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Archiv der Kategorie: Sailing Conductors
Südamerika – wir sind da!
Am 4.4. nach 44 Tagen auf See sind wir nun endlich gesund und munter auf dem 4ten Kontinent in der 15ten Stadt unserer Reise angekommen – Rio de Janeiro! Es ist jetzt schon mehr als zwei Jahre her, dass wir das erste Mal die Segel auf der anderen Seite des Erdballs gesetzt haben, 30.000 km von Rio entfernt. (Der Erdumfang beträgt 40.000 km).
Wir sind müde und haben Muskelschwund vom vielen sitzen, doch dafür können wir uns nicht daran erinnern, jemals in unserem Leben eine bessere Pizza oder ein kühleres Bier gehabt zu haben…
Unser Zweijähriges
Unfassbar, wie die Zeit verrinnt! Heute sind es genau zwei Jahre, in denen „Marianne“ uns schon um die halbe Welt geführt hat. Eingepfercht über vierundzwanzig Monate auf immer den selben, unveränderlichen sieben Quadratmetern. Mit unserem Haus auf Wanderschaft, unserem unscheinbaren Schneckenhäuschen, waren wir bereits in vierzehn unterschiedlichen Ländern auf drei Kontinenten und drei riesigen Weltmeeren. Den Pazifik haben wir ziemlich schnell hinter uns gelassen und der Indische Ozean war bis zum Kap Agulhas, dem südlichsten Punkt des afrikanischen Kontinents, unser treuer Begleiter. Nun stechen wir in die kalte See des Atlantiks, der uns über Brasilien, durch die Karibik bis in die U.S.A. und hoffentlich auch heil nach Europa und Deutschland führen wird.
Dass wir überhaupt so weit gekommen sind, grenzt fast schon an ein Wunder – oder an viele. Als wir damals nämlich mit unseren Gitarren und ein paar Klamotten auf den Salomonischen Inseln ankamen, hätten wir beinahe gleich wieder zurückfliegen können. Der Vorbesitzer hatte auf dem Weg zu den Inseln einen Unfall, bei dem er vom Baum an der Brust getroffen und über Bord geschleudert wurde. Mit letzter Kraft konnte er sich allerdings festhalten und ließ sich bei der nächsten Bewegung wieder aufs Deck fallen. Trotz zwei gebrochener Rippen und gebrochenem Brustbein, schaffte Paul es in den sicheren Hafen und erklärte uns unter Schmerzen noch alles wichtige, bevor er zurück nach Australien und ins Krankenhaus flog. Letztendlich ist für ihn zum Glück alles gut ausgegangen und auch unsere Crew, bestehend aus einem Captain ohne Hochseeerfahrung und einem Smutje ohne jeglichen Plan, konnte sich auf den ersten Trip nach Papua Neuguinea machen.
Ohne Bart und Ahnung bestiegen wir unsere Marianne und sollten sie erst drei Wochen später und eintausendfünfhundert Kilometer weiter wieder verlassen. Natürlich war nicht alles glatt gelaufen und trotz einer ausgiebigen Tunfischdiät, war uns am Ende nur noch eine einsame Maisdose und ein halber Liter Wasser übrig geblieben. Bärtig und abgemagert sahen wir Leichtmatrosen nun auch schon fast wie echte Seemänner aus. Aber wir waren angekommen, das ist schließlich was zählt!
Doch das ist lange her. Mittlerweile haben wir sogar genug Toilettenpapier, Zahnbürsten, frische Unterwäsche, Müsli und Musik an Bord, um so bequem und sicher wie möglich in den nächsten Hafen zu segeln. Wir sind zu einem starken Team zusammengewachsen, das die guten Tage gelernt hat zu genießen und sich von den schlechten Tagen nicht entmutigen zu lassen. Nach jedem Sonnenaufgang stürzen wir erst einen Kaffee hinter und dann uns voll Abenteuerlust in den Dschungel fremder Kulturen, um die besten Musiker zu finden und für unseren Traum zu begeistern.
Je weiter wir weg von zu Hause sind, desto öfter nehmen die Gedanken auch mal Reißaus und kämpfen sich über meterhohe Wellen in die grenzenlos ferne Heimat zu unseren Familien, Freunden, Fans und Helfern. Ohne eure Unterstützung wären wir ganz sicher nicht so weit gekommen. Nur Dank eurer Hilfe können wir im Sommer unser erstes Album, auf unserem eigenen Label veröffentlichen!
