Archiv der Kategorie: Iron Lady

Angekommen auf der Isla Huepan

Freunde

So viele andere Boote gibt es ja hier nicht. Nach unseren neuesten Erhebungen sind es so 25 pro Jahr die wirklich um die Spitze von Südamerika rum gehen auf die andere Seite, davon die meisten im Januar, der Rest im März/April, davon wiederum die Hälfte französische Boote. Die Franzosen sind ja bekanntlich gerne unter sich, wegen der Sprache. Fragt man einen Franzosen freundlich: „Do you speak English or Spanisch?”, so kann man ohne weiteres die Antwort bekommen: „Nein, aber sehr gut Französisch!“ Ausländer ohne Französisch Kenntnisse werden also gemieden, damit man nicht in die Notwendigkeit kommt von der Pariser Weltsprache abzukommen, es sei denn es sind grade mal keine französischen Boote in erreichbarer Nähe. Das ist jetzt kein Ablästern, sondern die Realität. Ich habe wirklich schon darüber nachgedacht ob ich nicht noch mal in die Schule gehen sollte um diese Sprache zu lernen. Ist ja nicht so, dass Französisch keine schöne Sprache ist, sondern einfach dumm sie nicht zu sprechen. Wer sie neben Englisch und dann noch Spanisch spricht ist echt im Vorteil bei einer Weltumsegelung. Hmm. Doch Schule? Das in meinem Alter? Und so haben wir mal ordentlich zugelegt in den letzten 24 Stunden und einen 98 Meilen Schlag gemacht um unsere Freunde von der SY KLEINER BÄR einzuholen, die zwei Wochen vor uns aus Puerto Williams aufgebrochen sind. Heute um 12 Uhr haben wir es geschafft und am Abend sitzen wir im wunderschönen Puerto Juan Yates, auf einer kleinen Landzunge und machen ein großes Feuer, um das speziell lang aufbewahrte eingeschweißte Stück Rinderfilet zu grillen. Nun, die Haltbarkeit des Fleisches war zwar noch nicht überschritten aber grenzwertig, der Rotwein, die Salate, Kartoffeln und Würstchen auf dem Feuer dafür um so besser. Ein vakuumverpacktes Stück Fleisch würden wir auf jeden Fall nicht noch einmal so lange in der eiskalten Bilge aufbewahren. Die Familie, Kleiner Bär, ebenfalls mit zwei Kindern unterwegs, spricht außer ihrer Landessprache, Brasilianisch, im übrigen Englisch, weil sie in Neuseeland leben. Mit dem deutschstämmigen Werner zusammen habe ich damals die BOMIKA vom Beach geholt und im Buddy Sailing haben wir alle das Kap Hoorn gerundet, allesamt sind wir gute Freunde. Schön. Wirklich schön, dass wir noch mal Gas gegeben haben. Der Nachmittag und Abend ist total entspannt, wir sprechen viel über das schlechte Wetter in den Kanälen und die Erlebnisse, die wir hatten. Hoffentlich können wir ein paar Tage zusammen bleiben. Für Morgen ist auf jeden Fall schon der gemeinsame Landgang fünf Meilen weiter geplant. Alles in allem ein letzter schöner Sommertag, denn ab Morgen soll es wieder regnen, der Wind aus Norden kommen und das bestimmt für eine Woche. Wir werden die Insel Chiloe anlaufen, grade mal 30 Meilen entfernt. Dazwischen der Golfo de Corcovado in dem Blauwale ihre Kinder zur Welt bringen und großziehen bevor sie wie wir gemeinsam auf Weltreise gehen. Aufregend ist das. Wir sind gespannt auf Chiloe.

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Nachtfahrt

Und wieder brummt der Johann!

