Monatsarchive: Oktober 2014

Das graue Land der Superlative

Nach dem Verlassen von Kopenhagen habe ich nun das „wahre“ Dänemark erreicht. Glücklicherweise passen die Wetterfenster immer irgendwie ganz genau und ich komme recht gut voran. Das hätte alles auch ganz anders sein können. Öresund, Köge- und Faksebucht erscheinen mir bei schlechtem Wetter als sehr schwierige Gewässer mit viel Wellen und Strömung. Nicht umsonst ist die Seekarte gespickt mit Wracks. In Wilfried Erdmanns Beschreibung seiner Ostsee Acht habe ich gelesen, das er gerade hier in den geschützten Smaland Gewässern die Sturmfock seiner Kathena Nui setzen musste. Da war mir mein stoisches Leichtwindkreuzen heute doch sehr viel lieber. Nun soll der Wind auf Südost drehen und ich lasse mich damit in 2 Tagen um Langeland wehen, um dort erst einmal Schutz vor dem dann zunehmenden Wind zu suchen. Lustigerweise hatte Dänemark gleich einige Superlative zu bieten, die ich hier einmal auflisten möchte.  
– Die meisten Grautöne. Himmel, Wasser, Land…alles grau in grau. Mein Boot und hin und wieder eine Tonne sind die einzigen Farbtupfer
– Die höchsten Wellen. Das Kaliber der Wellen nach der stürmischen Nacht in der Köge Bucht war beeindruckend. Da es hier schnell flach wird, waren das wohl schon den Grund fühlenden Brandungswellen.
– Die günstigsten Häfen. Die Gebühren pro Nacht liegen so um die €12.- Schweden kostet das Doppelte.
– Die meisten Fischernetze. Es braucht hier keine Tonnen. Man fährt einfach da, wo keine Netze sind!
– Die seichtesten Gewässer. Der Törn durch die Smalandgewässer benötigte die volle Aufmerksamkeit. Ständig nur 20-40 Zentimeter unter dem Kiel, schmale Fahrrinnen, Echolot im Daueralarm, einmal aufgesetzt. Anstrengend.
– Der meiste Regen bisher. Nichts trocknet mehr an Bord.
– Das meiste Seegras. Wohin das Auge blickt schwimmt Gras.
– Die herbstlichteste Atmosphäre. Weit, verträumt, leise, endlos, grau, grau, grau
Das Bild ist übrigens die Original – Farbaufnahme

Wollwachs – Lanolin – Windpilot

NZ Schaf KopieWINDPILOT und die SCHAFE, eine innige VERBINDUNG
Wie bitte? Schafe auf See? Nein, aber an den Händen, als Wundcreme everybodies Darling, vom Apotheker billig eingekauft und kraft seines weissen Kittels und geheimnisvoller Hausmixtur, parfümiert, aufgepeppt und zu Phantasie Preisen mit Heilversprechen unter´s Volk verteilt. So habe ich viele Jahre die gelbe Paste per Kilo beim Weisskittel rausgeschleppt – bis mir vor geschätzt 30 Jahren der Kragen platzte und ich mich nach einer anderen Lieferquelle umgesehen habe, weil ich still dachte, so teuer kann kein Schaf sein, wenn man doch nur sein Wachs aus der Wolle haben möchte.

P1010716 KopieBei Bulli Dübbel auf Norderney hatte ich den Tipp aufgeschnappt, dass WOLLWACHS ideal zur Verhinderung von Kontakt Korrosion zwischen Alu und Edelstahl geeignet ist, und habe fortan willig wie ein Schaf bei meinem Apotheker den geforderten Traum Obulus auf den Tisch gelegt. Wie gesagt, bis mir der Hals dick wurde und ich begann zu recherchieren, wo denn das Wollwachs am besten wächst – z.B. auf Schafen, von denen es in New Zealand besonders viele gibt.

So landete bald ein Fass mit 225 kg per Seefracht im Hamburger Freihafen – den Preis habe ich vergessen – was ich behalten habe – es war enorm billig – und hat mir 30 Jahre die Hände geschmeidig und frei von Schwielen gehalten – und meine Windpilot Systeme korrosionsfrei, weil ich eine jede Schraube mit Wollwachs einsetze.

