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Archiv der Kategorie: Segeln Magazin
Bei Meile 70 fehlt eine Boje
31 11.560N 087 56.691W Alabama River Cutoff, Tombigbee River, Alabama. – “Mind the Tide!”, warnt das “Book of Lies”, wie ich den Revierführer hier aus diversen Gründen getauft habe, beinahe an jedem Ankerplatz. Tide, könnte man meinen, ist was böses. Dreißig Zentimeter steigt und fällt das Wasser hier in etwa, wer also irgendwo hineinfährt, und halbwegs bei Sinnen ist, kommt da sicher auch wieder heraus, egal bei welchem Tidenstand. Was das Handbuch nicht verrät: Etwa jede fünfte Fahrwassertonne liegt irgendwo zerbeult weit ab der Rinne an Land. Vermutlich haben die Tows in den letzten Wochen bei täglichem Nebel zu einer erheblichen Reduzierung der kleinen Markierungen geführt. Und vermutlich ist das in dem beinahe darmartig gewundenen Fluss auch kaum zu vermeiden, wenn sich 30 Meter breit und hundert meter Lang die Schuber um die Ecken quälen. Damit dürfte auch erklärt sein, warum die Tonnen allesamt weder Lichter noch Nummern oder Namen tragen. Dabei wäre es oft hilfreich, die Bojen beispielsweise mit Meilennummern zu versehen. Dann könnte man eine vertriebene Tonne schnell erkennen. – Auch in den Karten sind sie meist gar nicht erst eingetragen. Wo also eine Boje fehlt, erfährt man nicht. Dass eine fehlte, entdeckt man in aller Regel erst etwas weiter flussab in Form von Treibgut und nimmt sich Herzen, einfach in der Mitte des Flusses zu bleiben und Kurven weit außen zu nehmen. Jedoch kann es passieren, dass man von einer grünen Tonne den Kurs zur Nächsten ändert und weil das Ufer längst nicht mehr so spannend ist, wie das Buch in der Hand, bekommt man dann eventuell nicht mit, dass dieser Kurs die Kurve ein bisschen eng schneidet. Das merkt man kurz danach: Wenn Paulinchens Bug sich weit absenkt, das Boot innerhalb von etwa fünfzehn Metern von sechs Knoten zum Stillstand kommt, bevor der Gashebel in Leerlaufstellung ist und dem Kontrollblick auf die Kielbolzen ein weiteres lautes “Danke” in Richtung traditionellem schwedischen Bootsbau folgt. Dann geht es Zentimeter für Zentimeter mit Vollgas entlang der vom Kiel gegrabenen Furchein in etwa einer halben Stunde zurück ins tiefe Wasser. Das Buch liegt seit dem im Vorschiff, degradiert zur Nachtlektüre am Ankerplatz. ****
Royal Ocean Cup 2013 – Deutschland ist dabei

Ein neues, attraktives Team-Event, im Format des Admiral´s Cups: Bis Ende des Jahres können deutsche Teams sich beim DSV um einen Startplatz beim Royal Ocean Cup vor Bornholm bewerben
Abschiedsstimmung
31 34.502N 088 02.079W Old Lock No.1, Tombigbee River, Alabama. – Ich bin auf der anderen Seite. Heute Mittag habe ich Coffeeville Lock passiert. Zum ersten Mal seit Lock No.1 in Troy am Hudson River bin ich wieder auf Meeresspiegel und in unreguliertem Wasser. Wie viel Tide es hier gibt, scheint niemand zu wissen. Ich hatte versucht einen Tidenkalender und zumindest den zeitlichen Versatz der Flutwelle hier hinauf im Internet zu finden, aber alle Daten reichten nur bis etwa Meile zwölf. Old Lock No. 1 liegt bei Meile einhundert. Den Beschreibungen anderer Boote nach zu urteilen, sind es irgendwo zwischen einem Meter und zehn Zentimeter. Ich werde es morgen früh wissen. Und dem schlammigen Ufer nach zu urteilen, bin ich zumindest nicht bei Hochwasser hier herein gefahren und hatte auch durchgehen mehr als einen Meter Wasser unterm Kiel. Es müsste also eigentlich auch bei Niedrigwasser wieder heraus gehen. Ich liebe die Priese Salz, die Ebbe und Flut dem Bootfahren verleihen. Ein bisschen hat mir das gefehlt: Läuft man binnen auf Grund, braucht man einen Schlepper. Hier braucht man nur etwas Nerven und Zeit. Die nächsten beiden Tage werden ruppig: Gewitter und Regen. Ich werde das hier aussitzen und dann weiter fahren. ****
