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Meine französischen Freunde

Und wieder bei Peter

Meine Mitsegler sind weg. Auch Michi hat mich heute Morgen verlassen. Da liegen noch drei Kilo Lamm im Kühlschrank. Was damit machen? Für mich ist das zu viel. Viel zu viel. Aber wofür hat man Freunde. Meine Lieblingsfreunde sind französische Segler. Clementine und Quentin gehören dazu. Seit Tagen halten sie mich von der Arbeit ab. Sie haben Hugo und Manu zu Besuch. Die Beiden fahren als Crew mit nach Brest. Das passt. Cle habe ich gestern schon den Gebrauch eines Druckkochtopf erklärt. Heute kommt die praktische Umsetzung. Der MARLIN Klassiker. Green Curry. Heute mal mit Lamm! Ich zeige Cle wie man mit einem Druckkochtop umgeht. Zugegebenermaßen: Cle ist nicht so der Superkoch. Geht schon mit den Basics los: Reis nebenbei aufsetzten. Vielleicht sollte ich statt „Mitsegeln“, „Sail & Cook“ anbieten. Nach einer Stunde haben Manu und Cle alles geschnibbelt was zu schnibbeln ist und ich erkläre ihr die richtige Reihenfolge des Garens, die Gewürze und Zutatan. Cle staunt. Der Druckkochtopf blässt dazu ab. Alles gut. Der Geruch von Lammfleisch zieht durch das Pilothaus wo Hunger aufkommt. Das Abendessen wird ein voller Erfolg. Eine Ikeatasche voll mit Restbeständen von Lebensmittel geht ebenso mit auf die Reise. So muss ich nichts wegschmeißen und kann die MARLIN mit offenem Kühlschrank zurücklassen, wenn ich morgen nach Deutschland durchstarte. Meine französischen Freunde sind so dankbar, dass sie mich auf einen kleinen Schlussdrink einladen. Wohin? Zu Peter. Ach. Ich könnte noch Stunden schreiben, was alles passiert. Leben kann so schön sein.

In Horta angekommen

Gin Tonic at Peters Sport Cafe

Gabi und Ulli haben mit einem lachenden und einem weinenden Auge die MARLIN verlassen. Erfolgreich hat meine Crew das wichtige Hafenbild unter Gabis Regie gemalt, die MARLIN so verlassen, wie sie sie übernommen haben und mich und Michi mit einem tollen Abendessen und diversen Gin’ in Peter’s Sports Bar verlassen. Es war eine tolle Zeit, eine fantastische Atlantiküberquerung. Vielen Dank noch mal öffentlich an meine Crew, ohne die ich die letzten Wochen bestimmt nicht geschafft hätte!

Uns MARLIN liegt sicher im inneren Hafen und wir werden sie morgen für ihren Aufenthalt vorbereiten, denn jetzt hat erst mal mein Arm Priorität. Ich fliege am Mittwoch nach Flensburg und freue mich nach sieben Monaten wieder mal nach Hause zu kommen. Mein Schreibtisch quillt über, jede Menge ist zu tun.

Abflug nach Horta

Einmal ist alles vorbei

Zum Abschied aus Flores müssen wir vor allen Dingen eines: Den Kahn wieder aus dem Hafen bringen. Ohne Querstrahlsteueranlage. Also in die Vorspring eindampfen und rückwärts an dem Cat vorbei, der sich hinter uns in die schmale Hafeneinfahrt gelegt hat. Hafenkino live! Natürlich geht das Manöver schief und die MARLIN steht schräg in der Einfahrt. Prima Sache. Meine Crew steht gespannt auf dem Deck und wartet auf Ansage. Alle anderen Segler sitzen ebenfalls entspannt mit Kaffee in der Hand im Cockpit und denken sich. „Na, wenn das mal klappt. Warum ist der denn mit seinem riesigen Kahn denn überhaupt hier rein gefahren.“ Noch hat keiner einen Fender in der Hand. Vorne zwei Meter, hinten zwei Meter fange ich an die MARLIN mit Radeffekt auf dem Punkt zu drehen. Ruder hart steuerbord. Eine kräftiger Schub voraus. Rückwärts einkuppeln und mit halber Kraft aufstoppen, das Heck zieht mit der rechtdrehenden Schraube nach backbord. Das jetzt gefühlte zwanzig Mal. Dann ist die 180 Grad Wende geschafft. Kein anderes Schiff oder Hafenmauern touchiert. Mit einem langen Hupsignal geht es gelassen aus der Hafen ausfahrt raus um die Ecke. „Take care. Thanks.“, rufe ich dem Cat-Skipper zu. Ob er meine Ironie bemerkt hat?