Der Sinn dieser Geschichte: das Wollwachs Fass geht nun bald zu Ende – und es stellt sich die Frage, wie es weitergeht – ein weiteres Fass würde bis zu meinem 100 sten Geburtstag halten – ein Gewissenskonflikt, für den ich noch keine Antwort gefunden habe ….
Wollwachs als Lebenskonflikt – soll man das zulassen?

Fragt verzagt
Peter Foerthmann

SV Admetus – Belinda+David Sturm AT

OLYMPUS DIGITAL CAMERADREI JAHRE UNTERWEGS – UND ERST HALB HERUM
Kleines Schiff auf grosser Reise, Belinda und David sind mit ihrer SADLER 32 seit 10 Monaten im Pazifik, haben kaum eine Insel ausgelassen, lange Zeiten in Polynesien verbracht, sich in Maupiti im Kite Surfen versucht und segeln langsam immer weiter Richtung Westen. WEITERLESEN

Flensburg – Westlichster Punkt der Ostsee – N 54° 49,88´ E 009° 23,17´ – Oder: Wenn die Marine 3 mal hupt

Eine Sache gab es noch zu erledigen. Nach Flensburg fahren. Den westlichsten Punkt der Ostsee bei Flensburg-Kupfermühle zu erreichen. Und auch das habe ich nun geschafft.

Ein kalter grauer Morgen in einem Hafen der dänischen Südsee. Beim ersten Weckerklingeln tropft es noch aufs Vorluk, pustet durch den Deckslüfter, und halb Dunkel scheint es auch noch zu sein. Also eigentlich ganz klares Hafentagswetter. Trotzdem schäle ich mich aus meiner Bettdecken-Schlafsack Konsturktion und mache die Nonsuch ablegeklar. Der Wind ist einfach zu gut heute. Südost zu Ost, Bft 4-5, perfekter Wetter für den Schlag in die Flensburger Förde. Die nächsten Tage soll es eher ruhig sein, also muss ich den Wind inklusive Nebenwirkungen mitnehmen.

Warum aber eigentlich Flensburg? Eigentlich ist ein Törn dorthin nichts Besonderes. Ein Ort, der schon zum Kappelner Dunstkreis gehört, eher ein Wochenendziel darstellt, und ja irgendwie schon Deutschland ist. Das wollte ich ja eigentlich so lange wie möglich vermeiden. Flensburg stellt aber auch den westlichsten Punkt der Ostsee dar. Und nachdem ich in diesem Sommer bereits den südlichsten, östlichsten, und nördlichsten Punkt besucht habe kann ich es mir einfach nicht nehmen lassen dort auch noch vorbeizuschauen.
Nonsuch macht schnelle Fahrt, obwohl das Wetter immer ekliger wird. Die Sicht beträgt gerade mal 2km und es nieselt. Die Insel Alsen zieht nur schmenhaft vorbei. Aber gegen Mittag kommt es dann zu einem emotionalen Moment. Aus dem Dunst vor mir taucht der Leuchtturm Kalkgrund auf. Das stählerne Ungetüm markiert den Eingang zur Flensburger Förde. Vor allem aber liegt er in deutschen Gewässern! Es ist also so weit. Nach 6 Monaten bin ich wieder in Deutschland angekommen! Ich sehe kein Land, und auch der “Rote Riese” ist nur schwer im Dunst auszumachen, und trotzdem überkommt mich eine Freude. Das erste Mal bin ich nicht unglücklich darüber, dass die Reise bald zu Ende ist, sondern stolz auf das bisher Erreichte und freudig auf die Rückkehr in die Heimat. Trotzdem eine komische Szenerie. Ich bin komplett allein und von dunklem Nebel umgeben, nur der Leuchtturm und Ich. Fast fühle ich mich wie in einem Traum.

