Archiv der Kategorie: Sailing Nonsuch

Nonsuch in der YACHT

Moin Moin!

Es gibt mal wieder etwas gedrucktes von mir zu lesen: Wer Lust hat findet in der YACHT 20/17 einen Bericht über meine Nordseeüberquerung. Es geht darum wie es mit seinem kleinen Wochenendsegler einfach den Horizont hinter sich zu lassen und einfach raus auf die hohe See zu fahren. Was man dort erlebt, wie man sich fühlt, und welche Schlüsse man am Ende aus so einem besonderen Törn, hunderte von Kilometern vom Land entfernt, zieht.

Also, wer etwas Lesestoff braucht oder selber einen langen Schlag fernab der Küsten plant: Ab zum Kiosk! ;-)

Copyright: Delius Klasing Verlag

 

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Ankunft am heimlichen Traumziel – Kilmore Quay

Aufgeregt war ich, bevor es in Arklow weiter ging. Vor mir lag ein ganz besonderes Törnziel. Es war einer dieser Häfen, die man sich hunderte Male im Winter auf der Karte angeschaut hat. Wo man immer mal hinwollte, es aber immer irgendwie etwas unrealistisch schien. Schon bevor ich und Nonsuch zueinander gefunden haben, als ich noch Jugendboote im Verein gesegelt bin, war es immer mal mein Traum hier mit dem Boot hinzufahren. Ein kleiner ruhiger Fischerhafen im Nirgendwo in Irlands tiefsten Südosten, eine Straße, ein paar hundert Seelen, ein einziger Pub. Eigentlich nicht viel los, doch keine 2km vom Hafen entfernt habe ich mal bei Freunden gewohnt, ein Auslandsjahr gemacht, und schließlich die Schule beendet. Oft bin ich während dessen am Hafen rumgestratzt um ein bisschen maritimes Flair aufzusaugen und dabei davon geträumt hier auch mal einzulaufen.
Als ich im Juli dann in Cuxhaven ablegte war es im Kopf mein erklärtes Traumziel bis nach Kilmore Quay zu kommen. Ganz anders als 2014, als ich in die Ostsee ohne festen Plan aufbrach, hatte ich dieses Mal von vorne herein ein festes Ziel im Kopf. Und nun lag dieser Hafen nur noch eine halbe Tagesreise vor mir…

Das es mal wieder keinen Wind gab morgens in Arklow störte mich kaum. Immer noch besser als die Stürme der vergangenen Wochen. Wenigstens hatte ich so Zeit die mir von Land nur zu gut bekannte Küste zu betrachten. Und natürlich den ganzen FIscherbojen auszuweichen. Bei spiegelglatter See sind die Mistdinger wenigstens rechtzeitig zu sehen…

Mit jeder Meile wurde ich aufgeregter. Wexford, die nächstgrößere Stadt und der Leuchtturm von Tuskar Rock „Little Fastnet“ blieben hinter mir. Bald dann auch Carnsore Point, die Südostspitze Irlands. Ich setze das Fernglas kaum noch ab um nach Anzeichen meiner alten Heimat zu suchen. Langsam taucht der kleine Ort am Horizont auf. Dahinter einige Windturbinen. Genau dahinter habe ich gewohnt und dementsprechend groß ist die Freude. Ich habe es doch tatsächlich mit der kleinen Nonsuch bis nach Kilmore Quay geschafft. Für mich persönlich ist die Ankunft past noch besonderer als in Haparanda vor drei Jahren. Das hier war mein ganz persönliches Traumziel.

Ich bin von den Eindrücken völlig überwältigt und sauge jede Einzelheit voll in mir auch. Die vielen kleinen Fischerboote, die Spaziergänger am Hafen, die irischen Flaggen. Zur Feier des Tages habe ich sogar den Pullover meines alten Sportvereines an. Zusammen mit dem Adenauer am Heck sorgt das für einige ungläubige Blicke beim Hafenmeister der meine Leinen annimmt. Nachdem ich ihm alles erklärt habe, freut er sich aber auch ganz besonders und nimmt sich alle Zeit der Welt mir alles zu zeigen. Sogar einige gemeisame Bekannte machen wir aus….

Nicky ist hier nicht nur Hafenmeister, sondern auch Fischer. Kurzerhand bekomme ich einen kleinen Hummer von ihm geschenkt. Nur wie ohne passendes Werkzeug an Bord essen. Kein Problem, der Segler weiss sich notfalls eben mit der Knipex aus der Werkzeugkiste zu helfen. So gibt es auch noch ein dem Anlass angemessenes Dinner…

Die nächsten Tage hier verbringe ich mit kleinen Spaziergängen durch die Gegend und natürlich allerlei Besuchen bei alten Freunden. Eigentlich hätte mich der Wetterbericht schon am nächsten Tag wieder aus dem Hafen geschmissen bevor der nächste kurze Herbsteinbruch kommt, doch wo ich nun mal hier bin, lasse ich mir das erste Mal auf dieser Reise so richtig Zeit und bleibe einige Tage. Erleichtert, glücklich und zufrieden. Ihre Hauptaufgabe hat Nonsuch mit Bravour gemeistert…

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Failté go Eíre – Willkommen in Irland

Nach über einer Woche in Caernarfon sollte sich nun endlich mal eine Wetterbesserung einstellen. Zeit zum Aufbruch. Ich bin richtiggehend froh weiterziehen zu können. Als Stimmungsausgleich dafür ist zunächst mal wieder überhaupt kein Wind. Normalerweise meckert man ja, dass entweder zu viel oder wenig Wind ist. Hier ist entweder zu viel oder gleich gar keiner… Irgendwie wird dieser Sommer immer merkwürdiger.

Während mich die Menai Strait ja noch an die Schlei erinnerte, denke ich bei den Dünen an der Caernarfon Bar, dem Westausgang des Seeweges eher an die Dünen der Nordsee. Ganz falsch ist der Gedanke auch nicht, denn die Barre hat einiges mit den Seegatten der ostfriesischen Inseln gemeinsam. Auch hier ist das ganze schon bei 4-5 Windstärken oft unpassierbar. Heute aber ist es ruhig. Ich lege Kurs auf Irland und warte auf den aufziehenden Wind.
Je weiter ich das Land hinter mir lasse, desto komischer wird das Wetter. Es ist nicht richtig schlecht, aber auch nicht wirklich gut. Die walisischen Berge verschwinden langsam hinter mir und ich mache mich schon mal mit den Karten für Irland vertraut. So vergeht die Überfahrt trotz der über 70 sm schneller als gedacht. Wenn man allein unterwegs ist, hat man irgendwie immer etwas zu tun. Ausguck, Logbuch, Ansteuerung vorbereiten und in die Luft gucken. Selbst zum Lesen komme ich irgendwie kaum.
Dafür beobachte ich das Wasser, und bekomme mal wieder einen Eindruck davon wie schräg die Irische See sein kann. Mitten zwischen Irland und Wales, 30 sm nichts als Wasser in jeder Richtung bilden sich plötzlich überall kleine Stromwirbel. An Kaps und nahe unter Land rechnet man ja damit, aber hier finde ich das irgendwie verwunderlich…

Gegen Abend kommt dann endlich Irland in Sicht. Willkommen in Irland – Fáilte go Eiré. Auf dieses Land habe ich mich ganz besonders gefreut. Ich habe dort mal ein Jahr gewohnt, freue mich also auf Land, Leute, einige alte Freunde und das beste Bier der Welt. Mein erster Hafen, Greystones, ist aber irgendwie nicht so das Gelbe vom Ei. Man möchte dort eine 5* Top Marina bauen. Leider ist das ganze irgendwie noch im Aufbau, kostet aber trotzdem schon den vollen Preis. Dafür lärmen rund um den Hafen die Baumaschinen. Also nach einer nur wenig erholsamen Nacht gleich weiter.

