Archiv der Kategorie: Mare Più

Sizilische Geschichten (6): Wenn der Libeccio über die Südküste fegt.

Nachts war noch alles ruhig. Vielleicht ein leichtes Blähen der Plane, die ich über Levjes Cockpit aufgespannt hatte. Ein leises Wehen aus dem Osten, das unter der Plane hindurchstreicht. Nicht mehr.
Am Morgen wache ich auf, weil das Boot vibriert. Ein Unruhe verbreitendes Tak-Tak-Tak vom Mast her, ein rythmisches Geräusch, das Unruhe in meinen Halbschlaf schiebt und sich nicht begnügt, nur mein Trommelfell zum Schwingen zu bringen, sondern gleich das ganze Schiff. Während ich die Augen im Halbdunkel öffne, denke ich darüber nach, was mein siebeneinhalb Tonnen schweres Schiff in seinem zwei-Meter hohen Stahlgerüst derart zum Vibrieren bringt. Ein schlagendes Fall kann es nicht sein. Aber was dann? 
Ich beschließe aufzustehen. Gemessen an den Nächten zuvor ist es angenehm warm. Mehr als 18 Grad zeigt das Thermometer am frühen Morgen, wo es noch vor 24 Stunden kaum acht Grad waren. Angenehm, zumindest das. Ich schaue hinaus. Keine 100 Meter weiter vorne, den Hügel am alten Bahnhof hinunter, wo mein Boot für den Winter geparkt ist, sehe ich das Meer. Statt spiegelglatt kommt jetzt Roller auf Roller auf die Küste zu. Lange Reihen. Mehr als sechs Windstärken. Libeccio. Wind aus dem Südwesten, Wind aus der Sahara. Das erklärt die achtzehn Grad beim Aufstehen. Ich höre das gewaltige Rauschen der Brecher bis in Levjes Kombüse, aus der ich jetzt hinunterschaue.
Die Einfahrt in den Hafen von Sciacca – immerhin beherbergt er die zweitgrößte Fischereiflotte Siziliens. Aber an einem solchen Tag geht kein Fischer hinaus.
Während ich mir Tee koche, gerät das Boot immer wieder in Schwingung. Es sind Böen, die vom Meer heranrollen wie Brecher und Levje breitseits treffen. Vermutlich sind sie so stark, dass der Mast für sie ein Hindernis ist. Dass die Böen gegen den Mast prallen. Ihn in Schwingung versetzen, als wäre er ein zwischen den Fingern eingespannter Grashalm, den man kraftvoll anpustet. Nur das er seine Schwingung über die Wanten auf die Seitenwände des aufgebockten Bootes überträgt. Mein Boot, meine Behausung in diesen Wochen, sie ist jetzt im Libeccio an Land ein großer Resonanzkasten. Ein ums andere Mal vibriert der Tee in meiner Tasse.


Am Nachmittag sehe ich mir ich mir an, was der Sturm mit dem Meer in der Hafeneinfahrt macht. Ich sehe die brechenden Grundseen genau in der Einfahrt. Für eine Segelyacht wäre es zumindest ein schwieriges Unterfangen, bei diesen Bedingungen einzulaufen, wenn nicht gar unmöglich. Ich versuche mir diesen Anblick für alle Zeit einzubläuen, für den Fall der Fälle. Wie schwierig die Situation draußen auch immer sein mag: Allemal besser draußen bleiben, als mit dem Boot in eine dieser brechenden Seen in der Hafeneinfahrt zu geraten und querzuschlagen.

Einen Moment sehe ich fasziniert den Vögeln zu, die im Starkwind segeln, einfach mit ausgebreiteten Flügeln vor sich hin schweben. Wo Sturm ist, kreist meist ein Vogelsschwarm. Wo unsereins bei solchen Bedingungen die feste, schützende Hülle sucht, tun die meisten Vögel (jedenfalls die, die fliegen nicht verlernt haben) genau das Gegenteil. Sie suchen das unsichere Element. Sie stürzen sich in die Lüfte. Gerade dort, im scheinbar Unsicheren, Unwirtlichen, finden sie mehr Schutz als in jeder Mauernische, die für sie zur Falle werden kann.

Eigentlich trifft der Wind an dieser Stelle aus südöstlicher Richtung auf die Küste. Er schon. Aber die Wellen nicht. Sie rollen in die Richtung, die der Wind ihnen weit draußen verpasst hat. Dorthin, wohin der Libeccio sie draußen hinbeschleunigt: Nach Nordosten. Dummerweise ist die Hafeneinfahrt des großen Hafens in Sciacca auch noch so konzipiert, dass sie nach Südwesten offen ist. Die Wellen rollen von dort ungehindert an. Und schwappen in den Hafen, wo gleich hinter der Hafeneinfahrt die Schwimmstege der beiden großen Segelclubs liegen. Ich treffe Carlo, der jetzt im CIRCOLO NAUTICO den Winter über als Marinero arbeitet. Er schaut sorgenvoll. „Schau mal, wie sich der hundert Meter lange Schwimmsteg wie eine Seeschlange in der einlaufenden Dünung windet.“ Nicht nur er oszilliert. An den Seiten des ewig langen Schwimmsteges ist Boot an Boot vertäut. Jetzt werden sie einfach mitgerissen wie Nussschalen vom Hin und Her des Schwimmsteges in der glucksenden Dünung.

„Vorne, am Ende dieses Stegs, schließt sich im rechten Winkel ein zweiter Steg an. Die Verbindung ist gebrochen, wenn das so weitergeht, dann reißt der Steg auseinander. Die beiden Yachten an diesem Außensteg sind zu schwer.“ Aber auch sonst hat Carlo alle Hände voll zu tun. Er überwacht die kleinen Boote, die sich im Hin und Her des Schwimmsteges immer mehr von ihrer Heckleine holen und dadurch drohen, mit dem Steg selbst zu kollidieren. Immer wieder spurtet Carlo über den schwankenden Steg nach draußen, wenn ein Boot droht, zu nahe an die scharfen Kanten des stählernen Schwimmsteges zu geraten.

„Am schlimmsten sind die Stürme hier immer um die Zeit, wenn die Jahreszeiten wechseln“, sagt Carlo. „Das war nicht immer so. Als ich hier aufwuchs, waren es eher die reinen Winterstürme, die uns beeindruckten. Seit ein paar Jahren habe ich den Eindruck, dass das Wetter schlecht wird, wenn es eigentlich schön werden müsste – wenn das Frühjahr kommt, im April.“ Carlo fuhr früher raus als Fischer, bevor er sich für ein vermeintlich ruhigeres Leben als Marinero entschied.

Ich fahre hinaus, ein paar wenige Minuten nach Westen vor die Stadt, zum Sandstrand vor der alten Tonnara, der einstigen Thunfisch-Konservenfabrik. Es ist meine Lieblingsecke. Ein weiter Sandstrand zu Füßen eines einsamen Schlotes, den man als letztes Wahrzeichen der einstigen Tonnara stehen ließ. Der große Schlot, über den Qualm der großen Feuer abzog, die das Thunfischfleisch in großen Kupferkesseln zum Sieden brachten. Vor zwei Tagen bin ich zwischen den beiden großen Steinmolen hindurch noch nach draußen geschwommen. Jetzt ist daran kein Denken mehr, so aufgewühlt und tobend sind die Elemente. Sie werden es für zwei weitere Tage noch bleiben. Mindestens.

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Eine Dezember-Wanderung auf Sizilien.

Heute, am 8. Dezember, bin ich in Sciacca zu einer Wanderung vom Hafen hinauf in die Hügel hinter der Stadt aufgebrochen. Alles ist, wie es sein soll: In den Olivenhainen haben die Blumen einen weißen Teppich ausgelegt. Die Kakteen tragen Früchte. Der Hibiskus hängt schwer von roter Blütenpracht auf den Weg herunter. Die Bauern stehen auf Leitern in den Olivenbäumen und holen den letzten Rest der diesjährigen Ernte von den Bäumen. Laut reden sie, aus einem Baum hinüber in den anderen. Es sieht aus, als würden die Kronen der Oliven und nicht die Bauern miteinander sprechen. Aber letztlich macht das keinen Unterschied: Ich verstehe den Dialekt der Bauern so wenig wie das geheime Leben der Olivenbäume, vom Dialekt der Leute von Sciacca kommt bei mir nur ein gleich zweifach verschlüsseltes „Uglu fi Luuulu Lu“ an, sie singen ihre Sprache statt sie zu sprechen. Und überdies scheint es streng verboten, die letzte Silbe ordentlich auszusprechen.