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Die Realität holt mich aber schnell wieder ein: Auf einmal gibt es ohrenbetäubenden Krach. Der Leuchturm verschwindet im Dunst. Er hat sein Nebelhorn angeworfen, die Sicht sinkt auf wenige Dutzend Meter. Na klasse, schon wieder. Mein ständiger Begleiter diesen Sommer. Dazu fängt es an bestialisch zu regnen. Einer dieser Moment in denen man sich fragt, warum man morgens nicht einfach im Bett geblieben ist. Und doch lache ich fast. Den Moment des Glücks und Triumphs lasse ich mir doch nicht von etwas Wasserdampf kaputtmachen.
Zum Glück ist nicht viel los. Die wenigen Segelboote die noch unterwegs sind Ausbildungsschiffe der deutschen Marine. Und die haben alle AIS. So vergeht auch diesel Nebel zum Glück ohne irgendwelchen gefährlichen Situationen. Irgendwann ist dann auch Alles wieder vorbei. Und mit Alles meine ich auch Alles. Es klart auf, der Regen lässt nach, und der Wind ist weg. Und zwar komplett, bis auf dem letzten Fitzel. Die Flensburger Förde liegt spiegelglatt vor mir. Auch egal, wenigstens konnte ich den größten Teil des Tages segeln. Überhaupt lerne ih das Wetter mit allen seinen Facetten in den letzten Tagen dieser Reise erst zu schätzen. Monatelang war es Alltag mit den Elementen zu leben, und wenn es neblig war, kein Wind gab oder geregnet hat, war das einfach nur lästig. Lästiger als wenn es eben in der Hamburger Innenstadt regnet, denn ich lebe ja halb draussen. Jetzt aber, wo man jede Empfindung noch stärker als vorher wahrnimmt, lässt einen auch solches Wetter glücklich werden. Denn obwohl es eigentlich nur Flensburg ist, habe ich mal wieder das Gefühl am Ende der Welt angekommen zu sein. Es ist komplett Windstill und ruhig, die tiefliegenden Wolken und letzten Nebelschwaden ziehen vorbei. Fast wie Mittelerde erscheinen die Ochseninseln, die langsam vorbeiziehen. Stimmungsvoller hätte diese Fahrt doch eigentlich nicht werden können.

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Noch kurz bevor ich dann den westlichsten Punkt erreicht habe, passiert das eigentlich viel größere Highlight des Tages. Flensburg ist mein erster deutschen Hafen. Und nach alter Väter Sitte werden die Gastlandflaggen aller besuchten Länder nach einer großen Reise im ersten Hafen des Heimatlandes, sowie bei Ankunft im Heimathafen gesetzt. Es ist Tradition und Ehre zugleich. Das erste Mal flattern also alle Flaggen unter der Saling. Nur leider ist doch Verkehr auf der Förde. Von hinten kommt ein Marineschiff schnell auf. Ein Minenleger oder so ähnlich, also kein kleines Teil. Typische Reaktion eines Seglers: “Na der überholt mich ja, ich hab also Vorfahrt.” Terrierkomplex nenne ich das immer. Der Minenleger kommt also immer näher und nur langsam dreht er zur Seite weg. Der Kommandant und Ich begaffen uns dabei durchs Fernglas. Wer zuerst blinzelt verliert. Dann aber die Überraschung: Er kommt auf die Brückennock und winkt fröhlich herüber. und hebt den Daumen beim Anblick der Nonsuch. Dann verschwindet er wieder in der Brücke. Sekundenbruchteile später blökt sein Horn auf. Habe ich also doch was falsch gemacht? Nein: Tuuuuut Tuuuuuut Tuuuuuut. Drei Mal lang. Das Grußsignal! Wieder kommt er raus und winkt. Ich freue mich tierisch, und erwidere mit zweimal kurz. Wobei meine Tröte da eher armselig klingt.
Ich kann nicht mal sagen ob Stolz oder Freude in diesem Moment überwiegen. Auf jeden Fall eine mega tolle Geste. Schöner kann ein erster Empfang in der Heimat ja fast nicht ablaufen.

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Und dann ist es so weit. Ich erreiche den westlichsten Punkt der Ostsee, an der kleinen Grenzbrücke bei Flensburg-Kupfermühle, ganz in der letzten Ecke der Flensburger Förde. Eigentlich kein besonderer Platz, aber für mich könnte er gerade nicht wichtiger sein. Zwar ist es natürlich noch etwas Anderes in Töre einzulaufen, aber das Erreichen des westlichsten Punktes komplettiert diese Reise. Ich habe die gesamte Ostsee von Westen nach Osten, von Süden nach Norden bereist. Ein tolles Gefühl. Und wie in einem Film laufen bei mir die ganzen letzten paar Meilen bis Flensburg einzelne Szenen aus dem Sommer ab.

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In Flensburg anzukommen ist dann ein Kontrastprogramm. Wieder einmal der Lärm der Stadt (auch wenn der hier mir irgendwie unsympathischer als zum Beispiel in Göteborg erscheint ;-) ), Leute die einen im Supermarkt auf Deutsch ansprechen, und  überhaupt. Ich verbringe den Abend lieber an Bord mit Blick auf den Museumshafen und dem ersten Döner seit 6 Monaten. Das ist im Ostseeraum nämlich irgendwie noch nicht angekommen. Und ich mache das erste seit Monaten wieder mit Heckpfählen fest. Kleine Randnotiz, aber auch irgendwie ein komisches Gefühl.

