Monatsarchive: Oktober 2014

I’m getting closer to my home

Recht unbekannter Klassiker, der mir heute den ganzen Tag im Kopf rumgeht…

Grand Funk Railroad – I’m Your Captain – Shea Sta…: http://youtu.be/fyF5J7au1jE

Landeskennungen

20141011

Kleine Geschäfte, große Geschäfte

Im Gegensatz zu Düsseldorf, liegen wir ja nun mitten in der Stadt mit unserem Hausboot MARLIN. Die Geschäfte laufen, der Jahreszeit entsprechend, eher ruhig. Ich hab meine Geschäfte, Lars macht seine Geschäfte. Die eiligen Geschäfte, zum Beispiel, wenn der Skipper seinen Hintern nicht aus der Koje bekommt, macht Lars in der Süllkante, für die großen ist genügend Gras in der Hafenzone. Dieses große Geschäft ist nicht von Lars, aber es gibt auch genügend Geschäftskonkurrenz in der Umgebung, deren Besitze keine Tüten in der Hosentasche haben. Obwohl die Stadt Flensburg diesbezüglich ihre kostenlosen Hundetütenspender, die echt an jeder Ecke sind, immer gut geserviced haben. Flensburger Nicht-Hundebesitzer, dass ist eindeutig schon die Minderheit, kommentieren jetzt nicht, wie in Düsseldorf, „Eh Du Idiot. Mach mal das große Geschäft von Deinem Köter weg, sonst zeige ich Dich an!“, sondern bestechen mit Ideenreichtum. Dies ist ein großes deutsches Geschäft. Fast schon Kunst, meine ich, der Hafenmeister nicht. Der hat einen Eimer Wasser über den Ideenreichtum seiner Mitbürger gegossen.

Flensburg Etikette.

Startschwierigkeiten

Jeden Morgen fällt mir das Aufstehen im kalten, feuchten Boot schwerer. An den Segeltagen ziehe ich meist einfach die Segelklamotten direkt über die Schlafgarderobe und dusche dann nach Ankunft. Heute gönne ich mir aber ein Landfrühstück während sich die Sonne durchkämpft. Nordseekrabben, ich habe euch so vermisst!! Die nun wieder verständlichen Nachrichten nicht :-(

Menschen am Meer: Ankermanöver im Gewitter. Oder: Warum mache ich das alles?

    Wolken, die sich nach oben entwickeln: ein untrügliches Zeichen, dass Gewitter entstehenkönnen.                                     
     Das Foto zeigt die Wolken am Himmel gestern östlich von Marmaris.

Die Türkei im Oktober ist anders, als ich sie von meinen bisherigen Törns im August und im September kenne. Die Sonne geht früh unter. Um halb sieben wirds dunkel. Wenig Wind. Das Wasser ist immer noch sehr warm. Die Luft ist kühl. Und gestern, beim Ablegen in Marmaris, da quoll es am Himmel im Osten fröhlich vor sich hin: Aufsteigende Quellwolken. Wolken höher als breit. Aufziehende Gewitter.
Mein Weg führte mich zunächst fort von den Gewitterwolken, die über dem Festland stehen. Nach Süden, durch die Ausfahrt aus der großen Bucht von Marmaris, zwischen den Inseln Keci und Yildiz hindurch. Und dann langsam nach Osten, parallel zur Bergkette im Norden. Und den darüber munter vor sich hin quellenden Wolken.
Mein Tagesziel ist die Bucht von Ekincik, knapp 20 Meilen von Marmaris entfernt. Ein vier Stunden-Schlag. Ankunft kurz vor Anbruch der Dunkelheit. Jeder kennt Ekincik: ist es doch der Startpunkt für die wunderbaren Ausflüge den Dalyan-Fluß hinauf, durchs Schilfröhricht in vielen Windungen unter den lykischen Königsgräbern entlang.
Ekincik kenne ich. Eine weite Bucht mit gut haltendem Sandgrund. Als Einhand-Segler ist mir manchmal der „G-Faktor“ (darüber schrieb ich früher), der Aufwand, mit der Landleine einfach zu groß. Also eine weite Bucht. Wo man ankern und schwoien kann. Ohne Landleine. Eben Ekincik.

