Monatsarchive: März 2015

KEIN GANZ NORMALER TÖRN, Teil 5: Anna. Oder: das dümmliche Grinsen.

 
„F*ck cancer go sailing“ ist das Motto von Marc Naumann’s Organisation SEGELREBELLEN, die es jungen, an Krebs erkrankten Erwachsenen ermöglicht, Segeln zu gehen. Mare Più begleitet ihn auf seiner Jungfernfahrt. Lesen Sie auf Mare Più und auf Marc’s Blog SEGELREBELLEN, wie es zugeht. Auf diesem KEIN GANZ NORMALER TÖRN. Von Marseille nach Mallorca.
 
 

 

Am Morgen motoren wir hinaus auf See, durch den Kanal. Das Meer ist spiegelglatt. Kein Grund, nicht Segeln zu gehen. Aber auch kein Grund, zu glauben: dass es für unseren gesamten Törn so bliebe.
Und darum beginnt Marc mit der Ausbildung seiner Crew. Unter Fahrt lässt er die Segel setzen und wieder bergen. Die Fock ausrollen. Und wieder einholen. Immer wieder.
Das Bild eines ganz normalen Törns fröhlicher junger Leute. Jo, Anna und der Skipper: Marc. Alle drei sind nach schwerer Krebserkrankung mit Strahlen- und Chemotherapie jetzt – auf dem Meer.
Die Crew übt „Mann über Bord“ unter Motor. Dreht Kreise auf dem spiegelglatten Wasser, lernt aufstoppen. Boje über Bord holen. Marc ist konsequent. Ganz großer Bruder kreist er um seine Herde, um die Schäflein. Bringt sie in die richtige Richtung. Er macht es gut.
Und dann kommt Anna ans Steuer. Eigentlich kann sie nicht Segeln. Aber jetzt sie dran, unter Marc’s Anleitung „Mann-über-Bord“ unter Motor zu üben.
Anna ist dabei: weil ihr vor Weihnachten irgendwo ein Folder der SEGELREBELLEN in die Hände fiel. Sie beschloß: mitzusegeln. Zusammen mit ihrem Freund Hauke, den sie in der ReHa kennenlernte. Sie sind zusammen auf diesem Törn, Hauke und sie.
Als Anna vor über einem Jahr mit drei Freundinnen in Malaysia war, fiel ihr plötzlich das Atmen schwer. „Es war eine richtig schöne Reise“, sagt Anna. Und deshalb schob sie ihre gesundheitlichen Probleme aufs asiatische Klima. Wieder zurück in Deutschland, fiel es ihr immer schwerer, Atem zu holen. Untersuchungen begannen. Gewebeproben. Wieder und wieder. Bis Anna, 26, die Diagnose bekam: Lymphdrüsenkrebs. „Ich sah es als Aufgabe“, sagt Anna, während ihre Eltern zusammenklappten. „Ich hatte es. Ich mußte es einfach als Aufgabe sehen, die ich zu übernehmen hatte.“ Diese Disziplin brachte Anna dazu, die Dinge in die Hand zu nehmen. Sie arbeitet heute wieder in ihrem Beruf als Orthopädie-Mechanikerin.
„Es ist nicht ganz leicht in der Gesellschaft, als junger Erwachsener von Krebs betroffen zu sein. Die Gesellschaft hat sich daran gewöhnt, dass es Krebs gibt. Der betrifft vor allem ältere Menschen. Die sterben dann daran. Und für krebskranke Kinder gibt es an Weihnachten eine Spendengala. Als junger Erwachsener halten die Leute es schlecht aus“, sagt Anna ohne Bitterkeit. „Manche meiner Freundinnen schafften es einfach nicht. Andere wurden dafür um so engere Freunde, taten alles für mich.“
Jetzt steuert Anna die ROXANNE hinaus aufs Meer. Als ich ihr die Fotos zeige, mache ich sie darauf aufmerksam: dass sie auf allen Fotos lächelt, wenn sie am Steuer steht. Und ich erkläre ihr: was es mit diesem Lächeln auf sich hat.
In einem früheren Beitrag über „Segeln mit Nichtseglern“ schrieb ich schon einmal darüber: Stellt man jemanden, der noch nie zuvor im Leben gesegelt ist, an das Steuer einer Yacht und zeigt sich auf dessen Gesicht dies Lächeln: Dann ist dies ein untrügliches Zeichen. Dafür: Dass Segeln genau das richtige ist für den, der da am Steuer steht. Für denjenigen, der das Schiff, die Dinge im Griff, in der Hand hat. Das Lächeln ist wie ein Test, der untrüglich blaue Tinte orange färbt.
Ich nenne den Test: „Das dümmliche Grinsen“. Anna ist es ins Gesicht gemalt.

KEIN GANZ NORMALER TÖRN, Teil 4: Ablegen

Der Morgen ist da, über Port Saint Louis, über unserem Liegeplatz. Der zweite Tag unserer Reise. Heute werden wir aufbrechen. Hinaus auf dem Kanal, den die Tanker auf ihrem Weg hierher in die südfranzösischen Erdöl-Raffinerien nehmen. Ein erster Schlag über 22 Seemeilen nach Osten, nach Marseille. In den Vieux Port. Mitten in die Stadt hinein. Dorthin, wo die Geschichte dieser urfranzösischen Stadt ausgerechnet als griechische (!) Flüchtlings-Siedlung vor zweieinhalb Tausend Jahren begann.
Marc hat das Transparent seiner SEGELREBELLEN am Schiff angebracht: „F*ck cancer, go sailing“, hat er sich als Motto für seine Organisation gegeben. Ein gutes Motto. Und gestern, in Port Saint Louis, wurden wir auch schon angesprochen. Aber diese Geschichte von Hugo, dem Schweizer, der im Herbst mit seiner REINKE von Bremen nach Port Saint Louis gelangte und nur über Binnen-Wasserstraßen über mehr als 300 Schleusen seinen Weg nahm: dies ist eine andere Geschichte.
Jetzt heißt es: Platz nehmen, für Marcs fünf Passagiere. Einsteigen. Und hinaus. Hinaus mit Marc’s SEGELREBELLEN auf See.
PS: Und heute Abend: da berichte ich über Anna. Für sie ist der blaue Stuhl reserviert im Bild oben. Heute Abend.
                                                 

KEIN GANZ NORMALER TÖRN, Teil 3: Auf dem Schiffsfriedhof von PortSaintLouis.