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Aber irgendwie zieht es mich doch noch wieder raus. Und nach Dänemark. Anstatt in Flensburg zu bleiben geht es für mich nach Kegnaes, auf der dänischen Seite der Förde. Noch einmal vor Anker liegen. Und wieder ist die Szenerie absolut genial. Obwohl es tagsber genug Wind zum Segeln gab, legt sich jetzt wieder ein Dunstschleier und spiegelglatte See über das Hørup Hav. Ich nutze die Zeit ohne Ablenkung von Land und schwelge in Erinnerungen. Und für einige Sekundenbruchteile bin ich wieder auf See. Im Bottnischen Meerbusen. Im frischen Haff vor Kaliningrad, im Götakanal oder irgendwie hinter einer namenlosen Schäre…
Noch bis Sonntag… Kommt doch auf ein Bier vorbei wenn ihr in der Nähe seid! ;-)

 

Gefangen

Eingesperrt in Seegrassuppe. Kein Wind. Und nun, paddeln?

SV Kira von Celle – New Zealand – Malaysia

Regenbogenpapageien_AustralienSKIZZEN EINES SEGELJAHRES
29. Mai 2013, Opua, Neuseeland.
Die Crews von ca. 15 Yachten stehen Schlange vor dem Hafenbüro von Custom NZ. Die Abfertigung verläuft gewohnt schnell und unkompliziert. Bussi hier und Bussi da, verbunden mit den besten Wünschen für die Überfahrt. Bereits gegen Mittag sind wir raus aus der Bay of Islands, auf dem Weg nach Savusavu, Fiji. WEITERLESEN

Die Wiege des Blauwassersegelns

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“Maverick too” liegt in Yarmouth, auf der Isle of Wight. Ein kleines Dörfchen, von dem bestimmt die wenigsten Leser bereits einmal gehört haben, geschweige denn schon einmal dort gewesen sind. Der Ort, der vor etwa 900 Jahren gegründet worden ist, hat eine Menge zu bieten. Urige Pubs zum Beispiel, eine tolle Seebrücke und sogar ein altes Castle von Henri dem Achten. Was mich allerdings mit Yarmouth verbindet, ist eine Dienstreise, die mich im vergangenen April hierher geführt hat. Denn nur 200 Meter Luftlinie von unserem Liegeplatz entfernt steht ein altes Coastguard-Cottage, das niemand geringerem gehört hat, als Susan Hiscock. Zusammen mit ihrem Mann Eric ist sie als eine der Blauwasserpioniere bereits in den fünfziger Jahren um die Welt gesegelt. Die ersten Langfahrtbücher und -ratgeber, nach deren Lektüre sich viele Menschen auf die Ozeane gewagt haben, stammen aus ihrer Feder. Jede ihrer Reisen und Weltumsegelungen hat hier in Yarmouth begonnen. Von ihrem berühmtesten Schiff, der “Wanderer III”, hängt hier im Yachtclub ein Modell an der Wand. Direkt neben den Medallien, die die beiden für ihre fantastischen Abenteuer gewonnen haben.

Noch faszinierender allerdings war es, einen Blick in das Cottage zu werfen, in dem Susan nach Erics Tod (Mitte der 80er Jahre) gewohnt hat. Alle Logbücher, alle Dias, alle Seekarten, Gästebücher und hunderte Andenken aus 40 Jahren Blauwassersegelns liegen dort. Erics Nichte hat das Cottage nach Susans Tod (Mitte der 90er Jahre) übernommen und nichts daran geändert. Es fühlt sich an wie ein lebendiges Museum, denn es ist keine Ausstellung, sondern ein Überbleibsel auf dem Leben der beiden. In der aktuellen YACHT 21/2014, die zufälligerweise heute am Kiosk erschienen ist, habe ich von dem Besuch berichtet.