Gegen sechs passieren wir die Einfahrt in die Bucht von Ekincik. Noch zweieinhalb Seemeilen, eine halbe Stunde bis zum Ankerplatz vor dem Dörfchen. Aber der Himmel vor mir sieht mittlerweile bedrohlich aus. Aus dem aufquellenden Weiß ist mittlerweile eine tiefgraue Front geworden, Blitze zucken aus der grauen Masse in die Berggipfel genau vor mir. Ich ziehe meine gelbe Segeljacke an, es sieht nach Platzregen aus, noch bevor wir unseren Ankerplatz erreichen. Ich gebe Levje’s Motor noch mal die Sporen, Levje brummt brav durch die ersten Windböen, die fallen aus Norden, aus dem großen Grau die Berghänge herunter. Gottseidank, dann sind wir hier geschützt. Die Böen nehmen zu. Noch 15 Minuten. Die ersten Tropfen. Fette Wassertropfen, die auf der Haut zerplatzen, groß wie Hagelkörner. Sind aber nur Wassertropfen. Noch 5 Minuten. Gleich da vorne, wo zwei andere Segler liegen. Schlagartig wird der Regen zur Wand. Die Hose ist im Nu nass. Gerade noch kann ich die beiden ankernden Segler kennen, wir gehen zwischendurch, der Regen wird immens, ein Eimer lauwarmen Wassers, der da über Levje und mir ausgekippt wird aus den eiskalten Windböen. Rundherum donnert es. Aber Levje spurt brav, wir gehen in den Wind, Anker fällt, obwohl ich ihn in Donner und rauschendem Regen nicht mehr höre, grelle Blitze zucken durchs Grau, wir ziehen rückwärts, 15 Sekunden, 20 Sekunden, 25 Sekunden: 25 Meter Kette draußen, das sollte reichen. Noch mal richtig rückwärts Gas geben, ob Levje’s Anker auch wirklich hält in den stärker werdenden Böen, jetzt schießt sie hin und her – aber: der Anker hält. Motor aus. Schnell unter Deck gespurtet, die tropfnassen Sachen aus, unter Deck stehe ich schnell in einer Pfütze.
Ich sitze im Niedergang. Beobachte das Wetter. Die Blitze, die jetzt im Sekundentakt rings um Levje durch die graue Wand schmettern, unmittelbar von Donnerschlägen begleitet. Der Regen prasselt auf Levje nieder, manchmal sind Blitz und Donner eins, so nah ist das Unwetter um uns herum, das Boot ruckt hart in den Anker ein. Wahrlich: kein Ort um sich wohlzufühlen. Kein Platz, an dem man gerade jetzt gerne sein möchte. Oder?
Vor vielen Jahren begann mein Freund Anderl einen Roman. Und der begann mit dem bemerkenswerten Satz: „Sehnsuchtsvolle Menschen leben dort, wo ihre Sehnsüchte genährt werden.“ Nicht dass meine Sehnsucht nach den grell um uns herum gleissenden Blitzen ginge: Bewahre. Aber ich fühle mich wohl auf meinem Boot. Mein Sitzplatz auf der Holztreppe, ist vom Motor wunderbar warm. Ich hole mir ein Bier. Schaue hinaus ins rauschende Grau. Die Blitze. Vermisse nichts in diesem Augenblick. Habe Vertrauen zu meinem Boot. Und den Elementen, obwohl sie toben. Alles ist richtig. Und gut so, wie es ist.
Wieder einmal frage ich mich: Warum mache ich das alles? Dazu fiele mir vieles ein. Aber wenig, was den Nagel mitten auf den Kopf träfe. Vielleicht nur dies: Dass das menschliche Herz ein einsamer Jäger ist. Und gut ist für Überraschungen. Nur zuhören muß man ihm, seinem Herzen. Im Getöse des Gewitters. Aber vor allem: im lautlosen Getöse und Gedonner und Gelärme dessen, was wir unseren „Alltag“, unser Leben nennen. Eben das, was wir jeden Tag machen. Und gut machen. Wenn wir dann zuhören: Dann – kommt schon was. 
„Sehnsuchtsvolle Menschen leben dort, wo ihre Sehnsüchte genährt werden.“
Ekincik? Nie gehört! Wo ist das? Genau hier!

Soundwave2Berlin – Episode 4

Mehr als drei Jahre auf See, hunderte Musiker, unzählige Abenteuer … Soundwave2Berlin – Episode 4 weiterlesen

Wo treibt sich denn der Wnuk schon wieder rum?