Abschiedsstimmung
31 49.349N 088 10.803W Meile 123, Okapuppa Creek, Alabama. – Ich fordere mich zum Bummeln auf. Nur noch 123 Meilen Fluss trennen mich von der Golfküste, drei Stunden dauert die Fahrt bis zur letzten Schleuse der Binnenwasserstraßen. Mit der neuen Dieslpumpe läuft Paulinchen wieder wie gewohnt fünf Knoten, ein weiterer schiebt als Stömung. Wenn ich mein Tempo beibehalte, bin ich in zwei oder drei Tagen in Mobile. Das würde bedeuten, die Zeit bis zum Aufpallen und Einwintern in der Marina zu vertrödeln. Trödeln kann ich auch hier. Zwischen gespenstisch überwucherten Bäumen in diesem Seitenarm des Tombigbee beispielsweise. Es gehört etwas Mut dazu, ein Kielboot in das flache Wasser am Ufer zu fahren. Doch nachdem der Motor gestoppt ist und das Boot mit Bug- und Heckanker in der Flussmündung “steckt”, ist der Lohn beeindruckende Stille. Stille, wie sie nur die Natur erzeugen kann. Das Platschen eines springenden Fisches, die Rufe von mir mehr und mehr unbekannten Vögeln und das Zirpen tausender Grillen, es ist eine laute Stille, in der man sogar bei Selbstgesprächen flüstert, um sie nicht zu stören. Das einzige Zeichen von Zivilisation hier ist das Rauschen eines Lüfters unter Deck. Der ist mit der Rückkehr des Spätsommers nötig geworden. Heute Mittag kletterte das Thermometer auf 26 Grad, während ich den 32. Breitengrad Richtung Süden passiert habe. Spanien, Madeira, selbst das marrokanische Casablanca liegen von hier aus gesehen bereits im Norden. ****
Jing und Jang und Joshua
Seit einigen Tagen lauerte in der rechten oberen Ecke des Magens bereits so ein unbestimmtes Gefühl. Auf den letzten zweihundert Meilen dieser Reise sollte entlang des gewundenen Tombigbee Rivers quer durch Alabama besser nichts mehr schiefgehen. Die Zeit wird knapp und die Gegend wirkt auf den Landkarten zwar nicht verlassen, aber auch nicht gerade dicht besiedelt. Bobby’s Fishcamp, etwa in der Mitte der Strecke wird als einzige Tankstelle und Möglichkeit an Land zu gehen beschrieben. Mein unbestimmtes Gefühl war eine Mischung aus Respekt vor dieser Etappe und dem Gedanken, dass irgend etwas noch passieren müsste. Dieser Gedanke wurde erfolgreich klein gehalten von den Erfahrungen der recht unkomplizierten fast tausend Meilen im Fluss hinter mir. Proviant, Ölwechsel, Spritfilterwechsel, Tanken … Es geht, glaubt man Skipper Bob in einen menschenleeren Urwald und auch, wenn ich das nicht so recht glaube, sieht die Vorbereitung etwa so aus: für zehn Tage autark. Ein bisschen langweilig wird dieser Teil sicher auch, denn der Fluss macht umwege und schlängelt sich vor immer gleicher Kulisse gen Süden. Am Nachmittag dann die Erkenntnis, dass Bauchgefühl ein eben doch zuverlässiges Instrument für die Zukunftsvorhersage ist: Rund zwei Stunden vor der Ankunft am ersten Ankerplatz geht auf einmal die Drehzahl am Motor zurück. 2000 Umdrehungen, mehr geht nicht. Etwa zwei Drittel Marschfahrt sind damit sind noch möglich, genug, um sicher zu ankern und Ursachenforschung zu betreiben. Aber viel zu wenig, um die weiten Strecken zwischen den nächsten Ankerplätzen zu schaffen. Das Problem ist schnell gefunden. Erster Verdacht war eine Luftblase in der Spritleitung vom Filterwechsel. Beim neuerlichen Entlüften der Leitung zeigt sich dann die wahre Ursache: Mein Klabautermann mit Spitznamen Murphy scheint aus dem Urlaub zurück. Zwei von zwei Dieselpumpen pumpen kein Diesel. Nur die Hochdruckpumpe im Motor selbst scheint gerade noch genug Saugleistung