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Archiv der Kategorie: Sailing Conductors
Kurzurlaub in Baden-Baden
Nach anderthalb Jahren Weltenbummlerei dachte ich mir eines Morgens zu Hause am Küchentisch: „Mensch, Hannes, Du kennst Dich in Deinem eigenen Heimatland ja viel schlechter aus, als so zum Beispiel in Indien.“ Um diesem Bildungsmissstand entgegenzuwirken, rief ich auf gut Glück im Reisebüro meines Vertrauens an – und tatsächlich, es war noch ein Platz bei dem Tagesausflug zum in.puncto Studio des SWR in Baden-Baden frei. Kost und Logis würden gestellt, Fahrtkosten übernommen und als Piemont-Kirsche auf dem Reisesahnetörtchen sollte ich auch noch meine langjährige Radiofreundin Nicole vom SWR3 endlich persönlich kennenlernen dürfen.
Auf ging es also am Montag Abend von Berlin Tegel nach Karlsruhe / Baden-Baden. Der maßgeschneiderte Anzug von unseren Boworn-Freunden aus Bangkok passte trotz deftiger Deutscher Küche noch (gerade so), mein Rauschebart wurde noch schnell vom muslimischem Frisör aus Kreuzberg ein wenig optimiert und schon waren die Reisvorbereitungen erledigt. Nach dem ich schon diverse Male auf Grund meines Zuspätkommens vom Sicherheitscheck zum Gate rennen durfte, um gerade noch als letzter unter ironischem Applaus ins Flugzeug zu steigen, war ich dieses Mal sogar überaus pünktlich in Tegel.
Im Flieger bestellte ich mir übermütig bei der Stewardess zum Bier gleich noch einen Rotwein dazu. Das hätte ich mal lieber nicht tun sollen, denn kurz darauf meldete sich schon meine Blase. Auf See ist die größte Toilette der Welt schließlich immer frei und meine soziale Kompatibilität dadurch etwas gesunken. Ich bin einfach nicht mehr trainiert. Dass nun die Toilette ständig besetzt war (von anderen Pionierblasen) sollte nun mein Unglück sein. Unruhig rutschte ich auf meinem engen Sessel hin und her und konnte kaum einen Blick auf die im mystischen Nebel versunkenen badischen Städtchen werfen. Beim Aussteigen war ich dann natürlich der erste an der Gangway und mit geöffnetem Gürtel stürmte ich die Flughafentoilette des FKB.
Wesentlich entspannter verbrachte ich dann die Fahrt im Taxi zum Hotel Tannenhof auf dem SWR-Gelände. Mein osteuropäischer Fahrer plauderte unentwegt über „seine“ Stadt, die doch vor kurzem ihr 900-jähriges Bestehen feierte und zeigte mir während einer kleinen nächtlichen Stadtrundfahrt unendlich viele Sehenswürdigkeiten. Leider konnte ich auf Grund der Dunkelheit und des Tiefennebels zwar kaum etwas erkennen, möchte mich aber trotzdem dafür an dieser Stelle recht herzlich bei allen GEZ-Zahlern bedanken.
Im Tannenhof händigte mir dann der übermüdete Rezeptionist als letzte Handlung noch eine Zahnpasta aus, da mir meine Tube zuvor bei den Sicherheitskontrollen in Berlin abgenommen wurde. Sicher ist sicher. Zufrieden schlummerte ich also im 60er Jahre Ambiente ein und musste in dem breiten Bett kurz an meinen Captain und seine 50 Zentimeter durchgelegenen Schaumstoff denken. Ob er die Kakerlaken schon von Bord scheuchen konnte?
Am nächsten Morgen dann brüllendes Schweigen der anderen Gäste in dem beengten Frühstückssaal. Jeder positionierte sich so an seinem Einzeltisch, dass er mit dem Rücken zu den holzvertäfelten Wänden saß und die feindlichen Teller genau im Blick hatte. Ich beschloss also auf laute Kohlenhydrate zu verzichten und hielt mich an leise, eiweißreiche Kost: Joghurt mit Früchten, Lachs mit Meerrettich und als Hauptgang Rührei mit Speck. Dazu trank ich drei Gläser billigen Multivitaminsaft und notgedrungener Maßen auch fast einen ganzen Liter „schwarzen“ Kaffee, um wach zu werden. Für später schmierte ich mir dann allerdings noch ein lautes, kohlenhydratreiches Brötchen. Wer weiß, wann ich das nächste Mal auf GEZ-Kosten bewirtet werden sollte…
Das Frühstück war noch keine halbe Stunde her und ich gerade auf dem zehnminütigem Fußweg zum Sendegebäude, als plötzlich meine Füße wie von selbst immer schneller wurden und ich am Pförtner vorbei erneut mit geöffnetem Gürtel und wehendem Mantel förmlich durch die Empfangshalle flog, hinein in die erlösende Toilette. „Ich muss noch viel trainieren…“ Dachte ich verkrampft und hielt die Spannung noch für ein paar Sekunden, bevor sich ein Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitete.
Mit großer Erleichterung konnte ich nun der ersten Begegnung mit meiner Telefonfreundin Nicole entgegengehen. Da telefoniert man schon seit einem Jahr mit einem Mädchen, das man noch nie gesehen hat! Ein wenig aufgeregt war ich ja schon. Als Nicole dann aus der Maske kam, wir uns umarmten und die Stimme in personalisierter Gestalt vor mir stand, war alle Aufregung vergessen und die Welt wieder ein klein wenig schöner. Mit diesem Hochgefühl verging die Sendung in der „grünen Hölle“ dann im Nu. Während des Interviews drangen die Worte ohne mein Verstand zu passieren aus mir heraus, sodass ich mir später erst die Aufzeichnung anschauen musste, um mir meine eigenen Worte wieder in Erinnerung zu rufen. „Wenn ich eine Frau wäre würde ich mich den ganzen Tag befummeln.“ Hörte ich mich sagen. Das hatten die gesendet?