Doch bis dahin müssen wir noch die längste Etappe hinter uns bringen, die wir je am Stück gesegelt sind. Wir zählen für euch jeden einzelnen, der sechstausend Kilometer offenen Ozeans in den sechs bis acht Wochen nach Rio de Janeiro, Land Nummer fünfzehn auf dem vierten Kontinent. Unzählbar dagegen sind all die unglaublichen Erfahrungen, die wir schon machen mussten und durften, die uns verzweifeln, erstaunen und total ausflippen ließen.
Wir wollen mehr davon – Brasilien, wir kommen!
Eine Nacht mit Rodriguez
I wonder how many times you’ve been had
And I wonder how many plans have gone bad
I wonder how many times you had sex
I wonder do you know who’ll be next
Zitat aus: “I wonder” von Rodriguez
Manchmal lohnt es sich, die Zähne zusammenzubeißen und das zu machen, an das man glaubt. Dann wird alles gut werden. Wir waren heute auf einem Konzert von einem totgeglaubten Mann, der mehr als 20 Jahre, nach dem er seine erste Platte aufgenommen hat, von dem Ruhm erfuhr, der sich so lange vor ihm versteckt hielt – in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent.
Doch ich muss wohl etwas vorher anfangen. Als wir eines Abends beim Braai (Barbecue, Grillen) im Zululand Yachtclub mit unseren Gitarren und dem Kultliederbuch für ein wenig Amüsement sorgen, werden wir nach all den typischen Segler-Liedern („I am sailing“, „What shall we do with the drunken sailor“, usw.) von Lauren gefragt, ob wir nicht auch etwas von „Rodriguez“ spielen können. Keine Ahnung, von wem sie da spricht, denke ich und nutze die Pause, in der Benni im Buch nach einem Song von ihm blättert, um in die perfekt gegrillte Hähnchenkeule mit knuspriger Haut zu beißen und mit einem großen Schluck vom „Hansa“ Bier herunter zu spülen, unserer Gage für die heutige Bespaßung der versammelten Segler-Gang. Als Ben erklärt, dass es im Buch keine Songs von „Rodriguez“ gäbe und wir, um ehrlich zu sein, auch noch nie von ihm gehört hatten, werden wir ungläubig und auch ein wenig abschätzig von Lauren angeschaut und gefragt, ob wir denn vom Mond kämen. Alle anderen scheinen sich auch über unsere Unwissenheit zu ärgern. Anscheinend ist dieser Typ ziemlich „big in South Africa“.
Einige Wochen später besucht uns Lauren auf unserer Marianne in Simonstown und bringt uns den gerade erschienenen Film „Searching For Sugarman“ mit. Zu dritt machen wir es uns im Vorschiff bequem, das süffige Bier in Reichweite. Bald schon tanzen Lichtkegel vor den Bullaugen, erzeugt von der mit Rauch geschwängerten Luft und versetzen uns in das Detroit der 70er Jahre. Die Dokumentation berichtet mit unzähligen Gänsehautmomenten von der unglaublichen Suche zweier Südafrikaner nach dem amerikanischen Musiker „Rodriguez“. Seine Alben, aufgenommen Anfang der 70er Jahre in den U.S.A., verkauften sich millionenfach in Südafrika. Doch da keine Informationen über ihn erhältlich waren, kursierten Gerüchte, dass er sich umgebracht hätte. Während der Aufstände um die Apartheid war er für viele der Soundtrack ihres Lebens und bekannter als Elvis, doch in seinem Heimatland war er ein Niemand. Von seinem riesigen Erfolg auf einem anderen Kontinent erfuhr „Rodriguez“ erst in den 90er Jahren, als er von den beiden Südafrikanern in den Staaten ausfindig gemacht wurde. Sein Leben lang arbeitete er in Detroit auf dem Bau, denn von dem Geld hatte er nie etwas gesehen. Typisch Musikindustrie.
Nachdem er nun ausfindig gemacht wurde, holten die beiden ihn nach Südafrika und hier spielte er ausverkaufte Tourneen in riesigen Hallen und konnte sein Glück kaum fassen. Jetzt, genau zu dem Zeitpunkt, an dem wir hier sind, soll er wieder in Kapstadt spielen. Doch alle 6 Konzerte des 70-Jährigem sind bereits ausverkauft und es gibt nur noch wenige Tickets für die Konzerte im weit entfernten Johannesburg.

