Archiv der Kategorie: Iron Lady

Wachwechsel

Und auf die Nase 04:52 “Alles o.k.?“ Nathalie schreit von unten, reicht mir einen Gurt an, wahrend dessen ich durchs Cockpit geschleudert werde. Natürlich sage ich: „Alles klar. Kein Problem. Nur nen paar Overfalls.“ Das sind meine Erinnerungen an die Ausfahrt aus Buen Suceso. Wellen so hoch wie die Saling der LADY und steil das einem die Knie wackelig werden. Kann die LADY das? Ja, kann sie. Mit lautem Platsch fällt sie ins nächste Wellental. Bei der Ausfahrt aus der Knysna Lagune waren das zwei oder drei Wellen. Heute Morgen im dunkeln waren es lange 20 Minuten wäre nicht die Strömung dagewesen, ich hätte wieder den Schwanz eingezogen und wäre zurückgefahren. Aber das wäre ja noch schlimmer gewesen. „Alles klar Schatz! Kein Problem. Hört bestimmt gleich auf. Pass Du nur schön auf, dass die Kinder nicht aus der Kuschelecke fliegen.“ Reicht wenn ich die Wellen sehe oder auch nicht sehe. Doch das ist schon alles Vergangenheit. Am Bug streiten sich wieder mal sechs Delfine um den besten Platz. Querab das Cao Hall und die Quellwolken der Fallwinde hängen in den Bergspitzen rum und chillen, bereit mir gleich das Leben schwer zu machen, sobald ich es wage die Genua auszurollen und den Motor auszumachen. Der Wind dreht brav auf Nord. Aber in fünf Minuten bläst er vielleicht auch wieder aus mit 25 Knoten aus West auf die Nase. Das ist hier so. Kann ich, Nathalie auch, die Kinder sowieso und uns Lady läßt das kalt. Wie auch anders, die Sonne geht im Osten auf und e s ist 7° im Cockpit. Der erste Griff um dorthin zu kommen ist der Sicherheitskarabiner, der zweite die Hand Fäustlinge von HH. Frau Strömung ist grade mal wieder gekippt und läuft nun mit nach West, für 6 Stunden. Die Bahia Aguirre liegt jetzt querab, aber da halten wir jetzt nicht mehr. Wir haben grade nen anderes Ziel. „Eckkneipe!“, sag ich nur.

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Eine Nacht an Land

Asado und patagonisches Wetter

Die Bucht von Buen Suceso bietet etwas, was hier nur selten vorkommt, einen langen Sandstrand der zum Spazierengehen einlädt, auch der Ankergrund ist Sand und fällt langsam, aber stetig ab. Mit dem immerwährenden Schwell, der in die Bucht steht, entstehen wunderbare brechende Wellen am Strand, die in der Karibik kein Problem wären. In vollen Klamotten und Gummistiefeln trockenen Fußes an Land zu kommen, noch dazu mit zwei Kindern, ist hier aber gar nicht so einfach, in den Tropen wäre einfach einer von uns ins hüfttiefe Wasser gesprungen und hätte die Kids raus gehoben. Am südlichen Ende der Bucht mündet ein kleiner Fluss, ein paar Felsen sind soweit vorgelagert, dass der Schwell deutlich abgeschwächt wird, das könnte gehen. Runde um Runde fahren wir, überlegen hin und her, wie es am geschicktesten anzustellen ist. Denn einmal an Land, ankert sich auch das Dinghi nicht von alleine, 2 Meter Tidenhub bei einem flachen Strand wie diesem, sind eine weite Strecke, wenn wir zu falschen Tide zurückkommen. Maya und Lena verschonen unsere ernsthaften Überlegungen natürlich nicht mit ihren eigenen Kommentaren und fachsimpeln angeregt über die verschiedenen Möglichkeiten. Schließlich kommen wir mit 7 von 8 trockenen Füssen an Land, ankern das Dinghi, sichern den Anker mit einer Landleine und marschieren über den Strand Richtung Militärcamp. Seit zwei Wochen sind wir keine gerade, ebene Strecke mehr gelaufen, die Kinder rennen über den harten Sand und quietschen vor Vergnügen. In der Basis werden wir schon von Gustavo und seinen Kameraden erwartet. Gustavo fliegt Flugzeuge und Helikopter für die argentinische Marine, einmal im Laufe der Karriere muss er aber an irgendeinem verlassenen Außenposten für 45 Tage Dienst tun. „Jeden trifft es einmal“, sagt er. Es hätte schlimmer kommen können, derselbe Ort im Winter zum Beispiel. Das Camp besteht aus ein paar Baracken, zusammengewürfeltem Mobiliar, an den Wänden Schnitzereien einer jeden Truppe, die hier ihre 45 Tage abgesessen hat. Zu tun gibt es nicht viel, ca. 1-6-mal am Tag kommt ein Schiff vorbei und wird über UKW angerufen, ein bisschen Instandhaltung der Baracken und des Geländes, das war‘s. Ein Segelboot bietet da natürlich eine willkommene Abwechslung. In der guten Stube ist es warm und noch wärmer sind die heißen Duschen, die wir ausgiebig genießen, während die Jungs Holz hacken und das Asado vorbereiten. Die Kinder okkupieren mit ihren Malsachen den Tisch, wir quatschen über Gott und die Welt und können sogar über eine unendlich langsame Internetverbindung via Satellit eine lokale Wettervorhersage abfragen. Der Abend wird länger und länger, so ein Asado dauert eben, und immer wieder drängt sich uns im Hintergrund die Frage auf, wie wir heute Nacht wieder zurück an Bord kommen sollen. Um elf steht das Essen auf dem Tisch und dank der argentinischen Fürsorge für ihre Mannen sogar ein bisschen Rotwein im Tetrapack. Maya hält noch 100 Gramm Fleisch durch, Lena schläft mit der Gabel im Mund ein. Pünktlich zum Nachtisch bei Kaffe und Kuchen setzt der Regen ein. „Keine Sorge“ meint Gustavo, „hier regnet es nie länger als ein paar Stunden.“ Ja, das beruhigt ungemein. Der Regen prasselt auf das Barackendach, und wir beschließen, dass wir Damen die Nacht auf dem Sofa hier am Festland verbringen werden. Doch auch Michas Versuch in der stockdusteren Nacht im strömenden Regen bei Hochwasser das vor Anker liegende Dinghi zu erreichen scheitert und wir finden uns zusammen auf der schmalen Couch wieder. Ich träume von verlorenen roten Dinghis und einer Lady, die an den Strand getrieben wird, aber es ist nichts zu machen. „50 Meter Kette bei 6 Meter Wassertiefe und Sandgrund sollte reichen“, murmelt Micha, bevor er in den Schlaf fällt. Um fünf Uhr morgens sind wir beide hellwach, Micha im Nu in seinen Klamotten und am Strand, um das Dinghi zu kontrollieren. Alles ist gut, es liegt trockengefallen bei Ebbe am Strand und wir fallen beruhigt in die zweite Runde Tiefschlaf. Der Morgen in der Militärbasis beginnt sehr geruhsam, wir sind um 9 die ersten, die sich regen, wecken Gustavo und laden ihn ein, mit zu uns an Bord zu kommen. Doch mitterlweile ist, wie nicht anders zu erwarten, schon wieder Hochwasser und das Dinghi wippt fröhlich in seiner kleinen Bucht, ohne nasse Füße unerreichbar. Warten, oder…. Schon entledigt sich Micha seiner langen Hose und watet mit Gustavo durch hüfttiefes Wasser, um das Dinghi zu holen. Dafür gibt es heißen Tee und Frühstück auf der Lady. Gustavo hat eh Sonntag, an Land sind nur seine schlafenden Kumpanen und so verbringen wir einen ganzen Tag zusammen an Bord, erzählen, spielen Uno und Memory mit den Kinder während draußen der Westwind mit 25 Knoten über die Bucht pfeift und weiße Schaumkrönchen im hellen Sonnenlicht produziert. Heute Abend oder morgen früh geht es weiter Richtung Ushuaia. Zwei dicke Gummiräder, um das Dinghi an Land ziehen zu können, stehen definitiv auf der Einkaufsliste, und vielleicht zwei dieser praktischen Stiefel-und-Hose-in-einem-Anglerhosen.