Als ich gegen Mittag am Hafen loslief, waren die Straßen ausgestorben. Nanu? Kein Auto. Kein Fußgänger. Kein kläffender Hund und keins dieser röhrenden Mopeds mit einem Jugendlichen drauf? Niemand. Nichts. Nur vor der TRATTORIA ITALIA von Nino am Hafen drängen sich Familien im

winterlichen Sonntagsstaat. Es hat zwar knapp über 20 Grad, als ich mit meinem Rucksack loslaufe, aber für Italiener ist Dezember nun mal Dezember, komme, was da mag. So wandere ich die steilen Gassen von Sciacca den Hügel hinauf in die menschenleere, reglose Altstadt oben. Alles leer, alles zu, wo sonst Leben ist. Erst oben vor dem Stadttor begegnet mir ein junger Mann, den ich fragen kann. „La Festa di Maria“, sagt er trocken und schaut nur kurz vom Smartphone auf, „Tutto rosso.“ Was ich frei übersetze mit „Alles steht auf Rot“: Kein Laden hat geöffnet, kein Bäcker. Und erst recht keine meiner Gelatterien. Und La Festa di Maria? Es ist das Fest Mariä Empfängnis –  nein, nicht das Fest, wo Maria den Jesus empfing, sondern deren Mutter Anna eben ihr Töchterchen Maria. Warum das zu ausgestorbenen Straßen in Totenstille führt? Ich weiß es nicht, nehme mir aber vor, es zu ergründen. Je mehr ich dies Italien zu kennen meine, umso rätselhafter ist es mir.

Wie so oft, wenn man im Ausland einfach in die Landschaft losspaziert, stellt einen das vor Probleme. Wer daheim gewohnt ist, dass man überall und überallhin laufen kann, kommt schnell an Grenzen. Nicht nur an eigene, sondern an die von allem, auch die des schier allwissenden GOOGLE. MAPS sagt, dass ich hinter der Porta di San Calogero einfach einen Feldweg nehmen könnte. Doch plötzlich stehe ich mutterseelenallein in matschigem Bauschutt vor einem Schild, auf dem mir die REGIONE DI SICILIA das Weitergehen untersagt. So kehre ich um, ich möchte mich am Festtag nicht mit einer ganzen Region rumstreiten, und laufe weiter durch reglose Vorstädte, deren einzige Regung ein Wehen des Vorhangs ist. Nicht mal ein Fernseher sendet wie sonst farbigen Krach in die Luft. Einfach. Alles. Still.

Dafür ist der Ausblick mit jedem Schritt erhabener, je höher ich komme. Und gewaltiger. Vor allem hinunter aufs Meer. Je höher ich komme, desto mehr regt sich das Leben. Ich sehe zwar immer noch keine Menschen, aber immerhin bellt vor jedem Haus, an dem ich vorbeikomme, ein Hund. Meistens

sind es drei. Sie morsen sich in irgendeinem Hundealphabet die ganze Häuserreihe links und rechts zu, dass hier gleich einer entlangkommen wird, für den es sich lohnt, die Stimme zu erheben. Zwei wilde Straßenköter haben Mitleid mit mir. Und begleiten mich ein Stück die still daliegenden Windungen hinauf, zu meinem Ziel, dem Gipfel des Monte Kronio, der auch Monte di San Calogero heißt und zu den Öfen des Heiligen Calogero.

Monte Kronio? Die Öfen des Heiligen Calogero? Von der Kathedrale auf dem Gipfel, die man nach zweieinhalb Stunden erreicht, hat man einen fantastischen Blick, allein das ist schon die einsame Wanderung wert zu dem Ort, an dem der heilige Calogero, der „gute Alte“, als Eremit, als byzantinischer Fremder unter Fremden lebte. Und bis zum gesegneten Alter von 95 Jahren Bekehrungsarbeit leistete. Er ist einer der meistverehrten Heiligen Siziliens, der hier lebte. Und mich 1.500 Jahre nach seinem Leben regelmäßig immer noch ins Schleudern bringt. Es wimmelt in Sciacca von Männern, die entweder Carmelo, Camillo oder Calogero heißen. Und meist bringe ich die Vornamen durcheinander.

Der Berg des heiligen Calogero hats zudem in sich: Steht man vor der Kathedrale und schaut von dort hinunter, dann

dampft und wabert es aus dem Inneren des Berges. Heißer Dampf quillt leise zischend aus unterirdischen Grotten auf dem fast 400 Meter hohen Gipfel ans Tageslicht, wo der Wind die Schwaden gleich mit sich fortträgt. Ich lese, dass dort, wo Calogero, der Eremit, einst lebte, eine Höhle tief hinein in den Berg führt. Es dauerte, bis sich nach einem Flickschuster im 17. Jahrhundert um 1955 herum erstmals wieder eine Expedition in die dampfende Grotte hineintraute. Sie drangen 40 Meter tief ein. Doch die Bedingungen dort unten waren ungut. 38° Temperatur und 100% Luftfeuchtigkeit sorgten dafür , dass niemand sich länger als 20-30 Minuten dort aufhalten kann – die Dauer eines ausgedehnten Saunaganges. Erst als sie Anfang der Sechziger mit schwerem Gerät in den Dampf vorrückten, entdeckten sie, dass dort drinnen im Dampf wohl schon lange vor ihnen Menschen unterwegs gewesen. Man fand griechische Pithoi. Große tönerne Vorratsbehälter dort drinnen, und wer weiß, ob es Furcht oder Gier oder Neugier waren, die Menschen samt waschmaschinengroßer Tonkrüge vor 2.000 Jahren in den feuchten Dampf getrieben hatten.
Es ist spät geworden, als ich gegen vier vom Monte Calogero zurück nach Sciacca aufbreche. Noch eine dreiviertel Stunde bleibt mir, bis die Sonne untergeht. Jetzt, wo sie tief steht, ist es tatsächlich Dezember – nun auch in Sizilien. Wo unter mir der Dampf aus dem Berg quillt, ist es frisch, und mir ist kalt. Mutig, wie ich nun einmal nicht bin, nehme ich einen Feldweg statt der Straße ins Tal, den mir GOOGLE MAPS vorschlägt. Ich stelle mich darauf ein, nach einer dreiviertel Stunde steilem Abstieg am Ende dieses Weges vor einer Steilwand oder einem Abladeplatz für Bauschutt zu stehen, die mich zur Umkehr in die Dunkelheit zwingen. Tatsächlich wird der Weg nach 20 Minuten schmaler und schmaler, bis er plötzlich in der hereinbrechenden Dämmerung zu einem ausgespülten Bachbett wird, durch das ich mehr klettere als laufe. Gedanken an „Wie steht man am besten eine Nacht ohne Ausrüstung bei 6 Grad Außentemperatur durch?“ wehen durch mein Gehirn. Aber nach wenigen Minuten wird ein Weg durch Olivenhaine daraus, ich habe die Stadt wieder vor mir, während von Nordwesten Wolken aufziehen und die Sonne noch einmal durch die Wolken bricht.

Und während ich entlang einer Ausfallstraße weiter Richtung Sciacca wandere und langsam Richtung Zentrum gleich in der ersten Gelatteria am Busbahnhof kleben bleibe, die mir in der sizilischen Kälte nun so unwiderstehliche Eissorten wie Baccio, Cioccolato nero, Kinderbueno oder Ferrero Rocher anbietet, während ich mich also meinem Eis zuwende, entdecke ich: Wie Italien am Festtag Mariä Empfängnis – Gottseidank – doch wieder in die Normalität zurückgefunden hat. Lange Autoschlagen wälzen, drücken, drängen sich im Schrittempo durch die schmalen Gassen der Innenstadt. Hilflos eingekeilt ein Wagen der Polizia, deren Insassen über meine Eissorten rätseln. Über den Leuchtsternen schallen Frank Sinatra-Weihnachtssongs in den Winterhimmel, als wäre dies New Yorks Fifth Avenue.
Das Leben ist zurückgekehrt. Nach Sciacca. Halleluja.

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Sizilische Geschichten (4): Das Boot im Bahnhof. Oder: Wenn im Herbst ein Boot aus dem Wasser kommt.

Es ist Herbst geworden in Sciacca, der Stadt am Meer im Südwesten Siziliens. Das Gleißen des Lichts ist verschwunden. Das Gold der Tage ist zurückgekehrt. Selbst die alte Thermen-Anstalt, erbaut um 1920, in den Ruin geführt wegen Misswirtschaft vor ein paar Jahren, leuchtet in den späten Herbstnachmittag.

Für die meisten Menschen ist der Herbst eben der Herbst. Die Zeit, in der die Blätter fallen. Das Wetter grau wird. Wer ein Boot besitzt, für den ist der Herbst die Zeit, in der man sein Boot aus dem Wasser holt. Das Ende des Sommers. Und es hilft auch kein noch so türkisfarben leuchtendes Meer, kein noch so warmer Herbsttag: Das Boot ist nicht mehr in seinem Element, wo es hingehört. Sondern dort, wo es eben nicht hingehört: An Land.