Foto: Greg Beadle
Ein paar Tage später, nach dem unsere Flamme für Rodriguez zu brennen anfing, treffen wir uns mit unserem Kumpel Damien, einem Cousin von Lincoln, in einem hippen Szenelokal in Kapstadt. Weiße Neureiche in den Dreißigern und solche, die es noch werden wollen, trinken hier aus Bayern importiertes Bier aus echten deutschen 0,5 Liter Flaschen, pinken Wodka Cranberry aus Kristallgläsern und essen dazu Weiss- und Käesewurst mit scharfem Senf. Ja, der Schreibfehler in der „Käesewurst“ ist beabsichtigt. Im „&union“ kann sich die Bohème vom Pöbel abheben und man könnte fast vergessen, dass das Ende der Apartheid nun schon zwanzig Jahre her ist. Nur eine weiße Frau hinter der Bar, zwischen all den anderen Schwarzen erinnert daran, dass jetzt eigentlich Gleichberechtigung herrschen soll. Genau hier, wo das Unglück dieses Landes noch zelebriert wird, erfahren wir pures Glück. Damiens Mutter und ihr Freund haben Karten für das „Rodriguez“-Konzert am Abend, doch können leider nicht hingehen. Ob wir nicht wollen, fragt uns Damien und wir sind natürlich dabei! Er warnt uns noch davor, nicht den Zug zu nehmen, die Gegend dort sei wirklich nicht so schön wie hier und auch gefährlich. Die zweihundert Rand (ungefähr zwanzig Euro) wiegen mehr, als die Warnungen von Damien, also nicken wir brav und sitzen wenig später schon im Zug zur „Grand Arena“. Ungläubig schauen wir auf die beiden Tickets im Wert von je umgerechnet 45 Euro.
Auf der halbstündigen Fahrt diskutieren Benni und ich die weitere Abendplanung. Nach dem Konzert gibt es keine Züge mehr zurück nach Simons Town und sechzehn Euro pro Nase für ein 12-Bett Zimmer im Hostel wollen wir auch nicht ausgeben. Da nehmen wir doch lieber morgens den ersten Zug und ziehen nachts durch die Bars und bezahlen für flüssige Kost, anstatt teurer Logis!
Kurz vor Ende der Fahrt nimmt die Frau neben uns dann all ihren Mut zusammen, und spricht uns auf Deutsch mit einem starken Akzent an, ob wir denn aus Hamburg kämen. Ich muss kurz überlegen, was ich alles in den letzten fünfzehn Minuten gesagt habe, und schäme mich nur ein klein Bisschen. Hier muss man echt aufpassen, was man so laut in der Öffentlichkeit von sich gibt, bei so vielen Leuten, die Deutsch verstehen. Milli hatte vor einem Jahrzehnt mal einen deutschen Mann und ihre zehnjährige Tochter geht auf die „Deutsche Internationale Schule Kapstadt“. Sie fährt auch zu dem Konzert und so richtig cool finden wir sie, seitdem sie von ihrer Begegnung als Zimmermädchen mit Jamiroquai in einem Hamburg Hotel erzählte. Wir quatschen uns fest und unsere Wege trennen sich erst kurz vor Konzertbeginn, als sie mit ihren Freundinnen auf die weiter von der Bühne entfernten Plätze muss. Unsere reichen Freunde hatten natürlich Karten für die zweitbeste Platzkategorie gekauft.
Das Konzert war dann aus tontechnischer Sicht ein wenig enttäuschend. Ein sichtlich vom Leben und wahrscheinlich auch dem ein oder anderen Joint gekennzeichneter Rodriguez versucht auf klapprigen Beinen zwei Schlagzeuger, einen Perkussionisten, Keyboarder, Bassisten und zwei Gitarristen zusammenzuhalten. Zwischen den Liedern muss er sich auf den nächsten Song konzentrieren, spielt die ersten Akkorde kurz an und kann sich erst nach sieben Liedern zu einer Ansage hinreißen lassen. Er erzählt den schlechtesten Mickey Mouse Witz den erkennt. Mickey Mouse wird vor dem Scheidungsgericht gefragt, warum er sich denn von Minnie trennen will und er antwortet darauf: „she’s fucking Goofy“.