produziert zu haben, um das Boot langsam am Laufen zu halten. Die Motorleistung wird also mit abnehmendem Füllstand im Tank vermutlich ebenfalls abnehmen. Eine Belastung, die ich dieser Pumpe ungern für die verbleibenden 173 Meilen zumuten möchte. Plan A: In Demopolis liegen noch einige Looper und machen sich langsam fertig zum Aufbruch. Paul, Skipper des bar jeder Beschreibung beeindruckenden Massiv-Teak-Holz Motorseglers ‘Memsahib’ erklärt sich sofort bereit, eine Pumpe zu besorgen. Er würde vermutlich Montag starten und sie mir dann hier übergeben. Ich richte mich also auf ein Wochenende vor der Kulisse einer verlassenen Fabrikanlage ein. Und dann braust ein offenes Skiff in die Einfahrt: Dunkelgrün, klein, flach, 200PS am Heck. Fluchtartig ducken sich zwei Schildkröten unter Wasser und ein Otter verschwindet im Dickicht am Ufer. Die weiße Gischt ebbt ab und in großem Bogen kommt das Motorboot näher. Breiter Alabama-Südstaatenakzent: “‘joo ‘go’n to stay here in the moorn’?”, fragt mich der freundlich blickende Mann. Ich bejahe. Und mein Blick streift über das offene Boot: Einige Angelruten, zwei Gewehre mit Zielfernrohr, etliche hölzerne Enten als Köder. Cruiser, selbst die mit den kleinsten Booten und Zelt, haben anderes Gepäck. Eigentlich, so erfahre ich weiter, wollte Joshua hier gern am kommenden Morgen Enten jagen. Aber wenn ich hier bin, macht er das eben woanders. Wir kommen ins Gespräch und ich erzähle ihm von meiner Misere. Noch bevor ich seinen Namen kenne zückt er sein Telefon und macht sich auf die Suche nach einer Dieselpumpe. Zehn Minuten später laufen mir Tränen über das Gesicht, als der eiskalte Fahrtwind in der einsetzenden Abenddämmerung sich in meine Haut schneidet. Mit 50 Meilen pro Stunden jagen wir über den Fluss zum Camp von Mr. Morgan. Die Holzhütte direkt am Ufer, steht in Erwartung der alljährlichen Hochwasser auf Stelzen gebaut und bietet drinnen einen fast quadratischen Raum mit vier Schlafplätzen auf der einen und einer kleinen Küche auf der anderen Seite. Eine Basis zum Jagen und fischen. Unser Boot lassen wir dort vertäut am Ufer und Mr. Morgan fährt uns zu Joshuas Truck, der einige Meilen weiter flussauf parkt. Zwei Stunden später, kehren wir mit einer Dieselpumpe und einer kleinen Tüte mit dem Filet eines am Nachmittag erlegten Deers zurück. Sprachlos bleibe ich an Deck sitzen und sehe zu, wie das kleine Boot langsam in dem einsetzenden Nebel der Nacht verschwindet. Irgendwo zwischen: sprachlos vor Dankbarkeit, voller Euphorie, an diesem Tag einen Blick in die Welt hinter dem Ufer geworfen zu haben und erschlagen von der Gastfreundlichkeit und der Hilfsbereitschaft, die mir dort ein weiteres Mal auf dieser Reise begegnet ist.
Zur letzten Runde
32 14.522N 088 01.019W Meile 173, Tombigbee/Blackwater River, Alabama. – Der Geisteszustand pegelt sich irgendwo zwischen Erinnerungen an den zurückliegenden Sommer und der Erwartung der Golfküste ein. Der kurvenreiche Fluss wird zum ‘Inspirator’: Mit seinen flachen Sandbänken, wie auf dem Mississippi, von Jahrtausenden rundgeschliffenen Felsen wie im North-Channel und eingebettet in einen Urwald unter blauem Himmel. Der Süden der USA fährt so noch einmal zur letzten Runde Binnenland auf und nimmt sich dafür viel Zeit. Katzensprünge werden entlang des kurvigen Tombigbee Rivers zu kompletten Tagestörns. Ich folge ihnen wohlgesonnen. Morgen ist der erste Dezember, bald erster Advent. Bei 22 Grad und Sonne überwiegt die Vorfreude auf die ersten Palmen. (Aber es wäre toll, wenn der Motor aufhören würde, ausgerechnet hier seit heute morgen immer mal wieder für einige Minuten 500 Umdrehungen zu verlieren…) ****