Aber um das Boot aus dem Wasser zu kriegen, ist einiger Aufwand nötig. Fünf Männer und ein Kran rollen Montags um halb elf an der Hafenpier an, wohin ich Levje am Morgen hinbugsierte. Etliche Schaulustige kommen auf ihren Mopeds auf die Pier gerollt, um dem Spektakel beizuwohnen: Hafenarbeiter ohne Job. Fischer an ihrem jobfreien Hafentag. Rentner, deren Job längst in der Vergangenheit liegt. Und solche, deren Job es ist, die Dinge aus sicherem Abstand zu kommentieren. Und jene, die sich ums Kranen kümmern sollen, mit allerlei Anfragen von ihrem eigentlichen Job abzuhalten.

Ich denke darüber nach, wie es sich anhören würde, wenn einer der Gurte risse. Und Levjes massiger, siebeneinhalb Tonnen schwerer Plastik-Walfischkörper aus drei Metern Höhe – Bleikiel voraus – aufs Teerpflaster knallen würde. Vermutlich wäre das ein Geräusch irgendwo zwischen lautem Knall und verheerendem Knirschen. Ich kenne Leute, deren 17 Tonnen Stahlyacht aus dem Gerüst seitlich zu Boden kippte. Ich kenne Geschichten, jene modernen Mythen, was mit einer vernünftigen gebauten Yacht passiert, wenn sie an Land zur Seite umfällt. Ein grusliger Gedanke. Aber außer dass das Krangestell, in dem sich wenige Augenblicke später die vier Gurte spannen werden, kurz gegen den Baum schlägt, passiert nur wenig. Die fünf Männer passen höllisch auf – trotz ständigem seitlichen Dazwischengequatsche derer, die das Glück haben, nur zuschauen zu dürfen.

Dann: Sind Levjes siebeneinhalb Tonnen sicher auf dem fahrbaren Trainer gepackt. Mein Schiff beginnt, an den parkenden Wohnmobilen vorbei über die Hafenmole zu ihrem Winterliegeplatz auf dem Hügel zu rollen. Ein Schiff, das so fremd aussieht, als wäre es eine Fata Morgana über der Weite der Mole von Sciacca.

Nur dort, wo die emsig befahrene Hafenstraße kurz den Weg meines Schiffes kreuzt, wird es kurz spannend. Die Autos stoppen wie am roten Licht eines Bahnübergangs vor dem im Schritt-Tempo heranrollenden Transport. Italiener mögen chaotische Autofahrer sein, denkt man oft als Deutscher, doch das stimmt nicht, sie fahren nur anders als wir Deutsche, es ist weniger jene selbstverliebt wie Narziss um sich kreisende Dominanz, die den Straßenverkehr bestimmt, sondern dass einer vom anderen weiß, was er jetzt gerade vorhat. Und da mein Schiff ferngesteuert von dem ein paar Schritte hinterherlaufenden Carmello klar seinen Weg zu kennen scheint: Drum halten auch alle einen kurzen 

Moment, bevor mein Schiff ansetzt und den steilen Weg erklimmt, hinauf zum alten Bahnhof von Sciacca. Da oben, auf dem Hügel, von dem ich eine gute Aussicht habe hinunter auf den Hafen, aufs Meer und zum Centesimo-Supermarkt mit seinen fantastischen Schinken und den intensiv nach Salz und Meer und Anchovis schmeckenden schwarzen Oliven: Da oben neben dem alten Bahnhofsgebäude wird Levje die nächsten Monate am Land stehen zwischen wenigen anderen Schiffen. Dort, wo die Schienen der alten Schmalspurbahn enden, die einst von Agrigento am Strand entlang und an der alten Thunfischfabrik vorbei lief: Da wird mein Schiff jetzt den Winter über sein. Ich hoffe, ich kann oft hier sein. Denn kaum irgendwo ist der Winter so schön wie in Sizilien.

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STURM im Fernsehen: Das Studio. Der STREAM. Und die kluge Maskenbildnerin.

Manchmal wünschte ich: Ich wäre ein Buch. Einfach ein Teil, das reglos, emotionslos und eben nicht lampenfiebernd Teil dieser Welt ist. Gestern, vor dem Auftritt in HR FERNSEHEN hätte ich gerne mit meinem Buch tauschen mögen: Denn das Warten auf den Auftritt vor der Kamera ist wie das Warten auf den Moment, in dem man in den Operationssaal geschoben wird. Man ist einfach nur nervös. Sitzt in einem kleinen Warteraum. Und erwartet den Moment, in dem einer um die Ecke kommt und unabänderlich sagt: „Es geht los“. Und irgendwas mit einem gemacht wird.
Dabei lief alles ganz rund. Es geht trotz des Riesengeländes des HR in Frankfurt gemütlich zu und familiär. Die familiäre Atmosphäre beginnt bei der Maskenbildnerin, die mein Gesicht für die Sendung vorbereitet, pudert. Ja, sie liebe Bücher, sagt sie, während ihr Pinsel leicht über meine Nase gleitet, sie würde sich immer vorher im Internet ansehen, wer zu ihr käme. Ob sie denn mal einen echten Promi getroffen hätte, der sie so richtig verblüfft hätte, im persönlichen Gespräch während der „Maske“. Sie denkt kurz nach. Nein. Was ihr geblieben sei von den Gesprächen, die sie in 17 Jahren beim HR als Maskenbildnerin mit ihren Kunden geführt hätte, wären vor allem einfache Leute gewesen. Solche, die ein ungewöhnliches Leben führten. Ich kann nicht anders, als sie reflexartig fragen, ob sie Lust hätte, ein Buch über diese Begegnungen zu schreiben. Verlegerkrankheit. Sie lacht, als hätte ich etwas ausgesprochen, was sie schon lange mit sich trüge. 
Das zweite, was an „Operationssaal“ erinnert, ist die Innenausstattung des Studios. Was man auf dem obersten Foto sieht, die Hintergründe, die Frankfurter Skyline bei Nacht, die gibt es nicht. Das wird alles computerisiert eingespielt. Der Raum ist in Wahrheit OP-grün rundum, in ihm ist wenig mehr echt als der Tisch, an dem ich stehe. Und die Markierungen im Boden, die den Sprechenden signalisieren, wo sie zu stehen haben.
Dann kommt der Moderator vom Dach des Studios, auf dem die erste Szene gedreht wurde. „Eine Minute zehn“ ruft jemand im Hintergrund. Noch eine Minute zehn, während der Filmbeitrag über die Schlossgärten läuft, bis zum Live-Auftritt. Das Warten auf den Moment ist wie das Warten auf einer Autobahnbrücke auf den Augenblick, in dem man kopfüber in die Tiefe springt und nur auf das Gummiband um die Füße hofft, das schon dafür sorgen wird, dass man unten nicht zerschellt. 
Dann steht der Moderator vor mir. Die Stimme im Hintergrund zählt. Was, wenn ich jetzt kein Wort rausbringe? Ich liebe diesen Moment, und ich hasse und fürchte ihn, seit ich zum ersten Mal an der Uni Referate hielt. Der Moment des ersten Wortes. Ich weiß: Ich muss es jetzt nur schaffen, zwei gerade Sätze rauszubringen. Wenn ich das schaffe: Dann wird auch der Rest laufen.
Ob ich tatsächlich die ersten beiden geraden Sätze herausbrachte? Schauen Sie einfach nach: Zum Livestream der Sendung: Hier. 

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millemari.s STURM gestern im TV. Zum Stream der Sendung.

Gestern Abend war STURM über Frankfurt. Nein, kein neuer „Herwart“, erst recht keine „Irma“. Aber millemari.’s 19. Buch ging bei ALLE WETTER! mit Thomas Ranft auf Sendung. Heute Dienstag 7.11. ab 19.15, in HR FERNSEHEN. Hier gehts zum LiveStream der Sendung (auf 6.45 vorspulen).
Ich? War nervös, während ich diese Zeilen im B&B Hotel Frankfurt schrieb. Hoffentlich fände ich die richtigen Worte. Hoffentlich erzähle ich jede Geschichte richtig. Und ich weiß: die 35 Autoren, die Sturm-Abenteuer aus allen Ozeanen beisteuerten, würden mitbibbern. Mit einer eigenen Geschichte in einem Buch, ist für die meisten ein tolles Erlebnis. Aber damit jetzt auch noch im TV?  
Auch die Freude unserer Autoren ist für Susanne und mich ein guter Grund, dass wir stolz sind, dieses Buchprojekt ins Leben gerufen zu haben. Wenn Sie also Lust haben: Dann schauen Sie einfach in den Livestream. Bei ALLE WETTER!  Wenn es STURM gibt über Frankfurt:

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HANSEBOOT 2017: Ankommen auf dem Schiff, auf dem Rollo Gebhard vor Grönland kenterte.

 Es ist eine dunkle, wolkenlose Nacht am Hamburger Hafen. Vor wenigen Tagen hatte Sturmtief „Herwart“ den Zugang zum Sporthafen noch knietief überflutet, über den ich jetzt gehe. Zwei Schwimmstege, die in der Dunkelheit aneinander scheuern, es klingt in der Dunkelheit, als wären es zwei Wale.