Immerhin spielt er alle seine Hits und auch den ein oder anderen Blues Klassiker. Nach dem Konzert schwärmen wir mit der gealterten Fanschar nach draußen und treffen Milli wieder. Sie ist natürlich total begeistert und will mit uns jetzt noch durch die Bars ziehen. Wir fragen ein älteres Ehepaar, dass gerade in ein Großraumtaxi steigt, ob wir nicht mitfahren dürfen und sparen schon wieder zwanzig Euro Taxigebühren. Es läuft heute aber auch!
Das Kapstadter Nachtleben in der Longstreet an einem Montagabend ist eher ernüchternd und nach ein paar Bieren und Gesprächen mit weiteren deutschkundigen Südafrikanern landen wir auf Millis Couch, trinken noch ihren letzten Weißwein und schlafen zufrieden ein, ohne auch ein Hotel bezahlt haben zu müssen.
Danke Rodriguez, für den schönen Abend.
Richards Bay – Erholungskur für Marianne
Es ist auch immer das Gleiche – die Zeit vergeht einfach viel zu schnell. Kaum hat man sich ein wenig eingelebt, schon sind wieder 7 Wochen verstrichen. Und ich hatte mir doch so viel vorgenommen! Und in einer Woche geht sie auch schon weiter, die Jagd nach frischen Musikern. Mosambik steht noch ganz oben auf der Liste für dieses Jahr. Und dann bald natürlich weitere Musikanten in Südafrika, hier in Richards Bay, Durban und Kapstadt. Jetzt sitze ich hier in meinem Zufluchtsort, umrundet von zwei Hunden, einer Katze und einem Kaninchen. Ich hatte nämlich das große Glück zwei nette junge Damen kennen gelernt zu haben, bei denen ich mich regelrecht eingenistet habe. Ich bin überaus froh über diese bequeme Schlafgelegenheit, denn unsere Marianne ist im Moment alles andere als ein schönes Zuhause.
Vielmehr ist sie die reinste Baustelle. Überall liegt Werkzeug. Tausend Schraubenzieher und Schraubenschlüssel samt Schrauben in allen Längen und Dicken, Bohrmaschinen und Schleifgeräte. Der Boden ist übersät mit Kanistern voll Farbe, Pinseln, Schleifpapier, Fieberglasmatten und Epoxykleber. Das Vorschiff ist überladen mit… ach ich weiß gar nicht was da so alles herumliegt. Will ich auch gar nicht wissen. Und mein Bett muss ich auch jeden Abend erst suchen, um mich dann durch etliche Müllschichten hindurch zu graben. Ich darf gar nicht daran denken, dass ich das alles auch noch wieder aufräumen muss, bevor Hannes wiederkommt. Ich mag ja vieles, aber aufräumen gehört definitiv nicht zu meinen Favoriten. Wenn man draußen auf dem Meer ist, dann hat alles seinen Platz. Wenn etwas gebraucht wird, dann wird (oder muss) es anschließend sorgfältig an seinen bestimmten Platz zurückgelegt werden. Sonst landet es zielsicher nach der nächsten Wende auf dem Boden und ist im besten Fall kaputt. Wenn man dann aber mal im Hafen oder vor Anker liegt, dann sieht das Schiff spätestens nach 2-7 Stunden so aus, als hätte hier der Tornado gewütet, den wir auf unser letzten Überfahrt umfahren sind. Es ist immer das Gleiche. Ich bin also überaus dankbar für jede Gelegenheit, die ich nicht auf der Baustelle verbringen muss.
Wir lernen Lauren und Sarah bereits am ersten Tag kennen, als Hannes und ich in Richards Bay ankommen. Durch Zufall treffen wir beim Einklarieren im Zollamt auf die vier Brasilianer, mit denen wir auch schon ein paar nette Abende auf Nosy Be in Madagaskar verbracht haben. Da die Jungs schon am nächsten Morgen weiter segeln wollen, um pünktlich zu Weihnachten in der Heimat zu sein, verabreden wir uns für den Abend im Yachtclub, um gebührlich Abschied zu feiern.