Dies ist die Geschichte keines ganz normalen Törns: Der Jungfernfahrt von Marc Naumann’s Organisation SEGELREBELLEN, die mit jungen, an Krebs erkrankten Erwachsenen hinaus aufs Meer geht und die Mare Più auf dieser Fahrt begleitet. Lesen Sie Marc’s Geschichte hier. Marc blogt über diese Reise zeitgleich auf seinem Blog.
Die Nacht senkt sich über den Industriehafen, nur wenige Hundert Meter vom Delta der Rhone entfernt. Fischreiches Brackwasser. Scheinwerfer. Das Geräusch des Frachters gegenüber neben den Silos in der Dunkelheit, der entladen wird. Der Schiffsdiesel, der seine Decks taghell erleuchtet. Und über allem, noch lauter als metallisches Schlagen und Surren von Motoren: Das laute Geräusch der Frösche, millionenfaches Quaken aus dem nahen Delta, das allen Lärm übertönt und zu unserem Schiff ROXANNE herüberklingt. Wir liegen in Port Saint Louis, 50 Kilometer westlich Marseille, direkt an der Rhone-Mündung, im Industriehafen mitten im Delta.
In den eigentlichen Hafen von Port Saint Louis motorten wir durch den Kanal, zum Einkaufen, auf den Wochenmarkt. März in Frankreich: Kühl. Kahle Platanen. Ein lautloses Gleiten auf dem Schiff durch brachliegende Industrie-Flächen und vergessene Zeugen von Unternehmergeist. Niedergang, Verfall, Scheitern in phantastischer Mündungsdelta-Landschaft. Der März ist eine hervorragende Zeit, um zu Reisen, auf See.
Die Crew der Segelrebellen. Auf dem Weg durch Port Saint Louis.
 Als das Schiff vollgepackt ist mit allem: motoren wir zurück zu unserem Liegeplatz im Industriegebiet. Auf der einen Seite die Getreidesilos. Auf der anderen Seite – wir. Aber nicht allein. Sondern inmitten Hunderter, Tausender an Land liegender Yachten, Barkassen, Motoryachten. Port Saint Louis: das ist neben seinen Industrieruinen auch ein bevorzugter Landliegeplatz für Schiffe aller Art. Doch wann ist ein Landliegeplatz kein Landliegeplatz mehr, sondern lautlos übergegangen in etwas, das man besser als Schiffsfriedhof bezeichnet.
Vernachlässigte Schiffe, soweit das Auge reicht. Schiffe, deren Namen von schönen Projekten, großen Plänen und besten Absichten künden und die doch nur seit Jahren unter schäbiger Fetzenplane vor sich hin rotten. Ein Ort, an dem Pläne ihr Ende fanden, aus welchen Gründen auch immer. Ein Ort, an dem aus einem „endlosen Sommer“ längst Trostlosigkeit geworden ist. Wann wurde aus festen Vorsätzen ein Scheitern? Wann ist der Moment, in dem ein großes Projekt, ein Schiff zu besitzen, zu Segeln, buchstäblich auf Grund läuft?
Daneben: wieviele Möglichkeiten es wohl gibt, ein Schiff zu bewohnen, wenn das Fahrwasser immer enger wurde? Wenn es keine Möglichkeit mehr gibt, sein Schiff darin zu wenden, sein Schiff hinauszubringen aufs offene Meer? Wenn der Landliegeplatz nicht nur erzwungen vom Winter, sondern von Dauer ist?
Die Crew der ROXANNE kennt diese Fragen aus dem eigenen Erleben. Vielleicht besser als manche als andere Crew. Leidenschaftlich wird beim Abendessen darüber diskutiert: was die Gründe sein können: für die vernachlässigten Boote. Das Leben: es geht eigene Wege, oftmals.
     
 

KEIN GANZ NORMALER TÖRN, Teil 2: Aufbruch.