Ein paar Stunden später im Taxi zum Flughafen hing ich in Gedanken noch dem aufregenden Tag nach und versuchte meine Souvenirs vom Mittagessen aus den Zahnzwischenräumen zu befreien. Das badische Nackensteak wollte sich einfach nicht von ihnen trennen. Doch nach dem ich meinem Fahrer, einem Altrocker mit buschigem Schnäuzer, kurz von den Sailing Conductors erzählte, sollte ich genug Zeit dazu haben. Wie ein Wasserfall erzählte er von seinen Rolling Stones Karten in der O2 World in London, die er für schlappe 1400 € erstanden hatte und von all den tollen Erlebnissen auf Beach Boys, Led Zeppelin und anderen Mega- Konzerten, um klar zu machen, dass er hier der Captain war. Ich beschäftigte mich mit dem Nackensteak, fand mich mit meiner Rolle als Smutje ab und konnte auf der Fahrt immerhin schon 2 von 3 Stückchen herauslocken.
Als dann der Flieger mit mehr als 200 Kilometern pro Stunde auf der Rollbahn entlangschoss und die Räder vom Boden abhoben – genau in diesem Moment ließ auch der letzte Rest Nackensteak los und ich verabschiedete mich von Baden-Baden. Es breitete sich der Geschmack des Glücks in meinem Munde aus und ich entschwand in den dunklen Nachthimmel nach Berlin. Zufrieden mit mir und dem Land unter mir, das ich jetzt ein bisschen besser kannte, bestellte ich bei der blonden Stewardess ein Bier und einen Rotwein dazu, um mein Training fortzusetzen.
Hier die komplette Sendung:
Ujjayinee Roy
Ein Glück wollten wir in Indien noch ein paar Tage in Chennai verschnaufen, bevor unser Flieger wieder zurück nach Sri Lanka ging. Denn obwohl wir eigentlich gerne so schnell wie möglich zu unserer zurückgelassenen Marianne wollten, wurden diese letzten Tage noch ein Mal unbeschreiblich toll. In Mumbai gab uns nämlich Nitin spontan die Nummer von einer Freundin aus Chennai. Nach 20 Stunden Zugfahrt riefen wir Ujjayinee an, die uns schon für den nächsten Tag bei sich zu Hause einlud. Wie sich herausstellte, ist sie mit dem gebürtigen Deutschen Ed DeGenaro verheiratet und nicht nur Sängerin, Komponistin und Tänzerin, sondern auch eine bezaubernde Köchin, die nach einem langen Aufnahmetag noch den Hunger von drei deutschen Wölfen zu stillen vermochte. Und als wenn das nicht genug wär, ist sie außerdem die Stimme hinter unzähligen Songs in Tamil, Hindi, Kannada, Malayalam und Telegu Filmen und hat schon mit Leuten wie A R Rahman, Illayaraja, Sajid – WWajid Yuvan Shankar Raja and MG Sreekumar zusammen gearbeitet.
Die Tage mit Ujjayinee und Ed waren einfach großartig. Wir wurden wie verlorene Söhne aufgenommen und durften bis zu unserem Abflug nach Colombo in ihrem Haus wohnen. Es wurde viel gelacht, viel gesungen, viel geraucht und viel getrunken. Danke liebe Leute, für diese schöne Zeit!
Mark
In Mumbai trafen wir Mark und Nitin in ihrem gemeinsamen Studio mit der wunderschönen Dachterrasse, von der aus man die ganze Stadt überblicken kann. Mark lebte für ein paar Jahre in Australien, wo er seinen Master in Audio Production and Sounddesign absolvierte. Wieder zurück in seiner Heimatstadt arbeitet er seit dem bei TV-Produktionen und an Werbeclips. Während wir auf der Terasse mit Nitin schwitzten, komponierte Mark einen großartigen Elektro-Pop-Song an seinem Rechner. Wir sind gespannt, welcher Musiker dieses Chillout-Stück mit seinem akustischen Instrument ein wenig mehr Leben einhauchen wird…
Nitin
Indien war für uns einfach ein Teich voll von überragenden Musikern. Es verging kein Tag, an dem wir nicht aufs Neue ins Staunen versetzt wurden. Selbst am letzten Tag in Mumbai, an dem wir eigentlich unseren Zug zurück nach Chennai nehmen mussten, konnten wir in den letzten zwei Stunden noch Nitin und seinen Kumpel Mark in ihrem Studio aufnehmen. 120 intensive Minuten, in denen wir vollkommen vergaßen auf unsere Uhren zu schauen und dadurch beinahe vor lauter Aufnahmen auch noch unseren Zug verpasst hätten. Doch ein horrendes Taxifahrergehalt brachte uns schließlich doch noch pünktlich zum Bahnhof.
Nitin hat für drei Jahre in Australien gelebt, wo er auf Lincoln Davis traf und die beiden zusammen in einer Band spielten. So hörter er auch das erste Mal von uns und lud uns schließlich in sein Studio ein. Derzeit lebt und arbeitet er in Mumbai als Komponist, Produzent und Pianist.