Lauren und Sarah arbeiten in dieser Nacht an der Bar. Je mehr wir also an der Bar bestellen, desto besser lernen wir uns alle kennen. Es ist immer am besten unter den Fittichen von Einheimischen zu sein. Wo gibt es das leckerste und schärfste Curry in der Stadt? Welcher Strand ist am geeignetsten zum Surfen? Welches Bier schmeckt am süffigsten? Wir wissen es bereits nach dem ersten Abend. Als Hannes die frühzeitige Heimreise antritt und nachdem ich zum ersten Mal die Gitarre mit an den Strand nehme, bin ich akzeptierter Dauergast in Laurens und Sarahs Haus. Die beiden wohnen zusammen und sind beste Freundinnen seit ihrer Geburt.
In den kommenden Wochen lerne ich so durch die beiden halb Richards Bay kennen. An manchen Tagen winken mir Leute aus fahrenden Autos zu und ich winke zurück, habe jedoch nicht die geringste Ahnung mit wem ich es da wohl zu tun habe. Ab und zu hört man auch ein “Howzit, Ben?” (Südafrikanischer Slang für: How is it going? oder Wie geht es Dir?). Ein strahlendes Lächeln zurück reicht dann meistens, um den Gegenüber im guten Glauben eines Wiedererkennens zu lassen. Jeden Tag in den nächsten Wochen stehe, knie oder liege ich unter, neben oder auf unserer Marianne und schraube, schleife, klebe und male bis mir die Finger weh tun. Zum Glück sind meine unmittelbaren Nachbarn echte Bootsbauer, die sich mit Nirosta (Nichtrostendem Stahl), Farbe, Elektrik und sowieso allem auskennen, was ich bei uns reparieren muss. Denn manchmal bin ich trotz stundenlangem „Googlen und Youtuben“ ratlos über meine nächsten Reparierschritte. Zwischendurch bin ich immer herzlich willkommen auf einen Kaffee bei Yanni in der Werkstatt, um gleichzeitig meinen nächsten Tipp abzuholen. Tja, manchmal hat es schon Vorteile, wenn man der Jüngste ist zwischen zahlreichen und erfahrenen Rentnern im Yachtclub! Doch eine Abwechslung vom schnöden Arbeitsalltag schadet nie. Und so geht es mit Lauren auf in das Umfolozi Game Reserve, ein Park mit allen wilden Tieren Afrikas. Gemeinsam fahren wir in Laurens Auto durch das Gelände und es dauert nie lange bis wir das nächste Lebewesen entdecken. Eigentlich ist es immer Lauren, die ein ausgeprägtes Auge für das Erspähen von wilden Tieren entwickelt hat, denn man muss manchmal schon sehr genau hinschauen, um hinter dem Dickicht eine Bewegung erkennen zu können. Doch ab und zu stehen sie auch direkt vor unserem Wagen und kommen gefährlich nah an uns heran, sodass meine Hand beim Filmen manchmal leicht zu zittern beginnt. Das einzige was jetzt noch fehlt ist ein bisschen Musik. Aber das lässt sich doch machen…
Am darauf folgenden Wochenende ist ein Besuch bei Sarahs und Laurens Freunden an der South Coast eingeplant. Die South Coast ist ca. 300 km südlich von Richards Bay. K’an und Taryn sind Geschwister und segelten mit ihren Eltern für 7 Jahre um die Welt. Unterwegs brachte ihr Vater ihnen Gitarre spielen bei und seitdem ist das gemeinsame Musizieren ein fester Bestandteil im Leben der beiden. Den größten Teil des Wochenendes verbringen wir zusammen mit Greg, dem Schlagzeuger und anderen Freunden in ihrem Proberaum und spielen zusammen was uns in den Sinn kommt. Ich bin sofort begeistert von ihren zahlreichen eigenen Songs und so schnappe ich mir die beiden am nächsten Morgen und wir gehen auf das Dach eines Einkaufszentrums. Es ist das höchste Gebäude der Stadt. Von hier oben hat man einen fantastischen Ausblick und der leere Parkplatz bietet eine tolle Aufnahmeatmosphäre. Schade, dass wir nur so wenig Zeit haben, denn ich hätte gerne noch die nächsten Tage mit den beiden verbracht. Doch wir müssen die Heimreise antreten, denn morgen ist ja schließlich wieder Montag und Lauren muss zur Arbeit. Bin ich froh, dass ich selbstständig bin! Jetzt muss ich mich aber wirklich beeilen, um mit allen Arbeiten am Boot fertig zu werden, bevor Hannes wieder kommt. Denn viel Zeit bleibt mir nicht mehr und der Emailaustausch mit den Kontakten aus Maputo bestätigt, dass es jetzt auch nicht mehr weit ist bis zu meiner nächsten Musikerjagt. Es scheint so einiges geplant zu sein für meinen Aufenthalt in Mosambik inklusive Fernsehauftritt! Ich bin sehr gespannt, welche musikalischen Abenteuerklänge mir diese afrikanische Stadt wohl zeigt.