Vor uns liegen 130 Meilen bis nach Horta. Nachtfahrt. Letzter Schlag für Uli und Gabi. Für die beiden heißt es Abschied nehmen von der MARLIN.

Ausflug über Flores

20160630

The Hobbit Land. Ach wie wunderschön.

2014 sind wir an Flores vorbeigesegelt. „Nathalie, das war ein Fehler. Da musst Du noch mal hin.“ Das Daypic bringt den Eindruck am besten rüber. Fast ganzjährig blühende Begonien am Straßenrand für Stunden über Stunden. Man kommt in ein gewissen Rauschlevel, ohne Drogen zu sich genommen zu haben. Ob das die Ausdünstungen der Begonien sind? Kein Dreck am Straßenrand, alles sieht aus wie aus dem Bilderbuch. Uns treibt es nach Santa Cruz. Ein paar Tomaten, endlich wieder Salat und ein paar andere Sachen, die die Herzen erfreuen. Dann geht es in die Berge, ins Herz Flores. Schnell merken wir, dass man am besten an jedem ausgeschilderten Aussichtspunkt anhält. Die Aussicht ist klar. Wir haben einen perfekten Tag mit blauem Himmel erwischt. Wochenlang lagen die Azoren dieses Jahr unter dichtem Nebel, erfahren wir von TO-Stützpunktleiter Christian, der uns netterweise sein Auto für diesen Ausflug zur Verfügung gestellt hat. Es entstehen aber auch weit mehr Fotos als wir die hier zeigen können. Eine Best off Auswahl kannst du dir hier ansehen.

Nach Besuch der westlichsten Stadt (Dorf) Europas, Faaja Grande, will Ulli unbedingt noch zu den heißen Quellen direkt bei Lajedo. Bis zu einem Einbahnstrassenschild geht es mit dem Auto, dann heißt es Abstieg. Einige hundert Meter geht es durch ein Feld, dann über Steine und wird dann zur Klettertour in schwindeliger Höhe. Natürlich sind wir nicht mit richtigem Schuhwerk ausgerüstet und in Deutschland wäre der Weg als „Verboten“, statt als „Wanderweg“ ausgezeichnet. Statt heißer Badewannen, wie in Chile, finden wir nur ein kleines Rinnsal, kochend heißem, schwefeligen Wassers vor und ein paar ungemütliche Felsen. Wir Männer springen in das 18 Grad kalte Wasser, jauchzen und lachen. Gabi hält sich zurück. Keiner hat an Badesachen gedacht. Das Problem an den steilen Abgängen, ist, dass man sie auch wieder heraufwandern muss. Gut anderthalb Stunden sind wir unterwegs. Fazit: Genial. Das hat sich gelohnt und war die beste Abwechslung nach der langen Zeit auf See.

Am Abend ziehen wir das Abschied Essen vor. Christian zeigt uns das beste Restaurant in der Nähe von Lajes das Flores, das Casa Do Rei. Auch eine gelungene Abwechslung nach Skippers guter Küche, die sich nach drei Wochen und den bekannten Bordbeständen aber auch mal wiederholt. Nichts für ungut. Das Essen war ein Schmaus.

Ich bin vom Feiern der letzten Nacht noch etwas angeschlagen und brauche dringend mal eine menschliche Pause, lege mich eine Stunde in meine Kabine, bevor ich plötzlich noch mal wach werde und Energie bekomme, einen Petit Punch für mich und Michi mixe. Auf der Mole sitzen wir, lassen die Beine und die Seele an der Kaimauer baumeln. Die Straßenlaternen sind wundersam orange und die Vögel, die in Scharen um die Zeit noch nach Hause kommen, deren Namen ich nicht weiß, quaken als wenn sie was zu sagen hätten. „Morgen früh geht es weiter nach Horta.“, runze ich Michi an. „Viel zu kurz. Flores ist so wunderschön. Man sollte einen ganzen Sommer hier verbringen und damit sein Leben um ein Jahr verlängern.“