20141010

Die Ventura, Frank und ich

“Auf’m Tacho hatte ich 120. Da blitze mir so nen rotes Licht ins Auge. Das Schild war grade 80. Hm. Da bekomme ich wohl demnächst Post aus Flensburg.“ Frank grinst nur. „Welcome to Germany. Wenn Du Glück hast, kommst Du mit einer Geldstrafe weg.“ Die Bußgeld App auf sagt einen Monat Fahrverbot. Ich möchte mich jetzt nicht weiter auslassen über den deutschen Bußgeld Katalog für schnelles Fahre. Vielleicht doch mal die Schleuder drosseln. Oder mich. Viel schlimmer: Wir haben jetzt einen Briefkasten, weil wir ja gemeldet sind. Was kommt sind Briefe meiner wiedergefundenen deutschen Freunde. Krankenkasse, ARD und ZDF, Finanzamt, Bank… und ich vermute, ich werde noch mehr deutsche Freundschaften wiederfinden. „Sie sind selbstständig und haben ein fiktives Einkommen…“, meint die BKK „Hallo?“ Lassen wir mal die Details. Jeder von euch wird die Problematik kennen. Wir jetzt auch.

Ich also auf nach Wismar. Frank besuchen. Hört sich an, als wenn wir uns schon länger kennen. Das ist einseitig auch so. Frank kennt mich schon ca. 14 Jahre vom Blog, ich kenne Frank seit heute. Mit seinem Boot VENTURA will er sich eine Auszeit nehmen und brauch noch eine Kurzwellenanlage, ein PACTOR Modem und will sich viel Zeit für die Installation und Einarbeitung sparen. „Du kannst das doch. Wenn einer in Frage kommt um die Anlage einzubauen, dann der alte Wnuk!“ Und da auch noch ein paar andere Dinge zu machen sind, habe ich mich dann einfach mal in die Schleuder gesetzt und bin zwecks persönlicher Besprechung nach Wismar gehobelt. Mit Rotlich ;-)

Unser Meeting wird länger. Zeit sparen in Bezug auf PACTOR-Installationen ist am falschen Ende gespart. Frank weiß so gut wie alle über mich, merke ich nach kurzer Zeit, muss etwas nachholen um auch seine Pläne kennenzulernen. Außerdem ist es in Wismar schön. Direkt nebenan auf dem Steg war ich schon mal, als ich Herrn Lüchtenborg seine Kurzwelle eingebaut habe, die jetzt am Meeresboden des Beaglekanals in Patagonien als Haus für Centoriawasserspinnen dient. „Aber so ein dummes Zeug habe ich nicht vor zu machen“, gut so Frank. „Du machst mir den Eindruck, dass Du sehr genau weißt was Du willst.“ Der Nachmittag auf Franks Alu Katamaran wird lang. Ich freue mich auf den Job, wenn wir uns denn einig werden. Die BKK kann beruhigt sein. Ich tue alles um meine Krankenkassenbeiträge irgendwie zusammenzukratzen. „Das Leben in Deutschland ist einfach so schweineteuer. Ich könnt kotzen.“ Das war jetzt mal ganz ehrlich aus der Magengegend gesprochen.

Ritsch-Ratsch – Kopf frei

Ein interessantes Phänomen hat sich während der gesamten Reise nicht verändert. Sobald ich ablege und die Segel hisse bin ich in einer anderen Welt. Egal worüber ich mich vorher gefreut oder geärgert, etwas geplant oder verworfen habe. Mit dem Hochziehen der Segel ist alles verschwunden. Wie früher bei diesen Zeichenpappen, bei denen man durch Ziehen an einer Seite alles verschwinden lassen konnte. Oder meinetwegen heute ALT-SHIFT-CTRL-STRG-Klammeraffe-Slash-Apfel-Hyphen Delete, oder womit man auch immer den Bildschirm ganz leer bekommt :-) Oder war es Format C: ? Oder Stecker raus?
Es gibt dann nur noch mich, das Boot und das Ziel. Und solange ich nicht wieder angelegt habe, bin ich auch nicht in der Lage über etwas reales, bordfremdes Nachzudenken. Anderen Gedanken nachzuhängen funktioniert dagegen sehr gut. Es darf nur eben nichts aktuelles, “Dringendes” sein. Ich finde das immer wieder erstaunlich. Andere zahlen dafür viel Geld in Yoga-, Thai-Chi oder Meditationskursen. Ich hisse einfach die Segel und weg ist der Alltag! Ritsch-Ratsch…

Das klappt aber merkwürdigerweise nicht unter Motor, es müssen die Segel und die damit einsetzende Stille sein. Deswegen trinken Motorbootfahrer wohl auch deutlich mehr als Segler?