Nachtfahrt mit 1800 Touren über spiegelglattes Wasser konnte die Lady schon immer gut. Kinder und Micha schlafen, ich sitze am Navtisch, Radar, Navigation im Blick und kann in aller Ruhe am Computer sitzen und schreiben. Keiner will was, nur raus muss man zwischendurch um den obligatorischen Rundumblick zu machen, denn nachts ist hier auf diesem Highway in Nord-Süd-Richtung einiges los. Bei Wind wäre hier auch einiges los, der Kanal ist offen, weit und lang und bei starkem Nordwind sicher kein Spaß. Ab Samstag soll es hier wieder wehen, für ein paar Tage, vier sagen die Fischer, das ist immer so, sieben, sagen die Gribfiles, mal sehen, wer recht hat. Eigentlich hätten wir auch gemütlich vor unserem kleinen Dorf liegenbleiben können, doch wir haben eine Verabredung mit einem anderen Boot. Eigentlich mag der Skipper so etwa ja gar nicht, aber bei der Kleiner Bär macht er eine Ausnahme, immerhin sind wir zusammen ums Kap Horn gesegelt. Vor zwei Monaten haben wir uns in Puerto Williams zu gewunken, weil die Neuseeländer zwei Wochen vor uns losgefahren sind, jetzt haben wir sie fast eingeholt. Die letzten hundert Meilen fehlen noch und daher brummt der Johann. Unser letztes Stück vakuumverpacktes Rindfleisch fahren wir nach wie vor für diese spezielle Gelegenheit spazieren, denn mit Neuseeländern, die eigentlich Brasilianer sind, muss man natürlich grillen! Der Abschied fiel trotzdem wieder schwer. Nach einem ausgiebigen Schultag ohne Gewackel stand nachmittags ein letzter Landgang an, diesmal in die andere Richtung, nach Puerto Andrade. Entlang der Küste führt der Weg von Dorf zu Dorf, zwischen blühenden Büschen und bunt bemalten Fischerbooten. Durch die Luft schwirren Kolibris, kann das sein? Zumindest sind es die kleinsten und nervösesten Vögel, die ich je gesehen habe. In Andrade tobt der Bär, zumindest bei allen Bewohnern, die unter zehn sind. Die Gemeinde der Islas Huichas feiern irgendeinen Jahrestag, eine Woche lang. Morgens, mittags und abends gibt es Programm. Morgens kann man kostenlos den Zahn- oder Augenarzt in der Turnhalle der Schule von Puerto Aguirre besuchen, nachmittags gibt es in den Turnhallen der Schulen Kinderschminken, Hüpfburgen und Tanzwettbewerbe und abends spielen regionale Bands auf. Wir besuchen die Kinderattraktion. Der Lärm in der Halle ist ohrenbetäubend, etwa vergleichbar mit dem Lautstärkepegel eines überfüllten Indoorspielplatzes plus vollaufgedrehter Musikanlage. Kinder hüpfen auf Luftkissen und Trampolins. Ein DJ, seine Klamotten weisen ihn als Mitarbeiter der Armada aus, legt abwechselnd chilenische Dance Top Ten Gruselsongs und Folklore auf, die Lehrer, die hier alle weiße Malerkittel über ihren Klamotten tragen müssen, gucken voller Stolz auf ihre tanzenden Schüler, die Eltern applaudieren und Maya und Lena bleibt der Mund offen stehen. Innerhalb weniger Minuten sind die beiden von Menschen, die wir gestern kennengelernt haben, mit Luftballons und Süßigkeiten versorgt und Maya lässt sich einen Schmetterling aufs Gesicht malen. Nach einer halben Stunde reicht es den Damen, zu groß ist der Kontrast zu unseren vorherigen Wochen. Draußen finden wir einen Spielplatz mit Bank in der Sonne als Zufluchtsort für Zivilisationsentwöhnte. Micha steht gerade auf, prima, dann kann ich seinen warmen Platz in der Seekoje einnehmen.