Atlantiküberquerung beendet

Flores erreicht

Nach 14 Tagen und neun Stunden haben wir nach 1.963 Meilen durchs Wasser, 1.804 Meilen direkter Weg und 16 Wenden „Lajes das Flores“ erreicht. Schnellstes ETMAL war dabei 180 Meilen in 24 Stunden. Nicht schlecht der Specht. Ich bin voll zufrieden. Der Hafen ist winzig, aber wir ergattern mit etwas Glück direkt an der Hafeneinfahrt ein Platz am Schwimmsteg. ENDLICH! Die letzten Meilen ziehen sich dann ja doch immer und wenn man nach so einer langen Zeit auf See den süßriechenden Hafen erreicht, der Wind einschläft, dann dreht der Skipper dann doch den Schlüssel. Der westliche Atlantik liegt hinter uns. Wie zu erwarten mit etwas weniger Wind als es im Mai gewesen wäre, auch mit weniger Starkwind, weniger Systemen. Wir hatten alle Winde zwischen 0 und 40 Knoten, von hinten von raumschots bis zum Bergfest und ab dann ein stabiles Azorenhoch, dass den Azoren endlich den Sommer bringt, uns frischen Gegenwind aus Ost, also auf die Nase. Bis auf Fahrt über Grund unter drei Knoten haben wir fast die gesamte zweite Hälfte über 900 Meilen mit Amwindkursen zwischen 30 und 40 Grad zum AWA 200 Meilen Höhe dabei gemacht und aufgekreuzt. Gut gemacht MARLIN. Danke und großes Lob aber nicht nur ans Schiff, sondern auch an die motivierte Crew, Gabi, Michi und Ulli. Bei Amwindkursen ist das Leben an Bord in vielerlei Hinsicht etwas, bis sehr schräg und nicht unbedingt einfach. 40 Stunden ist am Ende der Motor dann doch gelaufen, bei TWS unter 3 Knoten. Die Schäden am Boot haben sich in Grenzen gehalten. Der Riss am Baum ist ein Konstruktionsfehler und bei der genauen Betrachtung erkenn man auch Materialermüdung an der entsprechenden Stelle, die dann unweigerlich zu dem Riss geführt hat. Gut, dass wir das Problem rechtzeitig erkannt und repariert haben. Eine richtige Reparatur kann natürlich erst in einer Werkstatt erfolgen.

Ein besonderer Zufall ist, dass die Logge der MARLIN genau beim Einlaufen nach Flores 33.333 Meilen anzeigt. Die Drei ist meine Glückszahl. 27.333 Meilen hat die MARLIN unter ihrem neuen Namen nun zurückgelegt. Da ist es vollkommen o.k. Wenn die Segel mal Wellness beim Segelmacher brauchen und die Genuaschoten ausgetauscht werden sollten. Die zweite Reffleine hat ihren Dienst getan. Ansonsten. Keine besondere Schäden.

So. Ich gehe jetzt mal mit meiner Crew an Land und wir trinken ein paar Gläser auf diesen tollen, vollen Erfolg! Prost.

Im Zieleinlauf

Skippers Notes

Der Motor röhrt. Für heute Nacht ist die Windrichtungsänderung von Ost nach Nord angesagt. Erst leicht, dann gut segelbar. Freu mich schon auf den Moment, wenn der Stopp Knopf gedrückt wird. Michi hat heute sein Werk vollbracht und zwei Duschtankschalter, den Hauptbilgenschalter mit Zeitrelay und die Grauwassertank Abpumpelektronik angebracht. Das war mir sehr wichtig. Die elektronischen Schalter von Quick haben beide nur zwei Monate funktioniert. Kann man nix machen. Manchmal fasst man ja ins Klo. Die neue Lösung mit Schwimmer am Reed Kontakt und externes Zeitschaltrelaymodul, sind günstige Standardprodukte ohne Marine Aufkleber. Das passt dann besser. Und eine automatische Bilgenabpumpanlage zu haben lässt mich dann doch ruhiger schlafen. Komisch was?

ESSEN & TRINKEN wird auf der MARLIN ja bekannter weise groß geschrieben. Gemeinsames Frühstück um Neun. Mittags macht sich jeder was selbst und am Abend gibt es ein gemeinsames warmes Abendessen vom Küchen-Chef Der bin ich nun mal und da man mich noch nicht Kiel geholt hat, vermute ich mal, dass ich das gut mache. Meine Crew teile ich gerne zum Schnippseln ein. Im Moment gibt es nur noch Zwiebeln und Knoblauch. Gemüse kommt aus dem Gefrierschrank. Das kenne ich so gar nicht und mache das zum ersten Mal. „Einfach nur auftauen und drei Minuten kochen.“, meinte der Großkundenvertriebler auf den Bermudas. Dabei entsteht allerdings nur gummiartiges Wabbelgemüse ohne Geschmack und auch optisch nicht besonders ansprechend. Mit einer Prise Chili, Knoblauch, Zwiebel, etwas Öl und Kokosnussmilch, alles zum richtigen Zeitpunkt und einer Priese Fischbrühe und Fischsauce kommen wir der Sache dann doch schon näher. Dazu Bandnudeln etwas mit Butter, Sahne aufgemotzt ergibt mit einem je 300 Gramm kurzgebratenem Rindersteak doch ein passables Abendessen. „Passabel? Micha. Das war mal wieder Gourmet. Und das nach 14 Tagen auf See. Der reinste Luxus.“, Michi und die anderen lachen. Da wir motoren, biete ich ausnahmsweise eine Flasche Wein an. Keiner will. „Ne. Lieber wenn wir an Land kommen!“ Ich will auch Land. Ein Königreich für eine Einkaufstasche voller frisches Gemüse. Im Freezer haben wir noch zweimal Lambi, einmal Lammschulter, sechs Tunasteaks, Chorizo für Eintopf. Noch 120 Meilen bis nach Flores. Das sollte reichen. Flores wird unsere Landfallinsel. Sobald es wieder Wind genug gibt, geht es von da aus weiter nach Horta.