Erics Nichte lebt nicht auf der Insel, die Tür zum Cottage ist bei unserem Besuch also leider verschlossen. Aber wir sind auch nicht deshalb hierher gekommen, sondern weil ich den Ort so kniffig fand. Vorhin haben wir in dem Bootsladen, in dem Eric in den 50er Jahren seine “Wanderer III” ausgerüstet hat, zwei emaillierte Müslischalen gekauft. Sowas hat uns bisher auf See immer gefehlt. Und mich würde es nicht wundern, wenn genau solche Schalen auch schon bei Susan und Eric an Bord Verwendung gefunden hätten …

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Alles weitere unter den Bildern.

Johannes

 

 

Die vergessenen Inseln: Östlich von Milos. Oder: Wenn der Meltemi weht.

Wenn der Meltemi bläst: Das Video zeigt zweieinhalb Minuten Durchfahrt durch die Meerenge zwischen Milos und Kimolos: Ungeschnitten, ohne Musik, Wind und Welle „pur“. Hier klicken.
Unmittelbar östlich von Milos liegt ein kaum bekanntes, vergessenes kleines Inselparadies: zwei große. Und viele kleine Inseln, Inselchen, Felsbänke, Riffe, deren Namen kaum eine Seekarte kennt.
Die beiden Hauptinseln dieser Gruppe heißen Kimolos und Polyegos, und sie sind nicht unbedingt klein: Auf Kimolos leben immerhin fast 1.000 Menschen. Aber die Bedingungen sind hart. Ein bisschen Landwirtschaft. Etwas Fischfang. Ein wenig Tourismus. Es gibt kaum Wasser auf der Insel, mühsam schleppen es Tankschiffe herbei, und nicht selten ist der Mangel im Sommer so groß, dass das Wasser rationiert werden muss. Dann gibt es „Wasseralarm“. Vielleicht ist dies auch der Grund, dass die Inseln – anders als das unmittelbar daneben liegende Milos – „vergessene Inseln“ sind: abseits der großen Ströme. Unentdeckt. Sich selbst, Wind und Zeit überlassen. 
Für den, der segelt, hat die Inselgruppe aber einen ganz besonderen Reiz: Wer hier allein sein will, findet eine Unzahl Meltemi-geschützter Ankerplätze zwischen den Inseln Kimolos, Polyegos, vor Agiou Giorgos oder Agio Efstathios. Die Inselgruppe ist wie ein kleines Binnenrevier, nach Süden offen, aber geschützt vor dem fauchenden Meltemi, fast wie der Drake-Channel auf den British-Virgin-Islands, mit kaum besuchten Sandstränden, über denen nichts als Einsamkeit schwebt.
Als ich gegen Mittag von Milos lossegle und durch den einstigen Vulkankrater nach Norden kreuze, ist sich der Wind uneins. Mal vier von Nord, mal Nichts von Süd. Geklapper im Rigg. Schläge im Tuch. Geschaukel in den Wellen. Gekabbel, von überall her. Aber kaum bin ich aus dem Krater draussen, meldet sich der Meltemi. Und weil es die Zeit ist, in der er wach wird, man kann die Uhr danach stellen, zwischen zwei und drei gehts los: wird er an diesem Tag besonders wach und weht, wie es ihm gefällt, bis in die Dreissiger hinein. 
Weil mir das Gegenan-Bolzen auf Legerwall nördlich Kimolos im auffrischenden Meltemi wenig Lust verheißt, laufe ich mit gerefften Segeln ab, durch die Meerenge von Pollonia, genau zwischen Milos und Kimolos hindurch und hinein in das Binnenrevier. Schlagartig ists vorbei mit der Welle, alles ist glatt und türkis und sandfarben. Nur die Böen, die mit über dreissig Knoten von Kimolos herabfegen, erinnern mich daran: dass Draussen ein anderer Wind weht.
Für alle, für die Segelsaison fast schon vorbei ist: das obige Video zeigt, wie es letzten Sommer war. Und wie es nächsten Sommer sein wird, bei Meltemi, zwischen Milos und Kimolos. Hier klicken.

Ein Schweinswal im Regen…

 ….war der einzige Trost am gestrigen Tage. Es waren die kältesten und nassesten 34 Meilen meiner Reise, gefolgt von einer stürmischen Nacht auf einem an den Leinen zerrenden Boot.  Selbst die Strömung war mit fast 2 Knoten gegen mich. Nur der Wind passte, und das ist ja laut meiner eigenen Aussage das einzig Wichtige! Schnacker, das hast du jetzt davon…bei dem Wetter werden die letzten Meilen bis nach Hause sehr zäh werden, zumal ich auch wieder 2 Baustellen auf dem Boot entdeckt habe, die mir doch etwas Sorge bereiten. Ich mag darüber nicht einmal schreiben um es ja nicht zu berufen. Andererseits gab es auch kaum je eine Motorradtour auf der ich nicht auf einem schwer angschlagenen Motorrad heimgefahren bin. Und ungelogen: eine Honda XL500 war am Ende auf 0,5 Liter ÖL pro 100km. Die ist dann wirklich vor der Haustür ausgegangen und danach nie wieder angesprungen. Aber soweit muss es ja nicht kommen.