Krisen vor Abfahrten – unser zweiter Unfall
Manchmal läuft aber auch gar nichts! Eigentlich wollten wir schon vor drei Tagen los, jetzt hängen wir hier immer noch in Simons Town fest und müssen wohl auch noch zwei weitere Nächte verbringen, bis wir endlich los nach Brasilien können.
Ich meine, wir kennen das Spielchen ja eigentlich schon. Wir setzen einen Tag der Abreise fest und fangen dann viel zu kurzfristig an, das Boot für die Überfahrt klar zu machen. Normalerweise kommen wir dann aber wenigstens den nächsten, oder übernächsten Tag los. Jetzt haben wir schon drei Tage Verspätung und das, wo wir doch pünktlich in Brasilien sein müssen, damit Benni seinen Rückflug zur Hochzeit seines Cousins noch erwischen kann!

Der Parasailor – Foto: istec.ag
Es fing schon so seltsam an. Eines Tages bekomme ich eine Mail von den netten Leuten von Istec, die sich dazu entschlossen haben, uns ihren super coolen Parasailor zur Verfügung zu stellen. Wir können unser Glück kaum fassen, schließlich hatte Bordratte Rudolf unseren alten Spinnaker total zerfressen und für die Strecke über den Atlantik mit seinen stabilen, achterlichen Winden ist dieses Segel einfach perfekt. Das Segel wurde extra designed für Weltumsegler-Paare. Das passt doch wie die Faust auf’s Auge – wir haben schon hier im Yachtclub den Pärchenrabatt bekommen. Als ich dann aber mit Alex telefoniere, stellt sich leider heraus, dass wir abfahren müssen, bevor er den Parasailor nach Kapstadt schicken kann. Eine Woche können wir nicht warten, denn Benni muss ja rechtzeitig in Rio sein, um seinen Flug nicht zu verpassen. Der Countdown läuft…
T minus 48 Stunden
Wir beginnen das Boot aufzuräumen und Benni wechselt noch schnell die alten Dieselschläuche von unserem Motor aus. Als wir unseren rostigen Freund dann zum Test mal starten wollen, springt er erst fast an, doch das war es auch schon. Unsere Seglerkollegen und auch der Marina Mechaniker machen sich bloß die Hände schmutzig und kommen alle zu demselben Ergebnis: Die Dieselpumpe ist kaputt. Diese zu reparieren würde ein paar Tage dauern, doch die haben wir nicht. Am Abend jammen (aus dem Englischen „to jam“ – Jargon für „improvisieren“) wir dann mit Dino vom Boot gegenüber bis in die Puppen. Er an der Djembe, Benni am Cello und ich an der Gitarre. Was für eine Nacht. (Später schaut sich Dino das Material an und beschließt, nie wieder Alkohol zu trinken…)
T minus 24 Stunden
Dieser Tag verschwindet komplett mit den Bemühungen, das alte Teil wieder zum Laufen zu bringen und wir entscheiden uns schweren Herzens dazu, ohne Motor die 3.500 Meilen nach Rio de Janeiro zu segeln. Warum auch nicht. Das ist zwar unsere längste Strecke, aber wir können sowieso nur für etwa zwei Tage den Motor laufen lassen, dann ist der Diesel alle. Und auch sonst schmeißen wir den Motor eigentlich selten an. Jede Flaute ist irgendwann mal vorbei und für Laptops und Kühlschrank haben wir schließlich unsere Solarpanels. Außerdem ist dieser Einzylinder echt verdammt laut. Alles vibriert, man kann keine Musik hören und eigentlich wartet man jedes Mal nur darauf, diese Höllen-Maschine endlich wieder abstellen zu können.