Red skies at Night, Sailors Delight…es geht heimwärts

Dann wollen wir doch mal sehen, ob diese Regel auch für das gute Wetter gilt. Der Abendhimmel sieht ja vielversprechend aus. Nach einem weiteren eingewehten Tag hier in Avernakö bekam ich nun langsam einen Inselk- und Bootkoller. Dagegen half nur ein Fährenrundtörn durch die Südsee. Dieser brachte weitere deutliche Zeichen der Wetterbesserung zum Vorschein:

Zunächst die Farbe der Kirche vor dem Himmel. Hochsommer pur..  

Auch bei den Hohepriestern der dänischen Südsee bin ich vorstellig geworden.

 Wale und Schärenkreuzer machen sich auch wieder auf den Weg.
Das Heulen und Klappern in den Wanten hat aufgehört, das Boot zerrt nicht mehr an den Leinen und selbst der Wetterbericht sieht gut aus. Morgen früh – Kurs Schleimünde!!
 Avernakö ist im Sommer sicher toll, zum Abwettern aber eher ungeeignet.

Unter Segeln: Im Gewitter.


„Ist es gefährlich, im Gewitter zu Segeln?“, fragte ein Leser die Redaktion der ZEIT am vergangenen Wochenende. Eine gute Frage. Und die Antwort der sonst kompetenten ZEIT-Redaktion zeigt, wie ratlos nicht nur Segler, sondern auch Redakteure dem Phänomen Gewitter gegenüberstehen.
 
Zum einen: Gewitter ist nicht gleich Gewitter. Was nach schwerem Unwetter aussieht entlädt sich manchmal in einem heftigen Platzregen. Manchmal sind es schwere Böen, die dem Segler zu schaffen machen. Wieder andere Unwetter bescheren dem Reisenden auf See stundenlanges Fahren unter Blitz und Donner – auch keine schöne Erfahrung.

Hinzu kommt, dass Naturgewalten auf dem Meer unmittelbarer, beeindruckender wirken als in den eigenen vier Wänden oder im Auto. Und selbst ein Gewitter auf freiem Feld ist oft kein Vergleich zu dem, was derjenige auf See erlebt, dem ein Gewitter begegnet. Lediglich das, was Bergsteiger über Gewitterphänomene in den Bergen berichten, gleicht den vielfältigen Eindrücken und Herausforderungen, vor die ein Gewitter denjenigen stellt, der sich segelnd auf dem Meer herumtreibt.
 

    Kommt  was? Oder kommt nix?


1. Vor dem Sturm: Gewitter erkennen.
Erkennen, wann es gewittrig wird, ist im Umgang mit Unwettern schon die dreiviertel Miete. Bis eine Yacht ganz allein auf der Gewitterreichen Nordadria – wie im Bild oben – einer Gewitterfront ohne Chance auf Entkommen gegenüber steht, vergeht etwas Zeit. Selten kommt ein Gewitter überraschend. Kaum eine Gewitterfront, die von den Wetterdiensten nicht Tage vorher angekündigt wird. Aber vor allen technischen Hilfsmitteln kommt es auf das eigene Beobachten an. Denn meist gibt das Wolkenbild rundherum stundenlang vorher schon guten Aufschluss, ob etwas vor sich geht. 

Meine einfache Faustregel – und sie gilt für Stadt, Land, Meer:

„Sind die Wolken höher als breit:
Schau rundrum. Und sei bereit.“ 

    Wolken in Korfu am späten Vormittag: Sie sind unscheinbar, aber ihre Entwicklung ist eindeutig „höher als breit“. Am frühen Nachmittag desselben Tages hat sich dann dies daraus entwickelt:


    Zwei Gewitterzellen. Jetzt heißt es: beobachten. Die rechte der beiden ist bereits im Begriff, nach oben nach links „auszuwehen“: Das sieht nach „Entwarnung“ aus, ihre Ränder sind nicht mehr „pilzartig“ scharf konturiert wie am rechten Rand der linken Zelle.


Diese Faustregel sagt einfach: sobald sich die Wolkenentwicklung „in die Höhe“ richtet, Wolken „quellen“, sollte man Wetter und Wolken ständig beobachten. Und ständig rundum Ausschau halten. Wo entsteht etwas? Wo bilden sich Quellwolken? Und: entstehen aus einfachen Quellwolken großräumige Gewitterzellen? Und wo bewegen sie sich hin?