Und dann liegt sie vor mir. KIRA VON HANDELOH heißt sie jetzt, die einst SOLVEIG hieß. Und Rollo Gebhards Schiff war. SOLVEIG IV – ein dunkelblauer Schatten am Ende eines unbeleuchteten Schlengels. 50 Meter weiter fährt ein Containerfrachter vorbei. Ein Festmacher knarzt singend im Takt.

Schmuck sieht sie aus, als ich in der Dunkelheit die Bordwand hochklettere. Und gut gepflegt. So wie ich ist vor mehr als dreißig Jahren an dieser Bordwand auch Rollo Gebhard hochgeklettert. Mit seiner jungen Frau, Angelika.
Dann habe ich in der Dunkelheit den Niedergang vor mir. Ich schiebe das Luk zurück, klettere drei Stufen hinunter. Ich stehe im Salon. Hier war das also. Ich sehe die roten Polster. Die einfachen Schapptüren, die Beschläge, die noch die originalen sind. Die Küche. Ich denke an Rolle Gebhard. Ich schaue zur Holzdecke des Salons. Und stelle sie mir die beiden vor, damals im Sommer 1983 vor der Südspitze von Grönland.

„Ich höre das Bersten von Holz, 
das Rauschen von Wasser.
Unser Boot wälzt sich noch weiter herum, 
ich liege auf der Decke der Kajüte,
rolle wieder zurück, am Bullauge vorbei, 
dort, wo Wasser eindringt.“
Rollo Gebhard, in: Leinen los. Wir segeln um die Welt.
Es ist meine Lieblingsgeschichte, die auf diesem Schiff und in diesem Salon spielt. Weil Rollo Gebhard ja schon zwei mal über den Atlantik gesegelt war – zum ersten Mal 1963/64 auf einem 5,60 (!) Meter langen Sperrholzboot; danach auf einem immerhin 7,30 langen Kajütboot – und nicht schon wieder von den Kanaren aus in die Karibik wollte, hatte er sich für diesen Törn für eine andere Route entschieden: Von Deutschland an Schottland vorbei über Island und Grönland die Nordroute nach Nordamerika. Mit dabei seine Frau Angelika. Die war noch nie zuvor gesegelt. Was tats.

Bis Island lief alles gut. Es war August 1983. Deutschland erlebte einen Jahrhundertsommer, aber vor der Südspitze Grönlands geraten Rollo und Angelika in einen Sturm. Die Wellen müssen gigantisch gewesen sein, schreibt Gebhard. Mitten in der Nacht, kurz nachdem Gebhard draußen an Deck war, erwischt ein Brecher das Boot breitseits. Die SOLVEIG kentert, Wasser dringt ins Schiff, Elektronik, Heizung und was nicht niet und nagelfest war, ist hinüber. Auch die Windmessanlage, die Antennen für die Navigation und Funk. Der Motor macht nicht mehr.
Doch die beiden Masten überstehen wie durch ein Wunder die Kenterung. Die nächsten Tage, mit nassen Klamotten in den nassen Polstern, werden zur harten Prüfung:

„Da treiben wir nun mit unserer Habe
durch die trostlose Einsamkeit des Meeres.
Bei Sturm und ungeheurem Seegang.
Es geht mir wie früher als Kind. 
Wenn ich mich nachts fürchtete
und mir die Bettdecke übers Gesicht zog“.
Rollo Gebhard, in: Leinen los. Wir segeln um die Welt.

Es dauert, bis der Sturm nachlässt. Und die beiden mehr als zwei Wochen später ohne die Möglichkeit einer Heizung mit nassen Klamotten ausharren. Und weitermachen.

„Mit knapper Not und unter Aufbietung letzter Kräfte 
gelang es uns, nach 16 eisigen Nächten und Tagen 
die Küste Neufundlands zu erreichen.
Dieses Ereignis ist bis heute ein unvergessener Einschnitt 
in meinem und vor allem in Angelikas Leben geblieben.“
Rollo Gebhard, in: Leinen los. Wir segeln um die Welt.
Nach einer Erholungspause in St. Johns und umfangreichen Reparaturen setzen sie ihre Reise nach Süden fort. Aber damit ist Rollo Gebhards Bericht noch nicht zu Ende. Diese Reise auf SOLVEIG IV
sollte noch einiges in Gang setzen.
Jetzt sitze ich hier in diesem Salon. Es ist eine kalte Nacht Ende Oktober. Halloween. Das Schiff schwankt, wahrscheinlich ist gerade wieder ein Frachter an uns vorbei. Im Abfluß der Küche gurgelt das Wasser im Takt unseres Schwingens. Ich werde an die beiden denken, heute, beim Einschlafen in der achteren Koje.
Rollo und Angelika Gebhards 
immer noch spannenden Reisebericht 
über ihren weiteren Weg um beide Amerikas 
bis zu den Gletschern Alaskas
können Sie lesen in:
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Der Bericht der Kenterung ist
eine von mehr als 30 Sturmgeschichten
im soeben erschienenen Band: 

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Special Thanks to Edgar Schrader!!

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Die 19. Neuerscheinung bei millemari.: STURM. Jetzt NEU zur HANSEBOOT 2017.

Meine Frau sagt: Dies Buch zu Lesen war für sie der blanke Horror. Das Buch kam Freitag Abend aus der Druckerei. Katrin sagt, es würde in ihr all die schlimmen Ereignisse dieses Segelsommers wieder aufwühlen. Wie unser Motor irgendwo zwischen Korcula und Lastovo kurz nach dem Ablegen würgend stockte. Und nicht wieder ansprang. Wie ich ihn trotz mehrfachem Zerlegen der Leitung nicht wieder anbekam. Wie wir bei 30 Knoten vor dem Hafen von Korcula Stadt ein unmögliches Ankermanöver ohne Motor fahren mussten. Dieselpest. Es hätte schlimm enden können.
Merkwürdigerweise hat jeder, der öfter segelt, solche oder ähnliche Geschichte erlebt. Wer segelt, hat sich damit abgefunden. Slippende Anker, stotternde Motoren, klemmende Genuas – und alles genau dann, wenn man es halt gerade gar nicht brauchen kann, wenn der Wind gerade auffrischt. Meist erzählt man sich diese Geschichten unter Freunden, nach dem Törn – der Hauch des überstandenen Abenteuers umweht noch das Erzählte. Man wirft locker mit dem „Siebener“ um sich. Und nur zu leicht vergisst man: Wie man sich allein oder zu zweit in dieser Situation fühlte. Und dass man einfach nur großes Glück hatte.
Vielleicht haben wir uns auch daran gewöhnt, dass Segeln nichts anderes ist, als ständig mit irgendwelchen Widrigkeiten fertig zu werden. Wünschen tut sich die Widrigkeiten keiner. Aber sie gehören dazu, zum auf dem Wasser unterwegs sein.
Als wir von millemari. vor zwei Jahren in den Internet-Foren Segler dazu aufriefen, uns doch die Geschichte ihres Sturms zu erzählen, flossen die Einsendungen erst zögerlich. Kaum jemand, der in der Nordsee, in der Ostsee, im Mittelmeer tatsächlich die acht, die neun Beaufort am eigenen Leib erlebt hat. Wir wollten ein Buch machen von normalen Seglern. Für normale Segler. Nichts aus den Roaring Forties, nichts vom VOLVO OCEAN RACE, von Ausnahmeseglern, die für genial inszeniertes Life-Spektakel bezahlt werden. Wir wollten Geschichten vom IJsselmeer, von der Deutschen Bucht oder Skagerrak oder Kroatien. Nach und nach kamen die Geschichten. Genau aus diesen Revieren. Wir lernten, dass man tatsächlich nicht weit fahren muss, um von 40 Knoten trotz gutem Wetterbericht überrascht und eingeholt zu werden. Und fernab aller bewundernden Zuschauer unbeobachtet einen stillen Kampf zu führen. Und dramatische Augenblicke zu durchleben.
Nicht jede unserer Geschichten geht gut aus. Nicht jeder hatte einfach großes Glück. Davon berichten nur allzu oft die Segelzeitschriften, davon erzählt auch unser Coverfoto, zu dem Sie die zugehörige Geschichte im Buch finden.
Unsere Absicht war es, ein Buch zu machen, das zeigt, wie Männer und Frauen in extremen Situationen reagieren. Namhafte Weltumsegler sind darunter wie Mareike Guhr, Rollo Gebhard oder Bobby Schenk. Berufskipper auf dem x.ten Überführungstörn. Profis und Eigner und Charterer. Doch allen 41 Geschichten gemeinsam ist, dass sie harmlos beginnen.
Meine Frau hat das Buch erst heute Nachmittag wieder weggelegt. Wir diskutieren darüber, was Segeln ist.
Wir wünschen Ihnen wenig Horror und viel Spaß beim Lesen. Mit dem 19. millemari.-Buch.
Ihr 
Thomas Käsbohrer
PS: In den nächsten Tagen berichten wir live von der HANSEBOOT in Hamburg. Wir nächtigen in Hamburg auf einem der Schiffe, auf denen eine der spannendsten Geschichten unseres Buches spielt. Lassen Sie sich überraschen…
                                      
41 Geschichten aus fünf Ozeanen von
Bodo Müller
Mareike Guhr
Rollo Gebhard
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Sizilische Geschichten (3): Der Baum, der nie altert. Oder: Wie die Olive in die Flasche kommt.