Entlang der irischen Ostküste setzt der Strom ziemlich hart. Um die 3 kn kommen da sicher zusammen. Da stört es mich kaum, dass ich in Richtung Süden kreuzen muss. Mit Strom komme ich auf einen olympiaverdächtigen Wendewinkel mit meiner dicken alten Seekuh und es geht fix voran. Schon am frühen Nachmittag erreiche ich den nächsten Hafen, den alten Seefahrerort Arklow.
Die meisten Gäste machen hier an den langen im Fluß liegenden Stegen fest die zur Marina gehören. Ich schaue mich aber zunächst mal ein wenig um und entdecke einen Schwimmsteg im Fischereibecken. Das wäre doch noch viel uriger! So sehr ich den Komfort einer Marina von Zeit zu Zeit schätze, sind sie in Sachen Flair einem echten Fischereihafen doch immer unterlegen. Kurze Rücksprache mit 2 Fischern: Na klar kann ich hier bleiben, Gäste sind hier immer willkommen. Irland wie es leibt und lebt…


Wann genau hier mit der Fischerei und Schifffahrt begonnen wurde ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich geht der Ort aber schon auf einen Wikingerstützpunkt aus grauer Vorzeit zurück. Der Ort atmet viel Schifffahrtsgeschichte und an jeder Ecke lassen sich einige Spuren aus verschiedenen Epochen entdecken. Trotzdem wirkt alles ein wenig verschlafen und so herrlich irisch unaufgeräumt. Nichts ist für die Touristen, die Arklow meist auf ihren Wegen Richtung Berge oder Westen auslassen zurechtgemacht. Das ermöglicht einen besonders lebendigen Eindruck des Lebens in diesem kleinen Ort. Frachtschifffahrt und Werften gibt es hier nicht so viel wie einst. Fischerei, eine eigene Reederei und die Versorger des nahen Windparks halten die Fahne trotzdem weiter hoch. Von dem Rest erzählt das liebevoll eingerichtete kleine Maritime Museum. Die sind für Segler ja immer so eine Sache: Auf der einen Seite interessieren wir uns naturgemäß für das Meer und seine Geschichten, auf der anderen Seite hält fast jedes Kaff so eine Bude bereit. Da muss ein Museum schon wirklich etwas Besonderes bieten, damit man sich später dran erinnert. Das Museum von Arklow geht fast in der Front eines Einkaufszentrums unter. Kaum hat man es aber betreten, kommt sofort ein fröhlicher älterer Herr auf mich zu und fängt an alles über die Schifffahrt im Ort zu erzählen. Dabei hat jedes einzelne Exponat tatsächlich eine Verbindung zu Arklow. Das macht die Geschichten die hier erzählt werden irgendwie besonders greifbar, und das Museum echt sehenswert.

Nach so viel Kultur mache ich mich aber auf den Weg in den Ort. Bunte Häuserfronten und viele Pubs machen die Auswahl nicht leicht, doch irgendwann entdecke ich die beiden Fischer, die ich schon im Hafen getroffen habe, vor einem beim Rauchen wieder. Also rein da und ein Smithwicks Red Ale bestellt, das vielleicht beste Bier der Welt. Jetzt bin ich so richtig angekommen in Irland

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Die gefährlichste Wasserstraße der Welt

Der nächste Schlag sollte ganz besonders spannend werden. Zwischen dem walisischen Festland und der Insel Anglesey gibt es eine schmale Meeresstraße – die Menai Strait. Der große Lord Nelson bezeichnete diesen Weg einmal als die gefährlichste Schifffahrtsstraße der Welt. Grund dafür sind die besonderen Tidebedingungen hier, und eine enge Durchfahrt namens „The Swellies“. Klingt irgendwie schon nach Schwell und Ungemach….

Zum einen strömt das Wasser hier bei Flut durch die enge Meeresstraße recht kräftig. Bis zu 8kn Strom sind streckenweise drin. Klar, da sollte man nicht zur falschen Zeit aufkreuzen (im wahrsten Sinne des Wortes). Dazu kommt noch, dass es hier eigentlich 4 Gezeiten pro 12 Stunden gibt. Zunächst läuft die Flut aus der Irischen See aus Süden auf. Sobald sich die Flutwelle jedoch den Weg außen um Anglesey gebahnt hat, läuft sie auf einmal von Norden in die Straße ein! Etwas Ähnliches passiert dann bei ablaufendem Wasser auch noch mal. Stillwasser ist demnach auch nicht genau bei Hochwasser, sondern schon 2 Stunden vorher. Die einzige Zeit zu der The Swellies sicher zu passieren sind. Klar soweit?

Zum Glück haben sich die Zeiten seit Nelson ein wenig geändert. Mit moderner Navigation, Motor, und genauen Tidendaten lässt sich das ganze hoffentlich managen und so suche ich mir einen schönen ruhigen Sommertag für dieses kleine Abenteuer aus. Früh um 6 geht es los. Die Kombination aus den Öffnungszeiten des Tores und des Passagezeitpunktes lassen keine andere Abfahrtszeit zu. Dafür kann ich mich im Eingang zur Menai Strait dann schon nach wenigen Meilen noch einige Stunden vor Anker legen. Die Snowdonian Mountains hinter mir, eine kleine Vogelinsel und einen mächtigen Leuchtturm vor mir. Alle paar Minuten schlägt dessen altertümliches Nebelsignal, eine große Glocke trotz der guten Sicht wie ein Kirchturm. Es ist fast windstill und so sitze ich im Cockpit, genieße die Szenerie und warte bis es weitergeht.

Um Punkt 12 geht es dann Anker auf und entlang der Menai Strait Richtung Süden. Ein leichter Strom schiebt mich schon. Vorbei an kleinen Dörfern und der Universitätsstadt Bangor geht es durch einen typisch britischen Fluß mit Seebrücken und Moorings allerorten auf die mächtige Menai Bridge zu. Gebaut übrigens von demselben Ingenieur wie Caledonian und Göta Kanal. So langsam habe ich das Gefühl der Typ hat halb Großbritannien zusammengezimmert…

Kurz vor der Brücke müsste sich dann zeigen, ob ich zum richtigen Zeitpunkt da bin. Auf einmal kommt der Strom dann mit etwa 2kn wieder von vorne. Ich bin also etwas zu früh. Kein Problem, denn ein leichter Strom von vorne ist hier leichter zu beherrschen als wenn ich zu spät komme und mich nur 30 Minuten späer 6kn von hinten schieben würden. Unglaublich aufregend ist das hier alles… In nur wenigen Metern Abstand geht es an den überspülten Felsen und dem Land vorbei. Nach nur etwa einer halben Meile, an der nächsten Brücke, ist das ganze Spektakel dann auch schon vorüber. So problemlos das Ganze jetzt zum richtigen Zeitpunkt ablief, so unpassierbar muss diese Stelle nur wenige Stunden später sein…


Der weitere Weg durch die Menai Strait verläuft dann ruhig und angenehm. An mir ziehen ein palastartiges Herrenhaus und mehrere Wälder vorbei. Irgendwie erinnert mich die Szenerie ein wenig an die heimische Schlei. Zwar macht sich bei mir kein Heimweh breit, aber ich finde es doch interessant wie ein Seglerherz trotz aller Entdeckerlust in fernen Ländern immer wieder an sein Heimatrevier denkt.