Hat sich tatsächlich eine Gewitterzelle gebildet: Zugbahn beobachten: Kommt mir das Ding in die Quere? Und: wenn es meinen Kurs voraussichtlich kreuzt: wird es auf seiner Zugbahn noch stärker („größer“, „dunkler“, „bedrohlicher“)? Oder weht es aus?


2. Gewitter voraus
Hat sich ein Gewitter entwickelt und liegt es auf meinem Kurs, gibt es drei denkbare Verhaltensweisen:

1. „Drum-herum Segeln“.
Immer wieder gerne in solchen Situationen diskutiert. Hat aber noch nie funktioniert. Scheidet als Möglichkeit aus. Gewitter sehen aus Distanz aus wie „lokale Gebilde“, ähnlich Möbelwagen. Sind sie aber nicht. Sondern großräumige Vorgänge in riesigen Dimensionen. Möbelwagen kann man umfahren. Bewegliche Alpen-Bergmassive nicht.

2. Ankern. Abwarten. Vorbei ziehen lassen.
Schon besser. Ist das Gewitter voraus und seine Zugrichtung quer zum Kurs und nicht geradewegs auf das Schiff zu: kann das klappen. Halbwegs geschützte Bucht suchen. Noch besser: Hafen. Anker fallen lassen. Gewitter den Vortritt lassen. Wetter beobachten. Nach zwei, drei Stunden weitersegeln. 
Der Haken: wo ein Gewitter entsteht, entsteht manchmal auch gleich ein zweites. Und: Für dieses Verfahren muss die Zugrichtung ausgeprägt klar erkennbar sein. Und da lehrt ein gewitterreiches Gebiet wie die Nordadria gelegentlich anderes. Erst Gewitterfront von Nord nach Süd. Dann unmittelbar mit dem Schiff mitziehendes Gewitter von Süd nach Nord.
Also: für dieses Verfahren: muss glasklar die Zugrichtung des Gewitters erkennbar sein.

    In diesem Fall funktionierte die Methode „vorbei ziehen lassen“. Aber nur deshalb, weil die Zugbahn des Unwetters klar erkennbar war. Und eindeutig 90 Grad zum eigenen Kurs betrug.


3. „Da fahren wir jetzt einfach durch“.


Irgendwann kommt für den, der sich einem Gewitter nähert, der Punkt, wo man den Dingen ins Auge schauen muss. Und unabänderlich erkennt: 
„Es wird größer. 
Es kommt genau auf uns zu. 
Es ist unabänderlich.
Wir müssen da jetzt durch.“ 


Ich war früher ein großer Verfechter der Methode „Durchfahren“. Segel runter. Alles festbändseln. Schwimmwesten und Lifebelts an. Letzte Position in Seekarte eintragen. Motor an. Geradewegs durch. Manchmal kommt man damit buchstäblich „gut durch“: Ein paar Momente heftige Böen. Ein gewaltiger Guss. Und in 20 Minuten ist alles vorbei. 
Die Unwetterfront auf dem allerersten Bild hat mich da aber anderes gelehrt. Demut, vor allem. Gewitter ist nicht gleich Gewitter. Und Gewitter ist keineswegs nur „hoffentlich schlägt der Blitz nicht in den Mast“. Anderes ist da mindestens ebenso bedrohlich:

– Sicht: Das Juli-Unwetter auf dem allerersten sowie den beiden letzten Fotos währte über eine Stunde. Über eine Stunde „Sicht null“ im dichten Regen. Zeitweise Hagel. Zwei Yachten, vorher auf Parallelkurs zur Küste, waren nicht mehr erkennbar. Bis eine, mitten im Starkregen, ungefähr 20, 30 Meter vor meinem Bug vorbei schoss. Nicht gut.

– Wind: Die Front brachte enorme Windböen mit sich. Sie drehten immer wieder Levjes Bug aus dem Wind – und einfach in die Gegenrichtung, trotz starkem Motor. Ein „Kreise fahren in unsichtigem Wetter“. Nicht gut.

– Hagel: Ruder gehen war zeitweise wegen der Größe der Hagelkörner, die den Verklicker zerstörten, nicht mehr möglich.

– Regen: Starkregen führte zum Ausfall meines Autopiloten: Der Wartungstechniker von RAYMARINE stellte später einen „starken Wassereinbruch“ fest, der die Platine sofort zerstörte.


Spätestens diese Beispiele eines heftigen Unwetters führen vor Augen: Wenn es grell blitzt und laut donnert: Gefahren drohen von ganz unterschiedlicher Seite. Ich spare es mir hier, die guten alten Regeln aus der Segelschule zu wiederholen, die heißen: Keine Eisenteile anfassen.