Sciacca ist eine 40.000-Einwohner-Stadt, wie es so manche an der Südküste Siziliens gibt.
Man lebt überwiegend von Landwirtschaft und Fischfang, isst hervorragend und lässt den lieben Gott einen netten Mann sein. Weil ich mit Levje hier überwintere, drum berichte ich lose über diesen Ort und seine Menschen. 

Es ist Ende Oktober in Sciacca. Neben dem Fischfang lebt das Städtchen  vor allem vom Anbau von Oliven. Und jetzt, Ende Oktober, ist Oliven-Ernte in Sciacca.

Weil mich die Neugier treibt, wie das so ist mit der Olive, drum nehmen Giuseppe und Silvana mich in ihrem kleinen Fiat mit auf eine Reise durch die Olivenhaine Sciaccas. Die beiden arbeiten für die lokale Agrarbehörde von Sciacca, die die Landwirte in allen Fragen des Anbaus

und des Tier- und Pflanzenschutzes berät – vom Granatapfel bis zur Honigbiene, von der Bodenprobe bis zum biologischen Pflanzenschutz. Erst im Lauf dieses Tages begreife ich, dass die beiden da nicht nur einen „Job“ erledigen, sondern dass Giuseppes und Silvanas ganze Leidenschaft „ihren“ Pflanzen und Tieren gilt.

Giuseppe ist der Spezialist für die Olive. „Schau“, sagt er, „erst wenn die Oliven dieser Sorte alle dunkel sind, sind sie reif und es ist Zeit für die Ernte.“ Er hält mir eine Hand voll Oliven hin. Es reicht ihm nicht, dass er sich seit bald zwei Jahrzehnten mit Oliven beschäftigt. Er bewirtschaftet auch in seiner Freizeit einen eigenen Olivenhain mit etwa 160 Bäumen. Sie sind allesamt noch jung, und er hat sie selber gepflanzt. „War nicht einfach. Man braucht Geduld. Olivenbäume benötigen 5 Jahre, bis sie zum ersten Mal tragen – fast so lange wie ein Mensch braucht, um seine Schulreife zu erlangen“, sagt Giuseppe. Es wird nicht das erste Mal sein, wo ich über die Oliven erstaunt bin.

Die Ernte ist eine aufwändige Arbeit, Baum für Baum. Erst werden unter jedem Baum Netze ausgebreitet; dann wird mit einer Art vibrierendem Rechen Zweig für Zweig gerüttelt und geschüttelt, bis alle Früchte auf dem Netz liegen. „Um meine 160 Bäume abzuernten, werden 4 Leute für 3 Tage beschäftigt sein. Da ist viel Handarbeit im Spiel, die sich eigentlich für einen profitablen Anbau nicht lohnt. Die Preise für den Produzenten der Olive sind am Markt ausgesprochen gering“, erzählt Giuseppe, während wir durch den Olivenhain wandern.

Immer wieder kommen wir an besonderen Exemplaren vorbei. An solchen mit hohlen Stämmen, die dastehen wie ein Mensch. An anderen, die gedreht sind wie Korkenzieher – doch alle in Linksdrehung.

„Wenn Olivenstämme sich so drehen, ist das ein Zeichen, dass sie zu wenig Wasser bekamen. Der Olivenbaum verändert durch die Drehung des Stammes sein Wachstum – und kommt dadurch mit weniger Wasser aus.“ Giuseppe streicht mit der Hand durch das Geäst eines jungen Baumes.

„Das Faszinierende an Oliven ist, dass die verschiedenen Sorten auch verschieden geschlechtlich sind. Zum Beispiel die Biancolilla, die ich auf meinem Grundstück anbaue. Von ihr gibt es männliche und weibliche Pflanzen. Ich bevorzuge sie, denn ihr Geschmack ist leichter, und die Pflanze selber ist beständiger gegen heißen Wind, der den Pflanzen zusetzt. Die Cerasuola hingegen ist nur weiblich – ihr Geschmack ist weit intensiver, bitterer“. Das gibt mir zu denken.

Und weil ich eigentlich noch nie so recht verstanden habe, was denn nun eigentlich von der Olive genau für das Öl verantwortlich ist, frage ich Giuseppe. Der zerquetscht einfach eine reife Frucht zwischen den Fingern. „Eine Olive besteht zu 50% aus Wasser und zwischen 18%-25% aus Öl. Der

Rest sind Proteine, Zucker, Zellulose. Wenn ich das Fruchtfleisch jetzt zwischen meinen Fingern presse, dann erhalte ich dieses Wasser-Öl-Gemisch, um das es uns eigentlich geht. Ich brauche etwa 10 Kilogramm Oliven, um etwa 1,5 Kilo Olivenöl kalt herauszupressen. Aber das zeige ich Dir morgen in der Ölmühle, wie wir das machen.“

Irgendwo oberhalb von Sciacca, in den Hügeln, die sich entlang Siziliens Südküste erstrecken, folgt Giuseppe einem Schild. Bis er plötzlich inmitten der Olivenhaine auf freiem Feld steht – vor einem Baum, der ihn ums 10fache überragt. „Das ist der älteste Olivenbaum hier in Sciacca. Er heißt Oleastro d’Inveges und hier bei uns ist er eine Berühmtheit. Man findet ihn sogar in GOOGLE MAPS, wenn man ‚Oleastro d’Inveges, Sciacca‘ eingibt. Er ist vermutlich über 1.000 Jahre alt und wuchs  in den Jahren, in denen die Normannen aus Nordfrankreich nach Sizilien kamen, um die Araber auf der Insel zu unterwerfen.“
Der Stamm des Olivenbaumes ist riesig. Giuseppe und Giovanna schaffen es nicht annähernd, ihn zu umfassen.

Als wir unter der Krone des Baumriesen stehen, hat Giuseppe für mich das verblüffendste Detail über die Olivenbäume für mich parat: „Alle Pflanzen sterben, wie wir Menschen. Die Olive aber nicht. Wenn man sie lässt wie den Oleastro d’Inveges hier, dann werden sie 1.000 Jahre alt. Und mehr. Einer der Gründe dafür ist, dass sie zwar von innen absterben, dass sie aber nach außen weiterwachsen. Es gibt Olivenbäume, deren Stämme innen hohl sind. Doch das macht nichts, weil sich der Baum nach außen hin verjüngt. Ein Olivenbaum ist immer jung – so alt er auch scheinen

mag. Und weil er jung ist, trägt er auch nach 1.000 Jahren noch Früchte. Sie sind kleiner als die Oliven, die wir ernten. Aber dafür machen wir aus den Früchten dieses 1.000jährigen Baumes auch etwas Besonderes: Heiliges Öl – ein Öl, das nur in der Kirche zu rituellen Zwecken verwendet wird.“

Und wie nun wirklich die Olive in die Flasche kommt? Das werden Giuseppe und Silvana mir morgen erklären, in der Ölmühle. Ich werde in meinem nächsten Post darüber schreiben.

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Sizilische Geschichten (2): Die größte Segelyacht der Welt. Oder: Von Schönheit und Häßlichkeit.

Sciacca ist eine 40.000-Einwohner-Stadt, wie es so manche an der Südküste Siziliens gibt.
Man lebt überwiegend von Landwirtschaft und Fischfang, isst hervorragend und lässt den lieben Gott einen netten Mann sein. Weil ich mit Levje hier überwintere, drum berichte ich lose in den Sizilischen Geschichten über diesen Ort und seine Menschen. Denn Sciacca ist überall.
Und dann liegt sie plötzlich an diesem Morgen vor der Stadt: Die „A“, so heißt sie. Die größte Segelyacht der Welt. Als hätte sie irgendein Sonnensturm von einem anderen Planeten vor den Hafen von Sciacca geweht. Um sie zu beschreiben, lässt man am besten die Erotik der nackten Zahlen wirken: 
Über 140 Meter lang. 
Acht Stockwerke hoch.
Jeder der gekrümmten Masten ist über 90 Meter lang, fast ein Fußballfeld. Und steht frei, ohne Wanten und Stagen.
Platz für 20 Gäste. Um die sich 54 Besatzungsmitglieder kümmern.
Segelfläche der drei Segel? Ob 3.000 Quadratmeter reichen. Wohl kaum. Es sind deutlich mehr als 30 100-Quadratmeter-Wohnungen.
Hab ich was vergessen? Ach ja. Den Kiel aus gekrümmten Glas, durch den man die Welt unter Wasser bestaunen kann.

