefühle: Selbsterkenntnis.
Sich durch einen starken Sturm zu kämpfen, wie stark man ist. Und im nächsten Moment wieder zu merken, wie schwach man ist. Und das zuzulassen.

 

Hauke:
„Segeln ist: Neues entdecken. Ein kleines Abenteuer. Und auch ein kleines zwischenmenschliches Abenteuer. Wie gehe ich mit hohen Wellen, mit so starkem Seegang um? Meine Erfahrung ist: Alles ist für mich machbar. Ich sollte viel häufiger neue Dinge entdecken.
Mir fehlt manchmal einfach der Antrieb. Und wenn man zuviel macht: dann wird das auch sehr kostspielig. Aber Anna und ich: wir haben uns vorgenommen, dieses Jahr so viel, so häufig Urlaub zu machen wie möglich.
Das wichtigste auf dieser Seereise: ist die Erfahrung der ENTSCHLEUNIGUNG. Fahre ich Auto: muss ich ständig reagieren, auf irgendwas und irgendwen. Hier: herrscht Gleichmaß.
Und was das Zwischenmenschliche angeht: Der Sturm hat uns zu einer Gemeinschaft gefügt.“

 

Anna:
„Micht man es einfach glücklich, in der Natur zu sein. Die Ruhe zu spüren. Auch wenn das Meer manchmal so aufgewühlt ist, bin ich selbst in mir ganz, ganz ruhig.
Zuhause im Alltag wird man so häufig abgelenkt von so vielen EINFLÜSSEN. Hier gibt es nur das Meer. Nichts anderes.
Man muss sich darauf einlassen können, dass nicht immer alles rund läuft:
Dass alles nass ist.
Dass man sich neben die Toilette setzt, weil jemand gerade „eine Kurve“ fährt.
Das muss man können, sich darauf einlassen. Wenn man ddie Bereitschaft dazu nicht mitbringt: wirds schwierig. Man muss sich darauf einstellen: was alles passieren kann.
Gestört hat mich eigentlich nur, dass das Fenster undicht ist und die Matratze deshalb nass war. Aber es ist nicht wichtig hier draußen. Alles andere hier ist größer und wichtiger. Hier oben zu sitzen. Uns vom Wind wehen zu lassen und nicht mit einem Motor übers Meer zu bewegen.
So eine schöne Natur.“

 

Susanne:
„Wenn es mir schlecht geht. dann ist es für mich am Besten: immer rauszugehen in die Natur.
Hier draußen ist die Lektion: Man muss nehmen, was kommt. Man nimmt die Sachen einfach an. Und lernt: Nach Sturm kommt Sonne. Oder die Delfine.“

 

Andrea:
„Hier draußen: das ist für mich: Die Woge der Gefühle.
Und: der Sturm ist etwas, was mich in mehrfacher Hinsicht weiterbringt: Erstens fahren wir damit. Und kommen vorwärts.
Zweitens hatte ich ehrlich gesagt vor der Reise richtig Angst vor einem Sturm. Aber es kam alles ganz anders: Erst die Angst. Dann der Sturm. Dann merken, wie glücklich ich dabei bin.
Es ist gut, gerade das den Menschen, die von einer Krankheit wie Krebs betroffen sind, zu vermitteln, wie es hier ist: Wie es in unserer Krankheit ist. Dass uns Mitleid nicht weiterhilft.
Müßte ich das alles, meine Erfahrungen hier zusammenfassen: dann würde ich es in einem Buchtitel formulieren:
‚Von der Kunst, im Sturm zu erblühen‘.“
Und viel mehr ist dann auch nicht darüber zu sagen: Was Segeln eigentlich ist.
Und was einem eine Reise mit den SEGELREBELLEN bringen kann.
  

Der Sommer hat begonnen in Flensburg. Ansegeln 2015

20150401

Nathalie serviert coole Drinks zum Sommeranfang

Wer hätte das gedacht. Pünktlich zum Auftakt reißt der Himmel über Flensburg auf und die Sonne kann es nicht sein lassen. An der Hafenspitze passieren sonderliche Sachen. Die Sonne lässt uns nicht im Stich. Flensburg war doch die richtige Wahl! Am Morgen sieht es noch düster aus, aber am Mittag messen wir im Cockpit sagenhafte 25°. Nathalie ist kaum zu zügeln. Sämtliche Vorbereitungen zum Ansegeln über Ostern werden sein gelassen und der Bikini wird schnellstens rausgeholt. Eine Laune der Natur beschert uns coole Drinks. „Nathalie, wo ist nur die Sonnencreme? Hab ich sie nicht letztens noch im Bad gesehen?“ Der Capitana ist alles egal. Brasilianische Samba Rhythmen schallen über die Außenlautsprecher und mit kickenden Hüften tanzen wir auf dem Vordeck. „Wow. Ein Geschenk Gottes.“ „Das ist ein Zeichen. Auf zu neuen Ufern.“ Morgen werden wir die Leinen lösen und diesen Jahrhundertsommer beginnen und in die dänische Südsee aufbrechen.