4. „Ab in den Hafen.“
Am besten: gar nicht erst rausgehen! Schon richtig. Aber: wer chartert, der will seine 14 Tage segeln. Wer sich mühsam eine Woche Urlaub erkämpft hat, auch. Und nicht womöglich aus einem Hafentag drei werden lassen. Oft ist die Situation nicht so eindeutig. Zwischen „Das geht schon!“ und „Wir bleiben lieber im Hafen“ liegen oft nur „Millimeter“. 

    Eine 60-Knoten-Böe: Sie legte selbst große Zweimaster flach aufs Wasser, verdrehte Rollgenuas in Sekundenbruchteilen zu „Sanduhren“. Sie hinterließ: zerfetzte Vorsegel, abgedeckte Hausdächer, im Hafenbecken treibende Dinghis und Cockpitpolster: Die Bilanz des Juli-Unwetters 2010, dessen zweite Hälfte wir im vermeintlich sicheren Hafen von Umag an der Boje abwetterten.


5. Gewitter nachts, vor Anker.
Meistens beschränkt sich meine Aktivität aufs „Auszählen“: Kommt das Gewitter näher – oder zieht es vorbei? Die gute, alte Methode des „Wieviele Sekunden vergehen zwischen Blitz und nachfolgendem Donner?“ hat seit den Kindertagen nichts an Wirksamkeit und Effektivität verloren. Und ist ein untrüglicher Warner. Danach: sehen, was kommt.
6. Technische Hilfsmittel und Wetterberichte
Der kroatische Seewetterbericht hats. DWD oder Poseidon habens nicht: Warnungen vor regionalen Gewittern. Meist ist der Blick in „Wald- und Wiesen“-Wetterberichte wie Wetteronline da schon ganz hilfreich.
Besondere Hilfsmittel sind die Satellitenaufnahmen, wie sie zum Beispiel sat24.com anbieten. Hier eine Satellitenaufnahme mit Blitzhäufigkeit über Südeuropa am heutigen Nachmittag:

Klar erkennbar die beiden „Unwetterzentren“ Norditalien und vor allem: türkische Südküste. Nchteil an Sat24.com: Die Bilder zeigen rückwirkend, wo es geblitzt HAT. Sie zeigen aber nicht, wo es blitzen WIRD. Ein Anhaltspunkt aber ist das schon mal.

Nachtfahrer

So komme ich mir jedenfalls langsam vor. Die letzten drei Etappen habe ich nämlich jeweils nachts zurückgelegt. Grund ist das in den letzten Tagen tagsüber zu schlechte Wetter. Oder besser gesagt der viele Wind, der konstant mit Böen über 30 Knoten geblasen hat. Abends und nachts ergab sich dann meist ein kleines Wetterfenster mit etwas weniger Wind. Außerdem läuft die Tide zur Zeit gegen Abend. Also habe ich die sich bietenden Chancen genutzt und bin nach Fecamp und Dieppe heute morgen um 6 in Boulogne sur Mer eingelaufenn. Die Etappe von Fecamp nach Dieppe war OK. Die Entscheidung zum Aufbruch fiel allerdings erst in letzter Sekunde. Denn den ganzen Tag hämmerte der Wind genau auf die Hafeneinfahrt von Fecamp. Die ist bekanntlich nicht besonders Tief. Und so steht dort insbesondere bei niedrigen Wasserständen eine ordentliche und mitunter gefährliche Brandung. Also mal schnell bei der Hafenmeisterin nachgefragt, wie es den mit den Wassertiefen in der Einfahrt zur Zeit aussieht. Die zog dann einen Tidenkalender heraus und las einen Niedrigwasserpegel von 1,10 Metern ab. Das wäre dann auch die Wassertiefe in der Einfahrt. „Nein, nein“ sage ich. „Das ist der Niedrigwasserpegel, der auf das Seekartennull aufgerechnet werden muß“. Das wiederum verneint die Dame an der Rezeption. Es entbricht eine angeregte Diskussion über Tidenberechnung. Eine hinzu gezogene Seekarte zeigt 1,40 m LAT als Seekartennull in der Einfahrt. Das versteht die Dame jetzt nun auch wieder nicht. Sie besteht aber steif und fest auf 1,10 m als Tiefe zu Niedrigweasser. Anyway .. ich bin dann doch gefahren. Und erwartungsgemäß war genug Wasser auf der Barre der Einfahrt ,-).