T
Wir haben längst eingesehen, dass wir es mal wieder nicht schaffen, heute loszufahren. Schließlich müssen wir noch die Wäsche wegbringen, einkaufen und ausklarieren. Morgens fällt mir dann noch ein, dass wir ja auch Alkohol brauchen. Nicht zum Trinken natürlich! Sondern zum Kochen. Und auch nicht für in den Topf, sondern darunter, zum Befeuern unseres Herdes. Auf dem Weg zur Wäscherei mache ich noch einen kurzen Stopp in der Apotheke meines Vertrauens und darf nur einen halben Liter denaturierten Alkohol für knapp zwei Euro mitnehmen. Das würde ungefähr für vier Tage Kochen reichen. Man darf hier wohl nicht mehr von diesem hundertprozentigen Alkohol kaufen, da zu viele Verzweifelte das Zeug schon getrunken haben und daran verreckt sind. Das Etikett verrät aber immerhin eine geheimnisvolle Nummer, die ins Handy eingetippt zu einer total ausgeflippten Frauenstimme mittleren Alters führt. Sie fragt, wozu wir denn zwanzig Liter bräuchten und als ich die Situation erkläre, will sie sofort mit nach Brasilien kommen. „Na klar!“ lüge ich und schon lässt sie sich breit schlagen, einen großen Kanister um fünf zu unserem Yachtclub zu liefern. Glück gehabt, warmes Essen gesichert und keine weitere Weltreise nötig.
Endlich können wir uns aufmachen, um das Auto von Adrew abzuholen. Er ist so nett und stellt uns seine alte Karre zur Verfügung. So können wir die fünf 25-Liter Kanister, die unseren Wasservorrat erweitern und kiloweise Gemüse, Brot und Konserven gemütlich im Auto besorgen, fahren direkt bis vor den Yachtclub, ohne ein Taxi zu bezahlen oder Kilometer von und zum Zug auf uns nehmen zu müssen. Die beiden Schubkarren im Yachtclub lassen uns den Einkauf dann sogar bis vor die Tür schieben. Yeah. Es bleibt sogar noch ein wenig Zeit, um vor Sonnenuntergang das Kap der Guten Hoffnung mal von der Landseite anzuschauen, bevor wir es umsegeln. In den Buchten davor gibt es sogar Pinguine und die dazugehörigen witzigen Straßenschilder.
T + 24 Stunden
Irgendwie weiß niemand so richtig Bescheid, wie das jetzt mit dem Ausklarieren läuft. Bis vor einem Monat konnte man das noch bequem, hier in Simons Town machen, aber nun ist alles anders. Angeblich muss man wohl mit dem Boot in einer der beiden Marinas in Kapstadt sein. Dann bekommt man einen Zettel, dass man alle seine Hafengebühren bezahlt hat und diesen gibt man dann beim Zoll ab und darf dann das Land verlassen. Das Problem an der Sache: Dorthin fahren dauert mindestens einen Tag uns außerdem verlangen die Herren in Kapstadt 100 Euro, nur um kurz mal anzulegen.

Customs House – Foto: Sayed_85
Wir fahren also mit dem Zug mal wieder nach Kapstadt. In einem der beiden Yachtclubs beschreibt man uns dann den Weg zum Immigration-Office. Nur hier raus aus dem Hafen und dann fünf Minuten weiter, soll wohl das Büro sein. Nach einer viertel Stunde und einem Gelände, das nicht so aussieht, als würde es hier irgendetwas geben, kommt ein Auto an und wendet vor uns. Der Typ kurbelt sein Fenster runter und weiß wohl, wo wir hin müssen und will uns sogar mitnehmen. Auf der zehnminütigen Fahrt erzählt er uns, dass er erst gar nicht mit uns reden wollte, weil er dachte, dass wir Heroinabhängige wären, die ihn nach Geld für die nächste Unterkunft anbetteln. Ansonsten stellt sich heraus, dass er ein Musiker ist und so tauschen wir kurz Kontakte aus, als er uns am Immigration-Office rauslässt. Nur leider dem falschen. Die Jungs dort, verraten uns eine andere Adresse. Wir schnappen uns also ein Taxi und fahren zurück, zurück zu dem Ort, wo uns der Musiker eingesammelt hat. Besten Dank für nichts also. Wir durchqueren Hinterhöfe und finden endlich den Eingang und verlassen denselben eine weitere Stunde später mit Stempeln in unseren Pässen.