Christianshavn in Kopenhagen
 Ein kurzer Hoffnungschimmer am Horizont

Herbstsegeln und ein Wiedersehen

Nur ein Wetterfenster von einem Tag sollte sich mir bieten um Anholt zu verlassen. Wie so oft im Frühherbst bestimmt das Wetter und nicht mehr das persönliche Gusto die Törnplanung.

Ich verlasse Anholt also nach Abflauen des Sturmes bei erstklassigen Südostwinden. Es geht vorbei an dem gigantischen Windpark,n mitten zwischen Anholt und dem Festland. Irgendwie kann ich mich hier draußen auf offener See nicht wirklich damit anfreunden… Wenigstens legt der Sommer heute noch mal ein kurzes Intermezzo ein. So geht es dann vorbei an Grenaa Richtung Süden. Das Seegebiet zwischen Greena und der Insel Samsø gehört für mich zu den unangenehmsten Teilen der “heimischen” Ostsee. Noch nie habe ich hier wirklich gute Bedingungen angetroffen. Es sind 15 NM zwischen den nächsten Häfen, der Wind kommt irgendwie immer von vorne, die Welle ist kurz, und der immer an der Küste stehende Strom scheint auch immer von vorne zu kommen. Und in mindestens 50% der Fälle am besten alles zusammen. Heute war es am Anfang nur der Strom. Das war mir noch egal. 6 Monate auf See sorgen doch für eine gewisse Grundentspannung und so habe ich mich einfach gefreut länger bei diesen schönen Bedingungen auf See sein zu können. Das änderte sich dann, als der Wind auffrischte und eine eklige kurze Welle auf Land schiebt. Mal wieder sucht sich jedes Teil unter Deck einen neuen Platz. Wenn sogar die 15kg schwere angelaschte Kühlbox von ihrem Platz unter dem Tisch wegdreht, ist wirklich Mixer-Feeling angesagt. Ich wundere mich selber, dass ich immer noch die Ruhe selbst bin, da fängt der Wind an langsam aber stetig auf Südwest zu drehen. Von vorn also. Und weil das noch nicht genug ist, bringt der Südwest dann auch noch dicke Wolken und Schauer mit. Erwähnte ich eigentlich, dass ich diese Ecke nicht mag?

Die Fahrwassertonnen sollte man hier wohl besser ernst nehmen...

Doch etwas Anderes fasziniert mich, denn nach Grenaa verändert auch die dänische Festlandküste ihr Gesicht. Eine neue Küstenform taucht auch. Nach den endlosen Strandküsten des Baltikums, den zerklüfteten Schären Skandinaviens, und den Dünen von Nordschweden, prägen jetzt sanfte grüne Hügel, Wiesen und Felder, unterbrochen von einigen kleinen Lehmkliffkanten das Küstenbild. Die typische Küste der westlichen Ostsee. Das letzte mal habe ich die im April gesehen. So langsam schließt sich der Kreis…

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Ebeltoft ist das Ziel des Tages. Ein netter kleiner Ort in der Nähe von Aarhus. Hier sollte ich dann auch erst mal 2 Tage bleiben. Der Herbst ist mit voller Inbrunst zurück. Der erste Hafentag vergeht mit pausenlosem Regen, der nächste mit guten 30kn Wind. Da fährt man nicht raus wenn man nicht muss. Und noch habe ich ja Zeit. Und in Ebeltoft lässt es sich gut aushalten. Für den kleinen Max gibt es ein mal wieder ein Museumsschiff zu inspizieren. Die Fregatte “Jylland”, eines der letzten erhaltenen hölzernen Kriegsschiffe und Veteran der Schlacht von Helgoland 1864.Obwohl die Dänen den Krieg mit Preußen verloren haben wird dieser im angeschlossenen Museums ausgiebig gedacht. Ähnlich wie in Oscarsborg in Norwegen. Glaube, das hat was mit dem Nationalstolz der kleinen Länder zu tun…
Auch ansonsten kann die Stadt sich sehen lassen. Die Innenstadt ist fast komplett von kleinen, bunten, alten Häusern geprägt, von denen sich selbst Aerösköbing eine Scheibe abschneiden könnte. Und dann gibt es ja noch eine Regel für Hafentage wegen Schlechtwetter: Zur Wahrung der guten Laune wird Essen gegangen. Und so wird dem Bordballast eine große Portion des dänischen Nationalgerichts “Sterneskjud”, einer Art gemischter Fischplatte mit Garnelen, zugeschlagen. :-)