Entspannte Viersamkeit

Ich freue mich auf die Azoren

Seit dem Bergfest geht es wirklich schräg zu auf der MARLIN. Wir alle sehen uns nicht ganz so viel. Einer ist immer am Schlafen und holt seine Nachtwache nach. In der Nacht: Einzelwachen. Sechs, Neun und Drei Uhr. Ich bin Springer und darf dafür von sechs Uhr an drei Stunden. Oft stehe ich in der Küche. Schräg macht der Kurs das Leben und eben nicht abends in der Marina und am Ankerplatz, sondern auch nachts schräg, am Wind, in der Koje und auf Toiletten. Die Stimmung ist trotzdem gut. Die Manöver manchmal etwas laut und deutlich, wenn der Wind so laut ist und der Skipper ungeduldig klare Kommandos gibt. Aber man verzeiht mir dann, wenn ich trotz schrägem Leben unter Segeln immer wieder die Schalen mit warmen Essen zaubere. Tja. Bisschen Manipulation muss eben sein. Dafür darf ich nachts immer zur Stelle sein wenn was nicht klappt. Schäden? Kein neuer Bruch. Reparatur am Baum hält. Fisch gefangen? Leider nicht. Kühlschrank leer.

Durch den permanenten Gegenwind gehen alle Zeitpläne in die Hose, sprich, wir haben Verspätung. „Flight CR18, Bermudas – Horta, Delay“, steht an der Tafel des Flughafens Horta. Gut das keine Anschlussflüge geplant sind. So sind alle entspannt. Das ist jetzt höhere Gewalt. Da kann man nichts machen, außer hinnehmen, das Schicksal will es so. Andere Crews legen den Gashebel ihres Gefährts auf den Pult. Wir erst, wenn die Nadel unter drei Knoten fällt. Aber das macht die MARLIN eigentlich immer. Und so werden aus 378 Meilen bis Horta, wahrscheinlich mit Wenden 580 Meilen. Aber ganz ohne Motor? Das sehe ich auch noch nicht.

“Segeln ist Passion!“, versuche ich Gabi das Leben unter Segeln zu erklären. Gabi schaut mich verständnislos an, antwortet mit einem Witz aus ihrer Kölschen Trickkiste. Gut das ich nicht Gabis Gedanken lesen kann. Sie muss bestimmt denken, dass ich eine ganz schöne Meise unter dem Schädel habe. Manchmal denke ich, wir mögen uns, manchmal denke ich: Die findet mich total blöd. Interessant. Das gemeinsame Leben von Ulli, Michi, Gabi und mir findet im Pilot Haus statt. Das ist definitiv der beste Platz der MARLIN. Schatten, Wärme, Schutz vor Wind und Welle gebend, ist es unser aller Lieblingsplatz. Es mag ja Skipper geben, die ihre Mannschaft bei Regen im Cockpit sitzen lassen. Ich gehöre nicht dazu. Bei mir muss keiner frieren und keiner im Regen am Rad stehen. Der Autopilot ist dazu da das Schiff zu steuern, wenn es draußen ungemütlich ist. Dann heißt es: Tür zu! Eine kleine Remote Control-Einheit ändert den Kurs auf Bedarf. Auch auf die Azoren haben wir uns zwischenzeitlich vorbereitet. Die Fehlkonstruktion der Heizungsanlage, die sich 2014 in Flensburg und Spitzbergen herausgestellt hatte, hat Michi, nach meinen Vorgaben gefixt. Und es funktioniert. Jeder Heizkörper kann jetzt einzeln eingestellt werden. Jetzt müssen wir nur noch ein bisschen Winter haben zum ausprobieren. Vielleicht doch Flensburg? Kalt genug ist es da ja.

Man Over Board

Keine Übung oder doch ne Übung?