Dies ist die Geschichte keines ganz normalen Törns: Der Jungfernfahrt von Marc Naumann’s Organisation SEGELREBELLEN, die mit jungen, an Krebs erkrankten Erwachsenen hinaus aufs Meer geht und die Mare Più auf dieser Fahrt begleitet. Lesen Sie Marc’s Geschichte hier. Marc blogt über diese Reise zeitgleich auf seinem Blog.
Was für ein Zauber doch über jedem Aufbruch liegt.
Es ist dunkel draußen und still, morgens gegen drei, als Marc und ich im Olympischen Dorf aufwachen. Und ebenso still und leise unseren Tee kochen. In der Dunkelheit das Haus verlassen, über und über bepackt mit: Seesäcken, Rucksäcken, Kartons mit Schwimmwesten, sperrigen Seestiefeln. Für die Crew. Die Amseln lärmen. Der Fernsehturm strahlt uns grün an in der warmen Märznacht. Es ist ein Zauber, der über dem Aufbruch liegt, dem Hinausgehen, dem Ablegen, dem Lossegeln.
In den letzten Tage galten die Gedanken dem Wetter. Der Golf de Lion: wie wird das wohl, Mitte März, in der Zeit der Frühjahrsstürme? Selten habe ich ein Revier beobachtet, in dem sich zwei, drei Tage vorher die Bedingungen änderten, die Vorhersagen so rasch drehten. Eine Seite hat es mir bei meinen Beobachtungen vor allem angetan: das ist windyty.com. Man zoomt sich in das gewünschte Fahrtgebiet hinein. Und kann dann in einem Wetterfilme beobachten, wie sich der Wind in dem Revier – in unserem Fall zwischen Marseille und Mallorca – entwickeln wird. Grün steht für 5 Beaufort, Orange für 6 Beaufort, Rot für 7 Beaufort, Violett für 8 Beaufort, Dunkelblau für „Nur noch gruselig“.
Klickt man auf die Animation links unten, wird klar: wie sich das Wetter über die nächsten Tage entwickeln wird. Zoomt man sich in größere Maßstäbe, wird verständlich, dass das kleine Windfeld, in dem wir uns jetzt gerade bewegen, Teil eines gewaltigen Ganzen ist. Der Mistral, der aus dem Binnenland hinausbläst aufs Meer, weht dort vergleichsweise schwach gegenüber dem, wie er sich weit draußen auf dem Meer, genau zwischen Balearen und Sardinien, zu seiner schieren gewaltigen Größe aufbaut. Verständlich wird  die Geschichte einer 12-Meter-Yacht aus dem Buch SCHWERWETTERSEGELN, die genau dort im August 1980 in arge Bedrängnis geriet. Verständlich wird, was für gewaltige Energien die Tiefdruckgebiete zwischen Islandt und Grönland aufbauen: in windyty.com sind es riesige blaue Flächen. Was heiß, dass es dort über riesige Räume beständig in Orkanstärken stürmt.
Wir begreifen, dass wir in diesen großräumigen Bewegungen nicht nur als Segler, sondern auch als Stadtbewohner kleinste Teile in wahrhaft riesigen Bewegungen und Wirbeln sind: nichts anderes als eine Handvoll aufgewirbelter Blätter in gewaltigem Herbststurm. Allerkleinste Teilchen in einem riesigen Gebilde. Wie Mark und ich, die wir in unseren schwarzen Kleinwägen hintereinander durch die menschenleere Stadt brausen: um die anderen Segler aufzulesen, die mit uns kommen: auf einen ungewöhnlichen Törn.
Special Thanks to DRIVE NOW. Das Carsharing-Unternehmen stellte den SEGELREBELLEN kostenlos zwei BMW MINI für den nächtlichen Transport der Mitsegler zum Airport zur Verfügung.
… und weil diese Reise KEIN GANZ NORMALER TÖRN ist: bitte ich die Leser von MARE PIU, unsere beiden Posts möglichst an viele andere Interessierte weiterzuleiten. 
Um Marc und seine Idee zu unterstützen. 
Danke.
 

 

TO DO OR NOT TO DO…it yourself


Was hilft gegen Frühjahrsmüdigkeit? Natürlich Anti“faul“ing! 

Träge vom grauen Winter habe ich mir das schützende Nass dieses Jahr sogar online bestellt und nach Hause liefern lassen. Und dann geschieht es wieder einmal, vorhersehbar und doch immer wieder überraschend. Jedes Jahr um Mitte März herum erscheinen die ersten Vorboten des Frühlings in Form von einigen Tagen Sonne und Temperaturen über 10°C. Antifoulingzeit. Eigentlich keine Arbeit auf die man sich  freut, aber auch keine die wehtut. Bei meinem Boot suche ich eigentlich nur nach losen Farbresten des letztjährigen Anstrichs, entferne diese, und übermale dann das letztjährige Blau mit dem diesjährigen Rot. Zeitaufwand ca. 2 Stunden. Es ist angenehm warm, die Sonne lacht vom Himmel, an jedem zweiten Boot wird gearbeitet. Es läuft irgendwo Musik im  Autoradio, man arbeitet und klönt mit den Nachbarn. Und mit einem Male fühlt es sich an als hätte es den Winter nie gegeben. So als wäre schon wieder Segelsaison. Körper und Geist füllen sich mit Energie und Aufbruchsstimmung; wie gerne würde ich heute schon den Nord-Ostseekanal in Richtung Holtenauer Schleusen befahren. Der Moment des Öffnens der Schleusentore in Richtung Ostsee fühlt sich alle Jahre wieder  wie der Beginn eines langen Sommerurlaubs an. Dieser Geruch. Das kann nur verstehen, wer das einmal erleben durfte.
Und während ich so vor mich hinträumend mein Schiff bauchpinsele (Madame hat aber auch einen sehr dicken Bauch) fällt mir eine Begebenheit ein, die nun 3 oder 4 Jahre zurückliegt. Gleicher Ort, anderes Schiff. Eine bei ebay ersteigerte Friendship 23,  zwar deutlich schlanker und kürzer als „La Mer“, sollte mich  noch den letzten Nerv kosten. Das Antifouling begann nämlich großflächig abzublättern und  die Überwinterung im Wasser des Harburger Hafens plus eine weitere Sommersaison hatten es nicht besser gemacht. Natürlich hatte ich kein Geld für die Reparatur und wollte es also notgedrungen selber machen. Mit einer Buddel Whiskey ging ich also zum örtlichen Bootsbauer Olli und sagte: „Olli, sach ma?“ 