Die Fregatte "Jylland"

Nach 2 Hafentagen reichts mir aber, und ich werde ungeduldig. Oder leichtsinnig?  Der Wind hat zwar nachgelassen, aber mittlerweile auf Südwest gedreht. Aus irgendeiner Vorahnung habe ich am Abend vorher noch das erste Mal die Minifock aufgezogen. Vielleicht war mir aber auch einfach nur langweilig… Die ersten Meilen verlaufen gut und zügig. So lahmarschig Nonsuch mit der riesigen Genua manchmal bei wenig Wind läuft, so perfekt liegt sie bei mehr Wind mit der Kleinen (Sturm)fock auf dem Ruder. Vielleicht muss ich doch mal in eine normale Arbeitsfock investieren… Der Wind dreht jedenfalls immer weiter auf. Am Ende stehen wieder 30kn auf der Uhr. Und das Tagesziel Ballen auf Samsø liegt aufs Grad genau in Luv. Nach dem lauen Sommer bin ich Starkwindsegeln irgendwie nicht mehr gewohnt. Seit Anfang Juli war das fast nie mehr gefragt. Schnell kommen dann die Gedanken, ob auch alles hält, das Schiff die Strapazen auch mit macht. Immerhin hat es schon 3,500sm dieses Jahr runter. Während jede Welle abstoppt (das kommt gefühlt einer Vollbremsung an jeder Ampel gleich), hoffe ich also, dass alles gut geht. Auch wenn man instinktiv irgendwie weiß, dass es für solche Bedenken gar keinen Grund gibt. Aber selbst beim hundertsten Mal ist die Szenerie von Starkwind von vorne von Neuem eindrucksvoll. Auch heute schlägt sich Nonsuch natürlich viel besser als befürchtet. Vor allem die Sturmfock läuft (Oh Wunder!) einfach viel besser als eine eingerollte Genua. Die erste Amtshandlung in Ballen ist also ein Telefonat mit dem Segelmacher meines Vertrauens wegen einer Arbeitsfock für mittlere Winde… Auch in Ballen ist die Saison mehr als vorbei. Aber die Bäckerei im Hafen hat jeden Freitag Pizzaabend! Und heute ist…. Es folgt der perfekte Männerabend. Die Sonne kommt raus, der Wind lässt nach. Ich sitze mit einem kühlen Bier und frischer Pizza im Cockpit, und freue mich über den heute geschafften Teil

In Ballen erst mal Wunden lecken.

Für den nächsten Schlag gen Süden hat der Wind kein Stpck nachgelassen. Aber dafür wenigstens auf West, also genau Halbwind, gedreht. Und heute habe ich mich mal wieder in mein Schiff verliebt. Es war einer dieser Tage, für die man segelt. Anfangs bin ich immer noch vorsichtig. Ich muss mich ja erst mal wieder an die Herbstbedingungen gewöhnen, doch mit jeder Minute, und jedem zehntel Knoten Fahrt den das Schiff aufnimmt, steigt die Freude. Die Wellen im großen Belt rauschen grummelnd von der einen auf die andere Seite des Schiffes, es geht mehrere Meter auf und ab, die Logge erreicht nie geahnte Werte von fast bis zu 8 kn. Das alles mit Sturmfock und dem II. Reff im Groß. Meine Laune ist genau so weit aufgedreht wie die Stereoanlage. Es ist einfach herrlich. 7kn, also ca. 13 km/h reichen aus, um einen Segler in Speedrausch zu versetzen. Schon komisch wie sich die Verhältnisse auf dem Wasser verschieben. Es gibt ein sehr schönes Buch: “Wer Meer hat, braucht weniger”, welches beschreibt wie Segeln die Psyche verändert, zur Langsamkeit und Wertschätzung der kleinen Dinge anregt. Auch auf die Geschwindigkeiten beim Segeln trifft das wohl zu, denn selbst auf dem Fahrrad wären diese Werte, die mir heute das Kreissägengrinsem im Gesicht festtackern, nur für Rentner ´ne Leistung. So langsam kann ich dem Herbst und seinen Eskapaden aber etwas abgewinnen…

Bft. 6-7 1-1.5m Seegang.