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Entschleunigung

Zivilisation, Glückliche Kühe Steak und Inselwelten

Vierzig Meilen Norden können ganz schön schlauchen. Das Hoch mit blauem Himmel hält an, aber ein Ende ist in Sicht. Am Wochenende kommt auch hier kurz vom Golfo Corcovardo eine Schlechtwetterfront auf uns zu. Fast unglaublich, wenn man seit Tagen nur Leichtwindsegeln und Motoren gewohnt ist. Die Landschaft verändert sich. Die schroffen Felsenwelten der südpatagonischen Kanäle sind nun bewaldet und sanft. Eine Lachsfarm nach der anderen reiht sich wie Perlen einer Kette aneinander. Uns treibt es nach Norden. Wir sind schnell, denn die Flut am Morgen schiebt uns sanft mit sich. Sobald wir die Segel setzen schläft der Wind wieder ein. Rollen wir die Segel weg, setzt wieder eine leichte Briese aus Südost. So geht es den ganzen Tag. Segel rein, Segel raus. Insel für Insel schaffen wir, Nathalie mit den Kindern in den Lehrbüchern. Kurz vorm Tagesziel, dem Puerto Aguirre gehen uns mal wieder die Karten aus. Unzählige kleine Insel ohne Tiefenangaben dazwischen lassen mich im Cockpit zweifeln. „Nathalie ich weiß nicht wie ich am besten fahren sollen.“ Sie kann mir auch nicht helfen. Es sind keine Untiefen angegeben. Fünf Meilen vorm Ziel geht es durch einen kleinen Pass. Zehn Meter, fünf Meter, vier Meter, Kelb, zwei Meter, der Grund ist sichtbar, die Strömung schiebt uns auf die Untiefe! „Vollgas zurück!“ „Fuck!” Ein Fischer steht wild gestikulierend am Ufer. „Otro lado, otro lado! (Andere Seite, andere Seite!)” Ausgerechnet jetzt muss das passieren. Es ist Flut. Wenn wir hier von der Strömung auf die Untiefe gedrückt werden, kommen wir so schnell nicht mehr weg. Die Karte sagt acht Meter, die Wahrheit ist zwei Meter und weniger. Maya und Lena schreien hysterisch. Wir schaffen es mal wieder, die Kurve zu kratzen und auf der anderen Seite geht es durch den Pass. Bei Hochwasser. Bei Niedrigwasser wäre das nicht gegangen. Mit mehr Glück als Verstand und vor allen Dingen mit dem siebten Sinn aus zigtausend Meilen drückt die Strömung die LADY auf der anderen Seite des Passes durch zwei Meter tiefes Wasser und einem Kelbwald auf die andere Seite ins Tiefwasser. „Fünf Meter, sechs Meter…!“ Alle entspannen sich wieder. In der kleinen Carleta Estero Copa finden wir unseren Platz für die Nacht. Der Anker packt, aber rein aus Gewohnheit binden wir das Heck der LADY mit einer Landleine fest. Es lässt sich dann einfach besser schlafen. Wir genießen den sechzig Minuten Fußweg ins „Zentrum“ der 1.200 Selen Metropole Puerto Aguirre. Es gibt hier einen Fleischer! Der entpuppt sich als kleiner Tante Emma Laden in dessen Eingang ein paar Schenkel von glücklichen Kühen abhängen. Kühlhaus braucht hier keiner richtig wirklich. Einfach den Raum mit dem Fleisch nicht heizen und das Kühlhaus ist perfekt. Wir haben in Puerto Natales zu wenig Devisen gebunkert, in Puerto Eden zuviel Geld für Diesel ausgegeben. Nun stehen wir mit 60.000 Pesos dar und müssen einkaufen. Das sind hundert Euro. Hundert Euro, was sind schon hundert Euro? Euros haben wir noch in der Bordkasse, aber keiner will wechseln, noch nicht einmal auf der Post, einen Geldautomat gibt es vielleicht in Quellon, 150 Meilen weiter im Norden auf der Insel Chiloe. Hmm. Nun, unser Diesel sollte reichen, wenn wir uns nicht ganz dumm anstellen und noch ein bisschen Segel setzten können, aber genau wissen wir das erst Morgen, wenn wir die Dieselvorräte gecheckt haben. Für ein paar ordentliche Steaks, ein bisschen Bier, ein bisschen Wein reicht es. Der Abend ist perfekt, der Ankerplatz ruhig und auf dem Rückweg nehmen uns schon die Einheimischen im Auto mit. Es hat sich schon rumgesprochen, dass wir angekommen sind. „Die kleine der beiden Töchter hat aber einen besonderen Durchsetzungswillen!“, bemerkt der Inhaber des kleinen Supermarkts. Ich kratzte mich am Hinterkopf. Wie hat er das nur so schnell rausbekommen, dass klein Lena mal ganz groß rauskommen will?