Er erklärte mir dann den ganzen Vorgang. Altanstriche abkratzen, anschleifen, mit Gelshield das Unterwasserschiff neu aufbauen und versiegeln, streichen, fertig. Und bot mir direkt an sein passendes Werkzeug und Material zu benutzen. Und dann kam seine sehr, sehr kluge Frage: „Warum willst du das denn unbedingt selber machen?“ Ich erklärte, das ich mir die Reparatur nicht leisten könne, und daher selber ran wolle. Daraufhin sagte Olli: „Ich mache so etwas hier beinahe täglich, habe Mitarbeiter die sich auskennen, die richtigen Maschinen und Räumlichkeiten. Ich kann das deutlich besser und schneller machen, als du es jemals hinbekommen wirst.“ Das glaubte ich ihm aufs Wort, aber es nützte mir ja nichts. Doch jetzt fügte er noch hinzu: „Du kannst doch sicher auch etwas richtig gut. Warum machst du nicht lieber das, lässt dich dafür gut bezahlen, gibst mir dann das Geld und ich erledige hier für dich die Arbeit?“ 
Das stimmte natürlich, aber ich zog erst einmal irgendetwas murmelnd meines Weges. Schließlich geht es mir nicht nur darum Geld zu sparen. Je mehr ich selber machen kann, umso sicherer fühle ich mich. Ob nun Diesel, Rigg, Elektrik, Bilge, am Anfang ist mir jedes Boot so fremd, das ich mich immer unwohl fühle. Erst wenn ich einmal in jeder Ecke nachgesehen habe, alle Kabel und Leitungen kenne und selbst Dinge eingebaut und repariert habe, mag ich auf größere Tour gehen. Von daher dachte ich mir also zunächst: Do it yourself. Nach drei vollen Arbeitstagen im Regen draußen im Freilager hatte ich es dann aber gerade einmal geschafft ein DRITTEL der Backbordseite sauberzukratzen. Frustriert saß ich mit schmerzenden Händen auf dem Boot und hörte das Echo Ollis weiser Worte in meinen Ohren klingeln. Und gab auf. 
Und wie Zufall oder Schicksal so spielen, klingelte auf dem Rückweg nach Hamburg das Telefon und ein Kollege (damals war ich noch fest angestellt) fragte, ob ich für ihn am Wochenende ein Event durchführen könnte, da er überraschend verhindert sei. So ein Event bedeutet üblicherweise um die 14-16 Stunden Arbeit jeweils Freitag, Samstag und Sonntag. Equipment zusammenstellen, stundenlang auf die Autobahn, ein stressiger Veranstaltungstag und am Sonntag alles wieder retour. Nicht unbedingt das, was man sich unter einem erholsamen Wochenende nach einer bereits vollen Arbeitswoche vorstellt. Aber zur Überraschung des Kollegen sagte ich sofort zu und befreite mich damit augenblicklich von der fürchterlichen Arbeit am Boot, die ja auch mein Wochenende ruiniert hätte. Und zwar gründlich. Finanziell sollte es aufgrund der vielen Überstunden auch ungefähr hinkommen. Bingo. 
Selten habe ich mit so viel Freude eine Veranstaltung geleitet, das Publikum begrüßt, mich um technische Probleme gekümmert, Künstler mit typischer Verspätung und passender Attitüde freundlich behandelt. Und bin fröhlich singend am Sonntag zurück nach Hamburg gefahren. Ausgepowert, aber glücklich den Farbkratzer nie wieder anfassen zu müssen. 3 Wochen später war das Boot dann fertig. Und wie! Hier und da hatte Olli noch etwas ausgebessert, das ganze Unterwasserschiff neu aufgebaut, gestrichen. Es sah aus wie neu. Das hätte ich nie so hinbekommen. Nie! Und seitdem denke ich auch heute noch zweimal nach wenn es wieder einmal heißt: TO DO OR NOT TO DO…it yourself.
Auch schon mal drüber nachgedacht?
    

Unter Segeln: Ab kommenden Mittwoch von Marseille nach Mallorca. Oder: KEIN GANZ NORMALER TÖRN (I.)

Am morgigen Sonntag startet die 5. Etappe des VOLVO OCEAN RACE um die Welt. Über 6.776 Seemeilen treten die weltbesten Segler gegeneinander an. Von Neuseeland nach Brasilien. Von Auckland nach Itaijai.
Es gibt aber auch Rennen: Da treten Menschen gegen einen noch größeren Gegner an. Gegen sich selbst.
Am 14. Februar berichtete die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG in ihrer Samstags-Ausgabe unter dem Titel TÖRN DER GUTEN HOFFNUNG über Marc Naumann.
Marc ist 33. Er studierte Jura in München. Während seines Studiums erkrankte er an einem Gehirntumor, der durch Strahlentherapie entfernt wurde. Ein Jahr später konnte er sein Studium wieder aufnehmen, erkrankte aber vor dem nächsten Versuch, sein Examen in Angriff zu nehmen, erneut. Ein Rezidiv.
Die Diagnose seiner wiederkehrenden Erkrankung warf ihn aus der Bahn.
Auf Anraten seiner Ärzte unterzog sich Marc einer Hochdosis-Chemotherapie. Und beschloss noch während der Therapie: Segeln zu gehen. Während der ganzen Behandlung gab ihm diese Entscheidung Kraft. Segeln zu gehen, wurde für ihn gleichbedeutend mit: gesund zu sein.
Marc heuerte als „Hand gegen Koje“ auf einer Contessa 32 an. Und segelte im Herbst 2012  zusammen mit Boris Aljinovic von Cuxhafen nach Calais. Er segelte zusammen mit Boris gegenan. Gegenan gegen Frühjahrsstürme. Gegenan in der Nordsee. Gegenan im Ärmelkanal. Gegenan, den Mut zu verlieren.
Das Erlebnis des GEGENAN hat Marc sehr bewegt. Sein Studium schloß er ab, besser als erwartet. Und dennoch: Aus diesem Erlebnis heraus beschloss er, seine juristische Karriere erst mal an den Nagel zu hängen. Inspiriert von Bernard Moitessier organisiert er sein Leben bescheiden. Und gründete: die SEGELREBELLEN. Eine Organisation, die jungen, an Krebs erkrankten Menschen nach Abschluß der Therapie die Möglichkeit gibt, auf dem Meer zu Segeln.
Als Marc mir seine Geschichte erzählt, bin ich bewegt. Davon, wie er sein eigenes Schicksal selbst in die Hand genommen, nicht aufgegeben hat. Dass er die Verantwortung für sich nicht abgegeben hat. Während ich Marc zuhöre, stelle ich fest, dass ich die Krebserkrankung, den Kampf meiner Eltern, die beide nacheinander an Krebs erkrankten, zwar irgendwie weggesteckt, aber nicht begraben habe.
Noch eins haut mich um:
„Meine Erkrankung war das Beste, was mir begegnen konnte“. Sagt Marc heute.
Hallo? So würde das kein Mensch formulieren.
Als ich das genau wissen will, sagt Marc: „Was wäre ich denn heute? Ein Jurist, der gut verdient, arrogant und überheblich durch die Stadt geht und sich überlegt, wofür er seine Kohle als nächstes rauswirft. Stattdessen: geh‘ ich segeln und nutze meine Zeit für Sinnvolles. Und helfe anderen Menschen, ihren Mut wiederzufinden. Und die Kraft, Verantwortung für sich nicht an Andere abzugeben.“