Ich falle grade aus der Koje, weil die MARLIN gierig anluvt. Böe. Das geht schon die ganze Nacht so. Mal 5 Knoten Wind. Mal 20 Knoten. Für den einen zu wenig Segel, für den anderen zu viel Segel. Im Wechsel alle 20 Minuten. Alle sind genervt. Ich, glaube ich. Am meisten. Dass ich so langsam den Unterschied zwischen Raum und Zeit verliere, merkt man ja am letzten Logbucheintrag. Ich bin jetzt quasi seit Karneval 24/7 als Skipper im Einsatz. Mit zweimal einer Woche Urlaub ohne Gäste an Bord. Reicht jetzt. Ich will ankommen und nicht „Segel Reinraus“ spielen.

“Moin Prinzessin! Alles klar? Du bist ja ordentlich Handruder gegangen. Warum jetzt nicht mehr?“ „Ach diese Böen, die machen einen fertig. Ich weiß gar nicht was ich machen soll. Wollte auch keinen wecken. Also warte ich grade ab, wie der Wind sich entwickelt.“ „Und? Hast Du denn das Licht am Horizont, schräg achtern gesehen?“ „Welches Licht?“ Prinzessin Gabi wird nervös und versucht das Licht zu erspähen, aber die Taschen mit den Landleinen versperren ihr den Blick. „Ach Du meine Güte. Ja. Jetzt sehe ich es. Ne, habe ich nicht gesehen.“ „Ich hol mir mal nen Kaffee.“, und steige den Niedergang runter. Am Navi, mache ich im Vorbeigehen das AIS an und die Software auf dem Bordrechner blinkt rot und gelb! MOB Modus! Häh? Was soll das denn jetzt. Im ersten Moment suche ich den Übeltäter innerhalb meines teams, die vielleicht die MOB Taste gedrückt haben. Aber nix da. Das MOB Signal ist eindeutig im Log.

AIS Log 24.06.2016 22:38:58 MOB -2 0 2,52 NM 235° T 0,30 NM -1h:19m:28s 39° 02,309′ N 040° 26,409′ W

Also vor einer Stunde, keine halbe Meile neben unserem Kurs. Ich sitze etwas fassungslos vor dem Rechner und zwicke mir in den Arm. Traum? Oder Wahrheit? Übermüdung? Wie kommt dieses MOB Zeichen auf den Monitor und in die Logge? Wieso ist es jetzt weg. Soll ich das jetzt ignorieren? Ist ja nicht mehr da. Oder soll ich nachsehen? Ich entscheide: Im Zweifel für den Absaufenden. „Aufstehen. Segel runter!“ Um Panik zu vermeiden wecke ich erst einmal nur und verzichte auf MOB Ruf. „Was’sn los Chef? Holland in Not?“ „Erkläre ich gleich. Erst einmal die Segel runter und Motor an.“ Ich gehe nach unten und denke, dass alls klappt. Aber nix klappt. Minuten später stehen die Segel back und das Team ratlos mit Leinen in der Hand und keiner weiß was zu tun ist. Ich kläre die Sache mit dem Motor und die Segel finden ihren Weg. Dann motoren wir zum MOB. „Wir haben eine MOB Meldung auf der Navi. 2h30 alt. Signal fehlt. AIS Unbekannt. Kann also ein AIS Sender aus einer Rettungsweste sein. Die haben keine MMSI Nummer einprogrammiert. Kann also sein, dass da einer rumtreibt im Wasser.“ Jetzt wird allen klar: Der Alte macht gar keine Übung.

Am MOB angekommen machen wir den Motor aus. Alle Lichter löschen. Allgemeiner Anruf auf VHF16. Kein Licht zu sehen. Nichts zu hören, wie auch. Wir geben 4 Mal einen einminütigen Ton mit dem Horn. Keine Gegenreaktion. Hier ist kein Schwein. „Prinzessin. Du hast doch das Licht auch gesehen. Oder?“ „Na klar. Aber dann war es super schnell einfach weg.“ Ich bin etwas ratlos und schalte das Radar ein. Auch nix zu sehen. Da endlich finde ich die Lichter. Zwei Schiffe in 16 Meilen Entfernung. Radarsignal ganz schwach. „Die fahren mit 13-15 Knoten. Das kommt hin. Das waren die Lichter. Die sind auch schnell wieder weg. Und Du hast nur die weißen Rücklichter und die Mastlichter am Horizont gesehen. Aber wie kommt das MOB Signal ins AIS?“ „Wir brechen ab. Segel wieder hoch und Kurs NE, 40 Grad zum Wind aus 110 Grad. Morgen Mittag machen wir eine Wende. Wir haben unsere Pflicht getan! Vielleicht war das so nen verrückter Computer Nerd auf einem der beiden Schiffe, der sich einen Spaß machen wollte und ein MOB Fake geschickt hat. Technisch, ja nicht besonders aufwendig.“

Also Langeweile, die haben wir nicht.