Als wir dann endlich auch das Customs-Office finden, will dieser Typ den Zettel vom hiesigen Yachtclub haben, dass wir bezahlt haben. Jetzt entscheidet sich, ob wir noch hier hersegeln und bezahlen müssen, oder nicht:
„Wo ist euer Boot? Im Royal Yacht Club?“ – „Ja klar.“ – „Wo ist euer Zettel?“ – „Den wollten die Leute vom Immigration-Büro haben…“ – „Mh, nagut.“
Glück gehabt. Schon unterschreiben und stempeln wir eine Armada von Papieren und sind draußen. Wir dürfen fahren.
Während ich mich auf den Weg nach Hause mache und schon mal ein paar Netze im Boot anbringe, um unser Gemüse hängend lagern zu können und Druckstellen zu vermeiden, hat Benni noch etwas ganz anderes vor. Er muss noch mit dem Zug nach „Century City“ fahren und unseren Laptop aus der Reparatur holen. Leider nicht repariert, da das bestellte Ersatzteil defekt war. Dann nehmen wir den Haufen Schrott eben noch mit auf den nächsten Kontinent. Nach vier Stunden ist der Captain dann auch endlich im Yachthafen.
T + 48 Stunden
Heute geht es los. Noch kurz das Boot seeklar gemacht, sodass nichts aus den Schränken und Regalen fällt, uns von unseren Familien per e-Mail verabschiedet und auf Facebook ein Abschiedsbild hochgeladen. Dann ist auch schon der Typ da, der uns mit seinem Boot aus dem Hafen schleppen will. Etwas skeptisch bin ich schon, als er seine Leine an unserem Heck befestigt. Ich dachte, er würde sich längs festmachen. Naja, er hat das ja nicht zum ersten Mal gemacht. Dino hilft uns noch die letzte Leine zu lösen und schon gibt der Typ im Boot Gas. Irgendwie ein seltsames Gefühl, so rückwärts zu fahren. Der stromlinienförmige Körper verdreht, wie ein Schwarzes Brautkleid zur Hochzeit oder ein weißes Frack zur Beerdigung. Klar kann man das machen, aber ist das gut?
Keine 100 Meter später bekommen wir die Antwort. Nein, es ist nicht gut. Aufgrund des ungewöhnlich hohen Drucks auf dem Ruder und der hohen Geschwindigkeit, kann Benni das Steuer nicht mehr halten, es verkantet sich und wir fahren gegen eine schwimmende Barriere. Nicht so schlimm, denn die Dinger sind aus weichem Gummi. Da fasst sich der Schlepper ein Herz und fährt viel zu schnell an unsere Marianne, kann seine Geschwindigkeit nicht drosseln und drückt mit der scharfen Kante seines Außenbordmotors in unseren Rumpf.
Alles auf Anfang. Wir sind zurück, wo wir schon vor einer Stunde waren. Ein fast Loch im Rumpf, unsere Selbststeuerungsanlage von seinem Seil verbogen. Immerhin hat er sich nicht mal entschuldigt. Was soll man mit so einem Tag machen? Kein Mensch ist an einem Sonntag da, der uns beim Flicken behilflich sein könnte. Wie es aussieht, müssen wir noch ein paar Tage hier bleiben. Naja, vielleicht können wir dann ja doch noch auf den Parasailor warten! Nein, leider haben die Istec Leute nach unserer Absage ihre Kapazitäten anders verteilt. Nichts mit Glück im Unglück für uns.
Also, was machen wir jetzt? Ach ja. Wir hatten unsere letzten Südafrikanischen Rand in Bier investiert. So hängen wir uns in die Koje, schauen Filme, schwängern die Luft mit Rauch und genießen unsere Investitionen. Mal schauen, wann wir los kommen…
Nachtrag:
Der Motor läuft, das Loch ist zugekleistert und wir sind startklar! Jetzt aber wirklich – wir sehen uns in Brasilien!
Auf Wiedersehen Afrika!
Kurz vor unserer Abreise mussten wir leider feststellen, dass unser Motor einfach nicht mehr starten will und auch keiner der anwesenden Mechaniker konnte unseren rostigen Freund wieder zum Laufen bringen. Also müssen wir wohl oder übel diesen 3500 Meilen “Kurztrip” über den Atlantik allein unter Segeln meistern.
Sicherheitshalber haben wir noch etwas in unsere Sicherheitsausrüstung investiert und können nun im Ernstfall noch eine letzte Zigarre genießen.
Also, wir sehen uns in sechs bis acht Wochen in Rio de Janeiro, Copacabana!