 

Am 18. März wird Marc aufbrechen zur Jungfernfahrt der SEGELREBELLEN. Unterstützt von zahlreichen Unternehmen wie HELLY HANSEN, SEALSKIN, KAYA Zu seinem ersten TÖRN DER HOFFNUNG. Zusammen mit fünf jungen Leuten, die ihre Therapie gerade überstanden haben, wird er von Marseille über den Golfe du Lion segeln. An der südfranzösischen Küste entlang. Von Marseille nach Mallorca. Im März. Über den Löwengolf. Durch die stürmischste Region des Mittelmeers. In der stürmischen Jahreszeit.
Ich werde Marc und seine Crew begleiten. Als zweiter Skipper auf diesem Törn von Marseille über Agde, Barcelona nach Mallorca. Und hier auf MARE PIU jeden Tag berichten. Ab Mittwoch, den 18. März. Wie es der Crew geht. Wie es mir geht. Was wir erleben werden.
Auf einem Törn, der sicher KEIN GANZ NORMALER TÖRN werden wird.
PS: Und wer ganz genau wissen will, wie es auf diesem Rennen gegen sich selbst zugeht: Marc postet  seine Erlebnisse ebenfalls täglich. Auf seiner Website der SEGELREBELLEN.
Weiterlesen bei: Die SEGELREBELLEN.
… und weil diese Reise KEIN GANZ NORMALER TÖRN ist: bitte ich die Leser von MARE PIU, unsere beiden Posts möglichst an viele andere Interessierte weiterzuleiten. 
Um Marc und seine Idee zu unterstützen. 
Danke.


Zum Saisonstart – Informationen rund um den Bootstrailer

SPS_21_TitelbildDie Vorbereitungen für den ersten Bootsurlaub in diesem Jahr sind für viele Skipper bereits voll im Gange.

Bootsbesitzer, die mit Ihrem Boot auf der Straße unterwegs sind, können sich im ADAC Marinaführer über die wichtigsten Bestimmungen und Besonderheiten beim Fahren mit einem Bootsanhänger in Deutschland und Europa informieren.

Im ADAC Marinaführer sind in den einzelnen Revieren unter der Rubrik “Trailern” detaillierte Informationen zu Tempolimits, Ausnahmegenehmigungen bei Überbreite und Verkehrsregeln aufgeführt.

Zur sicheren Verladung von Sportbooten stellt die Polizei Baden-Würtemberg eine ausführliche Broschüre zur Verfügung. Sportboote müssen so gesichert sein, dass sie selbst bei Vollbremsung oder plötzlichen Ausweichbewegungen nicht verrutschen oder herabfallen. Die aufgeführten Tipps zur sicheren Verladung behandeln neben der Wahl der geeigneten Zurrmittel auch die Verfahren der optimalen Sicherung der Boote.

Bei der Suche nach dem idealen Zugfahrzeug für Bootstrailer hilft der ADAC Zugwagentest 2014 weiter, in dem unterschiedliche Antriebsarten verglichen werden.

Detaillierte Informationen zu den Themen rund um den Trailer sind im neuen Faltblatt  “Mit dem Bootsanhänger durch Europa” enthalten, das auf Anfrage (Email: [email protected]) zugeschickt werden kann.

Nathalie und ich haben heute Geburtstag

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“Frau Müller, was sagen Sie zur Entwicklung ihres Mannes?

“Also, noch mehr PS am Heck unseres neuen Dinghy’s um das Gewicht meines Mannes zu rechtfertigen, halte ich übertrieben. Auch ich halte den positiven Vorschub durch negativen Gewichtsausgleich von Vorteil. Deshalb schicke ich Michael am ersten April nach Norwegen. Wasser und Brot sozusagen. Dort ist Alkohol teuer und es gibt hauptsächlich Fisch. Den zu fangen, damit kennt er sich aus. Kochen kann er auch. Da wird er wohl die notwendigen Kilos verlieren.“ Nathalie hat gut Reden. Wenn das alles mal so einfach wäre. Heute zum Beispiel hat Lena Geburtstag und es gibt einen tollen Kuchen. „Da sind anderthalb Packungen Butter und ein halbes Kilo Zucker drin.“ „Tolle Diät Frau Müller. Nein Danke ich möchte kein Stück mehr.“

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15 Steine stehen übereinander. Man beachte den zweiten Stein von unten. Am Ostseebadstrand treffen sich Menschen, die sich nicht kennen, um diese Steinmännchen zu bauen. Ein bisschen wie auf den Osterinseln. Warum in die Ferne schauen, wenn die wirkliche Geschichte sich vor der Haustür abspielt? Lena wird heute acht Jahre alt! „HAPPY BIRTHDAY!“ schmettert es schon kurz nach Morgengrauen durch das Haus auf der Toosbüystr. In Flensburg und der Tag war geprägt von Geschenken und Happyness. Für Nathalie und mich liegen damit 8 Jahre zurück, dass wir mit Nathalies kugelrunden Bauch in die Lagune von Knysna, Süd Afrika, eingelaufen sind.

Und was mach die MARLIN da hinter dem weissen Sandstrand? Das ist Kuba und das ist eine Doppelseite in der Ausgabe der YACHT Nr. 8. „KAUF mich!“, schreit dieser Artikel gradezu. Auf Seite 40 berichtet Nathalie über Kuba und was es da alles zu erleben gibt. Kannst Du auch. Einfach 2016 mit der MARLIN nach Kuba fahren. Das mache ich. Wahrscheinlich 10 kg leichter, damit mir meine Badehose wieder passt. Kuba leben. Hoffentlich noch ohne amerikanischen Wirtschaftsüberfall. Spo. Meer geht nicht. Mein Arm sagt schon wieder: Schluss mit Schreiben.