MARLIN Expeditions

You will feel the drive

“So meine Damen und Herren. Nachdem jeder von Ihnen seinen Platz eingenommen hat, bitten wie sie nun die Rettungswesten vorschriftsmäßig anzulegen und sich an den markierten Punkten im Cockpit einzupicken. In wenigen Minuten geht es los!“ Die junge Dame in dem schick eng anliegenden marlinroten Neoprenanzug und MARLIN Schriftzug auf der linken gut geformten Brust, dreht sich herum und verschwindet im Bauch des Schiffes. Zwei Mitsegler tuscheln und ich verstehe Brocken wie „Sauerstoff. Synthetisches LSD. Trombose. Seekrankheit. THC Geschwindigkeitsrauschblocker.“ Ich habe einzeln eingecheckt und die anderen Mitsegler noch nicht kennengelernt. Kapitän Wnuk hat mir kurz seine Hand gegeben und mir seine goldbestaubten Stiefel gezeigt. „Absolut Rutschfest. Sogar bei 40 Grad Schräglage!“, erklärt er mir stolz und läuft zur Demonstration die Wand hoch und hängt im 90° an der Wand vor mir. „Sehen sie? Absolut Rutschfest! Qualität aus Lichtenstein unserem MARLIN Forschungslabor. Setzten sie sich ruhig. Meine Assistentin Sandy haben sie ja schon kennengelernt. Heiße Spur was? Klopfen Sie ihr ruhig mal aufs Hinterteil. Sie ist ein Roboter der 13S Reihe. Nen bischen aus der Mode gekommen. Aber was besseres, hübscheres gibt es ja immer.“ Captain Wnuk zieht in seinen goldbestaubten Stiefeln von dannen ins Vorschiff, wo er die geheimen Zylanitsegel bunkert, die erst auf offener See angeschlagen werden, damit die Konkurrenz, deren Commander Wüstenhund, das neue Segelmaterial nicht ausspionieren kann.

Sandy lächelt immer, wie die gesamte 13S Serie es tut. „Ein THC Bonbon gefälligst?“ Ich lächele zurück und greife in die trockeneisdampfende Plastikbox. Auf der projizierten Shortcommuncication Videotouchbox escheint Wnuk im Commanderstuhl. Unzählige Instrumente vor sich, drückt er mehrere Knöpfe gleichzeitig. Genua 1,2,3 werden hyraulisch angeschlagen, Fock 3 und Main erscheinen über unseren Köpfen. Etwas altertümlich weiß flattern die Segel im Startkanal um auf den Südatlantik losgelassen zu werden. Start ist auf 44 Grad Süd. Etwa 130 Meilen unterhalb des 994er Tiefs auf Spur 40, das mit 65 Knoten im dritten Viertel Richtung Kapstadt unterwegs ist. Der Puerto Williams Startkanal ist der neuste vom Planet Erde. Ich bin soooooooo glücklich mit dabei sein zu dürfen. „Kling, kling, kling… Micha aufwachen. Deine Wache.“ Bootsjunge Michi steht neben meinem Kopf und rührt das Ikeaglas mit dem frischen Kaffee. „Wie immer. Nur gerührt, nicht geschüttelt.“ „SANDY!“, ist das einzige was spontan meinen Lippen entgleitet. „Ne nicht SANDY. MICHI! Dein Bootsjunge. Deine Wache. Noch 500 Meilen bis Horta. Nimm mal die Hand aus Deinem Schritt und komm ins Pilothaus.“, Michi grinst über beide Ohren. „Der Skipper! So was.“

Wir haben es nicht grade einfach im Moment. Oder eigentlich doch! Mit vierzig Grad am scheinbaren Wind und über sechs Knoten prügeln wir die MARLIN Richtung NE 40°N40°W. Eher wenig Wind ist gegen uns. 40-50 Prozent Mehrwertwind aus 10 Knoten macht die MARLIN und segelt mit 15 Knoten. Hut ab. Läuft einfach. Ich genieße es, wie ich in der Salonbank sanft nach achtern gedrückt werde, wenn der Wind uns sanft, aber konsequent, nach vorne zieht. Die Frage ob wir, wann ankommen, mir eigentlich egal, aber es ist ja mein Job mit den alltagsgestressten Mitseglern irgendwelchen vorzeitig festgelegten Flugterminen hinterherzujagen. „Nicht ich mache den Wind! Ich kann nur ein bisschen vermuten wo er morgen daherkommt. Aber eins ist klar. Wir sind ein Segelschiff und segeln nach dem Wind.“ „Michi, kann ich noch mal in die Koje, vielleicht bekomme ich noch mal Anschluss an meinen Traum.“ „Alles klar Skipper. Grüß Sandy.“

Sashimi satt!