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Le Maire Street

Und Landgang? 17:21 Der Ankerplatz im Norden der Bucht war total rollig und das Anlanden per Dinghy nicht möglich. Ich fahre kurz die Bucht mit dem Dinghy erst mal alleine ab. Immer gut einen Außenborder zu haben der das Dinghy zum Fliegen bringen kann. Im Süden kommt ein Fluss raus, eine kleiner Naturhafen, so weit so gut. Über VHF sprechen wir noch mal mit den Marineros und die bestätigen den besseren Platz. Wie viele wir sind? Ich stelle kurz meine Familie vor. Kurzerhand werden wir zum Abendessen und zum Duschen eingeladen. „Wie bitte? Da sagen wir nicht Nein.“ Vom Argentinischen Militär zum Essen eingeladen zu werden, da sind wir ja jetzt mal gespannt. Grade noch mal verlegt. Nathalie hat schnell nen Kuchen gebacken, weil sonst haben wir nix mehr zum mitbringen.

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Und los

133 Meilen Luftlinie nach Ushuaia

Wer in die Beschreibung der Le Maire Street in den nautischen Unterlangen liest, dem wird schon beim Lesen schlecht. Strömungen bis 8 Knoten, stehende Strömungswellen bis 10 Metern gesichtet. Nun ja, also sind wir denn mal schön vorsichtig und haben brav eine No Wind Vorhersage abgewartet. Ein kleines lokale Tief bringt uns heute Nacht und Morgen ggf. sogar etwas Segelwind aus West, Nord drehend. Hauptsache keine 30 Knoten aus SW. Und so stehen wir an der Startlinie, der Diesel läuft warm, die Kinder kuscheln mit Nathalie und werden hoffentlich gleich die Äuglein schließen. Tide ist um neu Uhr richtig… Ich bin abends an manchen Tagen, so wie heute, reif für die Eckkneipe. „Ein Kristall mit Zitrone!“, dass würde ich jetzt gerne zu Maria, der Kellnerin im Mutz sagen. Dann nicht mehr unterhalten und kein Kindergetöse mehr hören und dumpf, den Fußballspielern auf dem Plasmabildschirm in der Ecke folgend. Aber hier gibt es keine Eckkneipe, hier gibt es kein Fußball und überhaupt gar nichts. Eine Woche in der Einsamkeit war wunderschön, jetzt können wir nach 1.686 Meilen, seit Buenos Aires, die restlichen 133 Meilen angehen, um Ushuaia zu erreichen. Let’s go. Now!

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