 


Mitsegeln auf der MARLIN? Du bist dabei: Bergen zu den Lofoten 15.4.2015 Spitzbergen im Mai und Juni ab Longyearbyen. Atlantiküberquerung ab Kapverden 1.12.15. Bonaire nach Kuba. Februar 2016. Und verschiedenes meer… www.sy-marlin.de/mitsegeln

 

Sweet Grenada

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Das Land hat uns wieder, voll und ganz! Wir schlafen normal und sind geduscht, Johannes hat sogar schon wieder das Bastelfieber gepackt. Schön, dass es mittlerweile keine Reparaturen, sondern nur noch Ergänzungen sind, wie heute zum Beispiel eine Arbeitsleuchte im Cockpit oder ein dicker Riegel, damit wir das Boot auch von innen verschließen können. Und natürlich genießen wir die Zeit mit unseren Freunden von der “Maya”, die uns einen so tollen Empfang bereitet haben. Mit den Söhnen Samy und Adam planschen wir im marinaeigenen Pool, kosten Herberts Gin Tonic und es tut mir einfach richtig, richtig gut mit Asma mal wieder eine Frau zum Quatschen und Blödsinn machen zu haben ; ) Die vier hatten sich für ein paar Tage einen Mietwagen geliehen und uns kurzerhand zum Sightseeing eingepackt, sodass wir die wunderschöne Insel auch an Land erkunden konnten.

Sonntags gibt es hier immer ein besonderes Schmankerl. Auf der kleinen Insel “Hog Island” in der benachbarten Bucht findet ein Barbecue statt. Alle Yachties und viele Einheimische kommen mit dem Dingi, essen Mitgebrachtes oder dort Gebrutzeltes und neben der Strandbar spielt die Liveband des Schweizer Marinabetreibers, Dieter Burkhalter. Die Band mit ihren tollen Einheimischen Sängerinnen ist der Hammer! Am besten gefällt uns ihr Lied “This is home”, das von ihrem Zuhause Grenada handelt. Gänsehaut-Feeling macht sich jedesmal breit, wenn sie es spielen – ob am Strand, in der Marinabar oder beim Dingikonzert. Da muss man sich schon mehrmals zwicken um zu glauben, dass man tatsächlich hier ist.

Hier ein kleines Video:

 

Monday = Funday

Eigentlich wollten wir ja nur ein paar Tage hier in der Marina “Le Phare Bleu” im Süden Grenadas liegen, um unsere Wunden zu lecken, Wäsche zu waschen und die Tanks zu füllen. Aber es ist hier einfach herrlich und darüber hinaus auch noch echt bezahlbar. Wir zahlen umgerechnet nur 19,50 Euro pro Nacht. In England haben wir selbst in schlechten Marinas das doppelte bezahlt. Und aller Luxus ist inklusive: Dazu zählt neben der kostenlosen Benutzung des Hotelpools und des phänomenalen Internets hier auch die kostenlose Nutzung der Hobie-Cat-Strandkatamarane.

Da ich Cati das Segeln auf einer Hurley 22 beigebracht habe, ist sie immer nur Dickschiff gesegelt. Nie auf einer Jolle. Ganz klar, dass wir uns gestern mal einen Strandkat ausborgen mussten, um ein bisschen durch die Bucht zu fegen. Viel Spaß bei Anschauen des Videos!

Johannes

 

Weekendreport: Letztes MARLIN Schnupper-Segeln auf der Förde

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Alles Bestens – Oder doch nicht?

“Na? Habt ihr schon mal eure Rettungswesten aufgeblasen?“ „Nö!“ „Is klar. Aber jetzt!“ Die Münder bleiben offen. Nach 30 Minuten aber, ist jeder um eine Erfahrung reicher, nämlich zu wissen, wie seine aufgeblasene Rettungsweste ihn über Waser halten wird. Die Sicherheitseinweisung auf der MARLIN versuche ich jedes Mal etwas anders zu gestalten, damit ich mich selbst dabei nicht so oft widerholen muss.

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Und es wurde Frühling am vergangenen Wochenende. Zumindest für uns auf der MARLIN, denn außer uns war wieder KEIN anderes Segelboot zu sehen. „Was ist los? Wir haben ordentlich Wind. Wir haben ordentlich Sonne. Wo sind die anderen Yachten?“, frage ich in die Runde meiner neuen Crew. „Da hinten vor Glücksbur, eine Hand voll Optimisten im Wasser. Ich schaue etwas traurig, weil ich nicht sagen kann: „Da ist Lena. Da ist Maya.“ Leider finden meine Töchter Segeln gar nicht so toll. Heute habe ich andere Menschen um mich herum. Da ist Käthi – Endlich mal wieder eine richtige Frau an Bord, die sich nicht von den jungen Männern beeindrucken lässt und die es mit der MARLIN nach Spitzbergen treiben wird. Da ist Markus – „Hey, Du hast ja ein cooles Boot. Die segelt ja richtig. Ist so gar nicht, wie die Bavarias, die ich normaler weise so im Urlaub segel.“ Markus grinst über beide Seiten seines Gesichtes. „Micha, ich bin diesen Sommer dabei!“ Da ist Jörg – Mit gesunden Respekt in seinen Augen übernimmt er das Steuer der MARLIN bei 35 Grad Krängung und um die 26 Knoten Wind auf die Nase. „Geht das überhaupt?“, sagen seine Augen. Kurze Zeit später grinst auch er über beide Mundwinkel. „Ja, die MARLIN kann das. Klar zur Wende?“ „Is klar!“, kommt von Jan, der als zweiter Bootsjunge neben Arved, die Saison anschnuppert und mit seiner Kamera über das schräge Deck rutscht um den besten Winkel für das nächste Objektiv sucht. Arved lacht einfach nur, schon die ganze Zeit, den Spaß sieht man ihm an. Arved braucht keine Ansage was zu tun ist. Er hat schnell gemerkt, dass es mir am liebsten ist, dass jeder seine Aufgaben nach kurzer Zeit selber erkennt und erledigt. Ich bin umringt von glücklichen, motivierten, positiven und vor allen Dingen kommunikativen Mitseglern. Ich bin auch glücklich.