Mastbesteiger alias Hugo Boss

In der Nacht hat der Wind eine Pause gemacht und wir mussten für etwa 2 Stunden motoren. Dann briste es auf und mit nach und nach zunehmendem Wind geht es unter Segeln weiter unserem Ziel entgegen. Richtig mit Schräglage so hart am Wind wie möglich. Auch wir gehen „schräg“ durchs Schiff, können nicht mehr am Salontisch frühstücken, wir essen „auf der Hand“ im Pilothaus, den Kaffeebecher in der einen, das Brot in der anderen Hand. Dazu gibt es den Ausblick auf den schönen großen Atlantik, blauer Himmel mit Schäfchenwolken und Sonne satt. So kann es weitergehen. Es sieht vorerst nach einem ruhigen Segeltag aus, aber auch nur ganz kurz.

Wie gut, dass unser Skipper immer so gut auf uns und das Schiff aufpasst. Nacheinander schickt er uns nach vorn: „Und? Fällt Dir was auf?“ Nicht jedem von uns ist so schnell aufgefallen, dass das Bändsel, welches eine Verlängerung der Refföse des 3. Reffs bildet, sich am Mast verheddert hat und das Herunterlassen des Großsegels verhindert. Lösungsvorschläge werden diskutiert. Aber es gibt nur eine Lösung: „Jemand muss im Bootsmannstuhl nach oben! Das macht Michi, Ulli sichert.“„ Du machst Fotos! Du kannst doch zoomen!“ Damit war ich gemeint. Also: Ein Schiff, dass mit 30% Krängung fährt, ständig über 7 kn Fahrt macht und ein Mast der gefühlt mit einem Radius von 3 Metern ständig hin und her schwankt. Das Bändsel ist in über 10m Höhe. Michi lässt sich ganz routiniert im Bootsmannsstuhl am Mast laufend nach oben ziehen und löst das Bändsel. Und das während der Fahrt. Und mit ordentlich Bewegung am Mast und mit richtig Schräglage! Respekt! Sein Kommentar- wieder an Deck : „Von dort oben hat man einen tollen Ausblick.“

Von Martin von der First Step kommen gute Nachrichten. Sie haben einen großen Thuna gefangen, 16 – 18 kg Filets ….kaum zu glauben. Das muss auch alles gegessen werden, wenn auch nach und nach aus dem Freezer, aber der ist jetzt sicher voll und die Angel wird dort vorerst eingemottet. Na dann: Guten Appetit! Wir schauen weiterhin sehnsüchtig auf das Ende unserer Angel und am Spätnachmittag des 8. Tages auf See haben auch wir endlich Anglerglück! Ob das wohl mit dem Zünden der Glückslaterne vom Vorabend zu tun hat? Egal. Ganz aufgeregt schauen Ulli und ich wie Michi die Angelleine einholt nicht ohne Kommentare: „Langsam, damit er sich nicht los reist!“ „Halt fest!“ „Das ist ein Yellow Fin Thuna!“ habe ich sofort erkannt. Der Fisch zappelt noch, wird dann schnell ins Jenseits befördert und dann werden fachmännisch die Filets geschnitten, in der Freezer getan, alles geputzt und im Cockpit sieht es wieder so aus, als wär nix gewesen. Mein Wunsch einen Yellow Fin Thuna zu fangen ist in Erfüllung gegangen. Die Crew sitzt dort mit einem leichten Lächeln im Gesicht und freut sich auf die Delikatesse. Die gibt es dann auch. Sashimi satt: 2 Teller fangfrische Filetstückchen, die mit Wasabi-Creme und in Sojasauce getunkt auf der Zunge zergehen. Das gibt es nur auf hoher See!

Das war heute ein ereignisreicher Tag!

Gabi

Bergfest

Die Mitte unserer Nordatlantiküberquerung ist erreicht

Und schlagartig schlägt der Wind um von West aus Ost. Gut, es hat fast einen ganzen Tag gedauert und wir haben drei Motorstunden mehr auf dem Tacho. Aber jetzt läuft die MARLIN wieder wie gewohnt mit lauem Lüftchen, macht aus 6 Knoten True Wind, 11 Knoten Fahrtwind und zieht sich und uns mit 5kn SOG in östliche Richtungen. Kein Anlieger auf Horta, aber die generelle Richtung zischen den täglichen Wenden stimmt. qtVLM spuckt sogar ETA’s raus, die gar nicht so verkehrt sind, aber außer der Crew keiner kennen sollte. Wir segeln bei wenig Welle mit 35 Grad am Fahrtwind. Unter der MARLIN gurgeln das Wasser, der lange Bug hebt und setzt mit einem sanften, satten „Wuschwummbuh“ alle drei Sekunden in die entgegenkommenden Wellen ein. Wunderschönes Segeln. Kann gar nicht schöner sein. Ich will gar nicht ankommen. Von mir aus kann das ruhig ein paar Tage so bleiben. Muss gar nicht mehr Wind sein.