Wer nun aber denkt, damit wäre alles gesagt, der irrt. Hier beginnen die Diskussionen erst, denn die Männer Sciaccas kommen aus der näheren und weiteren Umgebung zum Hafen, als wäre die TITANIC vor den Mauern ihrer Stadt auferstanden. Die Marineros aus dem Segelclub. Die Werftarbeiter. Fischer. Rentner. Die Carabinieri Sciaccas, die – weil es sich für sie nicht anders geziemt – zum Bestaunen des Wunderwerks nicht wie die anderen die Hafenmole erklimmen, sondern die Smartphones zum Fotografieren einfach aus dem Auto in die Höhe recken.

„Che cosa e?“, fragt Pippo, Student, der mit seiner Freundin auf die Hafenmole geklettert ist. „Was ist das? Ein Kriegsschiff?“
„E la piu brutta barca del mondo“ -„Es ist die hässlichste Yacht der Welt“, knurrt Nino, der auf der Werft den Hubkran fährt und früher Maurer war. Und die anderen von der Werft, die hinter dem Zaun hängen, geben ihm recht. Wie kann man nur mit so viel Geld so etwas hässliches erschaffen.
„Sie ist da, um mich abzuholen“, grinst Angelo lässig.
Nur Carlo sagt erstmal nichts und schaut gebannt auf das Schiff. Er fuhr als Fischer zur See, bevor er als Marinero im CIRCOLO NAUTICO begann. „Ich finde sie schön“, meint er leise. „Einfach nur schön. Sie ist so schön futuristisch. So einzigartig. Nein, ich finde sie schön.“
Man muss das den Männern von Sciacca ja schon lassen: In der Summe repräsentieren sie, was die Welt im allgemeinen so über die „A“ eben denkt. Ein silbrig glänzendes Zäpfchen, so kantig, dass es im Hintern schmerzt. Ein Wunderwerk der Technik. Ein schillerndes Ding, das rätselhaft sein Gleichgewicht zwischen Hässlichkeit und Schönheit auf Messers Schneide balanciert.

Und weil der Faszination nicht genug ist, kommt, kaum dass es ein Uhr schlägt, das Beiboot der „A“ angesaust, rätselhaft wie Raumschiff Orion aus der Fernsehserie der Sechziger, verlockend wie die Sünde. Legt an der Pier an. Und entlässt seine Gäste.

Doch wer gehofft hatte, einen Blick auf den Mann werfen zu können, dem all das gehört und noch viel mehr, der wird enttäuscht. Andrei Igorewitsch Melnichenko, einstiger Physikstudent und heute achtreichster Russe mit geschätzten 13,2 Milliarden US-Dollar, ist nicht dabei, um sich Sciacca anzusehen. Was schade ist.

Leise sirrend schieben die beiden Bowthruster das Beiboot der „A“ einfach weg von der Pier. Es dreht majestätisch, bevor es dann auch gleich aus dem Hafen verschwindet.

Ich sitze am Abend auf Levje. Und sehe sie immer noch vor mir in der Dunkelheit. Die „A“ und ihre drei roten Lichter auf den Mastspitzen. Sie leuchten, als wäre sie wirklich von einem anderen Stern.

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Sizilische Geschichten. Am Strand von Sciacca.

Wieder einmal bin ich froh, ein Boot zu besitzen. Hätte ich kein Boot, dann wäre ich nicht aufgebrochen. Ich wäre jetzt nicht in Sizilien. Nicht in Sciacca. Nicht am Strand.
Hätte ich kein Boot, wäre mein Leben einfacher. Aber vermutlich auch langweiliger. Ich würde nicht – wie in den letzten Tagen daheim – aufwachen mit dem Gedanken: „Was wohl mein Boot macht? Ob noch alles heil ist?“, weil ich es im Hafen von Sciacca an der Transitpier zurückgelassen hatte, ein Ort der vagen Sicherheit, an dem leicht etwas zu Bruch gehen kann. Ich würde nicht hier auf Levje Listen anfertigen jetzt im Herbst, während mein Blick hierhin fällt und dahin, was über den Winter auf dem Boot alles zu reparieren ist. Aber wie gesagt: Ich wäre auch nicht vor ein paar Tagen aufgebrochen, hierher ans Meer. Ich hätte keinen Grund gehabt.
Über den Winter werde ich mein Boot in Sciacca lassen. Ich freue mich darauf. Auch das verdanke ich meinem Boot: Einen Ort näher kennenzulernen, im Winter. Öfter hier zu sein, in diesen Ort einzutauchen, ihn im Winter zu erleben. Sciacca, gesprochen „Scha:kka“, ist ein typisch sizilisches 50.000-Einwohner-Städtchen. Mit einer einstmals mittelalterlichen Altstadt, die sich den Hügel hinaufzieht, und überwiegend vom Fischfang und der Landwirtschaft lebt. 
Der Herbst, der Winter, das habe ich auf diesem Blog schon öfter geschrieben, sind die beste Reisezeit. Der Rummel ist vorbei, auf dem Meer und an den Küsten ist man fast allein, der Strand gehört den wenigen, denen, für die es jetzt gerade keinen schöneren Ort gibt. 
Ich gebe zu, dass ich diesen Sommer fast nur am Meer, aber kaum drin war. In Italien nicht. Und während meiner drei Monate Kroatien auch nicht. Das ist nicht ungewöhnlich. Meine Segellehrer allesamt habe ich nie erlebt, dass sie ins Wasser gehen. Es scheint, dass Menschen, die passioniert auf dem Meer unterwegs sind, das Verlangen verlieren darin zu schwimmen. Mir war das Wasser im Sommer einfach zu warm.
Aber gestern, am Strand, musste ich unbedingt schwimmen. Es hatte Wellen. Es war frisch und prickelnd, als würde man von der Sonne, die noch mit Kraft auf der Haut brennt, ins eiskalte Gesprudel eines Mineralwasser-Glases steigen.
Am Strand war nicht viel los. Zwei italienische Teenager-Pärchen. Ein Herr in Badehose und weißem Bademantel, der durchs Wasser stapfte und gestikulierend sein Handy in der Hand hielt und telefonierte. Ich stellte mir, was der Anlass für lange Telefonate sein könnte. Was könnte einen Mann im Gegensatz zu einer Frau verleiten, stundenlang an diesem Ort im Wasser stehen und gestenreich zu telefonieren. Eine Scheidung? Die Aufarbeitung zweier Jahrzehnte einer Beziehung? Der Ort könnte passen. Jetzt nur kühlen Kopf bewahren. 
Oder: Das samstägliche Telefonat mit seinem Vertriebsteam, das gestern von der Verkaufstour zurückgekehrt ist und am Samstag Nachmittag am Schreibtisch sitzt und Papierkram wie Verkaufsreports erstellt? Das könnte passen, die Gesten des Mannes waren klar, bestechend, während er im Bademantel durch die Wellen schritt. 
Oder ist er jemand, der die Frauen liebt fünf Partnerinnen gleichzeitig hat, die alle nichts von einander wissen? So etwas erfordert neben echten Management-Fähigkeiten auch akrobatische Künste. Fünf Bälle gleichzeitig schwebend in der Luft zu halten. Der sinnliche Ort, den sich der Mann für sein Telefonat an diesem Strand ausgesucht hat, er könnte dazu passen. Doch weil ich denke, dass die Ergebnisse meiner etwaigen Recherche mich nur enttäuschen würden, lasse ich den Herrn im weißen Bademantel weiter telefonieren, während er auf die Felsen im Wasser steigt, und unterbreche ihn lieber nicht.
Eine ältere Dame kommt im Bikini an den Strand, zum Schwimmen. Sie sieht aus, als gehörte das Bad im prickelnden Mineralwasser jeden Tag zu ihrem Leben. Sommer wie Winter. Ich habe eine Schwäche für einen Menschen, der genau wissen, wie sein Tag auszusehen hat, damit es ihm gut geht. Die Dame strahlt jene Autarkie aus, die es für so ein Leben braucht. Sie war, als bräuchte sie nicht wirklich jemanden.
Während ich ihr noch nachsehe, kommen drei Menschen mit nördlichen Gesichtern an den Strand. Urlauber offensichtlich, ein Mann und seine Frau, mit Freundin, vielleicht aus einer der zahllosen Ferienwohnung der Umgebung? Sie tragen Badekleidung, ihr Lauf beschleunigt sich beim Näherkommen, sie rennen voll Freude ins Meer, ich höre Schwizerdütsch und sehe pure Freude. 
Ich wüsste zu gern. Zu gern wüsste ich, was es ist, was in uns diese unbändige Freude auslöst beim Anblick des Meeres. Beim Anblick der Wellen. Beim Anblick des großen Blau gerade um mich

herum. Woher es kommt, dass wir uns einfach nur freuen. Welcher Reflex ist das? Haben wir in der Kindheit zuviel Werbung gesehen, in denen das Meer vorkam? Sind es nur wir Nordlichter? Aber dann wäre das Meer allen Italienern, die von ihm gleich auf drei Seiten umgeben sind, gleichgültig. Doch auch sie strömen – ans Meer.