Mit Strom und ordentlch Wind ging es dann schnell nach Dieppe, wo ich gegen 23 Uhr einlief. Vor der Hafeneinfahrt musste ich allerdings noch ein paar Kringel drehen, denn gleich zwei große Fähren musste ich den Vortritt lassen. Der Hafen ist dann picke-packe-voll. Lange drehe ich meine Runden und mache schließlich in einer freien Lücke fest. Dort liegen allerdungs feste Leinen auf dem Steg. Rechts und links liegen zudem einheimische Fischerboote. Wohl ein Zeichen dafür, dass dieser Platz einem Local gehört. Da ich keine Lust habe, mitten in der Nacht umparken zu müssen, entscheide ich mich, erneut abzulegen und einen neuen Platz zu suchen. Der ist dann irgendwann auch gefunden. Gute Nacht. Dieppe kenne ich ja auch schon von meiner Hinfart. Ein wirklich schöner Ort mit allem was man so braucht. Ich vertingele den Tag mit einkaufen, Motorwartung und dem ein oder anderen Kaffee in den zahlreichen Bistros rund um den Hafen.

Gegen 19 Uhr will ich nach Boulogne aufbrechen. Pünktlich um viertel vor sieben wird es dann stockfinster. Eine heftige Schauer- und Gewitterzelle zieht durch. Ich warte also noch ein bißchen. Um halb acht gehts dann los. Ich melde mich beim Hafendienst an und bekomme die Erlaubnis zum auslaufen. Draussen ist es merkwürdig ruhig. Gerade mal 2-3 Beaufort und ein ziemlich glatte See. Die Gribs haben Wind um die 17-18 Knoten sowie Böen um die 25 Knoten gemeldet. Na ja, wird wohl noch ein Windloch nach dem gerade druchgezogenen Gewitter sein. Eine gute halbe Stunde später kommt dann der Wind. Nur unter Genua und Wind platt vom Laken geht es Richtung Nordnordost. Die beiden ersten ersten Drittel der Strecke laufen gut und schnell. Etwa 15 Seemeilen vor Boulogne nimmt der Wind dann immer weiter zu. Auch gehen gehen jetzt immer wieder heftiger Schauer nieder. In der Anfahrt auf Boulogne bläst es dann konstant mit über 30 Knoten. Dazu gibts es eine hohe steile Welle, die aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen scheint. Ich bin zu diesme Zeitpunkt schon ziemlich kaputt. Entsprechend angespannt gehts in die Einfahrt des Vorhafens. Der Wind steht jetzt genau auf der Nase. Hinzu kommt der zwisdhenzeitlich gekenterte Strom, der ebenfallw gegenan läuft. So mache ich mit Maschine gerade mal 1 Knoten Fahrt über Grund. „Wenn jetzt die Maschine ausfällt bin ich im Arsch“ geht es mir durch den Kopf. Denn im Vorhafen ist rechts und links alles Untief oder Unrein. Letztlich dauert es noch eine gute halbe Stunde bis ich an der Marina eintreffe. Auch hier hauen die Böen rein, dass es nur so ein Freude ist. Der erste Anleger misslingt. Ich komme aber ohne Probleme wieder vom Schwimmsteg weg und versuche es erneut. Um 6 Uhr habe ich nach knapp 10 Stunden schließlich die Leinen fest und falle erschöpft auf die Bänke in der Plicht. Obwohl hundemüde, kann ich jetzt noch nicht schlafen. Ich esse also noch eine Kleinigkeit und rauche ein Zigarettchen. Erst dann lege ich mich in die Koje und falle in einen unruhigen Schlaf.

Das letzte Stück vor Boulogne war wirklich unangenehm. Der starke Wind um die 8 Beaufort, die hohen unberechenbaren Wellen und reichlich Fischerboote ohne AIs in der Zufahrt, haben ganz schön an meine Nerven genagt. Braucht man nicht jeden Tag. Heute (Donnerstag) bläst es weiter munter mit Böen um die 8 Beaufort. Die wenigen Boote in der Marina bleiben alle da. Erst morgen soll sich die Lage etwas entspannen. Dann sind um die 15 Knoten aus Südwest gemedelt. Guter Wind um ums Kap Grinez nach Dünkirchen zu fahren.

Nachstehend noch ein paar Bilder der letzten Tage. Also dann .. ich komme dem meet & greet langsam aber sicher näher ,-).Ahoi !