Vor mir liegt nun das kleine Städtchen Caernarfon. Ich habe Glück und komme genau zu Hochwasser an, das Hafentor ist geöffnet. Der Hafenmeister kommt zum Steg, nimmt die Leinen an, und weist mir einen Liegeplatz direkt unter der alten Stadtmauer zu. Super nette Leute hier…
Das hiesige Schloss ist gleich am ersten Nachmittag fällig. Wieder von Edward I zur Kontrolle der Waliser errichtet, ist es für bis heute für die britische Monarchie sehr wichtig: Nach Edwards Sieg über die Waliser werden hier seit jeher die britischen Thronfolger zum Prince of Wales gekrönt. So lernt man jeden Tag was dazu… Im Pub freunde ich mich dann noch mit einigen lokalen Seglern an. Auf das höfliche Touristenlob, was für eine schöne Burg sie hier ja haben, lachen sie nur, und meinen, dass eine walisische viel besser als der englische Klotz wäre. Mal wieder scheinen mir die Waliser unabhängiger und kulturell eigenständig zu sein…

Caernarfon ist wirklich ein nettes kleines Städtchen. Neben alten Steinen gibt es hier auch alles was man so als Segler braucht. Doch nun sollte es richtig dicke kommen. Ich war darauf vorbereitet hier einen Tag abzuwarten um ein kleineres Tief abzuwarten, doch wieder einmal änderte sich die Wettervorhersage um 180°. Ein Tief nach dem nächsten zog über Caernarfon hinweg. Ganze 8 Tage sollte ich am Ende hierbleiben müssen während derer der Wind nie unter 20kn fiel. Keine Chance die Menai Strait gen Westen, voll gegenan, zu verlassen. Und das ganze Mitte August. Zwar hatte ich es im Hafen sicher und angenehm, doch das ganze schlug mir zusehends auf die Stimmung. So langsam sah ich meine weitere Törnplanung, die ohnehin wegen des unberechenbaren Wetters nur sehr grob war, den Bach hinuntergehen. Vielleicht mag es lächerlich klingen, doch während dieser Tage mache ich mir ernsthaft Gedanken, ob ich es vor dem richtigen Herbst/Winter noch wieder nach hause schaffe. Vielleicht verdeutlicht das ein wenig, warum das Segeln in dieser Gegend selbst bei einem Hafentag äußerst anstrengend ist. Zumindest im Kopf.

Trotz allem Gram kann ich das Wetter aber nicht ändern, sitze mit einem Whisky und den Erinnerungen an die kurzen Sommerausbrüche in Schottland unter Deck und horche dem Pfeifen des Windes im Rigg. Hoffentlich ist bald wieder Frühling…

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Auf nach Northern Wales

In Douglas studiere ich mal wieder stundenlang die Wetterkarten. Das mutiert auf dieser Reise immer mehr zur Dauerbeschäftigung. Der Sommer zählt zu den schlechtesten der jüngeren Vergangenheit auf den Britischen Inseln und so muss ich sorgfältig planen, um die richtigen Wetterfenster zwischen all den Tiefs abzupassen. Und da gilt es aufzupassen wie ein Schießhund: Nachdem ich die erste Möglichkeit noch verworfen hatte, weil ich keine Lust auf 20kn von vorne hatte, eröffnet sich mit dem nächsten Wetterbericht gerade mal 6 Stunden später doch noch eine Möglichkeit gegen Mittag zeitnah nach Wales überzusetzen. Innerhalb dieser kurzen Zeit hat sich das Wettergeschehen mal wieder komplett geändert und ich brause los.

Vor mir liegt dann ein super Segeltag mit Sonne und leichter Backstagsbrise. Doch wegen der Verzögerung komme ich nun spät in der Nacht an der Ansterung von Conwy in Nordwales an. Diese fällt trocken und wäre ohnehin vorher nicht zu passieren gewesen, doch nun machen die reißenden Strömungen mit 4kn von der Seite das ganze doch extrem spannend. Als ob der aufkommende Seegang, Dunkelheit und Strömung noch nicht genug wären, liegen kurz vor der Conwy Marina dann auch noch haufenweise Boot an Moorings. Im Gegensatz zu Ankerliegern natürlich unbeleuchtet. Mit dem Strom dazu kommt man sich vor wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn, ständig dabei einem Hindernis auszuweichen.

So ist das Segeln hier. Unglaublich anstrengend in mehrfacher Hinsicht. Wetter, Tide und örtliche Gegebenheiten müssen immer zusammenpassen, sonst klappt es nicht. Anders so in der Ostsee oder Deutschen Nordsee: Wenn mal ein Faktor, z.B. das Wetter nicht passt, kann man immer noch dagegen ankämpfen. Genau das ist hier aber oft unmöglich. Alles sollte zusammenpassen. Am Anfang in Schottland habe ich noch manchmal versucht dagegen anzugehen, mittlerweile warte ich lieber. Doch auch die Wartezeiten im Hafen sind psychologisch sehr anstrengend, weiß man durch das sich stetig wechselnde Wetter doch nie, wie lang man hier nun warten muss und wann es unter welchen Bedingungen endlich weitergeht. Stabile 4 Windstärken mal über mehrere Tage hinweg? Vergiss es… Das ist im Kopf auf Dauer leider echt fordernd. So lehrt das Segeln rund um die britischen Inseln nicht nur mit hartem Wetter und Tiden umzugehen, sondern auch Geduld, Vorsicht und Demut.

Heute hatte ja erst das Wetter für den Schlag nach Conwy nicht gepasst, dann die Tide, dann das Tageslicht. Irgendwie hab ich mich aber durchgewurschtelt und bin unglaublich froh, hier angekommen zu sein. Die Conwy Marina ist nämlich der Hammer. 24h Service, kein Trockenfallen und der absolute Oberhammer: Wasserfallduschen in den Duschräumen. Manchmal gehen mir solche künstlichen Full-Service Marinas ja auf den Sack, doch heute ist es genau das Richtige, um ein wenig abzuschalten.

Duschen, Ausschlafen, und dann wie üblich auf zur Ortserkundung. Wales wird auf vielen Reisen Rund um Großbritannien mit meist nur kurzen Boxenstops etwas stiefmütterlich behandelt, Nordwales meistens komplett ausgelassen. Ein großer Fehler wie ich nach meinem Besuch hier finde. Die Landschaft ist etwas bizarr, ruhige Hügel und Felder wechseln sich scheinbar wahllos mit schroffen Felsen ab. Die Menschen dafür sind umso freundlicher, gute Pubs und Kultur gibt es zuhauf. Der größte Nationalpark UK´s, die Snowdonian Mountains, liegen gleich um die Ecke. Und dann wäre ja noch die walisische Sprache…. Die sieht ungefähr so aus, als ob jemand seinen Kopf auf eine Computertastatur gelegt hätte und ihn einmal nach links und nach rechts gerollt hätte. Im Gegensatz zu Schottisch oder Irisch (von einigen wenigen Gegenden mal abgesehen) , sprechen hier aber viele Bewohner diese uralte keltische Sprache noch im Alltag. Aber keine Sorge, Englisch kann für uns Touristen trotzdem noch jeder! Trotzdem habe ich sogar ein wenig das Gefühl, dass die Waliser sich fast etwas mehr unabhängig fühlen als die Schotten, die damit ja tagtäglich kokettieren…

Ich wandere ein wenig durch die Gegend bevor ich das Örtchen Conwy erkunde. Der ganzen Ort liegt noch innerhalb seiner mittelalterlichen Stadtmauer auf der man einmal außen rum laufen kann. Das sorgt natürlich für ein Mittelalter-Flair wie es Disneyland nicht besser reproduzieren könnte. Auch das örtliche Castle schaue ich mir an. Gebaut wurde der Schuppen übrigens nicht von den Walisern, sondern vom Englischen König Edward I. Übrigens der selbe Kollege, der wegen seiner freundlichen Art in Schottland als „Hammer der Schotten“ bekannt geworden ist. Er war nämlich der erste, der die englische Herrschafft auf ganz Großbritannien ausgedehnt hat. Und ist auch heute noch in den alten Königreichen entsprechend beliebt. Einmal mehr merke ich, wie falsch es ist dieses Land „England“ oder diese Reise als „Rund England“ zu nennen… Und so beende ich meinen Stadtrundgang dann aber mit einer kulturellen Gemeinsamkeit aller Länder Großbritanniens: Eine schön fettige Portion Fish and Chips vom Takeaway am Hafen. So, und  tatsächlich nicht im Pub, essen  nämlich alle Briten diesen Klassiker am Liebsten.