Sonderburg erreichen wir an diesem Wochenende nicht. Der neue 70kg Rocna verschwindet vor dem Strand von Bockholm auf 5 Meter im Wasser und wird am ersten Tag nicht mehr an Bord gezogen. Wichtigere Sachen als Segeln stehen an. Das MAYALENA Dinghy tender to MARLIN hat nämlich einen neuen Platz auf dem Vordeck der MARLIN gefunden. Es steht jetzt aufrecht auf V-förmigen Trägern und kann mit zwei Händen, dem Vorfall und der Winsch in Sekundenschnelle gewässert werden. Das System gewährt sich. Am Heck winschen wir den 30PS Außenborder über die Relingskante und los geht es. „Nehmt Perlen und Gold mit um mit den Einheimischen zu tauschen“, doch auch hier treffen wir außer einem Vater der mit seinen beiden Kindern einen Staudamm aus Sand baut leider keine anderen Segler. Kein Barbecue, keine gemütliche Hafenkneipe. „Es wird Zeit, dass wir das Fahrtgebiet der MARLIN wieder verlegen“, grunze ich aus dem hochgezogenen Kragen meiner Segeljacke. Die Sonne ist wieder untergegangen und es wird wieder kühl. Mit sechs Erwachsenen kommt das Dinghy aber leider nicht ins Gleiten. „Lasst mich mal an der MARLIN raus und fahrt eine Runde ohne mich!“ Scheint zu helfen. Kurze Zeit später höre ich es kreischen wie auf der Achterbahn. Ich sollte doch noch ein paar Kilos abnehmen, geht es mir durch den Kopf :-)

„Hunger!“ Der bewährte Lachs im Räucherofen auf dem Herd in MARLIN’s Kombüse verstreicht den Geruch von surinamischen Tropenholzspänen. Die Marinade mit viel Chili, etwas Ingwer. Olivenöl und Senf durchdringt das zarte Fleisch. Dillkartoffel, ein ordentlicher Salat, wer braucht da den Hafen von Sonderborg? Es geht uns hervorragend und im Pilothaus können wir endlich zu allen Seiten rausblicken, weil die ekelige Plexiglasscheibe endlich ausgetauscht ist. Natürlich bleibt es nicht bei der einen Flasche Wein und auch auch nicht bei einer Geschichte aus fernen Ländern. Das Konzept Segeln und Leben auf der MARLIN findet auch mit sympathischen Mitseglern seine Fortführung. „Und? Micha. Hast Du schon mal eine so tolle Crew wie uns an Bord gehabt?“ Markus stichelt mich gerne, aber ich lasse mich nicht aus der Reserve locken. „Ne, die Leute mit den dummen Sprüchen, die nehme ich gar nicht erst mit. Ihr seid mit Abstand die besten!“ „Ach Quatsch. Das erzählst Du doch allen. Oder?“ „Na Klar. Wäre doch dumm von mir wenn nicht! Oder?“

Am Sonntag wird aus dem Wetter ein Heldenwetter. Wir sind früh unterwegs. Stellen fest, dass der Kettenkasten auch für die 80 Meter 13mm Edelstahlkette ein ganz klein bisschen zu klein ist. Arved knotet Markierungen an die Kette. Fünf Knoten bei fünf Meter, einen bei zehn, zwei bei zwanzig du drei bei dreißig. Dann segeln wir Performance. Halbwind. Groß im ersten Reff, Fock im Reff, Segel raus. Jörg macht den Rekord. Mit über zehn Knoten gurgelt das Kielwasser unter dem Heck der MARLIN achtern. Beim Anwinschen des Groß’s zur Halse kommen alle aus der Puste. Das ist normal. Das hilft kein Wille und keine Kraft, da hilft nur Training. O.K. „Jörg, wenn Du willst, segelst Du mit mit mir und Jahn im August über die Biskaya.“ So oder ähnlich schauen Kinder unter dem Weihnachtsbaum wenn es große Geschenke gibt. „Klar Skipper. Ich bin dabei.“

Der Rest des Törns verläuft schräg. Die Crew wechselt sich am Steuer ab. „Sollen wir mal Reffen?“ meint Arved. „Geh höher an den Wind in den Böen, das geht schon. Ist ja keine Welle da. Die MARLIN kann das. Meist setzt die Crew vorher aus. Und wenn was kaputt geht, dann besser hier, als in der Einsamkeit.“ Wir ziehen die Relingsstützen durch die Förde und jeder baut Vertrauen zum Schiff auf. Das ist Sinn und Zweck der Übung. Ich freu mich wieder eine Handvoll neue Mitsegler gefunden zu haben, die das Projekt MARLIN erst ermöglichen.

 


Mitsegeln auf der MARLIN? Du bist dabei: Bergen zu den Lofoten 15.4.2015 Spitzbergen im Mai und Juni ab Longyearbyen. Atlantiküberquerung ab Kapverden 1.12.15. Bonaire nach Kuba. Februar 2016. Und verschiedenes meer… www.sy-marlin.de/mitsegeln

 

Menschen am Meer: Der große Markt von Finike. Oder: Was hat Ibrahimeigentlich mit mir zu tun?