Doe Durchfahrt durch die Grosse-Belt-Brücke bleibt das einzig Unangenehme des Tages. Wind und Wellen stoppen vor diesem gigantischen Bauwerk auf und erzeugen eine Wasseroberfläche wie in einem Kochtopf. Die Strömungen zerren alle paar Dutzend Meter wechselnd in sämtliche Himmelsrichtungen. Und sobald ich durch die Brückenpfeiler durch bin, ist für 5 min. nichts. Als ob man durch eine Wand gefahren wäre, befinden sich hinter der Brücke, mitten auf dem Wasser, weder Wind noch Wellen. Ich gehöre zwar eher weniger zu den Ökos, aber wenn man so hautnah erlebt wie solche Bauwerke in die Natur (und meine Freizeitgestaltung ;-) ) eingreifen, kann man schon ins Grübeln kommen…

Glücklich und zufrieden über diesen perfekten Segeltag mache ich in Lundeborg auf Fünen fest. Ein kleiner entspannter Fischereihafen. Kurz dnach mir läuft eine deutsche Yacht ein. Der übliche “Wer-woher-wohin” Stegschnack lässt mich aber erschaudern. Die zwei kommen aus Arnis, einige Kilometer hinter Kappeln gelegen. Die Distanz bis zu meinem Liegeplatz ist jetzt also schon weniger als eine Tagesreise. Im Kontrast dazu steht ein kleines Erlebnis am nächsten Morgen. Ich bereite mir Ham&Eggs, ein klassisches Seglerfrühstück. Ganz klassisch englisch gehört auch Ketchup dazu. Und da fällt mir auf, dass mein Ketchup immer noch aus Polen stammt. Ich denke zurück an die Zeit in Polen. 5 Monate sind es schon, und doch kommt es mir eher vor wie 3 Wochen, als ich Polen Richtung Kaliningrad verließ…

Zünftiges Frühstück mit polnischem Ketchup.

Von hier aus folgt nur ein kurzer Törn. Ich habe mich mit meinen dänischen Freunden aus dem Göta Kanal in ihrem Heimathafen Thurø verabredet. Die beiden haben damals netterweise meine Souvenirschnapsvorräte als Fracht in den Süden an Bord genommen und so vor dem norwegischen Zoll gerettet.  Henrik kommt kurz nach mit im Hafen an. Er hat das Wochenende passenderweise in Kappeln verbracht und kommt kurz nach mir mit Grüßen aus der Heimat an. Es folgt ein langer Abend mit Geschichten aus dem Sommer, Erfahrungen der letzten Wochen, und darüber was Segeln doch für ein generationenübergreifendes Hobby ist. Obwohl der Schönheiteschlaf dem Abend entsprechend spät endet, ist die Umgebung noch in dichten Nebel gehüllt, während oben bereits die Sonne scheint. Das ist allerdings nicht den zuvor gereichten alkoholhaltigen Erfrischungen, sondern der schwindenden Kraft der Sonne und dem anbrechenden Herbst geschuldet. Eine zauberhafte Stimmung. Wer lange genug sucht, findet wohl doch die positiven Seiten am Herbst…
Bevor wir uns für dieses Jahr verabscheiden, bekomme ich noch eine kleine Tour durch Thurø, welches definitv auf meiner Liste für regelmäßige Törnziele landet. Obwohl quasi fast in der Stadt Svendborg gelegen, ist die Stimmung eher dörflich-dänisch. Die Fischer arbeiten direkt neben dem kleinen Segelclub, es gibt viele traditionsreiche Werften (unter anderem auch eine der besten In ganz Europa – ca. die halbe europäische 12mR Flotte bekommt hier ihre Wartung), es hat diese Spur Verschlafenheit die so perfekt zu einem Wochenend-Getaway passt. Ich werde ganz bestimmt wiederkommen.

Der Nebel ist dem Herbst, nicht dem gestrigen Abend geschuldet.

Und nun geht es langsam heimwärts. Nur eine kleine Sache muss ich immer noch erledigen…..