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Die 7 Königreiche

Die Isle of Man gefällt mir so gut, dass ich beschließe mir noch einige weitere Ecken anzusehen. So mache ich mich dann auf den Weg rund um die Insel in die Hauptstadt Douglas. Ich kann mein Glück kaum fassen, dass das Wetter mir das erste Mal seit Schottland zwei schöne Frühlingssegeltage (Für das Attribut „Sommer“ ist es einfach auch heute viel zu kalt) hintereinander erlaubt. So geht es ganz entspannt vom Tidenstrom getragen zunächst an der Ostküste der Insel entlang bis zum Ayre Point, der Nordspitze der Isle of Man. Irgendwie erinnert mich das hier alles ein wenig an Bornholm. Die schroffe felsige Küste, einige Felder und Weälder und vereinzelte Hütten. Wirklich schön anzusehen.

Ayre Point erreiche ich pünktlich zum Stillwasser. Das ist auch besser so, denn hier verwirbeln sich alle Wassermassen die weiter in Richtung Liverpool strömen wollen. Jetzt aber ist es friedlich und ich kann den Ausblick auf  Den Leuchtturm und das gigantische Nebelhorn daneben werfen. Bei passenden Bedingungen soll man das Ding angeblich über 30 SM weit hören können…

Weit an Backbord gibt es auf einmal eine Wasserfontäne. Schnell greife ich das Fernglas und erblicke tatsächlich… einen Minkwal! Leider bleibt er nicht lange und so wende ich meinen Blick wieder nach Backbord und genieße die immer felsiger werdende Landschaft. Eigentlich komisch, würde man die schroffere Küste doch auf der Luvseite, hier der Westseite erwarten. Dinge über die man sich beim Segeln Gedanken macht… Aus solchen merkwürdigen Gedanken werde ich aber schnell wieder heraus gerissen. Hinter mir spritzt das Wasser wieder auf. Dieses Mal ist es aber kein Wal, sondern schon wieder eine Schule Delphine! In einer langgezogenen Kurve nähern sie sich tierisch schnell von Achtern. Fast wie ein Geschwader Kampfjets. Sie schießen in wenigen Zentimetern Abstand am Boot vorbei, springen hoch und tauchen wieder unter der Bugspitze durch. Zumindest von den Bewegungen her ist der Kampfjetvergleich gar nicht mal so daneben gegriffen… Vor der Kullisse mit Felsen, Feldern, Knicks und britischen Herrenhäusern ist das ganze noch mal schöner als neulich in der Irischen See.

Irgendwann am Abend komme ich dann in Douglas an. Auch hier weiß ich schon lange vorm Anlegen genau meine Liegeplatznummer, mit welcher Seite angelegt wird und alles andere wichtige. Ich finds echt erstaunlich wie gut die Häfen hier nur durch ein bisschen Funkerei organisiert sind. Könnte an der Ostsee auch manches Hafenkino ersparen… Dafür hat der Hafen allerdings auch die abstoßendsten Sanitäranlagen aller meiner bisherigen Reise. Ausdrücklich inklusive Osteuropa.
In Douglas mache ich erstmal einen kleinen Zug durch die Gemeinde. Die Stadt ist heutzutage bekannt als Steuerparadies. Nebenbei ist sie aber auch bereits seit dem 19. Jhdt. ein typisch viktorianisches Seebad mit Promenade, Strand und gesellschaftlichem Leben. Als die Cote d´azur noch zu weit weg war reiste die Londoner Gesellschaft nach Douglas. Dementsprechend prachtvoll sieht es hier an einigen Ecken auch noch aus.

Sogar eine Pferdekutsche fährt hier noch an den alten Prachtbauten entlang. Ich informiere mich mal kurz und steige ein. Die Kutsche fährt hier nicht nur als Touristenattraktion sondern ist ernsthaft eine städtische Buslinie. So kostet der Spaß dann auch nur wenige Pfund. Von dort geht es weiter mit dem öffentlichen Nahverkehr. Hier gibt es nämlich eine uralte Straßenbahn, die der Küste entlang bis auf den höchsten Berg der Insel fährt. Perfekt um einen tollen Eindruck der Landschaft zu bekommen. Das über 100 Jahre alte Gefährt fährt dann auch gar nicht auf der Straße sondern auf engen gewundenen Schienen durch die Dörfer. Fühlt sich fast an wie ne Zugfahrt durch den Märchenwald im Freizeitpark. Ich steige auch mal aus, streife durch die Dörfchen, mache dem Pub meine Aufwartung, und nehme einfach den nächsten Zug weiter.

Das Highlight kommt aber noch: Am Ende quält sich die aus allen Rillen knarzende Bahn auf den höchsten Punkt der Insel hoch. So hoch, bis kein einziger Baum mehr auf dem Rasen steht. Nur noch Schafe und Steine. Nun lohnt es sich aber gleich doppelt, dass heute ein schöner Tag ist. Bei klarer Sicht kann man von hier oben nach einer alten Sage der Manxmen nämlich 7 Königreiche von einem Ort aus entdecken. Und tatsächlich, ich kann sie alle erblicken: Das Königreich der Isle of Man, Irland, Schottland, England, Wales, das Königreich des Himmels und der See.
Spaß beiseite, der Blick ist wirklich einmalig. Von Liverpool in England  kann man über die gesamte Irische See bis nach Irland und zum Mull of Kintyre in Schottland schauen. Neben dem Blick über die Isle of Man natürlich. Stundenlang könnte ich hier oben bleiben und hätte immer noch nicht alles gesehen. Erst den letzten Zug zurück nach Douglas nehme ich dann und es geht zurück durch die Landschaft. Wer sich diese kleine Tour entgehen lässt war nicht auf der Isle of Man sagt der Hafenmeister, und nach diese Tag glaube ich ihm auch. Die Isle of Man war wirklich ein lohnenswerter Abstecher und ein ganz besonderes Törnziel. Und der Landgang heute hat dem ganzen noch die Krone aufgesetzt.

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Peel – Auf der Wikingerinsel

Als das Wetter endlich mal wieder auf so etwas umschaltet, dass man mit etwas gutem Willen als Frühjahr bezeichnen kann, verlasse ich Belfast. Eigentlich wollte ich mich noch etwas an der nordirischen Küste entlang hangeln, doch als ich das Belfast Lough und die vorgelagerten kleinen Inseln hinter mir gelassen hab, liegt die Irische See auf einmal still und friedlich vor mir. Am Horizont im Osten tauchen wegen der klaren Sicht hohe Berge auf: Die Isle of Man.

Kurzerhand ändere ich den Kurs und lasse mich bei leichten Winden gemütlich in RIchtung dieser Insel schieben. Die Isle of Man gehört nicht zum Vereinigten Königreich, nicht zur EU sondern ist direkter Kronbesitz und damit teilautonom. Vergleichbar mit den Åland Inseln in der Ostsee. Apropos Ostsee: Das Wasser plätschert so friedlich am Rumpf entlang wie lange nicht mehr. Umso mehr genieße ich diese kurze Schönwetterphase. Heute fühlt sich das Wetter mal nicht rau und anstrengend an, sondern wirklich wie an einem schönen Sommertag zwischen den dänischen Inseln.
Ich lasse den Autopiloten die Arbeit machen, vertilge ein paar Müsliriegel und liege die Aussicht genießend im Cockpit, als es auf einmal ein schnaubendes Geräusch gibt. „Wie in der Ostsee halt: Schweinswale“, denke ich mir noch wenig beeindruckt, doch dann bemerke ich, dass gleich mehrere Tiere an Nonsuchs Bug spielen! Und es sind auch keine Schweinswale, sondern Delphine! Mit einem Mal stehe ich auf dem Bug um das Schauspiel zu beobachten. Eine ganze Schule Delphine schwimmt um das Boot herum, taucht drunter hindurch, quer durch die Bugwelle. Manchmal habe ich das Gefühl die Kollegen würden gleich direkt auf dem Vordeck landen. Was für ein Erlebnis! Als der Hafen von Peel auf der Ostküste der Isle of Man sich dann abends langsam nähert, werde ich auch noch für einen Fischer gehalten: Gleich 3 Kegelrobben verfolgen mich neugierig und warten auf ihren Anteil am Fang. Leider kann ich nicht mal fischen und so ziehen die flapschigen Gesellen dann zum nächsten sich nähernden Schiff ab.