Buchtipps und neuer Blog

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Liebe Leser,

Cati und ich haben einen Haufen Bücher an Bord, durch den wir uns vor allem während der Atlantiküberquerung gegraben haben. Ich hatte die vergangenen Jahre durch die vielen Jobs und Aufgaben kaum mal Zeit zu lesen und war selbst während meiner täglichen Pendelfahrten nach Hamburg zu schlapp dazu. Aber ich habe gesammelt, für die große Reise. Immer wenn mir eine seltene, fast unbekannte Segelgeschichte untergekommen ist, habe ich das passende Buch dazu über ein Antiquariat gekauft. Meist auf Englisch. Cati hingegen liest alles, was Buchstaben hat. Sie ist wohl die einzige, die Jimmy Cornells neue Auflage von “Segelrouten der Welt komplett von vorn bis hinten durchgelesen hat. Zugegeben, das war ihre Aufgabe, als Praktikantin im Delius Klasing Verlag ; ) Aber ich musste ihr auch hier an Bord manchmal den Reeds-Almanach wegnehmen, sonst hätte sie den durchgelesen.

Wir haben eine neue Seite namens “Buchtipps” zusammengestellt und werden dort regelmäßig wechselnd ein paar Bücher vorstellen, die wir gerade gelesen haben. Manchmal können das sogar bekannte Bücher sein, oft auch eher unbekannte. Viel Spaß beim Stöbern!

Außerdem habe ich vor ein paar Tagen einen neuen Blogeintrag mit dem Thema “Verweilen oder weitereilen” bei YACHT-online veröffentlich. Ein eher nachdenkliches Stück über unsere Art zu reisen … oder zu hasten. Hier der Link. Ich habe dazu schon ein paar Meinungen per Email oder ins Gästebuch bekommen. Gern mehr davon!

Grundsätzlich würden wir uns ja sehr gern mehr Zeit lassen und einfach mal irgendwie ein oder zwei Wochen hängen bleiben. Allerdings haben wir ja einen immer enger werdenden Zeitplan, der dabei Probleme macht – wir müssen ja im Juni ausserhalb der Hurrikan-Einzugsschneise sein. Außerdem bin ich ja auch immer irgendwie gezwungen, die Augen nach einem Job offen zu halten. Das ist der Nachteil, wenn man ohne Rücklagen losfährt. Empfehlen kann ich das nicht. Manchmal beneide ich die anderen Segler sogar, die einfach so dahin leben, sorgenlos sind. Wir haben unsere Reisen schließlich genau gleich lang vorbereitet, dieselbe Anzahl von Jahren am Boot geschuftet. Aber wir haben dafür das Privileg, in jungen Jahren loszufahren.

Und es geht ja schon immer irgendwie. Irgendwie. Cati hat vorgestern auf das Nachhaken vieler Leser endlich mal die Finanztabelle aktualisiert. Ein Thema, das unheimlich viele interessiert. Allein fünf Prozent der Zugriffe unserer Website gehen auf diese Seite. Klingt nicht viel, sind aber 6000 Seitenaufrufe im Monat.

Wir wollten die Bilanz lieber gar nicht sehen, die Karibik ist sooo teuer. Beispiele: 300 Gramm Käse = 7,50 Euro. 400 Gramm Hähnchenbrust = 11 Euro. Das Geld, das wir während der Atlantiküberquerung gespart haben, sind wir nun im März übers Budget gegangen … Wir bekommen viele Mails und Tipps, dass wir einen Teil der Seite kommerziell machen sollen, um Geld zu verdienen. “Bei den Zugriffszahlen muss doch jeder nur einen Euro im Monat zahlen und ihr habt keine Sorgen mehr”, klingt das immer. Aber das wollen wir nicht. Wir haben Angst, damit euch Lesern vor den Kopf zu stoßen. Und irgendwie kommen wir ja bisher immer irgendwie hin. Die Abhängigkeit von so vielen Variablen beeinflusst natürlich unsere Routenplanung und unseren Zeitplan. Auf St. Lucia werden wir zum Beispiel ein paar Tage länger bleiben müssen, damit ich dort arbeiten kann. Und dann endlich, endlich hinüber nach Martinique. Dort wird mit Euro bezahlt und es gibt Supermärkte mit europäischen Preisen, yeah! Da wird gebunkert.

So, das war es nun aber auch mal mit dem Thema Finanzen. Ich hab das Gefühl ich rede hier schon viel zu oft darüber. Aber andererseits bekommen wir gerade dazu extrem viele Fragen. Das lag mir nun noch auf dem Herzen, auf die Mails mit dem Kern “hetzt doch mal nicht so, lasst euch Zeit” hin …

Wir setzen gleich die Segel und genießen erstmal drei, vier Tage die Salt Whistle Bay, die Tobago Cays und Mustique. Denn dafür sind wir ja losgefahren.

Johannes