 

Jeden Samstag ist großer Markt in Finike. Die Segler, die neben LEVJE im Hafen von Finike überwintern, freuen sich auf den Samstags-Markt. Am Samstag lassen sie Schiff einfach Schiff sein. Unterbrechen ihre Frühjahrs-Arbeit, das Streichen des Niedergangs, das Schleifen an alten und neuen Holzteilen, das Schwätzchen auf der Pier. Und freuen sich einfach, auf den Markt zu gehen. Denn schließlich ist in der Marina von Finike jeden Sonntag um 13 Uhr im PORTHOLE, dem Aufenthaltsraum für Segler, das große Barbecue. Die Zutaten, seine Mitbringsel: kauft man am Samstag. Auf dem großen Markt.
Der große Markt von Finike verblüfft zunächst mal. Türkische Händler sind wahre Ästheten, was das Präsentieren ihrer Sachen angeht. Jedenfalls die Händler von Finike. Feinsäuberlich stapeln, schlichten, sortieren, trennen, separieren sie die Dinge, die sie anbieten. Lassen Endividien-Köpfe stramm stehen in Reih und Glied vor General „Kunde“. Verkaufen, das lernt man wieder einmal hier, hat zuallererst damit zu tun, wie man aussehen läßt, was man verkaufen möchte. Und die Händler von Finike geben sich große Mühe damit.
Zumeist sind es natürlich Obst und Gemüse, was die Händler anbieten. In der ganzen Ebene südlich von Antalya, um Finike herum, werden Orangen, Mandarinen und allerhand sonstiges Grünzeug angebaut. Kumluça, wenige Kilometer von Finike entfernt, preist sich als Anbauort von Tomaten und Orangen. Der Orangensaft, der „Portakal Suyu“: er schmeckt hier ganz anders als manch saures Zeug, was oft bei uns als Orange aussehend und „Frisch gepresst“ landet.
Wenn man mit dem Flugzeug in Antalya landet, ist es ähnlich wie auf Gran Canaria, Tausende Seemeilen weiter westlich: dann sieht man die ganzen Plastik-Gewächshäuser rund um die Riesenstadt Antalya herum. Es wimmelt nur so von Gewächshäusern. Selbst in, auf, und um die antiken Ruinenstädte von Myra und Limyra sind Gewächshäuser errichtet, „Antike unter Tomatenzucht“, man trifft sie hier im Süden überall. Wieder einmal beeindruckt mich die Türkei. Es ist soviel Ehrgeiz, soviel Wille erkennbar, die Dinge, die Zukunft in die Hand zu nehmen.
So streife ich über den großen Markt. Kann mich nicht satt sehen an all den Farben, die die Händler da geschickt präsentieren. Wüßte ich es nicht besser: würde ich sagen, jeder von Ihnen hat eingehend sein Handbuch gelesen, „Besser verkaufen.“ Irgendwie sind sie einfach geborene Händler, die Türken auf dem großen Markt von Finike.
Und während ich herumstreife, erliege ich meiner Schwäche fürs Essen, die sich in hemmungsloser Neugier äußert: Für die Nüsse, die auf dem Markt vor aller Augen frisch gebrannt werden und die man heiß in ein Tütchen gefüllt bekommt.
Für den bröseligen Käse, der geflochtenen Körben kommt. Hunderterlei verschiedene Käse, die vor meinem Augen defilieren.
Mein Widerstand schwindet. Ich kaufe hier ein paar Zucchini. Dort Tomaten. Dann drei Forellen, noch lebend aus dem Tank. Dann muss ich den bröseligen Käse am blaurotweißen Stand probieren. Endgültig setzt mein Hirn aber aus, als ich zwei Stände mit meiner Leidenschaft entdecke: Helva. Körniger, zuckersüsser Sesamzeug-Nachtisch. Den ich jetzt NICHT im Foto wiedergebe.
Helva pur!
Helva mit Pistazien!!
Helva mit Schokolade!!!
Dicke Stücke lasse ich mir von Ahmed schneiden, die Unvernunft eines Kindes, das den geheimen Weg in die Marmeladenkammer gefunden hat. Dabei mag ich sonst eigentlich nichts Süßes.
Mit gefühlten 25 Tüten bin ich schon fast auf dem Heimweg, als ich in der Ecke des Marktes drei Stände entdecke. Gözleme. Türkische Pfannkuchen. Wollte ich schon immer mal probieren.
An seinem Stand empfängt mich Ibrahim. Seine Frau und eine Helferin backen dort die verschiedenen Gözleme auf einem heißen Blech. Die Helferin hat ein langes Holzstäbchen. Damit rollt sie die Gözleme aus. Faltet sie. Und übergibt die rohen dünnen Teigscheiben gefaltet an Ibrahims Frau, die am Herd sitzt. Zum Ausbacken. Solche mit Fleisch und Käse. Andere pur. Wieder andere sind mit Grünzeug gefüllt, Petersilie, Sellerie-Stückchen.
Währenddessen geht es mir mit Ibrahim so, wie es mir als Segler im Winter in Finike oft ergeht: Ich spreche mein Gegenüber mühsam türkisch radebrechend an. Und erhalte eine Antwort auf Deutsch. Es waren schon ulkige Antworten dabei. Die beste, vor Jahren, typisch, als ich einen sehr türkisch aussehenden Türken fragte, woher er so gut Deutsch könne, lautete: „I han siebe Johr beim Daimler gschafffft.“
Ibrahim war nicht beim Daimler. Aber in Deutschland war auch er. Ging 1980, mit Zwanzig dahin. Arbeitete als Küchenhilfe, als Kellner. Als ich frage, wo, sagt er: ob ich München kenne. Als ich bejahe, stellt sich heraus, dass Ibrahim lange Jahre im Nachbarort kellnerte, in dem ich aufgewachsen bin. Vielleicht bin ich Ibrahim mal im Biergarten begegnet, in dem er arbeitete. Vielleicht standen wir gemeinsam in irgendeiner Schlange an der Kasse. Vielleicht hat er sich gefreut, über einen gemeinsamen Augenblick. Eine Begegnung. Vielleicht hat er sich geärgert, weil ich unachtsam war.
Vielleicht hat ja auch XING, das große Netzwerk recht, das behauptet: „Jeder ist mit jedem bekannt.“ In XING kann man einfach einen irgendeinen Namen eingeben: Und schon zeigt einem das Netzwerk, dass es tatsächlich nicht mehr als zwei gemeinsame Bekannte braucht, über die man sich kennt.
Vielleicht liegt ja auch darin der Reiz auf dem großen Markt von Finike. Zu verstehen, dass wir zwar Fremde sind. Aber doch Gemeinsamkeiten haben. Bis hin zu einem Moment, den wir mal miteinander teilten.