Ein spannender Tag: Die Irische ist nicht eben nicht nur ein besonders bissiges Seegebiet, sondern auch eines mit besonders viel Tierleben. Durch die ständige Strömung ist das Wasser hier angeblich besonders sauerstoffreich. Das heißt mehr Fisch, mehr Fisch heißt mehr Delphine und Robben…

Der Hafen von Peel wird von einer alten Festung direkt in der Hafeneinfahrt bewacht. Im Mittelalter war die Insel übrigens lange ein Außenposten der Wikinger und hat die Engländer entsprechend genervt. Auch heute noch ist das Erbe der Wikinger auf der Insel zu finden. Ich finds echt spannend wie sich die Umgebung der Häfen hier regelmäßig oft seit Jahrhunderten nicht mehr verändert haben… Doch auch die Moderne hält hier Einzug: Der Hafen ist seit einigen Jahren mit einem Tor versehen, welches bei halber TIde geschlossen wird. So fällt im Hafen nichts mehr trocken. Und pünktlich zu meiner Ankunft wird das Tor gerade geöffnet. Per Funk weist der Hafenmeister mir noch mit einem breiten „Welcome to the Manx Kingdom“ einen Liegeplatz zu. Und so neigt sich ein schöner Segeltag dem Ende zu.

Auch hier steht wieder mindestens ein Hafentag an. Anfangs noch nicht weil es hier so schön ist, sondern einfach weil das Wetter innerhalb von einem Tag wieder mal zwei Jahreszeiten übersprungen hat. Schon in der Koje höre ich das Heulen im Rigg und den prasselnden Regen. Bis die Ortserkundung starten kann ist es dementsprechend dann auch schon Mittag. Ich mache einen Rundgang durch das Castle an der Hafeneinfahrt, und werde auf der Luvseite fast umgeblasen.  Die Irische See wird ihrem Ruf heute wieder gerecht. Ein einzelner Manxman, wie die einheimischen hier genannt werden, versucht unter den Augen des kopfschüttelnden Hafenmeisters auszulaufen. Er setzt die Segel und dreht nach etwa einer halben Meile wieder um. Das anzusehen treibt mir die letzten Flausen für den heutigen Tag aus dem Kopf und ich mache mich zurück auf den Weg zum Hafen.

Mit einem Mal gibt es einen Knall. Fast als ob ein Schuss abgefeuert wurde. Ich traue meinen Augen kaum, als dann ein dampfbetriebener Trecker aus der Seitenstraße vor mir fährt. Ich folge ihm einfach mal. An der nächsten Ecke reiht er sich in eine Parade ein. Offenbar findet hier heute auch noch ein typisch britisch verrückter Sommerkarneval statt. So richtig mit Oldtimern, Kostümen und einer ganzen Brigade Mini Cooper. Sogar eine kostümierte Dudelsack Band gibt es die trotz des miesen Wetters gute Laune verbreiten. Britain at its best!

Da nur wenige andere Gastlieger im Hafen liegen mache ich mich abends mal auf zum Segelclub. Segelclub heißt in Brittanien meistens nicht, dass es dort einen Hafen gibt, sondern eher nur ein Clubhaus mit Bar. So ist es auch hier. Die Locals freuen sich über den Besuch von weit her, stellen mir einen Pint hin und fragen mich erst mal über meine Reise aus. Am Ende des Abends weiß ich zwar nicht mehr alle Namen und wie viele Hände ich geschüttelt habe, freue mich aber über die Geselligkeit die hier so ausgeprägt wie noch nirgendwo auf meiner Reise war. Auf meinem nächsten Stadtrundgang werde ich dann an jeder zweiten Ecke gegrüßt und gefragt ob ich heut Abend wieder mit im Pub bin. Wirklich ein toller Zusammenhalt.

Auch das Dorf selbst ist herrlich britisch mit kleinen Gassen, alten Läden, verwinkelt, ein wenig abblätternde Farbe, aber immer freundlich und sympathisch.  Und so ist Peel auf der Isle of Man, obwohl es gar nicht so richtig zu Großbritannien gehört, der vielleicht britischste Ort auf dieser Reise bisher.

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Belfast – Eine Stadt mit vielen Gesichtern

Nach einem entspannten Erkundungstag in Campbeltown brach ich früh am Abend tatsächlich noch nach Belfast auf. Der Wetterbericht passte und irgendwie war mir danach. Durch die irische See und vorbei am Mull of Kintyre sollte es also bei Nacht gehen.

Bevor die Nacht über mich und Nonsuch hereinbracht kam erst erst einmal ein absolut irrer Sonnenuntergang. Davon gibts ja nun wirklich viele, auch und gerade bei Segelbildern, aber dieser hier war wirklich etwas besonderes. Die Sonne versank hinter dem Mull und Kintyre und den Wolken die auf seiner Westseite darauf warteten vom Atlantik über die bergige Halbinsel Richtung Westen zu ziehen. Dabei bekam das Meer eine richtig goldene Farbe und die Wolken ganze tausend verschiedene Farben verpasst. Selbst wenn man schon Hunderte Sonneuntergänge zuvor gesehen hat war das ein einmaliges Spektakel. Zu meinem Abschied aus Schottland verstand ich noch einmal warum die Kelten diesem Landstrich solch eine geheimnisvolle Kultur hinterlassen haben.

Die Nacht war entspannend und fast ereignislos. Der Wind war ruhig, es gab sehr wenig Schiffsverkehr und dank der Nipptide hielten sich auch die Strömungen hier in Grenzen. Ich konnte sogar einige kurze Schlafhäppchen einlegen. Als die Sonne aufging lag das Belfast Lough, die größe Förde vor der Stadt schon direkt vor mir. Und ich dachte für kurze Zeit ich wäre im falschen Film aufgewacht: Hier sah es fast aus wie in der Kieler Förde. Der langgezogene Meeresarm mit einigen kleinen Vororten, am Ende die Großstadt und große Werftkräne, die das Stadtbild prägen. Nur dass die großen gelben Ungetüme hier nicht zur Howaldtswerft sondern zu Harland & Wolff gehören. Der Bauwerft der Titanic…

Die meisten Belfast Besucher legen meistens in einer der Vorortmarinas an und sparen sich den Weg in die Stadt. Versteh ich nicht so ganz, denn da Belfast als Schiffbauerstadt groß geworden ist, gibt es viel maritime Geschichte im Vorbeifahren zu erleben. Der Weg in die kleine City Marina führt zum Beispiel direkt am Baudock der Titanic vorbei. Die Marina selbst liegt dann direkt hinter der alten Werft. Ein Liegeplatz der Geschichte mal ohne Schlossmauern atmet… Was hier ganz witzig ist, ist die Bezahlweise. Auf dem Steg steht einfach mal ein originaler…Parkscheinautomat. Und erst mit der Ticketnummer kommt man nach dem Bezahlen überhaupt vom Steg runter. Dafür habe ich die ganze Zeit keinen Hafenmeister gesehen. So gehts natürlich auch…

Einige Tage bleibe ich bei schlechtem Wetter in Belfast und tauche mal wieder in die Zivilisation ein. Eigentlich das erste Mal seit Inverness. Belfast mit seiner Vielfältigkeit und seiner Geschichte wurde zu keiner Zeit langweilig. Entsprechend der Geschichte der Stadt beginne ich mit der Schiffbauerzeit und besuche das Titanic Museum auf dem alten Werftgelände. Davon gibts ja weltweit ein paar, aber hier wird logischerweise davon erzählt wie das berühmteste Schiff aller Zeiten mit der Stadt und dem zeitgenösisschen Leben zusammenhängt.