Und während die Sonne viel zu schnell hinter den Hügeln versinkt und ich zurück zu Levje aufbreche; während der abendliche Himmel über meinem Boot zur riesigen Leinwand wird, angesichts derer mir noch der spannendste Kinofilm lumpig erscheint, denke ich zweierlei. Die Kunst für ein gutes Leben ist es doch, genau zu wissen wo man glücklich ist. Und es irgendwie zu schaffen, jeden Tag etwas zu tun, was unseren Alltag abstreift – wie eine lästige Gummihaut, in die uns jemand gesteckt hat. Dumm nur, dass dieser „jemand“ wir selber sind.
Ich glaub: Ich geh morgen wieder an den Strand.


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Ein Foto. Ein Stich im Herzen. Ein Ziehen in der Brust.

Kennen Sie das? Herbst. Man schaut Fotos des vergangenen Sommers durch. Findet manche gut. Manche schlecht. Freut sich über das eine oder andere, das Erinnerung an den Sommer weckt. An gute Momente. Über gelungene Aufnahmen.

Und plötzlich ist ein Foto dabei, das einen tief berührt. Es muss nicht unbedingt eine gelungene Aufnahme sein. Es gibt bessere Fotos als dieses.

Die meisten Menschen werden beim Blick auf das Foto oben nicht viel empfinden. „Blau halt. Na und?“ Es ist ja auch tatsächlich nichts Besonderes. Die Meeresoberfläche an einem windstillen September-Nachmittag draußen vor der Südküste Siziliens.

Für mich ist das Betrachten dieses Fotos, als würde ein Schlüssel im Schloss gedreht. Und eine Tür aufgehen. Es zieht in der Brust. Ein Stich im Herzen. Hätte ich nicht schon ein ähnliches Bild, das ich so aufgehängt habe, dass mein erster Blick nach dem Aufwachen darauf fällt: Ich würde mir dieses Bild vergrößern.

Das Foto oben, „Le grand Bleu“: Ob es bei Ihnen dasselbe auslöst wie bei mir? Wär‘ ja schön… Aber letztlich ist das gar nicht so wichtig. Wichtig ist daran bloß: Dass es irgendein Foto gibt, irgendwo: Das bei Ihnen dasselbe auslöst wie bei mir das Foto vom großen Blau. Ein Stich im Herzen. Ein Ziehen in der Brust.

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"Spaghetti al Mare". Oder: Vereinsabend. Auf sizilianisch.

Es ist Anfang September. Und Freitag Abend in Sciacca, einem Hafenort im südwestlichen Sizilien wie so manchem, der plötzlich an einer sonst leeren, vergessenen Küste wie aus dem Nichts auftaucht.

Sciacca hat 40.000 Einwohner. Und den Hafen teilt sich Italiens fünftgrößte Fischereiflotte mit zwei Segelclubs. Weil Freitag Abend ist, ist Clubabend. Man trifft sich ein paar Kilometer oberhalb Sciaccas, zwischen staubigen Feldern im ARCOBALENO, der Trattoria von Maurizio, in die sich weder TRIPADVISOR noch Tagesreisende je verirren. Stattdessen findet auf der Terrasse gerade Hochzeit statt, immer wieder skandieren 50 Kehlen „Viva, Viva i sposi“, „Hoch die Brautleute“ in die Nacht über Sciacca.

Es geht zunächst bescheiden und beschaulich zu bei den Segelleuten. Zwei Flaschen Bier auf dem Tisch, den acht Kerle sich in ihre schnappsglasgroßen Weingläser füllen, als wäre es der neueste Schrei, TUBORG aus Portweingläsern zu nippen. Nur mir, dem Gast aus dem fernen Deutschland, gestehen sie Weißwein zu, ein Viertel bestelle ich, worauf die Kellnerin, ich weiß gar nicht wie, einen Liter vor mir auf den Tisch knallt. „Macht doch nix“, tätschelt mir Baldo verständnisinnig den Arm, der als „Capo Tavolo“ am Tischende den Vorsitz führt, während er mir randvoll einschenkt.

Es konnte nicht anders kommen. Wo das Schicksal mich doch an diesem Abend am Tisch neben Baldo verschlug. Baldo ist 71. Baldo hat sein Hemd fast bis zum Bauchnabel geöffnet. Dafür setzt Baldo seine Sonnenbrille nicht ab. Wenn Baldo spricht, verstehe ich ihn nicht. Tiefster kehliger Sciacca-Dialekt, von dem bei mir nur gelegentlich ein „…uzutlù“, ein „…ullulu“, ein „che minché“ ankommt. Aus Bardo kommen die Worte nicht, sie kullern, sie kollern, sie gurgeln. Als ich Baldo gestern nach seinem Namen fragte, streifte er wortlos den Ärmel seines Hemdes nach oben und zeigte mir sein Tattoo. Ein Anker, verziert mit dem Wort ‚Baldo‘. Mein rasches Verstehen belohnte Baldo dann auch gleich mit einem Kuss aus fast zahnlosen Mund. Das lernt „Mann“ auf Sizilien: Wer als Mann eines sizilianischen Mannes Freund ist, muss küssen. Nein, nicht auf den Mund, sondern den doppelten Wangenkuss unter Männern. Er ist Ehre, und Auszeichnung. Zumal für mich, das deutsche Greenhorn, das so bereitwillig vor einem Jahr im hiesigen CIRCOLO NAUTICO aufgenommen wurde.

Baldo ist der Zeremonienmeister des Abends. Als Starter hat er einige Teller „Patatine“ bestellt, einfache Pommes Frites, die sich die Männer zum Bier mit den Fingern wie Kartoffelchips in den Mund schieben. Ich habe Hunger. Aber irgendwie nicht auf Pommes Frites. Meine Ungeduld wird belohnt, als die Kellnerin die ersten Teller mit Antipasti vor uns scheppernd auf den Tisch knallt. Eingelegte rohe Scampi aus der Gegend, in Limetten, und unter Öl. Gehäufte Berge von Heuschreckenkrebsen, die auf dem Grill lagen, bis ihr Fleisch zu einem Gedicht von Brühe wurde, das man aus dem Gehäuse schlürft.

Der Hafen von Sciacca mit den beiden Bootsclubs CIRCOLO NAUTICO und LEGA NAVALE.

Baldo tätschelt meinen Arm. Irgendein „… ullullu“-Laut, zu dem er die andere Hand im Halbkreis um den an die Wange gelegten Zeigefinger dreht. Die Geste unter Italienern für „hervorragendes Essen“. Aber auch „Was für eine unsterblich gutaussehende Frau“, wobei ich nicht weiß, was Baldo gerade meint, weil seine Sonnenbrille gerade der Kellnerin folgt, während ich mit allen zehn Fingern mit dem Schlürfen der feinen Heuschreckenkrebs-Brühe beschäftigt bin.

„Mit Dir. Und sonst mit niemand. Willst Du mich heiraten?“ An einer Hauswand in Sciacca.

Italiener haben ganz grundsätzlich eine andere Einstellung zu den Dingen des täglichen Lebens. Zum Auto. Zum Essen. Aber vor allem zum Lärm. Lärm ist für sie Leben. Lärm ist Daseinsbekundung, Zeugnis von erfülltem Leben und Ausdruck von Wohlgefühl, den man im ARCOBALENO gefälligst auch zu äußern hat. Und so umwabert die Trattoria von Maurizio ganz ungeniert ein akustisches Gesamtkunstwerk aus 
  1. Kindern, die lustvoll schreiend um die Tafeln „Fangen“ spielen
  2. einer 60-köpfigen Hochzeitsgesellschaft, die zum 17-mal „Viva i sposi“ über die Tische brüllt. 
  3. Einer Kellnerin, die Teller mit weiteren Antipasti auf die Tische knallt, während 
  4. Baldo seinen Nebenmann, den Club-Vizepräsidenten Carmelo wortreich darüber aufklärt, dass er für mich, den Gast aus Deutschland, extra noch einen Fisch bestellt hätte. Ein Dorädchen. Schön von beiden Seiten gegrillt. Wobei er genießerisch seine rechte Hand hin und her wendet, als ginge es gerade nicht um das beidseitige Grillen eines Fisches, sondern um das, wovon Frauen denken, dass es das einzige sei, was Männer mit ihnen im Sinn hätten. 
Neben mir landen nun: 
„Sarde a Beccafico“, halbierte Sardinen in Bröselteig, knusprig paniert und gerollt. 
Eingelegte Sardinen mit süßen Zwiebeln und feinem Essig. 
Stundenlang in Tomatensud geschmorte und von ihm vollgesogene Auberginen. 
Platten mit in Weinsud gekochten Vongole.
Weitere Teller mit gegrillten Heuschreckenkrebsen.