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Kurs Ost

Kanalirrgarten

Zwei Tage Pause bei strahlendem Sonnenschein haben sehr gut getan, doch auch die Fahrt durch die Kanäle macht bei schönem Wetter mehr Spaß. Zum Wochenende hin könnte es mit Sonne und leichten Winden vorbei sein und bis dahin wollen wir noch ein paar Meilen machen. Anker auf und los. Unzählige Kanäle und Abzweigungen führen von hier in den Golfo Corcovado, da fällt die Wahl schwer. Nach einigem Hin und her entscheiden wir uns für die 35 Seemeilen entfernte Caleta Jaqueline. Bei Sonnenaufgang schiebt uns Johann durch den Kanal und ordentlich Strömung schiebt mit. 8,3 Knoten zeigt das GPS zu Bestzeiten an. Wir sind nicht mehr alleine, immer wieder werden wir von einheimischen Schiffen überholt. Die meisten sind auf dem Weg von oder zu den Salmoneras, den Lachsfarmen, die wir nun in vielen Buchten entdecken. Riesige Gehege, in denen die Lachse springen, mit Sicherheit eng zusammengepfercht in den kleinen Becken. Die Arbeiter der Farmen mögen es nicht, dass wir zu nah heran kommen. Sie erzählen etwas von Kontamination und essen kann man die Lachse derzeit auch nicht, da sie Medikamente bekommen. Nicht sehr vertrauenerweckend und macht nicht gerade Lust auf die Fischtheke im nächsten Hafen. Doch abgesehen von den Salmoneras ist es hier in der Bahia Anna Pink traumhaft schön. Sanfte, bewaldete Hügel, kleine Sandstrände, versteckte Buchten. Im Osten tauchen hinter den Hügeln die ersten schneebedeckten Gipfel auf. Am frühen Nachmittag erreichen wir unsere kleine Caleta, parken in gewohnter Manier rückwärts mit Anker und zwei Heckleinen in einem kleinen Einschnitt ein. Wieder einmal ein perfekt geschützter Ankerplatz. Am Wasserfall füllen wir die Wasserkanister zum Duschen auf, die Kuchenbude zur Herstellung eines annehmbaren Duschklimas fällt bei diesem Wetter aus. 16 Grad wird es derzeit tagsüber, wir fühlen uns fast wie im Hochsommer. Wieder ein Strand zum Buddeln, zum Budenbauen und Stöcke schnitzen, Micha versucht die Fische aus der Bucht in die Pfanne zu holen, doch die wollen nicht. Macht nichts. Unser nächstes Ziel heißt Puerto Aguirre, ein Dorf mit 1200 Einwohnern. Eine Metropole quasi, für unsere Verhältnisse, es soll sogar einen Metzger geben. Ostwind soll es auch geben, nicht im Dorf, sondern auf dem Weg dorthin. Das fehlt noch zu unserem Glück, ein Segeltag mit Sonne und ohne Wellen.

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