In der Innenstadt selbst gibt sich Belfast unglaublich gastfreundlich und modern. Straßenmärkte, durch die Stadt patroullierende Touristenführer die einem mit Rat zur Seite stehen, unzählige Restaurants und kleine Gässchen laden zum Erkunden ein. Belfast scheint sehr hart für den Tourismus zu kämpfen. Und das wohl auch mit Erfolg. Selten hat eine Großstadt so einladend auf mich gewirkt.

Doch bevor es um den Tourismus ging wurde in Belfast ebenfalls gekämpft. Im Nordirlandkonflikt bis in die 90er Jahre hinein war Belfast von einem Bürgerkrieg zwischen irischen Republikanern und pro-britischen Loyalisten geprägt. Wohlgemerkt im ausgehenden 21. Jahrhundert in Westeuropa. Diese Abläufe waren mir bekannt und doch irgendwie kaum vorstellbar, bis ich vor dem Rathaus in der sonst so lebhaften Innenstadt gepanzerte Polizeiwagen sehe. Ganz so friedlich war es hier wohl nicht immer…

Russell, ein irischer Segler den ich schon in Schottland kennengelernt habe, gibt mir einen Tag später eine kurze Stadtführung. Auch durch die damals umkämpften Arbeiterviertel. Und auch im Jahr 2017 ist der Konflikt hier noch sichtbar. Vor allem die Loyalisten „verzieren“ ihre Viertel großflächig mit Fahnen und Statements. Das machen HSV Fans in Nordeutschland zwar auch im Garten, aber hier wirkt das ganze irgendwie unheimlich. Die berühmten Wandmalereien und Peace Walls, echte Mauern in der Stadt um die Konfliktparteien voneinander zu trennen, tun ihr Übriges. Die Straßentore entlang dieser Mauern werden übrigens auch heute noch oft geschlossen. Allerdings auch auf Drängen der Bevölkerung, die ihre Ruhe vor Gewalt und den nervigen Nachbarn haben will…

Im Gesamtbild ist Belfast eine unglaublich lebhafte und vielseitige Stadt. Die Geschichte wird an vielen Ecken deutlich. Auf der anderen Seite blickt die Stadt offen und fröhlich in die Zukunft. Ich beschließe den Besuch der Stadt mit einem Dinner in einem der ältesten Pubs der Stadt, blicke noch ein paar Mal im Hafen auf das Ttanic Museum und überlege wo es als nächstes hingehen könnte…

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Der Crinan Canal

Statt durch den Sound of Jura geht es nun also erst einmal durch den Crinan Canal. Dieser ist zwar nur etwa 16km lang, führt aber einmal quer durch die Kintyre Halbinsel nach Osten und wurde gebuddelt um kleineren Schiffen den ungemütlichen Weg ums das Mull of Kintyre zu ersparen. Heute wird er als „Britains most beautiful shortcut“ beworben. Klingt doch genau nach dem was ich jetzt brauche! Schon bei meiner Ankunft am Westende des Kanals hat mir die Beschaulichkeit des Kanals so gut gefallen. Ein Eindruck der sich während der Überfahrt bestätigen sollte.

Irgendwann kommt mein Helfer Tom dann angetrottet und wir machen uns auf den Weg durch die 15 Schleusen. Und weil alles per Hand bedient wird, geht es hier noch entspannter zu als in den anderen Kanälen. Hier kann man sich wirklich entspannen. Tor aufstemmen, Schiff rein, Tor wieder zu, Fluttore auf, abwarten, bergseitiges Tor wieder auf. Man kann sich sicherlich zwei, drei Tage für den Kanal Zeit nehmen, aber Tom und ich sind ein so gutes Team, dass die Passage heute wie am Schnürchen verläuft. Schon nach 6 Stunden sind wir auf der anderen Seite angekommen. Die dortige Ortschaft Ardrishaig bietet aber irgendwie nicht so viel. Und auch hier scheint der örtliche Baumarkt keine Fassadenfarbe zu führen. Der Firth of Fyne, der große Meeresarm der sich an den Kanal anschließt und in den Firth of Clyde mündet, sieht da irgendwie doch einladender aus. Es ist gerade mal kurz nach 4 und das Wetter ist mit etwas gutem Willen fast als frühlingshaft zu bezeichnen. Trotz der inkludierten Nacht im Schleusenhafen mache ich mich weiter auf den Weg. Vielleicht schaffe ich es ja noch in die alte Whiskyhauptstadt Campbeltown…

Das Segeln an diesem Nachmittag ist eine echte Wohltat und Entschädigung für gestern. Hier ist man vor dem Atlantikschwell geschützt, die Landscahft ist fast ebenso schön und das Wetter hat sich gebessert. Von den meisten Seglern auf meiner Route wird das Gebiet östlich von Kintyre meistens ausgelassen. Schon jetzt steht für mich fest, dass das ein großer Fehler zu sein scheint.  Hier lässt es sich echt aushalten. Da es endlich mal wieder ohne Klippen, Gegenwind und Strom vorwärts geht segele ich aber wie im Rausch und lasse viele einladend aussehende Ortschaften liegen. An der fast schon mystisch anmutenden Insel Arran geht es in der Dämmerung ebenso vorbei. Es ist bereits stockdunkel, als ich in der kleinen Stadt Campbeltown am Südende von Kintyre, etwa 35 SM südlich von Ardrishaig anlege. Wieder mal freut mich die freundliche Begrüßung der Fischkutter in der Fahrrinne die sich nicht über die Anwesenheit des kleinen nervendenen Segelbootes beschweren, sondern fröhlich winken und wir einen „pleasant stay“ einen schönen Aufenthalt in ihrem Ort wünschen.

Ich bin froh hier angekommen zu sein. Zwar habe ich heute auch viele schöne Plätze links und rechts liegen lassen müssen, aber nach dem kleinen Rückschlag gestern bin ich nun fast wieder im Zeitplan. Ich könnte es noch schaffen rechtzeitig in Belfast zu sein und in der Hauptstadt Nordirlands das nächste Tief abzuwettern bevor dieses eintrifft.

Vorher erkunde ich nach einer zufriedenen und geruhsamen Nacht den Ort. Campbeltown war in früheren Zeiten eine Haupstadt der Whiskys und hatte ganze 34 Destillerien. Die Stadt galt sogar als eigenständige Herkunftsbezeichnung für Whisky. Heute gibt es immer noch drei Destillerien hier. Der Whisky von hier wird besonders traditionell hergestellt und die Führung war so herzlich wie noch nie in den letzten Wochen. Als bisher einzige Destillerie wird die Gerste hier sogar noch selbst gemalzt. Normalerweise ist dieser Schritt selbst bei den altehrwürdigen Brennereien schon lange ausgelagert… Der Hafen ist dazu mit allem nötigen ausgestattet, die Stadt hat genau die richtige Größe als Törnziel, kurzum: hier gefällt es mir ich schlendere einen ganzen Tag durch umher. Rundum zufrieden damit, dem Wetter mit den letzten beiden Tagen nicht nur ein Schnippchen geschlagen zu haben, sondern auch zwei echt sehenswerte Ecken entdeckt zu haben.

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Musik an Bord: Round Britan Playlist August

In der Kategorie Musik an Bord möchte euch mal etwas neues vorstellen. Mithilfe von Spotify habe ich eine kleine Playlist von Musik erstellt, die im letzten Monat bei mir an Bord lief. Über den Spotify Link könnt ihr die Playlist auch mit einem rein kostenlosen Konto bei Spotify anhören, dann allerdings in zufälliger Reihenfolge und mit Werbung zwischendrin. Oder ihr besorgt euch die Songs einfach auf anderem Wege und kopiert euch die Playlist händisch.

Für mich ging es nach der langen Nordseeüberquerung, während der Musik natürlich bei passendem Wetter eines der Highlights war, entlang der schottischen Küste durch den Caledonian Canal, dort zum Glück meist noch mit Sommerwetter welches sich auch in der Songauswahl wiederspiegelt, an die schottische Westküste und weiter nach Nordirland, während das Wetter im Schnitt immer herbstlicher wurde, das Segeln anstrengender und die Auswahl der Musik damit rockiger. Ich habe Klassiker, Aktuelles, bekannte und neue Namen und verschiedene Stile gemixt und hoffe euch gefällt das Ergebnis. Ab an das Bordradio und nächstes Wochende abgespielt!