Doch weil es noch nicht genug ist mit Lärm und Gelage, scheppern aus der Hand der Kellnerin drei Minuten später weitere Teller auf den Tisch: 
Couscous mit Fisch und Rosinen. 
Teller mit Fritto Misto aus Sardinen und Rotbarben. 
„…ullullù“, sagt Baldo, und deutet auf das Fritto Misto. „Die schwammen heute Nachmittag noch im Meer. Ich hab gesehen, dass Maurizios Boot erst um vier reinkam in den Hafen.“ Und weil ich nach vierten Glas Wein ihn plötzlich wortlos verstehe, weiß ich, dass ich ihm jetzt einfach den Teller mit den Vongole reichen soll.


Die sind schlicht und einfach göttlich. Nein, es sind nicht die kleinen verschrumpelten Dinger, die mageren Sommer-Vongole des heißen August. Sondern: Einfach. Fette. Muscheln. Wie im Winter. Der Himmel weiß, wo Maurizio jetzt im Hochsommer die herbekommt. Wie ständig bin ich erstaunt über die Qualität des Essens. Andächtig essen die Männer, kleine Schlucke Bier aus Weingläsern trinkend, während Angelo zu meiner rechten mich mit mahlenden Kiefern aufklärt, das die im CIRCOLO NAUTICO untergekommenen Angler gleich mit drei Sparten vertreten seien: 
Den Anglern, die den Fischen vom Strand aus nachstellen. 
Denen, die vom Strand aus angeln. 
Und denen, die ihre Angel von der Mole aus werfen. 
„…uzutlù“, meint Bardo zu meiner Linken, eine Muschel schlürfend, was Angelo mir übersetzt mit „… und wieder anders macht es Baldo: Der fischt mit Langleinen von seinem Boot aus allein draußen auf dem Meer“.

Die geschmorten Auberginen habe ich unterschätzt, wie immer. Geschmacksexplosion im Mund, der ich mich hingebe, während Baldo der Kellnerin etwas hinterherruft. Es war nichts, was dem Pfarrer gefiele, weil Carmelo, der Vizepräsident, streng den Kopf schüttelt. „Sag doch bitte nicht ‚Amore‘ zur Kellnerin, Baldo. Sondern ‚Signora‘. Wie sich das gehört“ Was Baldo veranlasst, weiter etwas hinter der Kellnerin herzurufen, die vor Baldo nun einen zweiten Teller mit Muscheln auf den Tisch knallt. Was diesen wiederum zu einem Kommentar über das unerschöpfliche Thema „Muscheln & Manneskraft“ veranlaßt, der die Kellnerin erröten läßt. Und die Diskussion über den weiteren kulinarischen Verlauf des Clubabends erst so richtig in Schwung bringt. Auch da ist Baldo in seinem Element: “Also: Es gibt zwei Sorten Primi: Erstens Spaghetti con melanzane e pesce spada, Pasta mit Auberginen und Schwertfisch. Zweitens Spaghetti allo Scoglio, Muschelspaghetti. Und für Thomas hab ich noch einen Fisch bestellt. Ein Dorädchen. Schön von beiden Seiten gegrillt.“ Wieder wedelt Baldos Rechte schwelgend hin und her, als wäre sie nicht hier, sondern ganz woanders.

Zustimmung am Tisch. Zu den Primi jedenfalls. Doch die währt nicht lang. Denn auf dem Tisch landen mit vernehmbaren Knall nacheinander vier große Platten. Zwei mit roter Pasta. Zwei mit weißer Pasta mit unzähligen Muscheln drauf. 

Ungläubiges Stieren auf die riesigen Platten. Gebrüll. „Baldo, sei scompostata“, sagt Angelo und starrt auf die vier Platten. Das Wort hatte ich noch nicht in meinem Wortschatz, beschließe aber, gelegentlich nachzusehen, was es wohl heißen mag. „Er ist verrückt.“ „Wer soll denn das essen?“ „Viel zu viel.“ 

„Ich weiß gar nicht“, ullullut Baldo voller Unschuld hinter seiner Sonnenbrille, während er dick geriebenen Parmesan über der roten Pasta verstreut, „wo wohl die Pasta mit dem Schwertfisch ist? Die hatte ich doch auch bestellt…“ Er blickt sinnend der Kellnerin hinterher, was ihm aber noch nicht ausreichend scheint, denn er jagt röhrend noch ein „Amore“ hinterher, was wiederum Carmelo zu einer vorwurfsvollen Äußerung veranlaßt.

Die Männer machen sich an die Arbeit. Was so aussieht, dass sie ihre Köpfe tief über ihre Teller beugen. Und die Gabel tief in ihren Pranken verschwindet, bis sie nicht mehr Werkzeug, sondern Körperteil ist. „Weißt Du eigentlich, dass Carmello reich geworden ist, weil er Särge gebaut hat, mit seinen Brüdern?“, erzählt Carmelo, während er zum vierten Mal die Gabel mitten in den hausgemachten Spaghetti dreht. Nein, wusste ich nicht. Aber neben mir könnte jetzt gerade Antonio Vivaldi sitzen und es wäre mir schnuppe, weil die Pasta mit den Melanzane und dem Schertfisch so einzigartig ist. 

„Wo bloß die Pasta mit dem Schwertfisch bleibt?“, murmelt Baldo, während Angelo ihm mit vollen Backen seinen Teller vorsetzt, aufsteht, und mit der Gabel vorwurfsvoll unter seine Pasta deutet: „Und was ist das hier, Baldo? Was? Schwertfisch! Der Schwertfisch ist unter den Melanzane! Siehst Du? Siehst Du das, Baldo?“

So richtig überzeugt das Baldo aber immer noch nicht, während er mit vollem Mund kaut und mir stattdessen mit der Hand den Arm tätschelt. „Du musst unbedingt mit Deiner Frau kommen. Dann gehen wir hier zu viert essen, meine Frau und Deine Frau, ja?“ Ich kaue angestrengt, während mir Angelo von den Spaghetti allo Scoglio auflädt. „Und vergiss nicht“, sagt Baldo, „Du kriegst noch einen Fisch. ‚Arrosto‘, schön gegrillt, von beiden Seiten…“, während über dem Hochzeitstisch gerade das 78. „Viva i sposi“ detoniert.

„Un sorbetto. Un sorbetto a limone“, schlägt Angelo vor, während die anderen ächzend ihre Gabeln beiseite legen. „Ein Sorbett aus Limonen, das wäre jetzt das richtige!“ Ich verdrehe die Augen. Wie komme ich aus dieser Nummer jetzt bloß raus? Wo ich doch weiß, dass mich die zwei Kugeln Limetteneis heute Nacht mit Magenschmerzen senkrecht im Bett stehen lassen. Ich lehne ab. Und winde mich geschickt, mit dem Hinweis auf den Fisch raus, schön gegrillt von beiden Seiten, von dem ich hoffe, dass er nie kommen möge. Und alles nur ein schlechter Witz von Baldo sei.

Um das Limetten-Sorbett komme ich herum. Um den Fisch natürlich nicht, plötzlich kommt die Dorade auf dem Tisch angescheppert. Sie ist klein. Sie ist frisch. Sie ist ein Gedicht.


Und während sich der Abend langsam seinem unvermeidlichen Ende entgegen neigt; während auch ich ächzend Messer und Gabel beiseite lege; während Baldo mit Maurizio darüber streitet; ob wir nun zu acht oder neunt um den Tisch herum saßen und Baldo mindestens drei Zähl-Versuche unternimmt, bis als Ergebnis die Zahl „8“ zweifelsfrei feststeht; während Maurizio auf einem Zettel „8 x 17 Euro“ malt und Baldo kollernd und gurgelnd von jedem 17 Euro einsammelt; während sich die anderen langsam zu Maurizio, dem Wirt nach drinnen an den Tresen begeben und wiehernd drumherumstehen; während ich all dies wahrnehme: Kann ich nicht anders, als einfach nur staunen. Über die Männergesellschaft Siziliens. Über den ungeheuren Reichtum der Insel. Auf der alles, was man in die Erde steckt, wächst. Und zu Tomaten. Zu Getreide. Zu Brot und Pasta und Käse und Wein und feinem Aceto und einzigartigem Genuss wird. Ich kann nur staunen über den ungeheuren Reichtum dieses Sizilien, das so ununterbrochen in wirtschaftlichen und politischen Krisen steckt. Und nicht auf die Füße zu kommen scheint. 

Ich beginne zu verstehen, warum kaum ein Sizilianer diese Insel eintauschen möchte gegen irgendetwas anderes. Und die jungen, die es tun und ihr Glück in der Ferne suchen, mit dem Herzen immer hier auf der Insel sein werden.


Weitere Geschichten wie diese finden Sie in:

„Auf der Suche nach einem glücklichen Leben und Entschleunigung
findet Thomas Käsbohrer Sizilien mit all seinen Widersprüchen von liebenswürdig-sinnlicher Genussucht bis unendlicher Verwahrlosung.“

„Wüsste ich all die kleinen Geschichten dieses Landes nicht,
ich könnte glatt glauben, das Leben hier sei einfach und fröhlich wie diese Melodie.“

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