Heute "Große Wäsche"
Boulogne sur Mer
Carpe hats geschafft
St.-Josephs-Kirche in Le Havre
Marina Le Havre
Hafenfront von Boulogne
Hohe Wellen vom achtern
Ordentlich Hub hier
Dieppe
Mond voraus
Pause in Le Havre
Ab in die City
Kleine Marina in Boulogne

Premiere einer multimedialen Segelreise von und mit Claus Aktoprak & Live-Band

Segeln in den Schären

Alleine – 160 Tage – 100 Häfen

Segeln ist Rock ’n‘ Roll und Freiheit, sagt der Kontrabassist und Songwriter Claus Aktoprak. Im Frühjahr 2014 ging der Musiker als Einhandsegler mit seinem 40 Jahre alten Segelboot „La Mer“ auf einen besonderen Ostseetörn in Richtung schwedische Schären und zu den Ålandinseln. „The Sailing Bassman“ liess Daheimgebliebene, Segel-Fans, Ostseeliebhaber und Rock ’n‘ Roller auf seinem Blog Luvgier – www.luvgier.blogspot.de – an seiner sechsmonatigen Reise und der Törnvorbereitung teilhaben. Nun berichtet er sehr persönlich und mit vielen stimmungsvollen Foto- und Videoaufnahmen von den Eindrücken seiner Tour. Und coole Musik können die Besucher natürlich ebenfalls erleben. Denn den Soundtrack seiner Reise produzierte er unterwegs selbst, um seine Eindrück direkt und ungefiltert musikalisch umzusetzen. Die 15 Titel sind dabei jeweils verschiedenen Abschnitten und Erlebnissen des Segeltörns zugeordnet und führen den Zuschauer von der Hektik des Aufbruchs, über die gefundene Ruhe in verlassener Natur, bis zu Einsamkeit, Sehnsucht und Heimkehr am Ende seiner 160 Tage dauernden Reise. Ungewöhnlich und einzigartig ist dabei, das sämtliche Titel von einer Band live gespielt werden um ein wahres Multimedia Erlebnis zu bieten. Mit John Barron und Dara McNamara konnte er zwei großartige Sänger für die Interpratation seiner Songs gewinnen. Natürlich gilt es auch noch eine Menge zu erzählen und Fragen zu beantworten. Interessenten dieser ungewöhnlichen Premiere am 23.11.2014 werden gebeten Karten vorab unter c.aktoprak@yahoo.de zu reservieren, da nur eine begrenzte Zahl an Plätzen vorhanden ist. Bei großer Nachfrage wird es Folgetermine geben.


– 23.11.2014 – Music Club LIVE – 19:00h – Fruchtalle 36 – 20259 Hamburg – €8.-

Vocals – Dara McNamara John Barron
Keyboards – Merih Aktoprak
Drums – Oliver Steinwede
Gitarre – Yorck Mennich
Sax – Michael Prott
Bass – Claus Aktoprak

Reingelegt

 Morgenhimmel vor wenigen Tagen über Svendborg

The complete saying states: RED SKY IN MORNING, SAILORS WARNING; RED SKY AT NIGHT, SAILORS DELIGHT

Und genau so kam es dann auch…die „natürlichen“ Wettervorhersagen sind scheinbar verlässlicher als die Technischen.

So war heute ab 1300h abflauender Wind angesagt. Man merkte es deutlich und sieht es auch in der Echtzeitwindmessung; ab 1200h ging es bergab. Trotz meiner Planung hier in Avernakö zu bleiben, machte ich mich frohen Mutes auf den kurzen Weg nach Mommark. 1 ganze lange Meile lang lief alles gut, dann legte der Wind wieder los, aber wie! Ohne Abdeckung der Insel stampfte sich das Boot fest und es war kaum Weg gegen den Wind gutzumachen. Da werden dann aus 10 Meilen 10 Stunden….also U-Turn, wieder in den Hafen. Selbst das Anlegen war schwierig, wo ich eben noch locker abgelegt hatte.
Mittagspause. Eine Stunde später schaue ich aus dem Luk…fast Windstille und Sonne. Man sieht es ebenfalls auf dem Display. Ja, Rasmus, sehr witzig!! So bekommst du den Rest rum sicherlich……..NICHT.   
Bilanz: Der 100ste Törn war mit 3 Meilen (zusammen mit dem Dieselausfalltörn im Götakanal) der kürzeste der Reise…
 Liegt sich aber auch sehr schön hier.