 

Direkt zur Spotify Playlist

 

Playlist Round Britain August:

 

  1. Aurelia                           Nora En Pure
  2. A Walk in the Park         Nick Straker
  3. Enjoy the Silence           Younotus Fahrenhaidt
  4. Little Lies                       Fleetwood Mac
  5. Only the Ocean             Jack Johnson
  6. Mountain Sound            Of Monsters and Men
  7. Best Day of My Life       American Authors
  8. Flashdance, What a      E-Motion, Irene Carr, SPYZR
    Feeling
  9. Walk This Way               Aerosmith
  10. Key Biscayne                Chronic City feat. Henri Joel
  11. High & Low                   Oliver Moldan, Jasmin Ash
  12. In the Air Tonight           Phil Collins
  13. Musik sein                     Wincent Weiss
  14. The Boys of Summer    Don Henley
  15. Don´t You forget            Simple Minds
    about me
  16. Sweet Harmony            The Beloved
  17. Hot Days, Long Nights Sirens of Lesbos
  18. Losing Sleep                 John Newman
  19. Good Thing                   Fine Young Cannibals
  20. West End Girls              Pet Shop Boys

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Schuss vor den Bug

Nach 5 Tagen in Oban sollte es endlich weitergehen. Zwar war das Wetter immer noch eher dem Herbst zuzuordnen, aber nach so einer langen Wartezeit wird die kleinste Wetterverbesserung schon zum neuen Frühling ausgerufen. So war ich dann mit meinen Reiseplänen nicht alleine, sondern mehrere Briten wollten ebenfalls weiter. Raus aus der Hafenlethargie, Regenklamotten an, und schon geht es los.

Was folgte war ein eigentlich ekliger nasskalter Morgen. Die Sicht war gerade mal ausreichend zum auslaufen, betrug nur wenige hundert Meter, und zahlreiche Schauer entluden sich über der schottischen Westküste. Doch wenigstens hatten Wind und Seegang nachgelassen. Selbst wenn es ein ungemütlicher Segeltag werden sollte, so lockte am Nachmittag dann wenigstens mal ein neuer Hafen zur Abwechslung. Es sollte nach Islay, der kargen Whiskyinsel ganz im Südwesten der schottischen Inselwelt gehen.
Es ging gut voran. Ich arrangierte mich mit dem Wetter und stampfte gen Süden. Die erste notorische Engstelle, der Sound of Luing wo die ganze Tide wie durch einen Flaschenhals gedrückt wird passierte ich bei Stillwasser. Planung stimmte also. Es klarte ein bisschen auf und hinter dem Flaschenhals tat sich eine neue Landschaft auf. Ich entspannte mich etwas und setzte den neuen Kurs in gehörigem Abstand zum Gulf of Corrryvreckan, der vielleicht bekanntesten und gefährlichsten Stelle in ganz Schottland. Der Flaschenhalseffekt ist dort so ausgeprägt, dass sich fast Science-Fiction-reife Wasserstrudel dort bilden. Durch verschiedene Tideeffekte fließt das Wasser dort zwar mit einer affenartigen Geschwindigkeit, aber etwas später als auf der anderen Seite des Sundes hindurch. Hat den unangenehmen Effekt, dass sich dort fast wasserfallartige Stromschnellen und Wellenberge bilden. Kurzum, selbst die Royal Navy hält diese Durchfahrt simpel für nicht schiffbar. An eine Passage dort war also nicht zu denken, doch auch bei der bloßen Vorbeifahrt ist wegen der reißenden Ströme Vorsicht geboten.

Auf diese Schwierigkeiten war ich aber eben vorbereitet. Es lief auch alles glatter als erwartet. Eigentlich völlig Problemlos nur eine Stunde nach Stillwasser. Ich dachte, dass ich die schwierigen Stellen des heutigen Tages nun hinter mit hatte und freute mich auf eine schöne Segelei den Sound of Jura runter bis nach Islay. Doch dann kam es richtig dicke.

Mit den Overfalls, also den durch Strom hervorgerufenen konfusen Wellen, im vorherigen Verlauf hatte ich gerechnet, doch wo kamen auf einmal diese meterhohen Wellen vor mir her. In der Seekarte fand sich kein entsprechender Vermerk… Ich dachte mir, dass das dann ja wohl nur eine kurze lokale Störung sein könnte, ein Ausläufer eben durch den ich noch schnell durchmüsste. Doch mit jeder Minute wurde das Spektakel mehr. Ich segelte am Wind, doch eigentlich bewegte ich mich nur noch wie ein Korken auf dem Wasser. Das Schiff wurde ständig hin- und hergeworfen. Der Mastfuß war regelmäßig unter Wasser, selbst die Sprayhood hielt das Cockpit nicht mehr trocken. Wellenhöhen in Seglerberichten sind ja immer mit Vorsicht zu genießen, der Hang zum Seemannsgarn nicht gerade selten, und doch bin ich mir sicher, dass diese Wellen regelmäßig über 4m hoch waren. Und keine 15m zwischen den einzelnen Wellentälern lagen. Ein absolutes Chaos. So langsam fragte ich mich nicht nur wo dieser Mist herkam, sondern ob es noch sinnvoll ist überhaupt weiterzufahren. Am Horizont tat sich auf dem Wasser keine sichtbare Verbesserung auf.

Ein glockenartiges Geräusch riss mich aus meinen Überlegungen. Eine Glockentonne?! Nein, sowas gibts hier nicht. Doch die zweite Möglichkeit war noch viel schlimmer. Der Anker hatte sich durch die Wasserberge fast aus seiner Halterung gelöst. Eigentlich ist er mit Bolzen und Splintringen ganz ordentlich gesichert, doch jetzt ist er nur Sekunden davor sich ganz loszureissen. Einer der Bolzen hängt an seiner Sicherungsleine, schlägt an die Flunken und erzeugt dadurch dieses glockenartige Warnsignal. Schnell eile ich, natürlich gesichert, nach vorne und versuche das ganze zu sichern. Durch die Wellenberge bin ich innerhalb von Sekunden nass bis auf die Unterhose. Schnell zurück ins Cockpit und die Tablette aus der Rettungsweste genommen. Wenn die dort vorne auf dem Bug auslöst mehr das ganze mehr als ungünstig. Wieder nach vorne, und alles wieder gerichtet. in jedem Wellental hebe ich vom Deck richtig ab, merke jedes Mal wie mir die Hüfte wieder aufs Deck schlägt. Doch wenigstens ist alles einstweilig gesichert.  Ich sehe aus als ob ich in voller Montur schwimmen gewesen wäre und fühle mich 20kg schwerer. Nicht auszudenken was passiert wäre wenn der Anker sich losgerissen hätte und in dieser See um sich geschlagen hätte.

Umzudrehen versteht sich nun von selbst. Ein neuer Plan für die Weiterfahrt muss her. Selbst raumschots ist die See noch ekelhaft. Umso froher bin ich, als ich  nach einigen Stunden die Crinan Bay erreiche. Ich komme mir vor als ob ich geträumt habe. Der Himmel ist blau, die Vögel zwitschern, das Wasser liegt rührt sich kaum. Hier beginnt auch der Crinan Kanal, der einmal durch die Kintyrehalbinsel nach Osten führt. In geschütztere Gewässer. Ich glaube ich suche mir einen anderen Weg nach Süden…

Die Ruhe und Friedlichkeit dieses kleinen entspannten Kanales wirkt wie Medizin nach diesem Tag. In der Abdeckung der Berge ist es so gut wie windstill. Das Plätschern des Wassers durch die alten Schleusentore hindurch wie eine Audiotherapie nach den tosenden Wellenbergen des Mittags.