Das Bergfest liegt bei 803 Meilen seit Bermudas. Es ist deutlich angenehmer geworden vom Klima. Der Wind von vorn ist kühl und erfrischend. So habe ich die Azoren in Erinnerung. Demnach haben wir jetzt auch noch 803 Meilen zu segeln.

Mittags gibt es ein Bier, für mich und Gabi alloholfrei. Ulli beruhigt den Skipper und steckt ihm eine cubanische Zigarre in den Mund. Die Stimmung ist festlich. 7 Tage zum Bergfest. Nicht schlecht, der Specht. Ab Nachmittag stellen sich Gabi und ich in die Küche. Gabi verwandelt ein gefühlten Kilo Zucker in einen leckeren Kuchen, zaubert Bratkartoffeln und ich mache den Steakmaster. Das Gemüse kommt jetzt aus der Tüte. Ein bisschen weniger knackig. Und der obligatorische Skipperkrautsalat fehlt natürlich auch nicht. Zur Feier des Tages brechen wir wie gewohnt das „No-Allohol 2 Sail“ Gesetz und auch ich genehmige mir zwei-drei Weinchen. Die MARLIN nickt dazu und segelt einfach mit Gustav, dem Autopilot weiter. So genau, wie Gustav die 35 Grad zum scheinbaren Wind einhalten kann und das über Stunden, ist ja nun eh unglaublich. „Finger weg vom Steuer!“ kommt mir über die Lippen. „Schwung aufnehmen im scheinbaren Wind dauert immer so lange.“ Am Ende des Tages versucht Micha noch einen Heißluftballon starten zu lassen. Leider landet der im Wasser. Hoffentlich bringt das jetzt kein Unglück.

Die fetten Tage sind vorbei

Italienisches Mittelmeerflair mitten auf dem Atlantik

Urlaub in Balkonien, so sieht es doch aus? Oder etwa nicht? Nein, nein, wir sind mitten auf dem Atlantik. Tausende Meilen um uns herum nur Wasser, wir in unserer kleinen Blase in unserer kleinen Welt. Der Kühlschrank ist ganz mittig angebracht und der Kühlschrank ist langsam, aber sicher: LEER. Direkt daneben ist aber der Gefrierschrank und da gibt es immer noch Thunfischsteaks, Rindersteaks, gefrorenes Gemüse und … für die letzten Tage auf See: Lambiiiii! Und wenn die dann auch weg sind, haben wir noch Kürbis und Dosen. Wir werden nicht verhungern. Gabi macht von jedem Gericht das es an Bord gibt ein Foto. Am Ende der Reise machen wir daraus ein flying Gif!

Eigentlich war für heute Bergfest angeplant. Ausgefallen wegen Windmangels. Wir dümpeln die ganzen schönen Etmale ab. Leichtwind aus West, genau von hinten, so um 5-8 Knoten. Das kann die MARLIN gar nicht. Also schiften wir mit einem Wendewinkel von 90 Grad, wie beim Aufkreuzen, Meile für Meile Richtung Peters Sport Cafe. Die Stimmung ist gut. Eigentlich haben wir uns entschieden sogar den Motor zu starten, aber MARLIN segelt immer genau so schnell, dass die Schlüsselgrenze noch nicht erreicht ist. Wir warten auf den Gegenwind, dass kann sie dann wenigstens wieder, mit eigenem Fahrtwind.

Wir nutzen die Zeit für Reparaturen an Bord. Also hauptsächlich Michi. Der installiert heute zum Beispiel endlich die Regelventile im Bauch der MARLIN, die der Skipper schon vor Monaten bestellt hat, damit alle Wärmetauscher einzeln geregelt werden können. Das bei 27 Grad. Falls es denn mal kalt werden sollte ;-) Ne, ganz ehrlich. Die Heizung im Sommer in Stand setzen macht mehr Spaß als im Winter, wenn man sie braucht.

Was kann man sonst noch machen, wenn der Wind ausbleibt? Wäsche waschen. Sieht man. Richtig? Waschmaschine an Bord. Nie wieder ohne. Uns selber haben wir dann auch mal ausgiebig gewaschen. Sogar mit Heißwasser. Es riecht durchweg gut in der MARLIN. Es geht uns gut.