Im Nachhinein ist es in meiner Erinnerung dadurch ein sehr eigenartiger Tag. Die Lektion daraus ist sicherlich, in diesem Revier immer besonders wachsam zu sein und vorausschauend zu planen. Selbst wenn die Literatur und Seekarten hier gar keine Schwierigkeiten voraussagen, heißt das nicht, dass Wetter und Tide nicht doch einige Überraschungen bereithalten können. Das war ein Schuss vor den Bug heute.

Bilder gibts von diesem Tag leider nicht sehr viele, ich war einfach zu beschäftigt zwischendrin

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Sommer und Herbst in Oban

Zurück an Bord hatte sich der Wetterbericht leider schon wieder massiv verändert. Gleich drei Tiefs würden ab Morgen Nachmittag damit beginnen auf dem Nordatlantik fast stationär umeinander herumzutanzen. Für die schottische Westküste würde das bis auf absehbare Zeit stürmische Bedingungen bedeuten. Mindestens für etwa 5 Tage. Und so schön Tobermory ist habe ich hier doch eigentlich schon alles erkundigt. Den eingeplanten Tag Pause wollte ich eher zur Erholung haben. So wird daraus aber nichts, ich muss mir einen sicheren Hafen für die nächste Tage suchen wo es auch ein bisschen was zu entdecken gibt. Was wäre da naheliegender als sich auf den Weg nach Oban, der inoffiziellen Hauptstadt der Westküste zu machen!

Eigentlich wurmt mich die Situation ein wenig. Das Phänomen vom Wetter von schönen Orten weggedrängt zu werden gibt es zwar auch in anderen Revieren, hier ist es aber deutlich ausgeprägter. Zum Ausgleich gibt es aber wenigstens den bisher besten Segeltag der Reise. Der Wind weht zunehmend stärker raumschots auf bis zu 7,5kn während an Steuer- und Backbord wieder der Sound of Mull vorbeizieht. Die Sonne scheint und taucht die felsigen und moosigen Hänge in ein ganz besonderes Licht so kann es weitergehen! Der Grummel über den morgen wieder endenden Sommer verfliegt.
Am Südende des Sound of Mull mache ich dann einige Overfalls voraus aus. Im Fernglas sieht es aus als ob der Wasser voraus ein wenig kocht. Doch genau als ich an dieser Stelle mit Nonsuch ankomme ist der Strom gekippt, läuft jetzt mit dem Wind, und die Overfalls verschwunden. Die Planung stimmte also auch!

Püntklich zum Sonnenuntergang erreiche ich dann mein Nachtlager, den Ankerplatz Puilladobhrain, oder auch Pool der Otter. Und tatsächlich, gleich in der Einfahrt guckt der erste Fischjäger mal kurz vorbei und fragt sich wer da in sein Revier eindringt.

Puilladobhrain (sprich: Pulladuuvrin) ist aber auch sonst ein ganz witziger Platz: Vom nahen Atlantik ist er eigentlich nur durch einige einzelne Felsen geschützt und trotzdem perfekt geschützt. Trotz einigen Nachbarn ist es ruhig und ich kann den Sonnenuntergang bei einer Dose Chickencurry genießen. Sowas gabs bei meiner letzten Reise noch nicht in der Qualität fertig….

Es ist schon merkwürdig. Hinter mir liegt der bisher beste Segeltag der Reise, beim Sonnenuntergang könnte man fast auf die Idee kommen, dass Sommer ist, und es ist zwar nicht sonderlich warm, die Haut brennt aber trotzdem auch ein wenig. Und doch steht fast sicher fest, dass ab Morgen feinstes Novemberwetter herrschen soll. Ich mag mich gar nicht wechselndes Wetter beschweren, dann dürfte ich hier gar nicht hinfahren, aber wie schnell sich nicht nur mal eben ein Schauer irgendwo dazwischenschiebt sondern sich gleich das ganze Wettermotto ändert ist wirklich erstaunlich.

Nachdem der Anker gelichtet ist geht es nun bei merklich spätsommerlichem Wetter Richtung Oban. Der dortige Hafen liegt allerdings nicht genau in der Stadt sondern auf der vorgelagerten Insel Kerrera. In den Ort geht es dann mit einer kleinen kostenlosen Fähre. Die Lage des Hafens hat aber nicht nur Nachteile. Zum einen ist man bei den vorherrschenden westlichen Winden deutlich besser als am Stadtufer geschützt und sobald einem der Trubel mal zu viel ist kann man sich auf die ruhige Insel zurückziehen.

Noch steht mir der Kopf aber nach Entdecken. Also nehme ich die nächste Fähre und mache mich auf nach Oban. Das Erste was mir dort ins Auge fällt ist natürlich – Wer hätte das gedacht – die örtliche Whiskydestillerie. Das hat hier aber auch tatsächlich seinen Grund: Sie ist nämlich älter als die Stadt. Als der Betrieb Ende des 18.Jhd. gegründet wurde siedelten sich die Arbeiter und deren Familien sukzessiv um sie herum an. Der Ort Oban entsteht. Das die Destillerie als Industriebetrieb mitten im Stadtzentrum liegt hat also durchaus seinen Grund.
Ansonsten ist die Stadt sehr trubelig und voll. Offenbar bin ich nicht der einzige der die letzten Sommerstunden genießen will. Das Stadtbild ist typisch britisch: Viel alte Bausubstanz, manchmal ein wenig abblätternde Farbe und Unordnung und viele kleine Geschäfte. Die Städte sind einfach oft viele hundert Jahre alt, gewachsen, und wurden nie von Krieg und Zerstörung neu „sortiert“. Das Ergebnis wirkt einfach etwas weniger geradelinig als deutsche Städte, was das ganze auch so sympathisch und interessant zu entdecken macht. Ich gebe mir ein Museum über die Stadtgeschichte und einen kleinen Bummel bevor ich einen Fish-and-Chips Shop ansteure. Das Amphitheater-ähnliche Gebilde welches die Stadt überragt spare ich mir nachdem ich erfahren habe, dass es gar keine alte Hinterlassenschaft, vielleicht sogar keltischer Natur, sondern nur ein persönliches Denkmal für einen reichen Bewohner der Stadt vor etwa 100 Jahren werden sollte. Dafür muss ich mich jetzt nicht auch noch einen Berg hochkämpfen.

Stattdessen mache ich etwas typisch britisches und setze ich mit meinen Fish-and-Chips mit Essig und Brown Sauce, quasi dem britischen Maggi, auf einen Hafenpoller und schaue auf den Hafen. Fish-and-Chips entstammen nämlich nicht wie oft vermutet den Pubs, sondern sind eigentlich ein klassisches Takeaway-Essen. Im Pub essen es meist nur die Touristen. Die Briten holen es sich bei einem „Chipper“ und essen es bevorzugt am Wasser. So ähnlich wie die Dänen mit ihrem Dosenbier… Ein paar Möwen verscheuche ich per Blickduell (komisch, dass das bei Vögeln funktioniert) und genieße den Nachmittag auf die nächste Fähre wartend während der Wind kontinuierlich zunimmt.

Als ich dann nur etwa eine halbe Stunde später wieder in der Marina bin bläst es bereits mit 7 Windstärken und es regnet aus Eimern. Innerhalb von 30 Minuten hat sich nicht nur das Wetter sondern so ungefähr fast die ganze Jahreszeit geändert.

Die folgenden Tage verkrieche ich mich dementsprechend auch meist unter Deck und kuriere eine Erkältung aus. Nur an einem einzelnen Nachmittag lässt der schottische Kurzzeitherbst noch einen kurzen Stadtbummel zu. Ansonsten bleibt nur der kleine Marinapub, der mit jedem Tag zunehmend zu einer Selbsthilfegruppe Wettergeschädigter mutiert. Ich lerne Christine, Lorne und Russell kennen mit denen ich über ferne Strände in denen es Sonne geben soll (deutsche Nordseeküste) und alles mögliche philosophiere. Gemeinsam schmieden wir Pläne für den nächsten Frühling kommende Woche und lassen uns auf das Hafenleben ein.

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